Bedrohte Archive : Das Gedächtnis eines Landes in der Schwebe

Nr.  46 –

Was bedeuten die Krise und die Nachwirkungen der grossen Explosion, die sich 2020 im Hafen von Beirut ereignet hat, für die Archive des Libanon? In diesem Land voller Spannungen ist ihr Fortbestand nie gesichert, wie die Beispiele des Umam-Archivs und der Arab Image Foundation zeigen.

Die Arab Image Foundation hat sich dem fotografischen Erbe verschrieben und bewahrt in Beirut Negative und Abzüge aus dem ganzen arabischen Raum. Bei der grossen Explosion im Hafen vor einem Jahr wurde das Gebäude schwer getroffen, und die ganze Sammlung musste auf Schäden überprüft werden. Fotos: Christopher Baaklini (2), Mahmoud Merjan

Mahmud Merjan hatte das Archiv der Arab Image Foundation gerade erst betreten, als er die erste Explosion hörte. Instinktiv drehte er sich um, bevor der zweite Knall die Fenster zerbersten liess, die Decken herunterkamen, die Gestelle mit den Sammlungen zu Boden gingen. Weil die Krankenhäuser Beiruts voll waren, musste der Archivmitarbeiter eine Stunde mit dem Taxi in seine Heimatstadt Sidon fahren, um seine Verletzungen behandeln zu lassen.

Über ein Jahr ist es her, seit die Menschen im Libanon dachten, der Zerfall des Landes und die Wirtschaftskrise hätten mit der Explosion vom 4.  August den Tiefpunkt erreicht. Die Zivilgesellschaft musste praktisch ohne staatliche Hilfe die Trümmer wegräumen, das kollektive Trauma sitzt tief. Dass sich die Gesamtlage im Libanon ein Jahr später nochmals massiv verschlechtern würde, hätte sich an jenem Tag wohl niemand vorstellen können. Nun sei die Lage schlimmer als während des fünfzehnjährigen Bürgerkriegs, ist der allgemeine Tenor. Der Sog der Wirtschaftskrise hat in den letzten Monaten ein schwindelerregendes Tempo angenommen: Der Zugang zu Benzin, Strom und Trinkwasser ist auch für die einstige Mittelklasse stark eingeschränkt, die Inflationsrate hat sich vervielfacht. Dass die in der ersten Septemberhälfte gebildete Regierung Besserung bringen könnte, zeichnet sich erst langsam ab.

Notfallszenarien gehören zum Alltag

Kaum zu übersehen ist gerade angesichts der Krise der andere historische Trümmerhaufen, jener des Bürgerkriegs, der 1990 zu Ende ging. Eine schlecht aufgearbeitete Geschichte, die an der heutigen Situation Anteil hat. Öffentliche Archive, die Schlüssel zum Verständnis einer Gesellschaft sein müssten, waren erst vom Krieg und sind nun von der aktuellen Krise stark betroffen.

Archive gibt es nicht wenige. Zu finden sind sie bei den verschiedenen politischen und religiösen Gruppierungen, bei Universitäten, bei Privatpersonen, nicht selten bei ehemaligen Staatsbeamten oder bei NGOs. Zu vielen Sammlungen bekommen Forschende, Journalist:innen oder Studierende ohne «wasta», ohne gute Verbindungen, kaum Zugang. Nicht zuletzt als Reaktion auf das Versagen des Staates bezüglich Archivarbeit wurden vor über zwanzig Jahren Archive wie das Umam Documentation and Research oder die Arab Image Foundation (AIF) gegründet, deren Weiterleben gerade in dieser schwierigen Zeit nicht garantiert ist.

«Es war Zufall, dass nur ein einziger Mitarbeiter im Archiv war. Ein Zufall, wie es an diesem Tag viele gab», erzählt Heba Hage-Felder über den Tag der Explosion. Sie leitet die AIF, eine unabhängige Vereinigung an der Schnittstelle von Kunst, Recherche und Archiv. Die AIF verwaltet und archiviert über 500 000 fotografische Objekte aus der gesamten arabischen Region. Sie wurde vor 24 Jahren von drei Künstlern ins Leben gerufen, die die grosse Lücke im Bereich von Bildarchiven der arabischen Region erkannten und zu sammeln begannen.

Die AIF befindet sich im Stadtteil Gemmaiseh, keine 800 Meter vom Hafen entfernt. Wie viele Kunst- und Kulturinstitutionen, die in diesem Quartier liegen, wurde das Archiv von der Explosion hart getroffen. Es dauerte mehr als drei Tage, das Gebäude mithilfe von Freiwilligen zu sichern, und nochmals zwei Tage, bis man in den klimatisierten Lagerraum gelangte. Noch heute ragen im Büro des Archivs Glassplitter aus fotografischen Werken an den Wänden.

«Wir verwalten ein Archiv, das für die Region und ihre Diaspora sehr kostbar ist. Auch wegen dieser Verantwortung waren wir traumatisiert und sehr besorgt um die gesamte Sammlung», sagt Hage-Felder. Zur grossen Erleichterung war jedoch die gesamte physische Sammlung bis auf drei fotografische Objekte intakt – die Art und Weise, wie die Archivschachteln platziert und mit Sicherheitsbändern befestigt waren, hat die Fotografien gerettet. Notfallszenarien begleiten die tägliche Arbeit in der AIF schon lange. Niemand weiss, wann im Libanon der nächste Krieg losbricht, das nächste Scharmützel in der Strasse stattfindet, ein Feuer im Quartier entflammt, eine Baustelle kollabiert oder irgendwo eingebrochen wird.

«Wir sind wohl eines der wenigen Länder, in denen Notfallpläne erarbeitet und auch wirklich getestet werden», scherzt Hage-Felder. Trotzdem: Mit der Explosion wurde ihr und dem zehnköpfigen Team der AIF die Fragilität der Sammlung nochmals bitterlich bewusst. «Die Sicherung des Archivs gehörte in den Monaten darauf zu unserer obersten Priorität.» Notfallpläne wurden überarbeitet, Strategien für die nächsten fünf Jahre entworfen und unzählige Anträge geschrieben. Alles neben den täglich anstehenden Aufgaben: Bilder für Recherche- oder Kunstprojekte liefern, unbearbeitete Sammlungen erschliessen und die Bestände digitalisieren.

Die Nachhaltigkeit der AIF ist nie gegeben, auch nach 24 Jahren nicht: Unabhängige Archive erhalten keine staatliche Unterstützung, Gelder müssen immer wieder von neuem beantragt werden. Finanzierungshilfen für die AIF kommen aus dem Ausland, unter anderem vom norwegischen Staat und von verschiedenen Stiftungen. Vieles davon ist projektbasiert, nur wenige investieren in den langfristigen Erhalt des Archivs oder in Löhne.

Hinzu kommt ein akuter «Braindrain». Eine der grössten Herausforderungen besteht aktuell darin, die Angestellten mit ihrer spezifischen Expertise im Land zu behalten. Die meisten Mitarbeiter:innen der AIF unterstützen mit ihrem Lohn auch ihre Familien. Neues Personal zu finden, ist schwierig – seit über einem halben Jahr sucht das Archiv eine:n «Creative Technologist». «Wir müssen mit multiplen Krisen umgehen: der ökonomischen, der pandemischen, der politischen. Der kulturelle Raum des Landes erlischt graduell. Er verkleinert sich wegen allem, was rund um uns herum geschieht», sagt Hage-Felder. Die Perspektivlosigkeit veranlasst besonders die jüngere Generation, das Land zu verlassen.

Physisch konkret bedroht ist das Archiv überdies durch einen Mangel an Elektrizität. Seit dem Bürgerkrieg produzieren private Generatoren den Grossteil des Stroms. Und diesen fehlt derzeit das Benzin, weil es von Treibstoffkartellen zurückgehalten wird. Fotografien müssen klimatisch kontrolliert lagern – das An und Aus der Stromversorgung zerstört Aufnahmen, die teilweise über hundert Jahre alt sind. «Man kann messen, wie viele Jahre die Fotografien gerade an Lebensdauer verlieren», sagt Hage-Felder.

Um diesem Problem zu begegnen, hat die AIF als eine der ersten kulturellen Institutionen im Libanon ein Pilotprojekt mit Solarpanels gestartet, die den Kühlungsraum und den Server des Archivs mit Strom versorgen.

In die Schweiz auslagern

Verlässt man die christlichen Stadtteile, um in den südlichen Teil Beiruts zu gelangen, kommt man nachts aus fast kompletter Dunkelheit auf beleuchtete Hauptstrassen. Hinter dem Militärcheckpoint beginnt das von der Hisbollah kontrollierte Gebiet, die Dahije. Dort scheint man auch derzeit kein Problem mit fehlendem Diesel für Strom zu haben.

Mitten in der Dahije residiert Umam, ein unabhängiges Recherchezentrum und Archiv, das Lokman Slim und seine Partnerin, die deutsche Journalistin und Filmemacherin Monika Borgmann, vor zwanzig Jahren in der Familienvilla von Slim aufzubauen begannen. Eine lauschige grüne Insel mitten im konservativsten Teil der Stadt.

