Nr. 06/2021 vom 11.02.2021

Gestorben für die Freiheit

Der lautstarke libanesische Kritiker der Hisbollah, Lokman Slim, ist tot. Der originelle Denker, Publizist und politische Aktivist fiel einem Attentat zum Opfer. Ein Nachruf.

Von Monika Bolliger

Neugierig, leidenschaftlich, unkonventionell: Lokman Slim im Jahr 2012. Foto: Sam Tarling, Getty

Der prominente libanesische Intellektuelle Lokman Slim ist letzte Woche ermordet worden, auf den Tag sechs Monate nach der verheerenden Explosion am Hafen von Beirut. Der 58-jährige Publizist und Filmemacher wurde vergangenen Donnerstag erschossen in seinem Auto aufgefunden. Slim war ein lautstarker Kritiker der schiitischen Miliz Hisbollah.

Der Mord ist ein schwerer Schlag für die zunehmend bedrohte Meinungsfreiheit im krisengebeutelten Libanon, dessen BewohnerInnen bereits ums nackte Überleben kämpfen, weil korrupte Eliten das Land komplett heruntergewirtschaftet haben. Lokman Slims Schwester Rasha al-Amir sagte in einem Fernsehinterview, es sei allen bekannt, wer das Gebiet um Nabatiye im Südlibanon kontrolliere, wo Lokman Slim umgebracht wurde. Sie meinte die Hisbollah-Miliz. «Das Töten ist für sie normal», sagte Amir. «Dieses Land ist voll von Blut, und es hört nie auf.»

Die islamistische Hisbollah positioniert sich als Fürsprecherin der SchiitInnen und verlangt von ihnen Loyalität. Wer abweichende Meinungen vertritt, wird bedroht. Lokman Slim stammte selber aus einer grossen schiitischen Familie und verweigerte sich lautstark dem Narrativ, dass die SchiitInnen als Einheit auftreten müssten. Er war ein leidenschaftlicher Verfechter des Säkularismus und der Meinungsfreiheit und warf der Hisbollah vor, dem Libanon ihren nie endenden Krieg mit Israel aufzuzwingen. Er kritisierte die Miliz für ihre Intervention im syrischen Krieg auf der Seite von Baschar al-Assad und engagierte sich für unabhängige schiitische KandidatInnen bei den libanesischen Parlamentswahlen, um die Hisbollah zu schwächen.

Liebe zur Vielfalt

In letzter Zeit war die Hisbollah in den eigenen Gebieten wegen des wirtschaftlichen Kollapses des Libanon vermehrt unter Druck geraten. Gleichzeitig nahmen Einschüchterungsversuche gegen KritikerInnen zu. Ende 2019 pflasterten Randalierer die Mauern des Grundstücks von Lokman Slim mit Drohungen und Hetzschriften voll.

Lokman Slim war jedoch viel mehr als ein Kritiker der Hisbollah. Zusammen mit seiner Partnerin Monika Borgmann arbeitete er an Projekten zur Aufarbeitung der gewaltsamen Vergangenheit Libanons: Recherchen, Archivarbeit, Ausstellungen, Publikationen und Dokumentarfilme. Mit seiner Schwester hatte er den Verlag Dar al-Jadeed begründet. Er war, Libanese im besten Sinne, zwischen Europa und der arabischen Welt zu Hause, hatte an der Sorbonne in Paris Philosophie studiert und bediente sich der reichen arabischen Sprache mit Leidenschaft und Eloquenz.

Slims Arbeitsbasis war die Villa seiner Familie in der Dahiye von Südbeirut, mitten im Hoheitsgebiet der Hisbollah. Das Haus stand BesucherInnen weit offen, die er und Borgmann gerne im schattigen Garten empfingen und grosszügig bewirteten. Hier hatten die beiden ein Archiv aufgebaut sowie den Hangar, in dem Ausstellungen gezeigt wurden, für die sich Kulturinteressierte aus anderen Stadtteilen in die Dahiye wagten. Wichtiger noch aber war die Idee, dass es dort für die BewohnerInnen der Dahiye selbst ein Stück Beiruter Kulturleben gab, das sonst gemeinhin in den «besseren» Vierteln stattfindet.

Lokman Slim eckte gerne an. Er nahm die ganze Classe politique im Land aufs Korn. Seine unkonventionellen Kommentare, sei es in seinen Texten, auf Podiumsdiskussionen oder in Interviews, zeugten von einem neugierigen Menschen, der die Welt stets mit den Augen eines Forschenden betrachtete, der sich nie mit vorgefertigten Kategorien zufriedengab. Seine spitzen Bemerkungen, oft mit einer guten Portion Ironie versetzt, waren darauf angelegt, sein Gegenüber aus der Reserve zu locken. Seine Freude an Kontroversen schien vor allem ein Ausdruck seiner Liebe zu Vielfalt und Freiheit, für die er sich so kompromiss- und furchtlos einsetzte.

Ein besserer Libanon ist möglich

Slim pflegte Kontakte zu allen möglichen Bevölkerungsschichten, zu einfachen Leuten und zu hochrangigen Funktionären, zu Atheistinnen und Klerikern, zu westlichen Diplomatinnen und Menschenrechtlern. Obwohl er sich im schiitischen Umfeld engagierte, befasste er sich auch leidenschaftlich mit der mehrheitlich sunnitischen Stadt Tripolis im Nordlibanon – und überhaupt mit der ganzen Region und ihrer Geschichte. Selber bezeichnete er sich einmal bescheiden als «amateur of the past», gewissermassen als Hobbyhistoriker.

Wer dem Publizisten zuhörte, spürte dessen tiefe Überzeugung, dass ein besserer Libanon möglich wäre und immer neu gedacht werden müsste. Die Vision eines Libanon, wo die Vielfalt zelebriert statt Konfessionalismus und Angst vor anderen geschürt wird, diese Vision war ein zentrales Motiv in Slims unermüdlicher Arbeit. Seine Schwester Rasha al-Amir sagte es so: «Dieser Mann hat ein ganzes Land auf seinen Schultern getragen.»

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