Nr. 26/2020 vom 25.06.2020

Die Kämpferin

Auch in Frankreich hat die antirassistische Bewegung seit der Ermordung von George Floyd eine Welle der Solidarität erfahren. Ganz zuvorderst kämpft Assa Traoré: für ihren Bruder, dessen Tod bei einer Festnahme sie seit vier Jahren aufklären will. Und noch für viel mehr.

Von Romy Strassenburg, Paris

Ihre Haarpracht ist schon von weitem zu sehen. «Verité pour Adama» steht in grossen Lettern auf ihrem T-Shirt geschrieben, Wahrheit für Adama. Es ist ihr Credo, ihr Kampf, seit mittlerweile vier Jahren. Wenn Assa Traoré auftritt, ob im Fernsehen, an Podiumsdiskussionen oder auf einer der vielen antirassistischen Demonstrationen, die derzeit in Frankreich stattfinden, dann ist ihr die Aufmerksamkeit der Zuhörenden gewiss. Eindringlich, rau ist ihre Stimme. Klar und entschlossen sind ihre Worte, oft kämpferisch, manchmal radikal. So auch an diesem Tag Anfang Juni, als sie unter freiem Himmel zu JournalistInnen spricht; im Hintergrund ein riesiges Wandmosaik in Schwarzweiss an einer Schulmauer, aus der Ferne sind darauf die Augen von George Floyd und Adama Traoré zu erkennen. Zwei schwarze Männer, gestorben bei Polizeieinsätzen, die in ihrer jeweiligen Heimat zum Symbol für rassistisch motivierte Staatsgewalt geworden sind. Wo in diesen Tagen in Frankreich gegen Rassismus demonstriert wird, ist Adama Traoré allgegenwärtig. Es ist das Verdienst seiner grossen Schwester, Assa.

Nicht nur in Ivry-sur-Seine südlich von Paris, wo die 35-Jährige mit ihrer Familie lebt, wird Assa Traoré auf der Strasse erkannt. Auch internationale Medien sind auf die charismatische Kämpferin aufmerksam geworden, die «New York Times» und die «Washington Post» haben ihr Artikel gewidmet, nahezu alle französischen Magazine hatten sie schon auf der Titelseite. Ihre Geschwister beschreiben die dreifache Mutter und ausgebildete Erzieherin als eher bescheiden, wenn auch ernst und willensstark. An dieser Pressekonferenz beweist sie vor allem sehr viel Geduld: Während über eineinhalb Stunden nimmt sie sich Zeit für jede Frage, bleibt besonnen, wohl nicht zuletzt, weil sie weiss, dass sie gegen das schlechte Image ihrer Familie argumentieren muss, das in konservativen Medien und Facebook-Gruppen von PolizistInnen verbreitet wird, wo sie und ihre Familie angefeindet werden.

Wenige und widersprüchliche Zeugen

Allein schon für ihren familiären Hintergrund scheint sich Assa Traoré rechtfertigen zu müssen. Da ist der Vater aus Mali, mit 46 Jahren verstorben, weil er als Baustellenchef jahrelang Asbest ausgesetzt gewesen war. Da sind dessen vier Frauen und siebzehn Kinder sowie Dutzende Enkelkinder, die er zurückliess. Untereinander sprechen sie neben Französisch auch das westafrikanische Azayr, das überwiegend von MuslimInnen gesprochen wird.

Und da ist Assa, seit dem Tod des Vaters Familienoberhaupt. Assa habe die Geschwister zusammengehalten, sagen die Traorés. Sie habe sich jedes ihrer Probleme zu Herzen genommen und wann immer nötig ausgeholfen, mit ihrem bescheidenen Lohn von 1600 Euro im Monat. Und Probleme gab es zuhauf: Mehrere Traoré-Brüder sind schon früh mit dem Gesetz in Konflikt geraten, vier von ihnen müssen aktuell noch Haftstrafen absitzen. Es geht um Diebstahl, um Drogenhandel und Gewalt. Von PolitikerInnen des Rassemblement National (RN) von Marine Le Pen wird die Familie gerne als kleinkriminelle Bande beschrieben, die ihre Heimatgemeinde Beaumont-sur-Oise, rund sechzig Kilometer ausserhalb von Paris, regelrecht terrorisiert habe. Eine Geschichte, die perfekt ins verbreitete Bild einer französischen Vorstadtjugend passt, die sich an keine Gesetze halte und deswegen selbstverschuldet ständig in die Hände der GesetzeshüterInnen gerate. Diese Geschichte hat am 19. Juli 2016 eine tragische Wendung genommen.

An jenem Tag, seinem 24. Geburtstag, wird Adama Traoré, der den Behörden bereits wegen kleinerer Delikte bekannt ist und eine Haftstrafe hinter sich hat, in seinem Heimatort von Gendarmen kontrolliert. Er ergreift die Flucht und entzieht sich kurz darauf nochmals einer Festnahme, bevor er schliesslich in der Wohnung eines Bekannten gestellt wird. Drei Beamte sind beteiligt, als er bäuchlings und in Handschellen am Boden fixiert wird. Später werden diese sagen, es sei dabei keineswegs brutal zugegangen, auch wenn Adama Traoré gemäss einer ursprünglichen Polizistenaussage geklagt hat, er bekomme keine Luft. Nachdem Traoré im Einsatzwagen das Bewusstsein verliert, wird er auf die Wache gebracht – und erst dann erste Hilfe angefordert. Nochmals vergehen entscheidende zwanzig Minuten, bevor mit Wiederbelebungsmassnahmen begonnen wird, die nichts mehr bewirken. Weder durch Videos noch durch die wenigen und teils widersprüchlichen Zeugenaussagen lässt sich der genaue Ablauf der Geschehnisse rekonstruieren.

So stehen sich zwei Behauptungen gegenüber: Offiziell heisst es, Todesursache sei eine Herzvorerkrankung des jungen Mannes. Seine Familie hingegen glaubt an einen Erstickungstod in Folge der Festnahme, und auch das könnte stimmen, je nachdem, welchem der zahlreichen mittlerweile vorliegenden Gutachten man eher glaubt. «Wir haben keine Angst vor der Wahrheit», betont jedenfalls Assa Traoré bei jedem ihrer Auftritte. Bloss gibt es bislang eben keine «Wahrheit», nur Mutmassungen. Auch «Le Monde» betitelte einen grossen Leitartikel zu dem Fall mit: «Die Grauzonen einer Affäre, die zum Symbol geworden ist».

In dieser Affäre wird Assa Traoré von manchen gefeiert wie eine französische Angela Davis oder wie Marianne, die heroische Nationalfigur der Französischen Republik. Dass ihr Engagement so viel Aufmerksamkeit auf sich zieht, liegt nicht zuletzt daran, dass sie seit 2016 viel Unterstützung von schwarzen Prominenten bekommen hat, wie etwa von Schauspieler Omar Sy («Les Intouchables») oder dem oscarnominierten Regisseur Ladj Ly («Les Misérables»). Aber auch weisse Intellektuelle wie Didier Eribon und Édouard Louis oder die feministisch engagierte Schauspielerin Adèle Haenel stellten sich an ihre Seite. Man traf Traoré auf Demonstrationen von Krankenhausangestellten oder auf einem der Klimamärsche, im März 2019, gleich neben Hollywood-Schauspielerin Marion Cotillard. Selbst mit den Gelbwesten hat sich Traorés Komitee «Vérité pour Adama» solidarisiert. Sie taucht immer dort auf, wo gegen soziale, ökonomische oder physische Gewalt durch die Staatsmacht demonstriert wird. Politisch vereinnahmen lasse man sich deshalb noch lange nicht, betonen Assa Traoré und ihr Komitee.

