Nr. 11/2021 vom 18.03.2021

Wer liest, riskiert sein Leben

Die Stadtbibliothek in der afghanischen Hauptstadt Kabul hat 42 Jahre Krieg überstanden. Auch heute ist die Sicherheitslage in der Umgebung prekär – doch die Anschläge sind längst nicht das einzige Problem.

Von Marian Brehmer, Kabul (Text und Foto)

«Wenn erst einmal alle Bücher erfasst sind, wird es einfacher, ein Buch wiederzufinden»: Abdolwahed Kureischi ist mit einem dreimonatigen Kurs zum Bibliothekar geworden.

Der Weg zu Kabuls einziger Stadtbibliothek führt vorbei an Kopierläden, vor denen Stromgeneratoren knattern; daneben Bistros, aus denen der Rauch von grillierten Schafslebern in die Nase dringt. Vor einer Abwasserrinne hat ein Strassenbäcker seinen Stand aufgebaut und rollt Bolani aus, mit Lauch und Kartoffeln gefüllte Teigtaschen, die er in einem Wok frittiert. Die Gasflamme spendet Wärme an diesem Januarvormittag.

Hinter Betonbarrieren steht ein stämmiger Soldat, der uns am Tor der Kabul Public Library (KPL) abtastet. Dabei fällt der Blick auf ein Schild über dem Tor, das mit einer Maxime in schnörkeligen Kalligrafielettern beschrieben ist: «Eine Nation, die keine Bücher liest, muss die gesamte Geschichte durchmachen.»

Vor der Sektion für klassische Literatur im dritten Stock steht eine Reihe Metallkästen, in denen fleckige, mit persischer Maschinenschrift bedruckte Karteikarten ihres Schicksals harren. Der Abteilungsraum ist dunkel und riecht nach Schimmel. In der Ecke steht ein Heizstrahler, der nur wenig gegen den Kabuler Winter ausrichten kann.

Schnellbleiche zum Bibliothekar

Der einzige Besucher ist ein Student, der seine Masterarbeit zum persischen Nationaldichter Ferdosi schreibt und über schweren Gedichtbänden brütet. In regelmässigen Abständen zieht er seine verschnupfte Nase hoch, während Atemwolken durch die eisige Luft wabern. Am Schreibtisch gegenüber sitzt Abdolwahed Kureischi, der für die Instandhaltung der Abteilung zuständig ist. Er spricht mit gedämpfter Stimme: «Im Winter gibt es Tage, an denen gar niemand hierherkommt. An guten Tagen sind es sieben oder acht Besucher.»

Wegen der mangelnden Heizmöglichkeiten versuchen die meisten StudentInnen, die Bibliothek in den kalten Monaten zu meiden. Kureischi hat keine Wahl, er hält sich mit Schal und Winterjacke warm. Der 26-Jährige studierte Mathematik, arbeitete dann als Lehrer und ist seit zwei Jahren Angestellter in der KPL. Eine Ausbildung für diesen Job hat er nicht absolviert, dafür aber einen dreimonatigen Kurs, in dem ihm die wichtigsten Aufgaben eines Bibliothekars erklärt wurden.

Insgesamt 25 Bücherregale befinden sich nun in seiner Obhut. Eines steht leer, hier liegt neben einem alten Teekessel ein Lappen, um den Putz aufzuwischen, der regelmässig von Decken und Wänden bröckelt. Neben den Werken namhafter Dichter wie dem berühmten Sufiheiligen Rumi oder dem in Afghanistan verehrten Poeten Bedil gibt es auch Regale mit ausländischer Literatur, persischer Belletristik und Lehrbüchern der englischen Grammatik. Die meisten der 4000 Bücher sind verstaubt, die Schrift auf den zerfledderten Einbänden verblichen. Trennpappen dienen der Orientierung, doch auf den meisten Buchrücken fehlen die Etiketten. Erst vor einem Monat hat die Digitalisierung des Bibliothekskatalogs begonnen. Wenn erst einmal alle Bücher erfasst seien, werde es einfacher, ein Buch wiederzufinden, sagt Kureischi und deutet auf den Laptop vor ihm.

