Nr. 46/2015 vom 12.11.2015

Der Eskapismus der Beschleuniger

Mit ihren Beschleunigungsfantasien sind die AkzelerationistInnen die philosophischen Liebkinder der Stunde. Ein neues Buch lässt die Schwächen des Ansatzes erkennen.

Von Raul Zelik

Im Kulturbetrieb ist es nicht anders als sonst wo auf dem Markt: Wichtiger als der Inhalt eines Produkts ist seine Vermarktung. Kein Erfolg ohne passendes Label. Beim «Akzelerationismus», der sich als «neuere politische Philosophie» begreift und vom Mainstreamfeuilleton mit einiger Aufmerksamkeit bedacht wird, hat man den Eindruck, es mit so einem Marketinglabel zu tun zu haben. Seine Kernthese lautet, dass wir in Anbetracht der Krise ein neues Zukunftsversprechen benötigen und diese Zukunft nur aus beherzter Affirmation des technischen Fortschritts erwachsen kann. Bei Armen Avanessian (siehe WOZ Nr. 14/2015), dem bekanntesten Repräsentanten des Akzelerationismus im deutschsprachigen Raum, klingt das so: «Gegen das technologische Weiterwursteln im Dienste des Gegebenen setzt das Projekt eines akzelerationistischen (politischen) Denkens ein spekulatives Festhalten am Absoluten als konkrete Politik.»

Die Autoren des «akzelerationistischen Manifests» von 2013, die britischen Wissenschaftler Nick Srnicek und Alex Williams, haben mit «Inventing the Future. Folk Politics and the Left» nun ein Buch veröffentlicht, in dem sie das Vorhaben etwas verständlicher darlegen. Was bei Avanessian als diffuse Generalschelte von Frankfurter Schule, linker Gesellschaftskritik, Universitäten und Neoliberalismus daherkommt, entpuppt sich hier als Wiederkehr eines relativ klassischen – und etwas oberflächlichen – Fortschrittsmarxismus.

Automaten an die Arbeit

Gemäss Srnicek und Williams hat sich die Linke auf sogenannte «folk politics» zurückgezogen: eine Praxis, die das «Kleinteilige, Authentische, Traditionelle und Natürliche» idealisiert und sich auf den symbolischen Widerstand gegen Konzerne und Staaten beschränkt. Als Beispiele für diese Praxis, die Bewegungspolitik und horizontale Organisationsformen mystifiziert, werden Occupy, die spanische 15M-Bewegung oder das «Unsichtbare Komitee» mit seinem raunenden Manifest vom «kommenden Aufstand» herangezogen. Srnicek und Williams propagieren dagegen die Entwicklung einer Strategie, die den Gesamtzusammenhang wieder in den Blick nimmt und auf eine Gegenhegemonie hinarbeitet.

Anhand des Neoliberalismus versuchen sie zu zeigen, wie eine solche Strategie entwickelt werden kann. Friedrich von Hayek und andere Urheber der neoliberalen Doktrin hätten es verstanden, ihr Projekt strategisch in der Gesellschaft zu verankern. Die Ideologie der effizienten Märkte sei mithilfe von Thinktanks und universitärer Lehre zunächst mit grosser Geduld verbreitet worden. In der Krise der siebziger Jahre habe man das Projekt politisch durchgesetzt und schliesslich auch den Staat erobert. Laut Srnicek und Williams war «die Durchsetzung des Neoliberalismus ein alle Bereiche umfassendes Projekt zur Konstruktion einer hegemonialen Weltsicht».

Da ein postkapitalistisches Projekt etwas Ähnliches vollbringen müsste, sei die Schaffung eines neuen utopischen Versprechens zentral. Srnicek und Williams sind der Ansicht, dass die durch Automatisierung mögliche Arbeitszeitverkürzung genau dies sein könnte. Die Linke dürfe also nicht länger auf Abwehrkämpfe zur Verteidigung von Arbeitsplätzen oder die Rückkehr auf handwerklichere, weniger entfremdete Formen der Produktion setzen, sondern müsse die volle Automatisierung und das bedingungslose Grundeinkommen propagieren. Letzteres sei zwar noch nicht antikapitalistisch, aber ermögliche doch eine ausgeglichenere Reichtumsverteilung und einen Bruch mit der bürgerlichen Leistungsethik.

