Nr. 05/2021 vom 04.02.2021

Verschwörung frei Haus

Die grossen Onlinebuchhandlungen bieten heute offen zum Verkauf, was einst nur in der Schmuddelecke aufzutreiben war: Verschwörungsliteratur – algorithmisch gepusht und im Sonderangebot.

Von Natalia Widla

Stellen Sie sich vor, Sie interessierten sich für Verschwörungen. Zuerst nur so aus gutbürgerlicher Neugier, doch dann fügen sich die Puzzleteilchen langsam ineinander, ein Muster zeichnet sich ab, eine Welterklärung gar: Stecken die Juden hinter allem? Die Echsenmenschen? Die Illuminati? Oder etwa alle drei? Mehr Recherchematerial, das brauchen Sie jetzt. Doch es ist Lockdown. Was tun? Keine Sorge, denn die drei grössten Buchhändler der Schweiz – Ex Libris, Orell Füssli Thalia, Weltbild – sind für Sie da. Was darfs denn sein?

Ein Buch von und für AnhängerInnen der QAnon-Verschwörung, die behauptet, dass «die Eliten» Kinder essen und Donald Trump den Planeten retten muss? Oder gleich mehrere Bücher zum Thema? Bei exlibris.ch gibts alles, darunter auch seriöse Abhandlungen zur Entstehung der antisemitischen QAnon-Bewegung: ungefähr drei der insgesamt über sechzig Bücher im Angebot. Oder hätten Sie lieber Stoff zu George Soros und der «Neuen Weltordnung», etwas zu «den Rothschilds» mit einer fetten Portion Antisemitismus? Orell Füssli schickts Ihnen gratis! Wie wärs etwa mit einem Buch, auf dessen Cover Angela Merkel und Soros neben Stalin posieren?

Im «Blitz Angebot»

Beim der katholischen Kirche nahestehenden Weltbild-Versand bekommen Sie derweil die gesammelten Werke von Leonard Löwe: In rund zwanzig Büchern erklärt er Ihnen alles über die marxistische Verschwörung, über den grossen Austausch der Ethnien, von langer Hand durch die Eliten (also die Juden) geplant, aber auch darüber, warum die Frau dem Mann nicht gleichwertig ist. Sofort bestellen, heute sogar im «Blitz Angebot» zu haben.

Im Windschatten der «vermeindlichen Coronapandemie» (sic!) – oder sagen Sie lieber «Plandemie»? – haben Verschwörungserzählungen Hochkonjunktur. Sobald Sie das Buch «Corona Fehlalarm?» des deutschen Starschwurblers Sucharit Bhakdi kaufen, wird Ihnen bei Ex Libris Bhakdis anderes Werk «Schreckgespenst Infektionen» nicht nur unter «Kunden kauften auch» angeboten, Ihnen wird auch gleich ein unwiderstehliches Angebot gemacht: Kaufen Sie beide im Doppelpack, und sparen Sie ganze 10 Franken 60! Wenn Sie dann noch knapp zwei Franken auf das so Ersparte drauflegen, reicht das grad für «Corona Fakten Check» des Schweizer Bhakdi-Abklatschs Patrick Jetzer, eine weitere Empfehlung.

Das Gute an diesem Algorithmus? Sie müssen weder suchen noch Empfehlungen lesen. Denn sind Sie erst einmal in die Verschwörungs-Filterbubble der drei Versandhäuser eingestiegen, werden Ihnen gleich dutzendfach weitere «passende» Bücher empfohlen.

So geht Radikalisierung

Im Vorfeld des internationalen Holocaustgedenktags am 27. Januar warnte Uno-Generalsekretär António Guterres, dass der Antisemitismus weltweit auf dem Vormarsch sei. Diese Zunahme sei auch auf die Coronapandemie und die damit einhergehenden Verschwörungserzählungen (Stichwort: jüdische Weltverschwörung und Elitendiktatur), Holocaustbanalisierung (die Maske als neuer Judenstern) und Fake News zurückzuführen. Noch nie in den vierzig Jahren, seit diese Daten erhoben werden, wurden weltweit mehr antisemitische Übergriffe verzeichnet als 2020.

Der Präsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes, Ralph Lewin, sagte gegenüber Radio SRF, die Lage hierzulande sei zwar nicht dramatisch, man müsse sie aber im Auge behalten. Und: «Online bewegen wir uns aber seit Jahren auf einem hohen Niveau.» Im Zusammenhang mit der Pandemie haben gerade Verschwörungstheorien und Relativierungen des Holocaust Zulauf.* Mit solchen Erzählungen und deren Distribution lässt sich bestens Geld verdienen. Und die drei grössten Buchhändler der Schweiz mischen ganz vorne mit. Mussten einschlägige Werke früher noch mühselig auf dubiosen Websites zusammengesucht werden, kriegt man sie heute im Sonderangebot, als Sparpaket und mit Umtauschgarantie frei Haus geliefert.

Bereits im letzten Oktober zeigte das Onlinemagazin «Das Lamm» auf, welche rechtsextremen Schriften sich bei Ex Libris und Orell Füssli finden lassen. Die Versandhäuser wiesen damals mit Berufung auf ihre blosse «Verteilfunktion» jegliche Verantwortung von sich. Bei Ex Libris hiess es etwa: Man bediene nur die Nachfrage. Und diese Nachfrage verlangt momentan halt nach jüdischer Weltverschwörung, Fremdenhass und brauner Esoterik. Auch so geht Radikalisierung.

* Korrigendum vom 8. Februar 2021: In der Printversion sowie in der alten Onlineversion steht fälschlicherweise: «Der Präsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes, Ralph Lewin, sagte gegenüber Radio SRF, es gebe auch hierzulande Hinweise, dass der Antisemitismus massiv zunehme: Im Zusammenhang mit der Pandemie hätten gerade Verschwörungstheorien und Relativierungen des Holocaust Zulauf.»

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