Heizen wie die Mudschaheddin

Kabuls Stadtbibliothek wurde 1966 in einem umfunktionierten Hotel gegründet. Das Gebäude ist im Sowjetstil erbaut und zeugt von den längst vergangenen Jahren, als Afghanistan eine kommunistische Republik war. Damals füllten sich die Regale mit Werken zu Marxismus und Sozialismus. Seither hat die Bibliothek 42 Kriegsjahre überstanden. Im blutigen Bürgerkrieg der neunziger Jahre beschlagnahmten die Mudschaheddin alle «roten Bücher» der Bibliothek und warfen sie zum Heizen in ihre Öfen. Als Kabul im Bombenhagel unterging, wurde der Buchbestand geplündert. Unter dem Regime der radikalislamischen Taliban waren dann Druckwaren, die Abbildungen von Lebewesen enthielten, verboten.

Im letzten Jahrzehnt hat die Zahl der Anschläge in Kabul kontinuierlich zugenommen – allein 2020 sind bei zwanzig Attacken der Taliban und des sogenannten Islamischen Staats Dutzende von StadtbewohnerInnen ums Leben gekommen. Heute leidet die staatliche Bibliothek nicht nur unter der prekären Sicherheitslage und der miserablen Ausstattung, sondern auch unter Mitgliederschwund: Nach einer Recherche des Afghan Analysts Network hatte die Bibliothek im Jahr 1977, als Kabul noch eine halbe Million EinwohnerInnen zählte, 14 000 Mitglieder. Gut vier Jahrzehnte später waren es nur noch 1300, und das, obwohl Kabul inzwischen eine Fünf-Millionen-Metropole ist.

Der Bücherbus steht still

Das Büro des Bibliotheksdirektors liegt neben einem dunklen Raum mit Kinderbüchern, der genauso verwaist wirkt wie die Abteilung für Afghanistanstudien. Die Wände sind mit Holzimitat verkleidet, neben dem Eingang steht ein Wasserspender. Hamidullah Schahrani, der aus der nordöstlichen Provinz Badachschan stammt, leitet die Bibliothek seit sieben Jahren. Unter all den Projekten, die er in seiner Amtszeit voranzubringen versucht hat, brachte die Renovierung von Treppenhäusern, Korridoren und Büros die bleibendste Veränderung. Andere Pläne blieben auf der Strecke – ein Kleinbus, der als rollende Bibliothek Schulkindern in unterprivilegierten Stadtvierteln und Waisenhäusern den Zugang zu Literatur ermöglichen sollte, steht mit platten Reifen und zerbrochenen Glasscheiben parkiert vor dem Eingang. Das Busprojekt wurde wegen der zunehmenden Anschlagsgefahr nach kurzer Zeit wieder eingestellt.

Auch Geld zur Erweiterung des Buchbestands fehle, sagt Schahrani. Da es kein staatliches Budget für die Anschaffung neuer Literatur gebe, sei die KPL auf Privatspenden oder Gaben der wenigen afghanischen Verlage angewiesen. «Eigentlich sollte unser Haus mindestens zwei Millionen Bücher haben», sagt er. Momentan seien es jedoch nur knapp 200 000. Zum Vergleich: Die Zentralbibliothek Zürich führt in ihrem Bestand 6,6 Millionen Objekte, und das bei einer Bevölkerung von weniger als zehn Prozent der EinwohnerInnen von Kabul.

Schahrani schwärmt von seinem Besuch in einer Bibliothek in Istanbul, wo es neben Büchern auch Kaffee, kostenloses Wifi und ein Kino gegeben habe. «Aber wir arbeiten hier immer noch wie im 15. oder 16. Jahrhundert. Wenn wir so wenig Fortschritt machen wie bisher, dann sieht die Zukunft des Bibliothekswesens in Afghanistan sehr dunkel aus.»

Träumen von der Zukunft

Dann greift Schahrani zur Fernbedienung. Einen Moment später flimmert ein Animationsfilm über den Flachbildschirm an der gegenüberliegenden Wand. Die von einem Ingenieurbüro entworfene Simulation zeigt ein marmorweisses Gebäude inmitten eines futuristischen Parks, in dem Menschen mit Büchern in den Händen umherlaufen. Im Hintergrund erzeugt dramatische Orchestermusik Spannung.

Laut Bauvorhaben, so beschreibt Schahrani die bunte Utopie, soll die afghanische Nationalbibliothek einmal 25 Auditorien und Veranstaltungssalons besitzen. Zudem werde sie erdbebenresistent und gänzlich barrierefrei sein. Doch von der neuen Bibliothek, die eigentlich 2018 ihre Türen öffnen sollte, steht bis heute noch nicht einmal der Grundstein. Der Plan wurde zwar von den höchsten Ministern abgesegnet, jedoch nie in die Tat umgesetzt.

Somit muss die veraltete Stadtbibliothek weiterhin die Rolle einer Quasi-Nationalbibliothek spielen. «Ein Grossteil der staatlichen Ressourcen wird im Krieg und beim Bau von Infrastruktur aufgezehrt», sagt Schahrani. «Für Bildung und Kultur bleibt da kaum etwas übrig.» Dabei sei Lesen eines der besten Mittel gegen Fanatismus: «Bislang habe ich noch niemanden gesehen, der Bücher liest und eine Waffe in die Hand nimmt. Vor jemandem, der liest, musst du keine Angst haben. Nur vor denen, die nicht lesen.»

Da dringt von draussen das Geräusch von Autosirenen herein – ein konstanter Begleitsound in einer Stadt, die 24 Stunden am Tag für den Krieg gewappnet ist. Die KPL liegt nur einen halben Kilometer südlich des Präsidentenpalasts, das Aussenministerium ist gerade mal einen Steinwurf entfernt. Die prominente Lage zwischen potenziellen Anschlagszielen bedeutet, dass Bibliotheksgäste für die Lektüre ihr Leben riskieren müssen. Erst vor drei Jahren riss ein Selbstmordattentäter vor dem Eingang der Bibliothek sieben Menschen in den Tod. Das Gebäude wackelte, die meisten Fensterscheiben zersprangen. Später wurde Doppelglas eingesetzt.

«Wir haben uns inzwischen an solche Vorfälle gewöhnt», sagt Schahrani resigniert. «Eine Bibliothek jedoch sollte in einer stillen Ecke liegen, wo Gäste die nötige Ruhe haben, um sich in Bücher zu versenken.» Die aufdringliche Militärpräsenz im Umkreis, meint er, schrecke vor allem Frauen ab. Deshalb seien ein Grossteil der Gäste Männer.

Schreiben statt schiessen

Dabei ist der Anteil an Studentinnen an afghanischen Universitäten in den letzten Jahren gewachsen. Die Dringlichkeit einer voll funktionalen Bibliothek lässt sich auch anhand der steigenden Zahl der StudentInnen an Kabuler Universitäten festmachen. Zudem ist Afghanistan eines der jüngsten Länder der Welt: Rund siebzig Prozent der Menschen sind unter dreissig. Und doch werden grosse Zukunftsvisionen wie die von einer Nationalbibliothek schnell von der Realität eingeholt, die manchmal so grau erscheint wie die Auspuffluft in der Blechlawine vor der Bibliothek. Fahrzeuge steuern aus allen Richtungen aufeinander zu und blockieren sich gegenseitig. Mitten auf der Kreuzung schreien Wartende den Sammeltaxis Fahrziele entgegen.

Schräg gegenüber verläuft eine Betonmauer, die das afghanische Bildungsministerium umschliesst. Sie ist durchsetzt mit Wachtürmen, von denen Soldaten auf den Verkehr blicken. Entlang der Mauer haben Schreiber, die Amtsbriefe für KundInnen verfassen, ihre Klapptische aufgebaut. Sie erinnern daran, dass trotz einer langsam steigenden Alphabetisierungsrate weiterhin knapp sechzig Prozent aller AfghanInnen nicht lesen und schreiben können.

Eine der farbigen Mauermalereien zeigt eine Hand, die eine winzige Kalaschnikow wie einen Füllfederhalter greift. Das Ende des Maschinengewehrs mündet in einer Bleistiftmine. Darunter steht: «Lass zu, dass für ein Mal der Stift anstelle der Waffe spricht.»

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