Nr. 08/2021 vom 25.02.2021

Frankreichs junger Kampfgeist

Kritisch, voller Ideen und engagiert für eine bessere Welt: Vier junge FranzösInnen erzählen, wie sie auf ihre eigene Weise die Gesellschaft mitgestalten.

Von Romy Strassenburg (Text) und Andreas B. Krueger (Porträtfotos), Paris

Nathan Méténier ist Klimaaktivist, Cheriffa Boudhar in der Sozialistischen Partei. Ebenso wie die Feministin Marguerite Stern und der Gewerkschafter Florian Carol wollen sie für ihre Werte und Anliegen kämpfen.

Aber warum entscheiden sich junge FranzösInnen für eine bestimmte Form des Engagements, und was bedeuten ihnen Macht, Netzwerke und Hierarchien? Wo bleibt dabei ihr Privatleben? Die WOZ hat vier junge Menschen getroffen und sie gefragt, was sie bewegt und motiviert. Gerade in Zeiten, in denen Gewissheiten und Zukunftspläne bröckeln und eine ganze Generation die Zuversicht verliert. Vier Geschichten, die Mut machen, weil sie zeigen, dass man durch familiäre Prägung oder persönliche Erfahrungen noch immer den Weg ins Engagement findet, um die herrschenden Verhältnisse infrage zu stellen und zu verändern.

Das Leben der anderen

Florian Carol ist frisch gewählter Generalsekretär der Gewerkschaft CGT, Abteilung öffentliche Angestellte. Kein Posten, der auf den ersten Blick sonderlich sexy erscheint. Für den 27-Jährigen allerdings ist die Gewerkschaft wie ein zweites Zuhause. Seine Familiengeschichte liest sich wie ein fortdauernder Kampf für ArbeiterInnenrechte.

Im kleinen Büro von Florian Carol stapeln sich jede Menge Akten, zusammengerollte Plakate, Sticker und Broschüren. Im Besprechungsraum nebenan hängen an den Wänden noch die handgeschriebenen Listen von Orten, die Carol und seine MitstreiterInnen der Gewerkschaft im Winter 2019/20 bestreikt haben, als die wochenlangen Proteste gegen die geplante Rentenreform Frankreich zum Stillstand brachten.

Es war Carols wichtigster Kampf bislang, und die Listen hat er zur Erinnerung hängen lassen, auch weil sie ihn motivieren weiterzumachen. Er ist Generalsekretär für die Gewerkschaft CGT in der Pariser Vorstadt Ivry-sur-Seine. All seine Energie widmet er den Belangen seiner «GenossInnen». Er habe oft die Rolle eines Psychologen – noch einmal mehr während der Pandemie, sagt Carol. «Manche Leute kommen zitternd hier rein, sind wirklich am Ende ihrer Kräfte.»

Erst seit wenigen Wochen ist er neu gewählter Gewerkschaftssekretär in Vollzeit und tut damit das, was sein eigener Vater achtzehn Jahre lang in gleicher Funktion und auf dem gleichen Stuhl getan hat: zuhören, trösten, gut zureden, Lösungen finden, Anträge ausfüllen, Akten anlegen. Didier Carol war in der 60 000-EinwohnerInnen-Gemeinde nahe Paris eine echte politische Lokalgrösse. Seine Fussstapfen erscheinen Florian Carol oft übergross. «Der Rat meines Vaters fehlt mir sehr», gesteht er mit leiser Stimme. Im Augenblick ist die tägliche Aktenarbeit auch Trauerarbeit, um die Abwesenheit seines Vaters besser ertragen zu können. Erst im November ist Didier Carol an Covid-19 gestorben, nur wenige Monate nach der Pensionierung.

