Nr. 05/2021 vom 04.02.2021

Hass ist ein Impfstoff

Mit «Nanette» machte sie weltweit Furore, aber das neue Programm von Hannah Gadsby ist noch besser: Stand-up-Comedy wie ein dreistufiger Orgasmus.

Von Florian KellerMail an AutorIn

Wer sagt denn, eine Pointe sei umso lustiger, je überraschender sie uns erwischt? Hannah Gadsby verwirrt mit brillanter Metacomedy. Foto: Ali Goldstein, Netflix

Schon mal vom Douglas-Raum gehört? Es handelt sich dabei, so weiss Wikipedia, um eine «taschenförmige Aussackung des Bauchfells» im Unterleib der Frau. Benannt ist dieser unscheinbare Hohlraum zwischen Gebärmutter und Mastdarm nach seinem Entdecker, dem britischen Mediziner James Douglas (1675–1742). Im neuen Programm der australischen Komikerin Hannah Gadsby schafft es der Douglas-Raum jetzt auf die ganz grosse Bühne – als bestechend absurdes Beispiel dafür, wie der männliche Blick seit jeher noch die verborgensten Winkel des weiblichen Körpers taxiert und kolonisiert hat.

Wie wenig Männer doch tun müssten, damit man sich an sie erinnert, so bemerkt Gadsby halb verblüfft, halb entgeistert über diesen Dr. Douglas und seine Entdeckung: «Er fand ein Nichts – und erhob Anspruch darauf!»

International für Furore sorgte Gadsby im Juni 2018, als sie mit ihrem Soloprogramm «Nanette» bei Netflix landete. Darin reflektierte sie bis zur Schmerzgrenze und darüber hinaus, wie sehr sie ihren Erfolg als Komikerin einer ironischen Abwertung ihrer selbst verdankt. So reproduziere sie letztlich doch die Mechanismen der Ausgrenzung, mit denen sie als lesbische Frau seit jeher zu kämpfen habe. Selbstironie als Waffe derer, die sich nur so verteidigen können? Die lustige Lesbe, die vom Rand her sticheln darf, solange es der Mehrheitsgesellschaft nicht wehtut? Schluss damit, sagte sich Gadsby und kündigte in «Nanette» ihren Pakt mit dem Publikum. Sie machte die erlittene Gewalt schonungslos zum Thema und verkündete wie als Refrain: «Deshalb höre ich auf mit Comedy.»

Regeln in die Luft jagen

Aber von Aufhören kann zum Glück keine Rede sein. «Nanette» war erschütternde Anticomedy, die auf einen traumatischen Abgrund zusteuerte, bis es wirklich nicht mehr lustig war. Jetzt, in ihrem neuen Programm «Douglas», spielt Gadsby sichtlich befreit auf. Und sie überbietet sich selbst, wenn sie mit ihrer rhetorisch brillanten Metacomedy mal eben die gängigen Regeln des Humors in die Luft jagt. Wer sagt denn zum Beispiel, eine Pointe sei umso lustiger, je überraschender sie uns erwischt? Gadsby beweist das Gegenteil. Und zwar, indem sie die ganze erste Viertelstunde damit verbringt, ausführlichst den Ablauf der Show zu schildern: zuerst etwas Beobachtungskomik, dann ein paar Sticheleien gegen das Patriarchat und so weiter. Es ist eigentlich nur ein kommentiertes Inhaltsverzeichnis dessen, was folgt, um die Erwartungen des Publikums so zu steuern, dass alle genau wissen, was auf sie zukommt – aber so fulminant, blitzgescheit und rasend komisch hat man das noch selten gesehen.

Hannah Gadsby spoilert ihre eigene Show so gründlich, dass sie sogar das Gelächter vorwegnimmt. Da macht sie kurz unsere Reaktion vor, sobald wir merken, dass wir gerade über einen Gag gelacht haben, den sie doch am Anfang schon angekündigt hatte. Lachen wie ein dreistufiger Orgasmus, erklärt sie: «Einmal, zweimal, dreimal – eine Frau kann das!» Und den Männern gibt sie einen Rat mit, der sonst gerne benutzt wird, um Angehörige von Minderheiten dazu anzuhalten, mal bitte nicht so empfindlich zu tun, wenn jemand einen Witz auf ihre Kosten macht: «Wenn euch ein Witz beleidigt, denkt daran: Es sind doch nur Witze.» Zurück an den Absender, und Gadsby tut das in einem Ton, als würde sie uns sanft paternalistisch über den Kopf streicheln.

Triggerwarnung für Trolle

Dieser ganze furiose Vorlauf ist aber auch eine epische Triggerwarnung an die Trolle, die Gadsby nach «Nanette» mit Hass eindeckten, lauter Männer natürlich. Was hat man ihr nicht alles vorgeworfen: dass das doch gar keine richtige Comedy sei, sondern Traumabewältigung oder eine feministische Predigt oder sonst etwas, worüber Mann einfach nicht lachen könne. Gadsby, ungemein souverän, tut jetzt das einzig Richtige: Sie kastriert die Trolls, indem sie ihnen recht gibt. Und macht in «Douglas» das, was diese ihr angekreidet hatten, zum Beispiel ab und zu ein feministisches Referat einbauen oder ein Trauma bewältigen – aber mit einem Twist, wie sie versichert: «Diesmal ist es lustig.» Und wie! (Es geht darum, was Autismus mit einem Pinguin in einer Kartonschachtel zu tun hat.)

Und das ist, wie gesagt, erst der Auftakt. Wie sie dann Walter aus den bekannten Wimmelbüchern zum Inbegriff des privilegierten weissen Mannes erklärt, wie sie befremdliche Details auf Gemälden von Peter Paul Rubens und anderen Klassikern ins Visier nimmt und wie sie mit ihren Erläuterungen zum Douglas-Raum den lästigen Smalltalk mit einem Hundehalter zum Eskalieren bringt: Tempo und Timing von Hannah Gadsby sind atemberaubend. Und ihre Physis ebenso, wenn sie in ihrer ohnmächtigen Wut den Reflex eines Kugelfischs nachahmt, der sich bei Gefahr hilflos aufplustert.

Aber der Hass, der ihr aus dem Netz entgegenschlägt, weil sie schlau und lustig und eine lesbische Frau ist? Sie nasche davon, um sich dagegen immun zu machen, sagt sie: «Euer Hass ist mein Impfstoff.» Ihre Körperfülle komme ja nicht von ungefähr, dieser Hass sei ihr Knabberzeug. Also doch: Selbstironie bleibt eine Waffe. Auch für Hannah Gadsby, die schon damit abgeschlossen hatte.

Hannah Gadsbys Soloprogramme «Nanette» (2018) und «Douglas» (2020) gibts bei Netflix.

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