Slim, ein weit über die Grenzen des Libanon bekannter schiitischer Intellektueller und Hisbollahkritiker, wurde im Februar 2021 ermordet (siehe WOZ Nr. 6/2021 ). Die Ermittlungen sind hängig, auch wenn für die Familie und seine Witwe eindeutig ist, wer den Mord zu verantworten hat: In den Monaten zuvor waren Morddrohungen von der Hisbollah und der Amal-Miliz in der Villa Slim eingegangen.

Die prekäre Situation, in der sich Umam befindet, ist also in erster Linie politischer Natur. Mit der Arbeit rund um das Archiv will man dazu beitragen, die schiitische Geschichte und den fünfzehnjährigen Bürgerkrieg (1975–1990) aufzuarbeiten: Kritische Fragen stellen, Menschenrechte thematisieren und dokumentieren sind die Hauptpfeiler von Umam.

Das Archiv soll breit zugänglich sein und eine auf offizieller, nationaler Ebene fehlende Perspektive auf den Krieg abseits von Sektierertum schaffen: Umam versteht archivarische Arbeit als Teil eines «heilenden Prozesses» für die libanesische Gesellschaft. Rechercheprojekte befassen sich mit Nachwirkungen des Bürgerkriegs und Problemen der gesamten Region. Borgmann und das mehrköpfige Team forschen zusammen mit Externen auch zu verschollenen Massengräbern, zum Umgang Libanons mit Geflüchteten oder zu politischen Morden. Ein laufendes Projekt setzt sich mit Gefängnis, Folter und Trauma auseinander.

«Vor fünf Jahren wäre ich noch völlig dagegen gewesen, Archive ausser Landes zu bringen, aber wir sind in einer sehr prekären Situation, und wir haben sensible Sammlungen», sagt Monika Borgmann. Das Team ist dabei, Teile des Archivs ins Genfer Hochschulinstitut für internationale Studien und Entwicklung zu transferieren, wo das neu gegründete Umam Switzerland seinen Sitz hat.

Die Gründung des neuen Zweigs folgte auf einen Zwischenfall während der libanesischen Revolution 2019: Die Hisbollah brannte ein Zelt nieder, in dem eine öffentliche Diskussion zur Neutralität des Libanon und zur Hisbollah und zu ihren Alliierten stattfand; die Veranstaltung wurde Lokman Slim zugeschrieben. «Nach dem Zwischenfall standen hier vor der Villa Personen der Hisbollah und der Amal-Miliz und diskutierten darüber, ob sie brennende Reifen reinschubsen sollen.» Am Abend danach waren Drohungen auf die Mauern geschmiert.

Seine politischen Gegner sind nicht die einzige Bedrohung für das Archiv. Die Dahije wäre in einem möglichen Kriegsszenario mit Israel ein unsicherer Ort. Im Krieg von 2006 gingen in der Nachbarschaft Bomben nieder, noch Jahre später mussten deshalb Wasserschäden in der Villa behoben werden.

Auch die Wirtschaftskrise macht sich stark bemerkbar: Wie die Arab Image Foundation hat das Umam mit Stromausfällen zu kämpfen. Statt stundenlang an der Tankstelle auf Benzin zu warten, kaufte das Team kürzlich einige Kanister Diesel auf dem viel teureren illegalen Parallelmarkt, um den hauseigenen Generator für die anstehende Woche betreiben zu können. Und dies, obwohl die illegalen Diesellager mit die gefährlichsten Orte sind, an denen man sich momentan aufhalten kann. Mitte August explodierte ein solches Lager in der Stadt Akkar, fast vierzig Menschen starben.

Doch Strom ist unabdingbar, um die Arbeit fortzuführen und die raumfüllenden Archive mit Zeitungen, Magazinen und unveröffentlichter Literatur zu digitalisieren. Staatlicher Strom fliesst in diesem Gebiet seit Jahren kaum mehr als eine Stunde täglich. Nur digitalisierte Sammlungen kann das Archiv wiederum in die Schweiz bringen, da die Recherchearbeit des Teams von den vorhandenen Archiven abhängt. Auch der «Hangar» des Umam, in dem unzählige Ausstellungen, Symposien, Diskussionen oder Konzerte stattfanden, liegt derzeit brach. Um diesen grossen Raum zu klimatisieren, müsste man den Dieselfluss garantieren. Die feuchte Hitze Beiruts ist selbst für Abgebrühte nicht leicht wegzustecken, Veranstaltungen sind momentan aber auch deshalb schwer durchzuführen, weil die Mobilität der Bevölkerung stark eingeschränkt ist.

