Nr. 10/2021 vom 11.03.2021

Die Welt ist da, damit wir sie uns nehmen

Wu Tsang, Popstar aus der Kunstwelt, ist seit 2019 Hausregisseurin am Zürcher Schauspielhaus. Mitgenommen hat sie gleich ihre ganze Band. Und auch hier lässt sie sich nicht von ihrem Weg abbringen.

Von Caroline Baur

Clever und zart: Regisseurin Wu Tsang hat komplexe Machtverhältnisse im Blick. Foto: Blommers-Schumm

Er sei hier kein Fremder mehr. Die Welt habe ihn geliebt. Der Schnee werde schmelzen. Der Blick des Rapstars Saul Williams schweift über die weisse Wildnis der Alpen in Leukerbad. So erhaben wie die Berge, stapft dieser grosse Schwarze Mann mit silbernem Louis-Vuitton-Koffer zu perlenden Harfenklängen durch den Schnee.

Spricht da der Bürgerrechtler und Schriftsteller James Baldwin, den der Rapper hier spielt, oder die Regisseurin dieses vor wenigen Wochen gedrehten Modefilms, die 38-jährige Wu Tsang? Eine gewagte Prophezeiung jedenfalls: dass die rassistische Kälte dereinst wegschmelzen werde wie die Gletscher. Genauso gewagt wie der Spagat des amerikanisch-chinesischen Kunststars, die Ermächtigung marginalisierter Körper inmitten einer hochkarätigen Modeschau zum Schlüsselthema zu machen.

«Kind of hegemonic, kind of subversive», könnte man dazu die Queer-Theoretikerin Eve Sedgwick zitieren. Ähnliches haben wohl auch einige gedacht, als Wu Tsang 2019 als Hausregisseurin ans Zürcher Schauspielhaus berufen wurde, samt ihrer Truppe Moved by the Motion, zu der die Performancekünstlerin Tosh Basco, der Tänzer Josh Johnson, die Elektromusikerin Asma Maroof und der Cellist Patrick Belaga gehören: Irgendwie machtgeil, irgendwie subversiv? Doch das würde dieser zarten, cleveren und in ihrer politischen Haltung standhaften Persönlichkeit als Attribut nicht gerecht werden.

Ja, es ist komplizierter. Und zum Glück interessanter als das: Wu Tsang und ihre queere «Band», wie sie ihre Truppe nennt, verschönern nicht nur die Stadt durch ihre Präsenz, sie bringen mit ihren multimedialen Performances, Filmen und prozesshaften Arbeiten auch Bewegung in die spröden Theaterstrukturen. Wie letzte Woche, als sie mit Ensemblemitgliedern die erste Lektüre ihrer «Moby Dick»-Adaption per Zoom mit dem Publikum teilten – und damit einige im Publikum vor den Kopf stiessen. Sicherlich, es war holprig. Aber auch wild und vielversprechend. Der Film soll in einem Jahr mit dem Zürcher Kammerorchester im Schauspielhaus uraufgeführt werden.

«Moby Dick» als Spielplatz

Selbst wenn wir jetzt auch nur per Zoom miteinander sprechen können: Wu Tsangs warmherzige, radikale Offenheit schwappt problemlos durch den Bildschirm. Und es könnte leicht passieren, dass man etwas in sie projiziert, was James Baldwin einst als «die Vorstellung unaussprechlicher Freiheit» beschrieb, die den Exotisierten, den «Unerlösten» zukomme: Für die weisse Gesellschaft gebe es jedenfalls «nichts Attraktiveres auf der Welt». Womit wir mitten in den Kernthemen von Tsangs Arbeiten wären: den komplexen Machtverhältnissen des Blicks.

Der «white gaze», der weisse Blick, der sei nämlich überall. Ob in der Kunst- oder der Modewelt, ja, in jedem kreativen Feld, in dem etwas Konsumierbares entsteht. Für sie sei die Sprache des bewegten Bildes immer schon eine Auseinandersetzung damit, «wie der Blick historisch betrachtet People of Color, Transmenschen und Queere kannibalisierte». So gesehen, gebe es keinen unproblematischen, keinen unbefleckten Raum, in dem man dem Fetischisieren von Körpern entkommen könnte. Das seien genau die Probleme, die sie angehe, sagt Wu Tsang.

Bei «Moby Dick» zum Beispiel. Ein von Rassismen durchzogenes Buch; dennoch spricht Wu Tsang begeistert davon. Der Roman von Herman Melville ist ein Sammelsurium an Referenzen und Archetypen, ein Stück Geschichte der industriellen Revolution und des transatlantischen Dreieckshandels. Auch die unzähligen Verarbeitungen in der Malerei, in Filmen und Skulpturen und insbesondere die tiefschürfende Interpretation des britisch-karibischen Theoretikers C. L. R. James machen das Buch zu einem verheissungsvollen Spielplatz für Wu Tsang. Wie viele ihrer Arbeiten wird auch dieser Film um polyglotte Gemeinschaft, Herrschaft, Identität, Obsession und Körperlichkeit kreisen.

«Ich glaube, Intimität und Gewalt sind keine Gegensätze», sagt Tsang. «Das sind weite, abstrakte Begriffe, die wir brauchen, um über die Dynamik von Repräsentation zu sprechen.» Sie interessiere sich genau für die Spannung, die entsteht, wenn sie sich einerseits einem Bild verweigert, von dem sie weiss, dass es die Menschen sehen wollen, und andererseits ihrem eigenen Begehren, Ungesehenes zu sehen: «Dem Filmemachen kommt eine Macht zu, die Macht der Narration, die Macht, jemandem eine Plattform zu geben.»

Durch Welten navigieren

Wu Tsang arbeitet seit fünfzehn Jahren als Künstlerin; ihren Durchbruch hatte sie 2012 mit «Wildness», einem Film über eine Gay-Bar in der Latinoszene von Los Angeles. Immer wieder musste sie durch sehr verwirrende politische Fragen navigieren, nicht zuletzt aufgrund ihrer genderfluiden, migrantischen Identität. Ihr ist klar, dass sie damit inzwischen auch eine Agenda ihrer Auftraggeber bedienen soll, dass man sie als Künstlerin also für eine oberflächliche Diversität zu instrumentalisieren und auszubeuten versucht – das ist mittlerweile ihr Ausgangspunkt: «Ausschlaggebend ist, was man dann damit macht.»

Leuchtet ein, doch verkauft man sich nicht ein wenig zu leicht, wenn man für Labels wie Louis Vuitton dreht? Umgekehrt betrachtet: Wieso gibt es eigentlich kein Bundesamt für Mode? Eine Demokratisierung der Modewelt hat jedenfalls noch nicht stattgefunden. Die Zurschaustellung von sprachlosen Körpern ist in der Mode zentraler als anderswo, und dahinter lauern – intim und gewaltvoll – die Gespenster der Textilindustrie.

Sie würde nicht jeden Modedreh annehmen, beteuert Wu Tsang. Doch im Fall des Louis-Vuitton-Films konnte sie mit ihrer Band arbeiten: «Wir hatten die Freiheit, etwas zu drehen, das wir ohnehin machen wollten, ob es nun ein grosses Budget gibt oder nicht.» So konnten sie neben Saul Williams auch den Rapper Yasiin Bey einladen, besser bekannt als Mos Def – im Film der letzte Empfänger des silbernen Koffers.

Die vorwiegend Schwarzen Körper in diesem Film sind alles andere als sprachlos. «The world is here for our taking, because it takes so much from us», sagt die Stimme aus dem Off: Die Welt ist da, damit wir sie uns nehmen, denn sie nimmt uns so viel. Tsang und Bandmitglied Josh Johnson, der kreative Kopf dieser Produktion, schaffen eine immense Spannung, wenn sie den Blick auf den kriminalisierten Schwarzen Körper den BetrachterInnen zurückwerfen und zu sagen scheinen: Ihr könnt uns begehren, ihr könnt uns töten, ihr könnt uns kapitalisieren – aber niemals werdet ihr Teil sein dieses flüchtigen Unregierbaren, der Schönheit und unserer Komplizenschaft durch die gemeinsame Erfahrung der Unterdrückung.

Wie hartnäckig die Eisberge der Rassismen sind, ist am letzten Abstimmungssonntag wieder klar geworden. Bilder und Sprachen der Ermächtigung sind deshalb unentbehrlich und immer auch Teil von Wu Tsangs Arbeiten. Als das Schauspielhaus im letzten Sommer ihre Videoinstallation «The Show’s Over» zeigte, mit Texten von James Baldwin und dem afroamerikanischen Dichter Fred Moten, ging der Erlös des ersten Screenings auf Wunsch von Wu Tsang an das Netzwerk Bla*Sh und an die Allianz gegen Racial Profiling.

Ob das Schauspielhaus ihre aktivistische Tätigkeit goutiert? «Ich glaube, das Schauspielhaus versucht, den Wandel zu begrüssen, sie hören wirklich zu. Vieles muss sich strukturell verändern, nicht nur bezüglich der repräsentativen Köpfe, die wir auf den Plakaten sehen, nicht nur hier in Zürich. Man muss dies einfordern, und meiner Meinung nach müsste alles noch schneller gehen.» In Zürich gefällt es Wu Tsang aber bestens, sie gedenkt zu verweilen. Auch sie ist hier keine Fremde mehr.

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