Emphatisch wie ignorant

Die Autoren sind der Ansicht, dass diese Doppelforderung Gewerkschaften, Umweltverbände und Prekarisierte zusammenschweissen könnte. Die Verkürzung der Arbeitszeit würde nicht nur die Lebensqualität erhöhen, sondern auch die Umweltbelastung verringern und das universelle Grundeinkommen das Lebensniveau auch von Erwerbslosen sichern.

An dieser Stelle greifen die Akzelerationisten auf die Populismustheorie Ernesto Laclaus zurück. In Anbetracht der gesellschaftlichen Fragmentierung müssten die Linken ein kollektives politisches Subjekt schaffen. Der Fortschrittsmarxismus wird hier erstaunlich sozialliberal. Als positive Beispiele verweisen Srnicek und Williams auf die brasilianische Regierungspartei PT oder Podemos in Spanien. Die beiden Parteien hätten, so heisst es, überzeugende Konzepte entwickelt, wie heterogene Bewegungen zusammengeführt und Institutionen erobert werden können.

Der Verweis auf die politische Praxis macht das Problem von «Inventing the Future» und wohl auch des Akzelerationismus als Ganzen deutlich: Die Thesen sind nicht völlig falsch, aber leider auch nicht richtig. Man hat den Eindruck, die Autoren richteten sich zwar an die Linke, seien aber nur oberflächlich mit linker Theorie und Praxis in Berührung gekommen.

Natürlich haben die Akzelerationisten recht, dass Slowfood-Bewegung und Platzbesetzungen den Kapitalismus nicht überwinden. Aber wer behauptet das ernsthaft? Selbstverständlich ist die alte These vom emanzipatorischen Potenzial der Automatisierung richtig. Aber richtig ist leider auch der Hinweis von Theodor W. Adorno, dass der Effizienz der industriellen Gesellschaft eine instrumentelle Vernunft zugrunde liegt, die die Entfremdung der Menschen auch in den Arbeitsprozess und in die technischen Abläufe einschreibt. Es stimmt, dass die Linke eine Gegenhegemonie entwickeln und sich diese auch in institutionalisierten Machtbeziehungen niederschlagen muss. Aber gerade die Entwicklung von PT, Syriza und Podemos beweist doch, dass der Weg in Regierungsämter offensichtlich keine Strategie zum Aufbau von Gegenmacht ist.

«Inventing the Future» nimmt Autoren wie Erik Olin Wright oder David Harvey, die einiges geschrieben haben, wie sich Antikapitalismus, lokale Praxis und Reformpolitik verbinden liessen, kaum zur Kenntnis. Emphatisch plädieren die Autoren für das Grundeinkommen, ignorieren aber die schlagkräftigen Gegenargumente aus linksgewerkschaftlicher Sicht. Auch zur Frage, wie verhindert werden könnte, dass die «Akzeleration» als Kriegs- und Kontrolltechnologien die Herrschaftsverhältnisse verfestigt, ist nichts zu lesen.

Am Ende ist es bei den Akzelerationisten gar nicht so anders als bei den – vom Mainstreamfeuilleton ebenfalls hochgeschätzten – Fortschrittskritikern Byung-Chul Han oder Hartmut Rosa: Man spricht mehr über die Erscheinung als über die Ursache. Die neoliberale Lebensweise kann weder durch Entschleunigung noch durch Automatisierung überwunden werden. Es sind weiterhin die sozialen Kämpfe, die Machtverhältnisse aufbrechen. Srnicek und Williams haben recht, dass ein gutes Leben auf dem heutigen Stand der Technik unvergleichbar einfacher zu haben wäre als 1917 in Russland. Doch Akzeleration ist keine überzeugende Antwort. Das Kernproblem bleibt das, worüber im bürgerlichen Feuilleton – aus gutem Grund – ungern gesprochen wird: die Macht- und Eigentumsverhältnisse.

Armen Avanessian (Hrsg.): «#Akzeleration». Merve Verlag. Berlin 2013.

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