Nr. 09/2021 vom 04.03.2021

«Auf der Seite derjenigen, die gelitten haben»

Am 5. März 1921 wurde die Kommunistische Partei der Schweiz gegründet. Geschichtsprofessorin Brigitte Studer und PdA-Politikerin Zora Schneider sprechen über den Begriff und das historisch schwierige Erbe des Kommunismus.

Interview: Ayse Turcan

WOZ: Frau Studer, warum sollte es irgendwen interessieren, dass vor hundert Jahren die KPS gegründet wurde, die Kommunistische Partei der Schweiz?
Brigitte Studer: In der Geschichtswissenschaft rennt man oft den Jubiläen hinterher, und ich finde, das alleine macht ein Thema noch nicht interessant. Aber der Kommunismus ist ein wichtiger und prägender Teil der Geschichte des 20. Jahrhunderts – im Negativen wie im Positiven. Ohne den Kommunismus kann die Geschichte der Schweiz, Westeuropas, der Welt nicht verstanden werden.

Würden Sie als Stadträtin der Partei der Arbeit die Geschichte der KPS auch als Ihre Geschichte bezeichnen, Frau Schneider?
Zora Schneider: Nein, nicht unbedingt. Die PdA ist zwar eine Nachfolgepartei der KPS, die 1940 verboten wurde, aber unser Gründungsjahr ist 1944. In der PdA-Sektion Bern sind anlässlich des KPS-Jubiläums auch keine Veranstaltungen geplant.

Sowieso würden wohl die wenigsten finden, dass hundert Jahre KPS ein Anlass zum Feiern sei, denn der Kommunismus hat in der Schweiz auch dreissig Jahre nach Ende des Kalten Krieges ein schlechtes Image. War das schon immer so?
Studer: Der Antikommunismus hat in der Schweiz eine lange Tradition. Der einflussreiche Schweizer Jurist Johann Kaspar Bluntschli hat schon 1843 in einem Bericht zum Kommunismus in der Schweiz festgehalten, dass der Kommunismus etwas «Fremdes» und seine Vertreter gefährlich seien. Spätestens mit der Russischen Revolution von 1917 mutierte der Kommunismus zum absoluten Feindbild. Aus Angst davor wurden in der Schweiz auf nationaler und kantonaler Ebene zahlreiche Massnahmen ergriffen, so etwa die Einführung der Filmzensur im Kanton Waadt 1927, als dort die ersten sowjetischen Filme gezeigt wurden. Es gibt unzählige Beispiele, an denen man den Antikommunismus festmachen kann. Dazu gehören ab 1930 die in vielen Kantonen eingeführten Parteiverbote oder das Arbeitsverbot für KommunistInnen in der Bundesverwaltung von 1932.

Brigitte Studer Foto: Ursula Häne

Worin liegt der Ursprung dieser Ablehnung begründet?
Studer: Der Antikommunismus war sogar in der Sozialdemokratie verbreitet. Das politische System der Schweiz ist sehr stark lokalisiert, jede Veränderung wird als Bedrohung wahrgenommen. Hinzu kommt, dass es in der Schweiz nie einen richtigen politischen Bruch gab. Die beiden Weltkriege haben in der Schweiz anders als in anderen Ländern nicht zu Diskontinuitäten auf politischer Ebene geführt. Die Kriege haben das gesellschaftliche Gefüge der betroffenen Staaten durchgerüttelt, viele Reiche haben ihr Vermögen verloren – das gab es in der Schweiz nicht. Hier beobachten wir eine starke Kontinuität der alten Eliten.

Schneider: Diese Ablehnung ist bis heute spürbar. Im Stadtrat werde ich regelmässig als «Kommunistin» beschimpft. Ich sage beschimpft, weil es abwertend gemeint ist, auch wenn ich mich selbst so bezeichne. Für die extreme Rechte im Rat ist pauschal alles kommunistisch, was links ist. Egal ob günstiger Wohnraum oder Gratis-ÖV, wie von der PdA aktuell gefordert, ja für Politiker wie Erich Hess ist sogar die Stadt Bern kommunistisch.

Studer: Es ist ähnlich wie in den USA, wo alles potenziell Linke als Sozialismus diffamiert wird. In der Schweiz ist der Kommunismus das rote Tuch.

Schneider: Eine ehemalige Arbeitskollegin hat mich einmal gefragt, ob ich, da ich ja Kommunistin sei, auch ihre Zahnbürste gerne zum Allgemeingut erklären würde. Das hat mir schon sehr zu denken gegeben. Sehr viele Menschen wissen nicht, was Kommunismus überhaupt ist.

Studer: Ich finde es wichtig, dass man unterscheidet, was man mit dem Begriff bezeichnen will. Kommunismus ist zuerst einmal eine Idee, die man beispielsweise auf Karl Marx zurückführen kann. Damit meine ich eine Weltanschauung und gewissermassen ein Analyseraster der sozialen Realität. Zweitens gibt es politische Organisationen, die sich als kommunistisch bezeichnen oder bezeichneten, und drittens existierten politische Regimes, die sich kommunistisch nannten. All diese Begriffsdimensionen hängen historisch gesehen zusammen, sind aber nicht deckungsgleich.

Zora Schneider Foto: Ursula Häne

Schneider: Die Definition von Kommunismus als Analyseraster der sozialen Realität gefällt mir sehr gut. Ich würde aber auch einen Funken Hoffnung hinzufügen: Für mich bieten kommunistische Ideen nicht nur Möglichkeiten der Analyse, sondern auch von Handlungs- und Lösungsansätzen. Und ein gewisses historisches Bewusstsein ist ebenfalls zentral. Die Geschichte und das Subjekt spielen im Marxismus eine grosse Rolle. Wenn man sich damit beschäftigt, muss man sich unweigerlich fragen, was die Arbeit mit einem macht und wie sich diese Beziehung verändert hat.

Studer: Was Sie da in Bezug auf das Subjekt sagen, finde ich wichtig. Es bedeutet, dass der Mensch handlungsfähig ist und etwas verändern kann.

Was waren das für Personen, die 1921 die Welt verändern wollten? Wer waren die ersten Schweizer KommunistInnen?
Studer: Die KPS war ein Zusammenschluss der sogenannten AltkommunistInnen und des linken Flügels der SP. Bei der Gründung 1921 war die Partei interessanterweise sehr pluralistisch. In Bezug auf Ideologien, aber auch hinsichtlich Herkunft, Geschlecht und Staatszugehörigkeit ihrer Mitglieder. Der Kommunismus in der Schweiz hat den AusländerInnen sehr viel zu verdanken. Das wurde dann zwar zu einem Topos des Antikommunismus, tatsächlich waren aber viele russische RevolutionärInnen während des Ersten Weltkriegs in der Schweiz und pflegten enge Kontakte zur Schweizer Linken. Die ersten Mitglieder der KPS waren nicht nur ArbeiterInnen, es hatte auch viele Intellektuelle darunter. Auch Personen wie die sogenannte rote Millionärin Mentona Moser waren dabei.

Und wer ist heute in der PdA?
Schneider: Sieht man sich die Wahlliste der Stadt Bern vom vergangenen Herbst an, findet man viele Personen, die keinen akademischen Hintergrund haben. Zehn von neunzehn Personen auf der PdA-Liste haben nicht studiert, wodurch wir uns klar von anderen linken Parteien unterscheiden. Unter den Kandidierenden waren etwa eine Lokführerin, ein Maler und ein Hilfskoch.

Wie viele Personen sind in der PdA der Stadt Bern aktiv und nehmen an Veranstaltungen der Partei teil?
Schneider: Es kommt sehr auf den Anlass an. Im Moment haben wir ziemlichen Zulauf aufgrund der von uns lancierten Initiative für kostenlosen ÖV. Aber richtig aktiv sind in der Regel nicht mehr als fünf oder sechs Leute.

Zu ihren besten Zeiten, in den zwanziger Jahren, hatte die KPS um die 6000 Mitglieder. Der Kommunismus konnte in der Schweiz noch nie die Massen begeistern …
Studer: Der grösste Erfolg, den die KPS jemals feiern konnte, waren zwei Prozent bei Nationalratswahlen. Wenn man das mit der Kommunistischen Partei Frankreichs vergleicht, ist es schon sehr wenig. Wobei dort natürlich mit dem Zweiten Weltkrieg und der Résistance ein ganz anderer historischer Kontext dahintersteht.

Angesichts dieser zahlenmässigen Bedeutungslosigkeit – welche Auswirkung hatte die Existenz der KPS innerhalb der Linken?
Studer: Der Kommunismus war für die Sozialdemokratie sicher immer eine Art «Piksen», denn die KPS und später die PdA haben linke Themen aufgegriffen, die die SP nicht auf der Agenda hatte. Nach dem Zweiten Weltkrieg engagierte sich die PdA stark für das Frauenstimmrecht, hatte allerdings – es war die Zeit des Stalinismus – in Bezug auf Demokratiefragen ein Glaubwürdigkeitsproblem.

Wie ist das Verhältnis zwischen PdA und SP heute?
Schneider: Es gibt viele Überschneidungen zwischen der Politik der PdA und der SP. Aber die SP verfolgt einen Reformweg, den die PdA kritisiert. Während der Sozialstaat in den letzten Jahren kontinuierlich abgebaut wurde, hat der Neoliberalismus an Boden gewonnen. Diese Entwicklungen wurden zum Teil von der SP mitgetragen. Polemisch gesagt: Der Unterschied ist, dass bei der PdA niemand vergisst, dass wir den Kapitalismus abschaffen wollen. Ich bin, gerade auf lokaler Ebene, wann immer möglich für eine Zusammenarbeit. Aber Radikalität und Konsequenz in der Politik sind mir wichtig. Gerade in der Klimafrage und bei der Care-Ökonomie braucht es grundsätzliche Umwälzungen.

Sind Sie deswegen in der PdA? Sie hat ja auch in linken Kreisen das Image einer angestaubten Alte-Männer-Partei …
Schneider: Diese alten Männer gibt es noch – aber zumindest in Bern entscheiden sie nicht über das Schicksal der Partei. Und wir haben unter unseren Mitgliedern mittlerweile auch viele junge Personen und Frauen. Dass ich selbst der PdA beigetreten bin, hat auch biografische Gründe. Meine Mutter war Achtundsechzigerin, überzeugte Feministin und in der neulinken Poch aktiv, in deren Tradition ich mich sehe. Die Kombination aus Feminismus und Kommunismus bedeutete im Alltag, dass zu Hause eine Kultur der offenen Kommunikation herrschte. Man ist solidarisch, man sieht einander in der ganzen Tiefe des Menschlichen. Und aus diesem Austausch entsteht dann ein Moment der Politik.

Wie ist das Verhältnis von Feminismus und Kommunismus? Die russischen RevolutionärInnen und auch die KommunistInnen in der Schweiz waren ja sehr progressiv, was gleichstellungspolitische Forderungen anging. Aber die KPS hatte nicht viele weibliche Mitglieder, oder?
Studer: Doch, die kommunistische Partei der Schweiz hatte einen Frauenanteil von bis zu fünfzehn Prozent.

Und das war viel für die damalige Zeit?
Studer: Ja, im Kontext gesehen schon. Die Frauen hatten damals in keiner Partei wirklich Platz. Die SP und die KPS haben in einer Zeit, in der das Frauenstimmrecht noch weit entfernt war, bereits Frauen aufgenommen. Aber der Frauenanteil der KPS sank ab Mitte der zwanziger Jahre. Das war nicht bei allen kommunistischen Parteien so. Die US-amerikanische und die englische KP erlebten in den dreissiger Jahren einen Zulauf an Frauen. Feminismus war für die KommunistInnen jener Zeit ein bürgerliches Konzept. Sie forderten stattdessen Gleichheit. Was fehlte, war die Überlegung, wie diese Gleichheit tatsächlich hergestellt werden sollte. Das Engagement in linken Parteien war damals die einzige Möglichkeit für Schweizer Frauen, politisch aktiv zu sein, in der Kommunistischen Internationale vielleicht sogar bezahlt. Aber die Leitungspositionen waren den Männern vorbehalten. Es gab ein paar Ausnahmen wie Clara Zetkin oder Alexandra Kollontai in Russland. Auch in der KPS nahmen einige Frauen führende Rollen ein, Rosa Grimm ist so ein Beispiel.