Die Familie bleibt standhaft

Dennoch ist aus ihrem Kampf für die Wahrheit über den Tod ihres Bruders längst etwas viel Grösseres geworden. Es geht um soziale Ungleichheit, um Unterdrückung von Minderheiten, um Frauenfeindlichkeit, um Rassismus. Was die AktivistInnen all dieser Gruppen auf jeden Fall verbindet, ist ihre Erfahrung mit Polizeigewalt. Für ihr brutales Vorgehen wurde Frankreichs Polizei schon von Organisationen wie Amnesty International verurteilt, sogar von der EU hat sie eine Rüge kassiert. Doch die starken, konservativen Polizeigewerkschaften zeigen sich über jede Kritik erhaben (vgl. «‹Das sind Methoden, die teils noch aus der Kolonialzeit stammen›»).

Seit George Floyds Tod in den USA und der weltweiten Welle antirassistischer Solidarität gab es aber auch im Kampf der Familie Traoré Anzeichen, dass sich die Politik zum Handeln gezwungen fühlt. Es scheint, dass Frankreichs neue, junge Protestgeneration den EntscheidungsträgerInnen einen rechten Schreck eingejagt hat. So zumindest lässt sich deuten, dass Innenminister Christophe Castaner Reformen verkündet hat: Den PolizistInnen soll etwa der Würgegriff, der «clé d’étranglement» untersagt werden. Im Januar erstickte der 42-jährige Cédric Chouviat an dieser Festnahmemethode, sein Tod wurde in einem Video festgehalten. Allerdings ist Castaners Ankündigung vage, und es bleibt fraglich, wie ein Verbot durchzusetzen wäre. Für den Innenminister scheint es eine fast aussichtslose Mission zu sein: Einerseits will er die Protestierenden beschwichtigen. Andererseits muss er die BeamtInnen gegen grundsätzliche Rassismus- und Gewaltvorwürfe schützen, um bei ihnen keinen Unmut zu schüren.

In Frankreich werden derzeit all jene Fragen wieder auf die Strasse getragen, auf die die Politik keine Antworten findet. So wundert es nicht, wenn auf einer antirassistischen Demo auch weisse Jugendliche anzutreffen sind, die zuletzt bei den Klimamärschen oder der Gay Pride dabei waren. «Wir sind unfreiwillig Kämpferinnen geworden», sagt Assa Traoré an der Pressekonferenz zu den vielen Presseleuten. «Wir erleben eine weltweite Revolution. Die Welt danach begann in Frankreich an diesem 2. Juni!» Es war der Tag des ersten grossen Protests nach Floyds Tod, an dem landesweit 40 000 Menschen teilnahmen. Die grosse Solidarität mit Black Lives Matter liess sofort auch wieder den Fall von Adama Traoré in den Vordergrund treten.

Assa Traoré tritt an diesem Tag vor die Medien, weil ihre Familie eine Einladung erhalten hat: von Justizministerin Nicole Belloubet, die zu einem Gespräch bitten wollte. Präsident Emmanuel Macron hat ihr den Auftrag erteilt, den Fall neu zu prüfen. Die Antwort von Assa Traoré aber lautet: «Meine Familie wird weder die Einladung der Justizministerin noch jene des Élysée-Palasts annehmen, bevor nicht der Staatsanwalt die Sache auf den Tisch bekommt.» Die Traorés bleiben standhaft. «Worte reichen uns nicht, wir wollen Taten», lässt sie wissen. Kein öffentlichkeitswirksames Treffen also, bevor es zum Tod ihres Bruders keine neuen Ermittlungen der Justiz gibt. Es ist die Forderung der ersten Stunde, seit vier Jahren bleibt sie unverändert: Die Justiz muss aktiv werden.

Eine Justiz allerdings, die in der Vergangenheit fast nur gegen die Traorés gearbeitet hat. Auch Assa selbst droht eine Strafe, nach einer Anzeige durch die an Adamas Verhaftung beteiligten Gendarmen: Sie fühlen sich diffamiert, weil ihre Namen auf Social Media veröffentlicht worden sind. Dass Assa Traoré in ihrem Kampf für die Wahrheit mittlerweile eine berühmte Person geworden ist, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie in einer Endlosschleife von Schuldzuweisungen gefangen bleibt; ob ihre Familie letztlich eine Wiederaufnahme des Falls erwirken kann, bleibt mehr als fraglich. Ob die Gendarmen, die Adama Traoré getötet haben, tatsächlich auf der Anklagebank landen, ist genauso ungewiss – und noch viel mehr, ob es zu einer Verurteilung kommen würde.

Französische Zustände

Vom Sonnenkönig bis heute

Die Wurzeln rassistischer Narrative reichen auch in Frankreich weit zurück. So haben europäische Denker während der Aufklärung, darunter etwa der französische Philosoph Voltaire und der deutsche Philosoph Immanuel Kant, ihren Beitrag zur Entstehung einer «Rassentheorie» geleistet, mit der letztlich die angebliche Überlegenheit der «weissen Rasse» theoretisch untermauert werden sollte – um den Kolonialismus zu legitimieren.

Unter Sonnenkönig Ludwig XIV. werden 1685 mit dem Dekret «Code Noir» die Rechte der Bevölkerung in den französischen Kolonien massiv beschnitten. Nach der Revolution in Frankreich bleiben die Überseegebiete von allen Errungenschaften bei den Bürgerrechten ausgenommen. Und auch als Frankreich 1848 offiziell die Sklavenherrschaft abschafft, ändert sich nichts. Vielmehr hat sich die Nation zur Aufgabe gemacht, afrikanische Communitys zu «zivilisieren». Die Vorstellung der weissen Überlegenheit dauert an – ob auf den linken oder rechten Rängen der Nationalversammlung.

In der dritten Republik wird die Kolonialherrschaft in Frankreich öffentlich zum Politikum. Etwa 1925 mit der historischen Rede des Sozialisten Léon Blum, in der er den Kolonialismus als imperialistisch verurteilt. Auch die KommunistInnen stellen sich gegen die Kolonialherrschaft, die nach Lenins Auffassung der verlängerte Arm des Kapitalismus ist. Gleichzeitig treten schwarze Intellektuelle und People of Color auf den Plan – wie der Schriftsteller und Politiker Aimé Césaire, der mit anderen die literarische Strömung «Négritude» begründete.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs bricht eine neue Welle des Rassismus an: Besonders einschneidend ist seitdem die Polizeigewalt, die als Erbe des Algerienkriegs nachhallt. In den achtziger Jahren spitzt sich die Lage mit dem Erstarken der rechtsextremen Partei Front National unter Jean-Marie Le Pen zu. Die zunehmende Ghettoisierung in den Schlafstädten, die Stigmatisierung und Diskriminierung der BewohnerInnen in den Banlieues wird dabei zum bedeutendsten rassistischen Narrativ. Um für besseren Zugang zum Arbeitsmarkt, Wohnraum und Bildung zu kämpfen, werden Vereine und Initiativen gegründet, darunter – die wohl bekannteste – SOS Racisme. Unter dem Slogan «Marche pour l’égalité et contre le racisme» fand 1983 Frankreichs erste landesweite Demonstration gegen Rassismus statt.

Seitdem hat sich die Lage keineswegs gebessert. Noch immer feiert die Le-Pen-Partei Wahlerfolge. Die Lage in den Vorstädten ist nach wie vor miserabel, rassistische Polizeigewalt fordert regelmässig Todesopfer. Inzwischen werden die Diskriminierungserfahrungen teils in der Populärkultur verarbeitet – sei es im Rap, im Kultfilm «La Haine» (1995) oder in «Les Misérables» (2019). Seit 2016 gewinnt die Antirassismusbewegung rund um Assa Traoré – und die anderen AktivistInnen, die Angehörige durch rassistische Polizeigewalt verloren haben – an neuer Stärke. So wächst möglicherweise eine neue Generation der Bewegung heran, die sich mehr Sichtbarkeit verschaffen kann – und der hoffentlich endlich zugehört wird.

Romy Strassenburg

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch