Nr. 10/2021 vom 11.03.2021

Unter Verdacht

Karin Hoffsten sah zwei Tage lang ins Innere der Pandemie

Von Karin HoffstenMail an AutorIn

Voller Vorfreude auf eine erholsame Woche bezog ich am Mittag mein Hotelzimmer. Ich war müde, liess den Koffer stehen und legte mich ein bisschen hin. Als ich eine Stunde später aufwachte, hatte ich Schüttelfrost. Zähneklappernd rief ich bei der Rezeption an, und weil zum Hotel eine Rehaklinik gehört, stand Minuten später eine Pflegefachfrau an meinem Bett und stellte fest, dass ich 39 Grad Fieber hatte.

In diesem Moment änderte sich meine Welt. Ich stand unter Covid-19-Verdacht, und nichts, was ich hätte sagen oder tun wollen, hätte daran etwas ändern können – ab jetzt unterlag alles den Regeln der Pandemie. Nach kurzem Verschwinden kehrte die Pflegefachfrau, Frau W., zurück, trug nun zusätzlich zum Mund-Nasen-Schutz einen gelben Schutzmantel, Haube, Brille und Gesichtsschild, schob mir einen Teststab in die Nase und erklärte mein Zimmer zur Isolationszone.

Seit einem Jahr sehen und lesen wir alle medial gefiltert, wie wir uns die neue Krankheit vorzustellen haben, und für mich, die ich im nahen Umfeld keinen Menschen kenne, der erkrankt oder gestorben ist, blieb sie merkwürdig abstrakt. Das änderte sich jetzt schlagartig. Ich bekam panische Angst. Es braucht ja auch kein besonderes Vorstellungsvermögen, sich in jene Bilder zu fantasieren, die seit letztem Frühling die Welt beherrschen: Ich sah mich nackt und auf dem Bauch liegend ans Beatmungsgerät angeschlossen und dachte über meinen Tod nach.

Zum Glück behielt Frau W. die Nerven. So weit seien wir noch nicht, beruhigte sie mich, aber ich müsse so schnell wie möglich in ein Spital mit Isolierstation für Covid-Patienten. Das erwies sich als nicht so einfach. Nachdem vier Spitäler Vollbelegung gemeldet hatten, wurde Frau W. in Horgen fündig; viele Telefonate später fand sie auch einen Rettungsdienst, der bereit war, mich dorthin zu fahren, nebst Nottasche im isolierenden Plastiksack, mein Koffer blieb zurück. Zahllose Untersuchungen, langes Warten und einen Schnelltest später, der zu meiner Beruhigung negativ war, landete ich um zwei Uhr morgens in einem Zimmer.

Bis zum «richtigen» Testergebnis dauert es normalerweise 24 Stunden. Weil mein Test aus dem Hotel verschwunden war, musste er wiederholt werden – also dauerte es doppelt so lang. In diesen 48 Stunden war ich viel allein, las, sah der Fähre auf dem Zürichsee zu und spürte, wie meine Hochachtung vor dem Spitalpersonal ins kaum mehr Messbare wuchs.

Für jede Handreichung in meinem Zimmer musste sich eine Pflegeperson in Vollmontur werfen. Wer mir Blut abnahm, musste meine Venen durch Schutzbrille, Gesichtsschild und manchmal noch die persönliche Brille anpeilen. Für sie alle und für mich war die Kommunikation schwierig.

Als nach zwei Tagen eine Pflegefachfrau ohne spezielle Schutzkleidung in mein Zimmer hüpfte, glaubte ich zunächst an einen Irrtum – da jubelte sie: «Sie sind negativ!» Ich wurde gesund.

Karin Hoffsten hat sich gut erholt und freut sich darauf, hier auch wieder einmal einen Text ohne Leidensbezug veröffentlichen zu können.

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