«Wir sind im freien Fall, aber wir landen nicht», sagt Borgmann. Ein Pflaster hier, ein Pflaster dort, so versucht man, weiter zu leben und zu arbeiten. Während die Hisbollah Öl, Benzin und Medikamente aus dem Iran verspricht, macht die zurückgetretene Regierung, die bis zur jüngsten Neubildung nur die nötigsten Geschäfte ausgeführt hat, der Bevölkerung vergebliche Hoffnung auf eine Besserung der Situation. Seit Wochen steigen die Benzinpreise wegen der gestrichenen Subventionen; Strom ist noch genauso rar wie im Sommer. Alternative Energiequellen sind kaum zu finden und werden von der Öllobby auch nicht goutiert, Batterien bleiben für die meisten Privatpersonen unerschwinglich. Das Umam besass eine Solarzelle für den Hangar, sie wurde jedoch durch Freudenschüsse bei einer Rede des Hisbollahführers Hassan Nasrallah beschädigt.

«Korruption bekämpfen reicht alleine genommen nicht», sagt Borgmann. «Ein funktionierender Staat kann nicht von einer Miliz bestimmt werden.» Sie ist der Meinung, das Land sei nur zu retten, wenn man den Iran überzeuge, die Hisbollah aufzugeben. Ob sie weiter hier mitten im Hisbollahgebiet leben wird? «Wenn die dachten, ich würde mich nach dem Mord aus dem Staub machen, dann lagen sie falsch. Das können sie vergessen.» Borgmann ist dabei, ein zweites Team aufzubauen, hat in der Schweiz die Lokman Slim Foundation mitgegründet und arbeitet auf Hochtouren an den Umam-Projekten weiter.

Archive bedeuten auch Macht

Einer der wenigen akademischen Forscher:innen im Libanon, die sich spezifisch mit den Archiven im Land auseinandergesetzt haben, ist Pierre France vom Orient-Institut in Beirut. In seinen Recherchen thematisiert er die Hürden, auf die Forschende stossen, wenn sie von Archiven Gebrauch machen wollen. Auch Diebstahl und politischen Missbrauch von Archivsammlungen durch ehemalige Staatsbeamte nimmt er unter die Lupe. Beides kommt häufig vor, sei es aus dem Begehren, Sammlungen auf private Weise zu «retten», oder aus politischen Gründen, um Akten verschwinden zu lassen. «Das grösste Problem ist der Mangel an Zugang zu den vielen Archiven im Libanon», so France. Denn Archive bedeuten auch Macht. Archive, deren Verwalter:innen von politischen Agenden frei wären, gibt es kaum in diesem Land – ein Land, in dem der Bürgerkrieg nie in den Geschichtsunterricht Eingang gefunden hat, weil ein einheitliches Narrativ fehlt.

Zugang zu einem Archiv erhält meist nur, wer für deren Hüter:innen entweder interessant oder vertrauenswürdig genug ist. «Wenn sie dich mögen, bekommst du vielleicht, wonach du suchst», sagt France. Als linkspositionierter Forscher kann es beispielsweise schwierig sein, im rechtskonservativen christlich-maronitischen Archiv an gewisse Dokumente zu gelangen. Relativ schwer zugänglich sind sowohl das Nationalarchiv als auch die Archive der verschiedenen religiösen Sekten. Selbst das Umam sei nicht für alle offen – aus verständlichen Gründen, wie France betont, denn politische Interessen und möglicher Missbrauch spielen in diesem Land immer eine Rolle. Lokman Slim habe seine Kataloge nicht vollständig online veröffentlicht.

Eine weitere Hürde für die Zugänglichkeit ist die Finanzierung, die nun mehr denn je fehlt: Weder das Nationalarchiv noch besser aufgestellte religiöse und universitäre Archive verfügen über Leseräume. Dokumente müssen meist in einer dunklen Ecke im Korridor angeschaut werden. Und Kriterien für deren Weiterverwendung fehlen in fast allen Archiven.

Orte wie das im September eröffnete Barsach, das zugleich Archiv und Buchladen ist, bilden die Ausnahme: Der Raum lädt zum Verweilen bei Kaffee und Kuchen ein, und die Sammlung an Büchern, Magazinen und Nachlässen von Familien verstorbener linker Genoss:innen ist in ihrer kleinen Fülle für alle zugänglich – sofern man von ihrer Existenz erfährt.