Nr. 08/2021 vom 25.02.2021

Und das Fleisch ist Wort geworden

Keine bequeme Autorin, aber eine in jeder Hinsicht einzigartige. Helen Meier fand ihr Publikum erst spät. Mit urwüchsiger Sprache sezierte sie gnadenlos unser zwischenmenschliches Durcheinander.

Von Daniela JanserMail an Autor:in

Helen Meier

Es war ein Leben, das in vielerlei Hinsicht ein ständiger Aufbruch war. Ein Aufbrechen auch. Und bis fast zuletzt das beharrliche Aufbrauchen eines unersättlichen Drangs, zu schreiben. Geboren wurde Helen Meier am 17. April 1929 im sankt-gallischen Mels, als Tochter des Dorfschullehrers. Eine ländliche Gegend, eingeklemmt zwischen zwei Bergketten, Richtung Bündner Herrschaft und ins Rheintal öffnet sich der Blick. Man wird dort am Handfesten gemessen. Gleichzeitig schiessen Gerüchte, Fantasien, Geheimnisse, inneres Leid wild ins Kraut. Aber im Verborgenen. Dieses nach aussen gekehrte Verborgene ist die Welt von Helen Meiers Prosa.

Früh schrieb sie Gedichte. Und legte sie einem Pfarrer vor, den sie mochte. In diesen Regionen ist die Religion zuständig für das Geistige, für das Übersinnliche und Unbegreifliche. Doch der Geistliche liess die jugendliche Dichterin und ihr Wortwerk abblitzen. Die Literaturwissenschaftlerin Beatrice von Matt hat diese Urszene aus Meiers autobiografisch grundiertem erstem Roman «Lebenleben» nicht nur als Zurückweisung interpretiert, sondern als Ablösung von Kirche und Kindheit: «Was ihr bleibt, ist diese Erfahrung vom Wort, ein absoluter Glaube ans Wort.»

Später prägte Meier selbst in einem Radiointerview für ihr Schreiben den Satz: «Ich erfahre und transponiere es sofort in mein Eigenes.» Das Leben müsse «Wort werden, wenn man meint, man sei eine Schriftstellerin». Und es kann kein Zufall sein, dass die katholisch Erzogene sich hier den Bibelspruch aneignet vom Wort, das Fleisch wird – ihn aber auf den Kopf stellt: Das Fleisch muss Wort werden. Dieses Selbstvertrauen in die eigene Sprache, die ihr jede Freiheit ermöglicht, nicht zuletzt die Befreiung, sich wegzuschreiben von der eigenen Herkunft, ist bei Meier in allen Aussagen spürbar.

Späte Sturzgeburt

Von ihren vier Geschwistern durfte nur der Bruder studieren, Helen Meier wurde am Seminar in Rorschach zur Lehrerin ausgebildet. Sie arbeitete als Primarlehrerin, später mit Sonderschulklassen im appenzellischen Trogen, wo sie auch lebte. In der Freizeit schrieb sie – vorläufig für die Schublade. Ihr Biograf Charles Linsmayer berichtet von vielen retournierten gelben Umschlägen mit Geschichten, die sie jahrelang unter dem Pseudonym Irene Grünenfelder an Verlage geschickt hatte: der Nachname ihrer Grossmutter, der ersten Geschichtenerzählerin in ihrem Leben.

Erst 1983, Meier ist bereits 54 Jahre alt, beisst endlich jemand an. Der Zürcher Ammann-Verlag will ihre Geschichten drucken. Auf Vermittlung von Jurorin Klara Obermüller wird sie 1984 auch ans Bachmann-Wettlesen in Klagenfurt eingeladen, wo sie mit der Erzählung «Lichtempfindlich» einen Preis und ein Publikum gewinnt. Diese späte Sturzgeburt zur Schriftstellerin geniesst Meier mit einer coolen Selbstverständlichkeit. Man muss heute noch darüber schmunzeln, wenn man sich die Interviews aus der Zeit anhört.

Die Geschichten purzeln nun nur so aus ihr heraus, ein Band nach dem anderen: «Trockenwiese», «Nachtbuch», «Letzte Warnung». Die Stücke kreisen um Zwischenmenschliches, um Beziehungen in allen erdenklichen Konstellationen. Um Liebe, homosexuelle, heterosexuelle, um Fluchten in die Einsamkeit – und immer wieder auch um in die Mitte der Erzählung geholte AussenseiterInnen. Geschmeidig oder lieblich ist hier nichts, Glück blitzt auf und darf ein paar Sätze lang andauern: «Ich schlief ein, erwachte, überrascht von einer kurzen masslosen Freude.»

Es ist die Sperrigkeit der Menschen, die Helen Meier interessiert, das Verbogene und Ungeschliffene, der unerwartete Abgrund. Wir Lesende sollen stets in einem Zweifel bleiben, ins Grübeln kommen, ein Happy End ist ausgeschlossen. Unsentimental will sie schreiben, aber nicht lieblos, dieser Unterschied ist ihr wichtig. Fast entschuldigend betont sie, dass sie mit ihren Geschichten nicht gefallen wolle, zeigt sich aber auch sichtlich erschüttert, wenn man ihr unterstellt, sie habe ihre Figuren nicht gern.

Es ist eine Literatur der vielen markanten Sätze, die man sich anstreicht. Oft weniger ein Erzählen als ein messerscharfes Ausstanzen von Wahrheiten. Das Allzumenschliche wird seziert mit trügerisch einfachem poetischem Besteck. Unsere irrationalen Innereien werden blossgelegt, Beschreibungen sind das Gegenteil von Beschönigungen: «In der klebrigen Dämmerung des Esszimmers roch es nach Staubsauger.»

Das in Meiers Geschichten aufgespürte «ungelebte Leben» legte man ihr oft biografisch aus. Als ob sie als «Altledige» dieses «Ungelebte» besonders gut kennen müsste. Doch derlei Kurzschlüsse zwischen Biografie und Werk verraten vor allem eine Hilflosigkeit gegenüber diesen dichten, gnadenlosen Texten. Die Frage «Haben Sie das selbst erlebt?» holt das Gelesene aus den ungesicherten Sphären unsanft auf einen banalen Boden der vermeintlichen Tatsachen zurück. Meier selbst hat solche Fragen wortreich und stets freundlich umschifft.

Ausgeworfene Rettungsringe

Die Hauptfigur Anna aus «Lebenleben» hat sie als ihr biografisches Abbild gelten lassen. Doch auch diese Anna ist am Ende schlicht Literatur, eine Wortgewordene. Die Gier nach dem Biografischen in und hinter Texten verengt den Blick. Vor allem aber verstellt sie die Sicht auf die der Mundart abgerungene urwüchsige Wucht von Meiers Sprache. Zum Glück gab es auch andere Ansätze. Neben Elsbeth Pulver, Werner Morlang, später auch Christine Lötscher hat sich insbesondere Beatrice von Matt intensiv mit Meiers Werk beschäftigt – und sie Buch für Buch mit Rezensionen begleitet.

Eine derartige akribische und engagierte Auseinandersetzung über viele Jahre hinweg knüpft ein stabiles Netz aus Interpretationen und Querverbindungen und wirft Rettungsringe für die LeserInnen aus. Helen Meiers unbequemes Werk ist ohne diese kritische Vermittlung kaum vorstellbar, noch weniger ihre Popularität bei den LeserInnen. Man liest sich durch die von Biograf Linsmayer gesammelten Rezensionszitate aus den achtziger und neunziger Jahren – und vergleicht diese vielstimmige Auseinandersetzung bestürzt mit der eingeschrumpften Rezensionskultur in den Feuilletons von heute. Ob eine Literatur wie die von Meier in unserer Gegenwart noch einen solchen Echoraum finden könnte?

Ebenfalls wie ein Relikt aus der Vergangenheit wirkt die enge Zusammenarbeit mit ihrem Verleger und Lektor Egon Ammann, der zusammen mit Marie-Luise Flammersfeld jedes Buch persönlich betreute und mit dem Meier sich auch privat rege austauschte. Als der legendäre Ammann-Verlag 2010 altershalber aufgelöst wurde, verschwanden Meiers Bücher aus den Lieferverzeichnissen; die Betreuung über das Ende des Verlags hinaus scheint weniger gut geklappt zu haben. Ihr Spätwerk erschien im Zürcher Xanthippe-Verlag, dazu frühe unveröffentlichte Geschichten, ein Märchenband.

Am 13. Februar ist Helen Meier frühmorgens im Schlaf gestorben. Und mit ihr auch eine eigensinnige und sprachsinnliche Ära der Schweizer Literatur. Was bleibt, ist das Wort.

Im Buchhandel erhältlich sind «Übung im Torkeln entlang des Falls» mit Geschichten aus allen Phasen von Helen Meiers Schreiben, ergänzt durch ein biografisches Nachwort von Charles Linsmayer (Th. Gut Verlag) sowie die im Xanthippe-Verlag erschienenen Textsammlungen, unter anderem «Die Agonie des Schmetterlings».

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch