Nr. 08/2021 vom 25.02.2021

Adieu Adieu

Michelle Steinbeck tanzt spätnachts zu Françoise Cactus

Von Michelle Steinbeck

Die strahlenden Frühlingstage bringen eine traurige Nachricht: Françoise Cactus ist gestorben. Die Sängerin und Drummerin von Stereo Total wurde nur 57.

Rund um den Globus war sie gefeiert für ihre Musik, ihren Witz, ihren unverkennbaren Stil: Feminismus und Punk, locker aus dem Handgelenk, pulsiert direkt in die Beine. Die Frau in der Musik stört immer, singt sie, eine Hure in der Küche, eine Köchin im Bett. Sie schrieb Lieder «international», wie sie sagte, nonchalant in vielen verschiedenen Sprachen: Deutsch, Französisch, Englisch, Italienisch, Spanisch, Japanisch … «Perfektion in der Musik interessiert mich überhaupt nicht», meinte sie vor ein paar Jahren in einem Interview, «ein bisschen schräg gefällt mir.»

So krame ich anlässlich dieses viel zu frühen Todes wieder einmal in der Plattensammlung. Und die enge, eingefahrene, sogenannte neue Normalität, die massgeblich aus Bildschirm-Stress-Zackzackspaziergang besteht, wird mit Françoise’ Stimme im Ohr gesprengt: Die Welt geht wieder auf.

Sie bringt uns dazu, wieder spätnachts in der Küche zu tanzen und am Morgen summend aufzuwachen, zum Gezwitscher der Spatzen: Du bist gut zu Vögeln. Die Sicht wird freier, der Spaziergang lustiger – du erzählst dem Kiebitz einen blöden Witz, sogar mit dem Buntspecht kommst du ganz gut zurecht.

Raus aus Fatigue, Blockade, Verzweiflung, Deadline, Augenweh – je marche comme une somnambule … relax baby be cool läuft nun hoch und runter. Wir drehen die Heizung ab, reissen die Fenster auf, schreien raus: No no no I don’t need it. Ziehen uns aus, tanzen konzentriert und spüren, wie der Frühling so richtig einfährt: Ich bin nackt, na und? So hat mich meine Mutter gemacht. Der Nachbar steht am Fenster, mir egal, so will es die Natur.

Die Natur spüren auch die Promenierenden draussen. Sie verschlingen einander mit den Augen, pandemische Frühlingsgefühle verbreiten sich wie wild: Du bist schön von hinten, mit ein paar Metern Entfernung. Lockdownmüde Paare fragen sich: Wie soll ich, wie soll ich, wie soll ich mich nach dir sehnen, wenn du stets, wenn du stets, wenn du stets bei mir bist? Aber Françoise hat auch hier eine Antwort parat: Vielleicht mal wieder Liebe zu dritt? Wenn dann die Sonne untergeht und die Kälte zurück ins Gemüt kriecht, wenn Freitagabend ist und die Lokale geschlossen sind – Keine Musik, keine Musik mehr – dann stimmt selbst Françoise zu: Es ist nicht leicht. Aber hey, wieso sind wir da nicht früher drauf gekommen? Was ist eine Zoom-Party, wenn nicht: Tanzen im 4eck!

Françoise Cactus bringt in diesen Tagen eine Leichtigkeit und ein Lebensgefühl zurück, die mir irgendwann klammheimlich abhandengekommen sind. Ich bedanke mich herzlich, ich hatte viel Spass mit dir. Es ist himmeltraurig. Françoise Cactus war und bleibt ein einzigartiges Vorbild, nicht nur für Frauen in der Musik. Das Problem ist schliesslich universell: «Wenn Typen so was machen, werden sie als Künstler aufgefasst, aber wenn eine Frau sich so benimmt, wird sie als Furie, als verrückte hysterische Kuh angesehen, das ist nämlich der grosse Unterschied.»

Cactus war auch Autorin, Radiomacherin und Künstlerin. Ihr Rat ist Gold wert: «Das Wichtigste ist, wenn die Frau ein paar Zweifel hat – bin ich jetzt gut genug? –, so zu handeln, als ob sie gar keine Zweifel hätte.» Stattdessen sollen wir «so lange rumnerven, bis es klappt». Das ist der Weg in eine Strahlende Zukunft.

Michelle Steinbeck lebte eine Jugend mit Stereo Total. Nun liest sie Françoise Cactus’ Bücher und hört den vergriffenen Debütroman «Autobigophonie» als Hörspiel.

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