Frau Studer, man munkelt, dass Sie selbst in Ihrer Jugend in der trotzkistischen Gruppierung RML, der Revolutionären Marxistischen Liga, aktiv waren. Stimmt das?
Studer: Ja, allerdings nur etwa während sechs Monaten. Ich bin über die SchülerInnenbewegung dazu gekommen. Es war eine Phase, in der sich der Trotzkismus gerade sehr stark mit der Neuen Frauenbewegung und der Homosexuellenbewegung auseinandersetzte. Ich bin relativ schnell wieder ausgetreten, blieb aber noch eine Weile Sympathisantin.

Haben Sie die trotzkistische Bewegung damals als progressiver wahrgenommen als die PdA?
Studer: Ja, eindeutig. Die PdA, das waren ältere Männer, dogmatisch, stalinistisch – das interessierte uns nicht. Die TrotzkistInnen waren im Gegensatz zur PdA kritisch gegenüber der Sowjetunion. Es war eine blockfreie Bewegung, es bestand also keinerlei Bindung an irgendein Regime. Meines Erachtens ist das eines der wichtigsten Kriterien für soziale Bewegungen: dass sie unabhängig von Staaten und deren Interessen agieren. Heute stehe ich dem Trotzkismus nicht mehr nahe, und intellektuell hätte ich viele Kritikpunkte. Aber wenn man etwas Positives betonen muss, dann ist es die kritische Distanz.

Schneider: Ich finde es schwierig, dass immer auf dieser Kontinuität von der Gründung der KPS bis zur PdA von heute bestanden wird. Wir leben in einer anderen Zeit, die Partei, ihre Funktionsweise und ihre Positionen sind nicht mehr dieselben, der Kalte Krieg ist seit dreissig Jahren vorbei. Der PdA wird aber bis heute immer eine Nähe zu totalitären Staaten unterstellt, auch wenn sie nicht mehr besteht. Die Kontinuität wird betont, um die Partei und ihre Positionen zu diskreditieren.

Studer: Ihre Chance ist, dass die Sowjetunion nicht mehr existiert und die PdA nicht mehr von der Sowjetunion finanziert wird. Finanzen sind ja auch immer mit Verpflichtungen verbunden.

Schneider: Vor vierzig oder fünfzig Jahren wäre ich der PdA auch nicht beigetreten. Wieso muss ich mich heute ständig für diese Altlasten rechtfertigen? Wieso können wir den Kommunismus nicht neu verstehen und für die heutige Zeit adaptieren? Zurück zu Marx, vielleicht auch zurück zu Walter Benjamin?

Studer: Das müssten Sie dann aber auch zeigen. Der Begriff Kommunismus ist historisch belastet, er hat eine Geschichte, die sich nicht so einfach abschütteln lässt. Es existiert eine gewisse Kontinuität, und wenn Sie sich als Partei für den Begriff Kommunismus entscheiden, dann heisst das, dass Sie das Erbe auch mittragen.

Schneider: Aber das gilt ja auch für andere Parteien, etwa für die Sozialdemokratie, die sich nicht gegen den Ersten Weltkrieg gestellt hat. Wenn ich mich heute als Kommunistin bezeichne, dann tue ich das mit Walter Benjamin und sage, ich stehe auf der Seite derjenigen, die in der Geschichte gelitten haben. Erst, wenn man dieses Leid anerkennt, und das tue ich, egal wer es verursacht hat, erst dann lässt sich eine wahrere Geschichte schreiben.

Studer: Das verstehe ich. Es gibt ganz verschiedene Facetten und Ausprägungen von Kommunismus. 1919, als sich SchweizerInnen für die Idee der Kommunistischen Internationale begeistern liessen, ging es ebenfalls um die Verteidigung der Unterdrückten und der Machtlosen, damals durch die Arbeiterklasse verkörpert. Aber die historische Entwicklung führte in die Abhängigkeit von einem Regime mit totalitärem Anspruch. Wenn Sie sich für den Begriff entscheiden, dann können Sie die Geschichte nicht einfach ausblenden. Sie prägt auch heute die Wahrnehmung des Kommunismus.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch