Nr. 07/2021 vom 18.02.2021

Ein Stoff, der reich macht

Pharmafirmen wehren sich gegen die Forderung, ihre Patente auf Coronaimpfstoffe aufzuheben. Die Entwicklung sei schliesslich ihr Verdienst. Doch das ist falsch.

Von Yves WegelinMail an AutorIn (Text) und Patric Sandri (Illustration)

Öffentliche Forschung – privater Profit: Der Weg zum Impfstoff (grosse Ansicht der Info-Grafik).

Einige Pharmafirmen, die mit ihrem Coronaimpfstoff als Erste die Ziellinie zur Zulassung überquert haben, werden allein in diesem Jahr Milliarden kassieren. Zuvorderst die US-Biotech-Firma Moderna, die ihren Impfstoff beim Schweizer Unternehmen Lonza produzieren lässt; aber auch der US-Pharmagigant Pfizer in Kooperation mit der deutschen Firma Biontech, die ihren Sitz in Mainz hat, «An der Goldgrube 12».

Die erwarteten Milliardengewinne liessen den Aktienkurs von Moderna seit Anfang 2020 von rund 20 auf rund 180 US-Dollar katapultieren, womit laut Finanzplattform Bloomberg allein CEO Stéphane Bancel bis Dezember 2020 4,8 Milliarden US-Dollar gewonnen hat. Auch Biontech-CEO Ugur Sahin machte 4 Milliarden vorwärts.

Dass mitten in einer riesigen Weltwirtschaftskrise einige Milliarden kassieren, während arme Länder sich kaum genügend der teuren Impfdosen sichern können, stösst auf immer lautere Kritik. Gut hundert Regierungen, aber auch nichtstaatliche Organisationen wie Ärzte ohne Grenzen oder Oxfam sowie die Uno-Menschenrechtskommission fordern von der Welthandelsorganisation (WTO) die temporäre Aussetzung der Impfstoffpatente, damit mehr billige Dosen hergestellt werden können. In der Schweiz haben unter anderem Amnesty International und Public Eye den Bundesrat aufgefordert, sich dafür einzusetzen.

Der Pharmakonzern Astra Zeneca hat deshalb versprochen, während der Pandemie keinen Profit mit dem Impfstoff zu machen. Von der Forderung, auf Gewinne zu verzichten, halten Moderna, Biontech und Pfizer jedoch nichts. «Man muss sehr fanatisch und radikal sein, um so etwas gerade jetzt zu verlangen», sagte Pfizer-CEO Albert Bourla dem US-Magazin «Barron’s». Die Impfungen seien das Verdienst der Firmen.

Das ist falsch. Zu diesem Schluss kommt die WOZ, nachdem sie mit verschiedenen ExpertInnen gesprochen, Studien, Datenbanken und Geschäftsberichte durchforstet und bei den Firmen selbst nachgefragt hat. Erstens beruhen die Impfungen auf jahrzehntelanger öffentlich finanzierter Forschung. Zweitens haben die Firmen letztes Jahr nochmals Milliarden an Finanzspritzen zur Entwicklung der Impfstoffe erhalten. Und drittens haben Regierungen weltweit den Firmen Absatzgarantien gegeben – bevor sie die jeweilige Wirksamkeit der Impfstoffe kannten.

Der dreissigjährige Weg

Die Impfstoffe von Moderna und Biontech gehen auf einen Durchbruch im Jahr 1961 zurück: WissenschaftlerInnen gelang es nach jahrelanger Forschung an öffentlichen Einrichtungen in den USA und Frankreich, die Messenger-RNA (mRNA) nachzuweisen. Dabei handelt es sich um eine Art Bote, der die genetischen Informationen in die Zellen des Körpers bringt. Dort werden dank ihm die entsprechenden Proteine aufgebaut. Erst dreissig Jahre später, 1990, als gemäss der United States National Library of Medicine bereits Tausende Artikel jährlich zum Thema erschienen, gelang es ForscherInnen der Universität von Wisconsin erstmals, nach dem Einspritzen von mRNA bei Mäusen diesen Aufbau von Proteinen auch nachzuweisen. Drei Jahre später konnten ForscherInnen des französischen Gesundheitsministeriums mittels mRNA in Mäusen Proteine von Viren nachbilden, gegen die das Immunsystem Antikörper bildete.

«Die Forschung zur mRNA war ein riesiger Boom», erinnert sich Gustav Jirikowski, Professor an der Universität Jena, der 1992 eine bis heute zitierte Studie zu mRNA publizierte. Weltweit hätten Universitäten an der mRNA geforscht, an Kongressen sei die Forschung ein Topthema gewesen. In den neunziger Jahren stieg auch die Anzahl Publikationen weltweit rasant an. Die Grundlagenforschung sei im Wesentlichen von öffentlichen Einrichtungen gekommen, sagt Jirikowski. Gleichzeitig hätten DoktorandInnen mit viel Risikokapital Start-ups gegründet – die allerdings fast immer scheiterten. Jirikowski widerspricht damit Medienberichten, in denen behauptet wird, die mRNA-Forschung sei eine Art brachliegendes Feld gewesen, das Moderna und Biontech erst zum Blühen gebracht hätten.

Die heutigen Impfstoffhersteller stiegen erst später ein. Der Erste war Curevac aus Tübingen im Jahr 2000, dessen Coronaimpfstoff noch nicht zugelassen ist. Biontech kam erst 2008 und Moderna 2010 dazu. Gegründet wurden die Firmen unter anderem von Professoren, die ihre öffentliche Forschung nun mit den Impfstoffen in viel Geld umwandeln: bei Moderna etwa Timothy Springer und Derrick Rossi (Harvard) sowie Robert Langer (MIT); bei Biontech CEO Ugur Sahin, Onkologe an der Uni Mainz.

Die wissenschaftlichen Durchbrüche aus den neunziger Jahren hätten die Firmen einfach übernehmen können, sagt der Immunologe Steve Pascolo von der Uni Zürich, der Curevac mitbegründete, bevor er 2006 ausstieg und in die Schweiz zog. «Diese wurden nie patentiert.» Mehr oder weniger frei zugänglich seien auch verschiedene Rezepte für Nanopartikel, in denen die mRNA in den Körper eingespritzt werde, genauso wie die vielen kleineren wichtigen Fortschritte, die über die Jahre erzielt wurden. Pascolo hat bei Curevac die Produktion von mRNA-Impfstoffen technisch entwickelt und dazu viel publiziert. Ein Patent bräuchten die Firmen dagegen von einer US-Firma für eine Art Kappe, die an die mRNA angehängt wird, damit diese im Körper nicht zu schnell zerfällt.

Einen weiteren wichtigen Schlüssel holten sich Biontech und Moderna von der Uni Pennsylvania. Dort hatten die ungarische Professorin Katalin Kariko und ihr Kollege Drew Weissman 2005 nach jahrelanger Arbeit eine Methode entwickelt und patentiert, um die mRNA so zu modifizieren, dass sie in den Körper gelangen kann, ohne Entzündungen hervorzurufen. Moderna hat laut einem Artikel des Magazins «Nature» lange versucht, die mRNA selber zu modifizieren, um das Patent zu umgehen. Offenbar ohne Erfolg: Gemäss Geschäftsberichten hat die Firma 2017 schliesslich doch noch eine Patentlizenz erworben, genauso wie Biontech.

Biontech heuerte 2014 zudem gleich die Erfinderin Katalin Kariko selber an. In einer damaligen Pressemitteilung zeigte sich die Firma «sehr stolz», die «bahnbrechende Forscherin» gewonnen zu haben, die mit ihrer 25-jährigen mRNA-Forschung an der Uni von Pennsylvania wichtiges Wissen mitbringe.

Den letzten Schlüssel holte sich Moderna von den National Institutes of Health (NIH) des US-Gesundheitsministeriums, wie dieses in mehreren Mitteilungen festgehalten hat. 2016 hatte der NIH-Virologe Barney Graham zusammen mit KollegInnen der Universität Texas eine Möglichkeit gefunden, stabile Spikeproteine von Viren nachzubilden – kleine, aus dem Virus ragende Füsschen. Dank dieses Durchbruchs kann mit der mRNA auch der Bauplan von Corona-Spikeproteinen in den Körper geschleust werden, damit das Immunsystem Antikörper bildet. Auch Biontech besitzt eine Lizenz der NIH für die Erfindung, wie die NIH der WOZ schreiben – auch wenn man nicht bestätigen will, dass Biontechs Impfstoff darauf basiert.

Das letzte Stück

Wie viel die Firmen genau für die Patente bezahlen, ist nicht bekannt. «Das ist grundsätzlich keine öffentliche Information», sagt Jorge Contreras, Patentspezialist und Professor an der Universität Utah, der das Thema Coronaimpfung juristisch eng verfolgt; einige Anhaltspunkte fänden sich allerdings in Berichten zuhanden der US-Börsenaufsicht. Moderna wie Biontech erwähnen darin lediglich das Patent zur modifizierten mRNA, um Entzündungen auszuschalten. Allerdings zahlen sie dafür nicht an die Uni Pennsylvania; diese hat die Lizenz für einen unbekannten Betrag an eine Firma verkauft. Doch ohnehin zahlt Moderna für die Lizenz laut Geschäftsbericht lediglich einen «tiefen einstelligen» Prozentsatz auf seine Verkäufe. Der übliche Preis, so Contreras.

Mehr ist auch bei den Firmen selbst nicht zu erfahren. Moderna-Geschäftsleitungsmitglied Ray Jordan gibt sich beim ersten Kontakt noch offen, verweist jedoch nach Erhalt konkreter Fragen lediglich auf die spärlichen Informationen dazu in den Pressemitteilungen. Biontech schreibt, dass die Firma aufgrund des derzeit hohen Interesses nicht alle Fragen «zeitnah» beantworten könne. Zweieinhalb Wochen später fehlt weiterhin eine Antwort.

Die beiden Firmen haben also öffentliche Forschung übernommen, die über die Jahrzehnte Abermilliarden gekostet haben dürfte. Vor diesem Hintergrund erscheinen ihre eigenen Forschungskosten bescheiden: Anhand der Zahlen, die Moderna seit ihrem Börsengang 2016 veröffentlicht hat, lässt sich schätzen, dass die Firma vom Zeitpunkt ihrer Gründung bis 2019 für Forschung rund 2 Milliarden US-Dollar ausgegeben hat – wovon ein Teil öffentlich finanziert wurde –, Biontech maximal 1 Milliarde. Und das sind die gesamten Kosten, nicht alles davon ist in die Impfstoffentwicklung geflossen.

Doch das ist nicht alles: Die beiden Firmen haben 2020 weitere Milliarden an Subventionen zur Entwicklung ihres Impfstoffes erhalten. Zwar haben Pfizer/Biontech 2,2 Milliarden US-Dollar selber gezahlt, erhielten jedoch von den USA und Deutschland 2,7 Milliarden drauf, wie Zahlen des Datenanalysten Airfinity zeigen.* Anders als Privatinvestoren erhalten diese Staaten dafür keine Aktien.

Moderna zahlte letztes Jahr sogar gar nichts aus der eigenen Tasche, wie die Firma gegenüber dem US-Newsportal Axios gestand. Gleichzeitig erhielt das Unternehmen 4,2 Milliarden US-Dollar* vom US-Gesundheitsdepartement – wovon ein Teil an die Lonza weiterfloss. Hinzu kommt, dass die NIH nicht nur eine zentrale Erfindung für den Impfstoff geliefert haben: Sie haben diesen letztes Jahr in Kooperation mit Moderna auch massgeblich mitentwickelt, wie NIH-Direktor Francis Collins am Tag der US-Impfstoffzulassung öffentlich bekräftigte.

Schliesslich haben Staaten weltweit bei Pfizer/Biontech und Moderna rund eine Milliarde Impfdosen vorbestellt – noch bevor sie die Wirksamkeit des Impfstoffs kannten. Diese Übernahme des Risikos ist eine weitere riesige öffentliche Subvention.

Die Privatisierung der Forschung

Mit der Patentierung der Impfstoffe haben Pfizer/Biontech und Moderna das grösstenteils öffentlich erforschte Wissen nun privatisiert. Zwar haben die NIH gemäss Recherchen der US-NGO Public Citizen selber ein Patent auf den Impfstoff angemeldet, was sie der WOZ bestätigen. Das Gesuch ist jedoch noch hängig. Patentexperte Jose Contreras glaubt, dass dies erkläre, warum Moderna versprochen hat, ihre Patente zumindest während der Pandemie nicht einklagen zu wollen, falls jemand den Impfstoff herstellen sollte. «Dies könnte die NIH etwa davon abhalten, Moderna das Patent streitig zu machen.»

Die Patente verleihen Moderna und Pfizer/Biontech die Marktmacht, um die mit staatlichen Geldern erforschten Impfstoffe wiederum zu Monopolpreisen an die Staaten zu verkaufen. Regierungen, die genug vom knappen Impfstoff wollen, kommen nicht umhin, den Preis zu akzeptieren – Vogel friss oder stirb. Pfizer/Biontech verlangen zwischen 6,75 und 19,50 US-Dollar, wie das Uno-Kinderhilfswerk Unicef aus zahlreichen Quellen erschlossen hat. Moderna kassiert gar zwischen 15 und 37 US-Dollar. Nimmt man den Preis, den die EU bezahlt, wird allein die Schweiz den beiden Herstellern für ihre Impfdosen rund 300 Millionen US-Dollar zahlen.

AnalystInnen von Grossbanken schätzen, dass Pfizer, Biontech und Moderna so allein dieses Jahr je 10 bis 20 Milliarden US-Dollar einnehmen werden, was Pfizer vorletzte Woche für sich bestätigt hat – Moderna präsentiert seine Geschäftszahlen nächsten Donnerstag. Die drei Unternehmen werden so dank ihres Impfstoffs gemäss Schätzungen je mehrere Milliarden US-Dollar Gewinn machen.

Es sind diese Gewinnaussichten, die die Aktienkurse von Moderna und Biontech in die Höhe katapultierten. Zu den GrossaktionärInnen, die nun Kasse machen, gehören nicht nur Einzelpersonen wie der Moderna-Chef Stéphane Bancel oder Biontech-CEO Sahin, sondern auch grosse Vermögensverwalter wie The Vanguard Group, Blackrock oder die Genfer Privatbank Pictet, die Grossaktionärin von Moderna ist.

Dass Moderna und Biontech ihre riesigen Profite vor allem durch die Privatisierung öffentlich finanzierter Forschung erzielen, ist das vielleichte stärkste Argument, das jene hundert Regierungen und NGOs in der Hand haben, die von der WTO nun die vorübergehende Aussetzung der Patente fordern: Von der Allgemeinheit finanzierte Forschung soll nicht Privaten, sondern der Allgemeinheit gehören. An der letzten vorberatenden WTO-Sitzung hat jedoch die Schweiz zusammen mit anderen Industrieländern die Forderung erfolgreich blockiert. Die definitive Abstimmung erfolgt Anfang März.

Diese Politik geht auf Kosten der Armen. Denn die Patente, die den Firmen riesige Profite bringen, führen gleichzeitig zu einer zu geringen Produktion von Impfdosen. Die knappen Dosen gehen an jene Länder, die am meisten bezahlen können. So haben sich viele reiche Länder so viele Impfdosen gesichert, dass sie bis Ende Jahr die Bevölkerung mehrmals durchimpfen könnten.

Gleichzeitig werden gemäss einer Auswertung der NGO-Vereinigung The People’s Vaccine Alliance siebzig ärmere Länder nur gerade zehn Prozent der Menschen impfen können. Das könnte Zehn-, vielleicht gar Hunderttausende Menschen das Leben kosten.

* Korrigendum vom 25. Februar 2021: In der Printversion sowie in der alten Onlineversion steht fälschlicherweise, Pfizer/Biontech habe gemäss dem Datenanalysten Airfinity 1,5 Milliarden US-Dollar gezahlt und 1,9 Milliarden von der öffentlichen Hand erhalten; Moderna wiederum habe 3 Milliarden US-Dollar erhalten.

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