Nr. 10/2021 vom 11.03.2021

Der halbierte Schweizer

Aufgezeichnet von Dinu GautierMail an AutorIn

«Die Zeitung, für die ich arbeite, heisst ‹Freier Schweizer›. Wenn ich mit Leuten telefoniere, die uns nicht kennen, erkläre ich meist sofort, dass wir kein SVP-Blatt sind – sondern eine ganz normale Lokalzeitung. Wir heissen halt seit der Gründung 1875 so. Wir decken hauptsächlich den Bezirk Küssnacht am Rigi ab. Gut 13 000 Menschen leben hier.

Wir sind unabhängig, produzieren fast alles selber vor Ort. Wenn nicht gerade Pandemie ist, erscheinen wir zweimal wöchentlich. In der Dienstagsausgabe berichten wir vor allem über Veranstaltungen vom Wochenende. Der Trachtenverein feiert seinen 50. Geburtstag, ein freier Mitarbeiter fotografiert und schreibt was dazu. So Sachen halt. Und viel Sport; die Klubs verfassen ihre Spielberichte gleich selber. Und dann grössere redaktionelle Beiträge, am Dienstag vielleicht einen bis zwei, in der Freitagsausgabe zwei bis fünf. Wir sind vier Leute in der Redaktion, alle arbeiten Teilzeit. Und das Layout machen wir auch selber.

Die hiesige Bezirksverwaltung macht einen guten Job, es gibt nicht alle zwei Tage einen Skandal. Unser Verhältnis ist ziemlich sportlich, früher war das anders. Vom ehemaligen Landschreiber gabs auch mal eine Drohung, wenn ihm ein Titel oder lästige Fragen nicht passten: Man überlege sich, eine eigene Publikation herauszugeben und uns die amtlichen Mitteilungen wegzunehmen. Jetzt ist ein neuer Landschreiber am Werk, und es gelingt uns recht gut, unser Gärtchen gegenüber jenem der Behörden abzustecken. Überhaupt empfiehlt es sich in diesem Job, breite Schultern zu haben. Es ist und bleibt eine tief bürgerliche Gegend, auch wenn wir hier zum Glück in der liberalsten Ecke des Kantons Schwyz sind.

Im Frühling wurden alle Anlässe verboten – damit brachen auch die Inserate weg. Die machen zwei Drittel der Einnahmen aus. Wir stellten die Dienstagsausgabe ein. Über welche Veranstaltungen hätten wir denn berichten sollen? Bis Ende Sommer waren wir in Kurzarbeit, dann stellten wir wieder auf Normalbetrieb um. Im Herbst traf die zweite Welle den Kanton Schwyz heftig. Da war ja dieser berühmte Jodleranlass in Schwyz oben; danach konnten wir in Realtime verfolgen, wie sich das Virus hier verbreitete. Anfang Oktober hatte unsere Redaktion wahrscheinlich den besseren Überblick über den Ansteckungsverlauf als der Kanton. Das Contact Tracing war völlig unzureichend, da habe ich mich schon gefragt, was die Verwaltung eigentlich sechs Monate lang gemacht hat, wo doch jeder Epidemiologe genau davor gewarnt hatte. Das haben wir dann auch geschrieben, sind dem Regierungsrat ziemlich auf die Pelle gerückt. Es ist halt der Kanton Schwyz. Wir sind das, was die Schweiz gegenüber dem Ausland ist: Wir schauen und warten und warten und schauen. Und wenn man dann unbedingt muss und es gar nicht mehr anders geht, dann geschieht eventuell doch etwas.

Im November ist unser Miteigentümer und früherer Verlagsleiter an Covid gestorben. Das fährt dir schon ein – so vom einen Tag auf den anderen und ohne Vorerkrankungen und nichts. Er wurde 75. Nach Weihnachten stellten wir die Dienstagsausgabe wieder ein. Zunächst gab es auch wieder Kurzarbeit. Aber jetzt hat uns das Amt für Arbeit die Verlängerung verweigert. Wir hätten ja selber entschieden, ‹das übliche Produkte- und Dienstleistungsangebot zu halbieren›, hat man uns beschieden. Dabei versuchen wir einfach, unsere Kosten zu senken, damit wir die Krise überleben. Wir haben jetzt die Rechtsschutzversicherung eingeschaltet und sind recht optimistisch. Die Begründung des Kantons erscheint uns so absurd, dass wir glauben, sie gut widerlegen zu können.»

Fabian Duss (39) ist in Küssnacht am Rigi aufgewachsen, wo er heute Koredaktionsleiter der Lokalzeitung «Freier Schweizer» ist. In den Journalismus ist er im Nahen Osten eingestiegen, wo er auf Englisch für Agenturen berichtete.

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