Eigentlich hat Florian Carol andere Berufspläne, als er nach der Matura ein Jurastudium beginnt. Doch mit 24 erfährt er, dass seine damalige Freundin schwanger ist. Er braucht also Geld, und zwar sofort. Er kehrt dem Hörsaal den Rücken und findet eine Stelle als «agent technique» an einer Schule in seiner Heimatstadt. Genau genommen putzt er dort die Toiletten und Klassenräume und serviert den Kindern das Essen in der Kantine. «Nach dem Jurastudium war das schon ein harter Bruch. Aber es war auch die Welt meiner Eltern, eine vertraute Welt.» Er bekommt einen Einblick in das Leben der anderen, für das der Vater so viel Zeit aufbrachte – Zeit, die für ihn und die Geschwister fehlte. Dafür sei man aber in Ivry nie allein, erzählt Carol. Die Stadt, traditionell von der Kommunistischen Partei regiert, gehört zur «ceinture rouge», zum roten Gürtel – also zu jenen Pariser Vorstädten mit hohem Anteil an ArbeiterInnen, Hochburgen der KommunistInnen.

In Ivry geht nun auch Carols dreijähriger Sohn in die Vorschule. Noch weiss er nicht, dass der Papa sich darum sorgt, ob es Lehrerinnen, Bibliotheksmitarbeitern und Putzkräften hier gut geht. In den letzten Jahrzehnten haben die Sparmassnahmen verheerende Spuren in den Vorstädten hinterlassen. Carol spürt den wachsenden Druck, auch im öffentlichen Dienst rentabel zu wirtschaften. Jetzt kommen die Belastungen der Pandemie hinzu. Er steht nicht nur vor der Aufgabe, nun selbst den Spagat zwischen Familie und GenossInnen zu bewältigen. Vor allem muss er um die Zukunft der CGT kämpfen. «Im letzten Jahr hatten wir drei neue Beitritte. Es passiert auch, dass wir angefeindet werden, wenn wir Broschüren verteilen.» Verstaubt, überholt, sinnlos … so denken viele junge Leute über Gewerkschaften. «Wenn es nach mir ginge, wären unsere Aktionen durchaus auch mal drastischer», gesteht er zaghaft lächelnd.

«Warum ein junger Mensch heute in eine Gewerkschaft gehen sollte? Um sich nützlich zu fühlen. Um aus der Isolation zu gelangen und sich für all die Angriffe zu wappnen, denen wir heute ausgesetzt sind.» Bleibt noch zu fragen, was er über die Klima- oder die Frauenbewegung denkt: «Das macht mir unendlich viel Mut, auch für unsere Zukunft. Denn das zeigt doch, es gibt den Wunsch nach Veränderung, es gibt noch den Kampfeswillen.»

Kämpferin der Strasse

Die Feministin Marguerite Stern hinterlässt radikale Botschaften im öffentlichen Raum, um auf Frauenmorde und Diskriminierung aufmerksam zu machen. Schon an der Seite der Femen-Aktivistinnen scheute sie weder Gefängnis noch Morddrohungen.

Wer mit Marguerite Stern durch die Strassen läuft, muss gut zu Fuss sein. Die Dreissigjährige legt ein erstaunliches Tempo vor. Gemeinsam mit vier anderen Frauen zieht sie an einem regnerisch-kalten Wintertag los zu einer «collage», zu einer Klebeaktion an der Pariser Stadtgrenze. Die Rollen sind präzis verteilt. In Eimern ist der angerührte Kleber bereit zum Einsatz. In gekonnten Bewegungen wird er mit grossen Quasten an Mauern und Häuserwänden verteilt. Eine andere Aktivistin reiht die vorsortierten weissen A4-Blätter mit den schwarzen Buchstaben aneinander, noch ein Kleberstrich drüber, und schon ziehen die jungen Frauen weiter, zum nächsten Ort.

Innerhalb von zwei Stunden entstehen so ein Dutzend unterschiedliche Botschaften, darunter «Ohne Frauen bräche die Welt zusammen» oder «Alle Religionen sind frauenfeindlich». Gegenüber einer Schule entsteht die Collage «Kinder haben das Recht, respektiert zu werden». Ein junger Mann bleibt stehen und spricht die Frauen unvermittelt an: «Was soll denn das heissen? Respektiert ihr etwa Kinder? Was macht ihr da?» Die Aktivistinnen wollen weiterziehen, doch der Mann insistiert, heftet sich an ihre Fersen. Nach einem kurzen Erklärungsversuch zur Botschaft wird es schnell laut: «Hör auf, uns zu verfolgen, die Strasse gehört dir nicht. Verschwinde!», rufen die Frauen, bis der Mann endlich abdreht und sie in Ruhe lässt.

«Wir haben Übung darin, uns nicht einschüchtern zu lassen. Wir holen uns die Strasse zurück, statt sie den Männern zu überlassen», so lautet das Credo von Stern und ihren Mitstreiterinnen. Mit den Klebeaktionen hat sie vor anderthalb Jahren in Marseille begonnen, in einer Stadt also, die gerade Frauen als besonders gewalttätig erleben. «Ich knüpfte daran an, was ich bei den Femen-Frauen gelernt hatte. Ich trage meine Botschaften nach draussen, ich dränge dem Raum meine Präsenz auf.» Seither sind in verschiedenen Städten «Colleuses»-Kollektive entstanden; die weissen A4-Blätter mit den schwarzen Buchstaben und den eindringlichen Botschaften sind in ganz Frankreich zu sehen. Sie haben das Strassenbild verändert und das Thema Frauenfeindlichkeit sichtbarer als je zuvor gemacht. Hunderte Frauen sind schon dabei, und fast alle kennen heute in Frankreich die teils provozierenden, oft schockierenden Nachrichten an Häuserwänden.

Marguerite Sterns feministischer Kampf beginnt, als sie mit Anfang zwanzig aus einem kleinen Dorf in der Auvergne nach Paris und Brüssel zieht, um Kunst zu studieren. Aus ihrer Kindheit und Jugend sind ihr vor allem die Erinnerungen an übergriffige Jungen und Männer geblieben, «die alle an meinen Arsch wollten». An das Gefühl, sich ständig in Gefahr zu befinden und sich lieber abzuducken, kleinzumachen und unsichtbar zu werden. Ob auf dem Schulhof oder auf der Strasse, am Arbeitsplatz, in den Medien oder der Politik, Stern stellt fest: «Wir sind immer wie Beute in der Savanne, die von Löwen verfolgt wird. Wir werden nie in Ruhe gelassen.»

Schnell ist sie fasziniert von den gerade aufkeimenden radikalen feministischen Strömungen. Sie nimmt Kontakt zur Femen-Gründerin Inna Schewtschenko auf, die, aus der Ukraine geflohen, in Paris ein Ausbildungszentrum für Feministinnen aufbaut. Stern lebt mehrere Jahre im Herzen der bekanntesten Feministinnengruppierung, die ihre entblössten, mit Sprüchen bemalten Körper einsetzt, um auf die Unterdrückung von Frauen aufmerksam zu machen. «Es war die prägendste Zeit meines Lebens», sagt sie rückblickend. Eine Zeit, in der sie nach einer Protestaktion auch einen Monat in einem tunesischen Gefängnis landet. Ein anderes Mal trifft eine Neun-Millimeter-Kugel ihr Wohnzimmerfenster, abgefeuert mitten auf der Strasse. Stern nimmt viel in Kauf für ihr Engagement.

Zuletzt jedoch kam der Gegenwind aus der feministischen Bewegung selbst, weil Stern dem Thema Transgender im feministischen Kampf kritisch gegenübersteht. Vor einem Jahr äusserte sie sich dazu auf Twitter und schrieb unter anderem: «Ich bin keine ‹Person mit einer Vulva›, ich bin eine Frau. Ich bin als Frau geboren, und schon im Bauch meiner Mutter erlitt ich Diskriminierungen aus diesem Grund. Ich habe Dinge ertragen, die ein Mann, der eine Frau werden will, niemals erfahren wird.» Sie wolle Geschlechterstereotype zerstören, aber Transaktivismus verstärke diese nur noch.

Vielen gilt sie deshalb als TERF, als «Trans-Exclusionary Radical Feminist»; inzwischen haben sich viele Aktivistinnen, die unter dem Namen «Collages féminicides» landesweit zusammenarbeiten, von Stern distanziert. «Dass wir uns nicht einig sind, ist die eine Sache. Aber dass wir in unserem Kampf die gleichen Mechanismen reproduzieren, die wir denunzieren, ist absoluter Nonsens, und so werden wir uns selbst zerstören», schrieb sie in einem offenen Brief an ihre GegnerInnen.

Momentan baut Stern ein neues besetztes Haus zum Feministinnentreffpunkt um und sucht nach neuen Ideen, um die Öffentlichkeit wieder zu einem sicheren Ort für Frauen zu machen. Trotz ihrer inneren Konflikte ist die junge feministische Bewegung in Frankreich lebendig. Das muss sie auch sein, glaubt Stern, denn in die Politik könne man keine Hoffnungen mehr setzen: «Die Regierung schert sich nicht um Frauenrechte. Es ist an uns, dafür zu kämpfen. Nur wir selbst können uns aus unserer Lage befreien.» Es gibt noch ein paar Mauern zu bekleben an diesem Tag.

Merci la République!

Für die 27-jährige Cheriffa Boudhar ist das Aufstiegsversprechen der Republik aufgegangen. Als Tochter von EinwanderInnen aus Algerien gelang ihr dank Schule und Studium der erfolgreiche Weg in die Politik. Mit ihrem Engagement in der Jugendorganisation des Parti socialiste (PS) will sie Bildungschancen auch für zukünftige Generationen wahren.

Im kleinen, lang gezogenen Ladenlokal gibt es nicht viel mehr als ein paar zusammengeklappte Tische und Stühle, einen Drucker und eine Kaffeemaschine, die schon bessere Zeiten erlebt hat – genau wie die Frauen und Männer auf den Wahlplakaten an den vergilbten Wänden. Hier im Parteibüro der SozialistInnen im 11. Arrondissement, nahe der Place de la Nation, stellt Cheriffa Boudhar ihre Handtasche und ein paar Einkäufe für das improvisierte Mittagspicknick ab. Später will sie hier noch arbeiten, bevor es wieder in den Zug nach Bagneux geht, einer Vorstadt südlich von Paris, wo sie mit ihrem Freund zusammenlebt.

Boudhar ist derzeit überwiegend im Homeoffice wie nahezu alle MitarbeiterInnen des Gesundheitsministeriums, die mit der Corona-Krisenbewältigung alle Hände voll zu tun haben. Es ist eine herausfordernde Aufgabe, doch nach ihrem Studium an einer der anerkannten Kaderschmieden für BeamtInnen waren die Jobaussichten glänzend. Auch ihre fünf Schwestern haben studiert und Karriere gemacht, was keiner besonderen Erwähnung bedürfte, wenn … wenn ihre Eltern nicht erst 1975, mit Anfang zwanzig, aus Algerien nach Frankreich gekommen wären, wo der Vater in Reims in einer Automobilfabrik schuftete und die Mutter in der städtischen Präfektur putzte. «Die ersten Jahre lebten meine Eltern eher zurückgezogen, sie verbrachten viel Zeit in der Moschee, hatten kaum Kontakte zu Franzosen und fühlten sich wegen des Rassismus nicht als Teil ihrer neuen Heimat», erzählt Boudhar.

Doch dann besorgt der Präfekt der Familie aus Sympathie eine neue Wohnung, holt sie weg aus dem sozialen Brennpunkt. «Dieser Umzug hat für meine Familie alles geändert. Plötzlich wurden wir Kinder gefördert, wir wurden darin bestärkt, die Matura zu machen, studieren zu gehen, uns um Stipendien zu bemühen.» Und noch etwas lässt die Familie Anfang 1981 aufhorchen: François Mitterrand wird der erste sozialistische Präsident Frankreichs, und in den folgenden Jahren entsteht das erste Mal eine breite Antirassismusbewegung. Viele EinwanderInnen, so auch Cheriffa Boudhars Eltern, fühlen sich endlich ernst genommen und öffnen sich für eine Kultur, eine Sprache und ein Land, in dem sie lange übersehen wurden.

Das Interesse für Politik, das Bewusstsein für soziale Ungleichheiten ist der Motor ihrer politischen Arbeit. «Mit neunzehn Jahren half ich einem jungen afghanischen Einwanderer, der zu Hause nur Gewalt erfuhr. Ich wurde wieder daran erinnert, wie unterschiedlich das Leben für Menschen in unserem Land aussieht.» 2015 verbringt Boudhar ein Jahr in den Vereinigten Staaten und erlebt dort, wie Schwarzen systematisch der Zugang zu Bildung verwehrt wird. «Mir wurde bewusst, welche Möglichkeiten wir in Frankreich haben, auch wenn nicht alles perfekt ist. Doch der kostenlose Zugang zu Bildung, Stipendien, Studentenheimen und anderen Hilfsangeboten ist so viel wert. Als ich zurückkam, versprach ich mir, alles dafür zu tun, dass es auch in 100 oder 150 Jahren noch solche Möglichkeiten für bildungsferne Familien geben wird.»

Als Boudhar 2016 den Jungen SozialistInnen beitritt, weil ein guter Freund sie zu verschiedenen Treffen mitnimmt und ihr diese neue Welt gefällt, heisst Frankreichs Präsident François Hollande. Nur ein Jahr später stürzen die SozialistInnen bei den Wahlen ins Bodenlose, und viele verlassen das sinkende Boot in Richtung Emmanuel Macrons Bewegung «En Marche». Boudhar bleibt. Dabei muss sie sich bis heute auf Demonstrationen wegen der unpopulären Reformpolitik unter Hollande als Verräterin beschimpfen lassen. Ihr Glaube an die politische Zukunft der Sozialistischen Partei ist jedoch ungebrochen: «Wir sind derart am Boden, wir müssen alles komplett wieder aufbauen. Mich reizt diese Herausforderung.»

Sie weiss, wie ungewöhnlich, wie einsam ihr Weg in einer traditionellen Partei ist, in einer Zeit, in der sich viele junge FranzösInnen eher für das Klima, gegen Rassismus oder gegen Polizeigewalt starkmachen. Und trotz des Postens der Generalsekretärin bei der Pariser Sektion der JungsozialistInnen zweifelt sie in letzter Zeit oft am lang gehegten Ziel, Berufspolitikerin zu werden, «denn es dreht sich vieles schlicht um Macht. Ich will nicht aus den Augen verlieren, dass ich das Leben von Menschen ganz konkret verbessern möchte. Wenn das in der Politik nicht geht, dann sehe ich mich auch in einem Verein oder einer Hilfsorganisation.»

Unter ihren Schwestern ist Cheriffa Boudhar die Einzige mit politischen Ambitionen und die Einzige, die auf das öffentliche Schulsystem setzen will, sollte sie Nachwuchs haben. «Ich könnte meine Kinder auf keine Privatschule schicken, ohne meine Glaubwürdigkeit als sozialistische Politikerin zu verlieren.» Ein bisschen klingt es, als sei sie das Frankreich gegenüber schuldig.

Von den Alpen in die Uno

Nathan Méténier ist einer von sieben jungen KlimabotschafterInnen der Vereinten Nationen. Der 21-jährige Franzose wuchs in den französischen Alpen auf und sieht in den Folgen des Klimawandels die grösste Herausforderung seiner Generation.

Die Kopfhörer im Ohr, sitzt Nathan Méténier pünktlich zum vereinbarten Termin vor seinem Rechner. Momentan verbringt er die meiste Zeit dort. Von seinem Zimmer sieht man im Bildschirmausschnitt nicht viel mehr als weisse Wände. Er hat sich im Elternhaus so gut es geht eingerichtet für die vielen Onlinekonferenzen, die Briefings, die tägliche Flut an E-Mails. Er lebt zurzeit wieder im kleinen Örtchen Saint-Martin-d’Uriage, wo er gross geworden ist.

Méténier bemüht sich um ein Maximum an Konzentration und Präzision in seinen Antworten. Mit seinen 21 Jahren legt er eine erstaunliche Professionalität an den Tag. Eigentlich würde er gerade an der London School of Economics studieren, aber nun nimmt er nur aus der Ferne an den Seminaren teil. Doch mehr noch als fürs Studium verwendet Méténier seine Zeit für seine Arbeit als Klimaaktivist, sei es im Verein Youth and Environment Europe oder seit neustem sogar bei den Vereinten Nationen.

Sein Weg zur Klimaschutzbewegung begann in seinem Heimatdorf, das nahe der Stadt Grenoble am Fusse der Alpen liegt. Im Schatten der Berge lässt sich der Klimawandel hier wie unterm Brennglas beobachten. «Wenn Gletscher schmelzen und Überschwemmungen ganz konkrete Gefahr bedeuten, dann entwickelt man eine andere Sensibilität für die Problematik.» Er habe diese Achtsamkeit gegenüber der Natur von seinen Eltern gelernt, auf Spaziergängen im Wald, auf Bergwanderungen. Doch irgendwann wird aus dem Interesse der Wunsch, selbst aktiv zu werden. 2015, als in Paris die Klimakonferenz stattfindet, organisiert er einen Aktionstag an seinem Gymnasium. «Das war meine erste Form von Lobbyarbeit. Ich musste den Direktor überzeugen, damit wir Vortragende einladen konnten. Ich musste Überzeugungsarbeit leisten, und das mache ich bis heute.»

Nach der Matura studiert Nathan Méténier Politikwissenschaften am renommierten Eliteinstitut Science Po der Universität Grenoble und ist von Anfang an enttäuscht über das Studienprogramm, denn in seinen Augen fehlen Debatten über die entscheidenden Zukunftsfragen. «Frankreichs zukünftige Politikelite wird ausgebildet, um die Geschicke des Landes zu übernehmen, und ein zentrales Thema wie der Klimawandel wird einfach ausgeblendet», stellt er fest.

Erst im Auslandsemester an der Universität Edinburgh kann er Kurse zu Energie- und Klimafragen belegen und sieht die Möglichkeit, sein Engagement beruflich zu nutzen. Als dann die «Fridays for Future»-Bewegung Fahrt aufnimmt, erfüllt ihn das mit grosser Genugtuung. «Greta Thunberg hat die Präsenz junger Leute auf der politischen Bühne zu etwas Normalem gemacht, hat uns Legitimität verschafft», glaubt Méténier. «Greta hat es geschafft, uns das Gefühl zu vermitteln, wir seien alle eine Familie und müssten zusammen für unsere Ziele aufstehen.»

Méténier sagt, die vielen Demonstrationen der letzten Jahre in Frankreich hätten sein politisches Bewusstsein für Ungerechtigkeiten geschärft. So war er Dutzende Male dabei, nicht nur für mehr Klimaschutz, sondern auch gegen die Reform des Arbeitsmarkts, gegen Kürzungen von sozialen Hilfsleistungen, denn in seinen Augen kann Klimaschutz nur gelingen, wenn man Ungleichheiten bekämpft. Dennoch zieht es ihn nicht in eine Partei: «Dazu schätze ich meine Freiheit und Unabhängigkeit zu sehr. Ich habe das Gefühl, dass ich mich wirklich unseren Anliegen widmen kann. Dass ich Lobbyarbeit für unsere Themen betreibe, nicht für eine Organisation.»

Seit einem Jahr ist er einer von sieben jungen KlimabotschafterInnen für den Uno-Generalsekretär António Guterres, doch statt realer Treffen mit den EntscheidungsträgerInnen reiht Méténier nun eine Onlinebesprechung an die nächste und hofft inständig, Corona möge das Thema Klimaschutz nicht gänzlich von der Agenda verdrängen. «Mein CO2-Abdruck wäre auf jeden Fall ohne Corona und mit der Arbeit für die Uno wesentlich schlechter», lacht Méténier am Ende. «Und vielleicht liegt in diesem Moment des Innehaltens auch eine Chance für die Menschheit.»

Am Nachmittag will er versuchen, noch für eine Runde in den Wald zu gehen, einen Blick auf die Alpen zu werfen, durchzuatmen. Dann, so weiss er, wird es ihm morgen leichter fallen weiterzumachen.

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