Nr. 12/2021 vom 25.03.2021

Lexikon der Probleme

A

Akkuproblem Ein Akku, übliche Abk. für Akkumulator (techn. für wiederaufladbare Batterie), kann zu einem Haufen P. führen (vgl. lat. accumulare = anhäufen). Schon der Bleiakku versiebte seinen hist. Einsatz als Elektroantrieb für Automobile um die Wende zum 20. Jh. – u. a., weil er für die erforderliche Leistung zu gross (→ Platzproblem) und zu schwer (→ Gewichtsproblem) war. Sein Versagen verschärfte das → Klimaproblem, mit Lithium-Ionen-Akkus übt sich die Autoindustrie aktuell in Schadensbegrenzung. Aufgrund der hohen Energiedichte kann es indes zu therm. Durchgehen (→ Hitzeproblem) kommen, was für Tesla-FahrerInnen genauso zum P. werden kann wie für E-Zigaretten-Raucher und Handynutzerinnen. Überhaupt kämpft nicht nur die → Problem-Jugend gehäuft mit Akku-P., wobei sich der Energiemangel techn. mit einer Powerbank lindern lässt, nicht jedoch eine u. U. mit dem → Körper-Geist-Problem assoziierte Schlappheit. Eine Schlappe (→ Imageproblem) droht übrigens auch dort, wo das Akku-P. sich als → Akkusativproblem manifestiert. Franziska Meister

Akkusativproblem Das Akkusativ-P. ist für SchweizerInnen mitunter ein akutes, existiert es in der Mundart doch gar nicht. LehrerInnen geben ihr Bestes, um daraus kein → Klassenproblem entstehen zu lassen. Doch wo dem P. das Korrektiv verwehrt wird, schlägt es sich erneut Bahn. So wird das Fall-P. der einen zum → Lieblingsproblem der andern (vgl. «WOZ News»). Franziska Meister

Alkoholproblem Das Alkohol-P. ist ein P., das keins ist, bis es doch eins ist. Während jene, die es haben, keines haben mit denen, die es nicht haben, haben insbesondere die, die es uneingestandenermassen haben, eines mit jenen, die es eingestandenermassen haben (→ Beziehungsproblem).

Alkohol und P. dürfen grundsätzl. als inkompatibel gelten. Als Gegengift für P. aller Art ist Alkohol quer durch alle Schichten, Randgruppen, polit. Ausrichtungen, Bubbles, hippen und woken Scenes der gemeinsame Nenner einer zutiefst gespaltenen Gesellschaft. So wird das Alkohol-P. mit Social-Media-Eintrag als Zeichen von Savoir-vivre (Weinglas an beliebigem Gewässer) oder als Likes-Garant (Cocktail am Strand, Craft Beer in urbanem Umfeld) unterstützt. Auch künstlerisch wird Alkohol gerne idealisiert. So haben ihm z. B. The Kinks oder Herbert Grönemeyer (→ Verständnisproblem), ein Vertreter des sog. Alkopop, je ein mehr oder weniger gelungenes Lied gewidmet.

Trinkfestigkeit gilt bei Traditionalisten wie Rebellen noch immer als die am einfachsten zu erwerbende männl. Fähigkeit (Männerbund, geili Sieche). Wer aufgrund eines Alkohol-P.s nicht mitmacht, stört. Obwohl Alkohol ein erhöhtes Risiko zur Begehung krimineller Taten mit sich bringt (Stunde der Idioten, → Gewaltproblem), werden die volkswirtschaftl. Folgekosten (2,3 Mia. CHF) in der Schweiz selbst von GegnerInnen der Sozialisierung privater Vergnügungskosten nicht gegeisselt. Zunehmend ist das Alkohol-P. auch ein Alters-P.: je älter, desto prost, insbesondere im sog. graublauen Block (Männer im Pensionsalter), wobei der Konsum auch bei Frauen steigt (Proseccofraktion, Junggesellinnenabschied, 5-Apéro-Woche).

Der deutlich über dem globalen Durchschnitt liegende Alkoholkonsum in der Schweiz steht in einer möglichen Korrelation zum hohen Ranking in der Lebensqualität bzw. zur durch Alkohol erzeugten Versanftmütigung, Spannendmachung und Stimmungsaufhellung bei unproblematischen TrinkerInnen (Schöntrinken). Da sich Abstinenz (Wandern, Beten, Hallelujasingen) keiner grossen Beliebtheit erfreut (→ Imageproblem), sind Prohibition und Polizeistunde zur P.-Einschränkung denkbar ungeeignet. Stephan Pörtner

Alltagsproblem Im geräumigen Zwischenreich zwischen → Existenzproblem und → Luxusproblem anzusiedeln, betreffen Alltags-P. alle, und es gibt so viele von ihnen wie Menschen unter der Sonne. Auffallend viele Alltags-P. haben mit dysfunktionalen Objekten und Geräten, mit Verschmutzungen, Schmerzen und anderen körperl. Unpässlichkeiten (vgl. Illustrationen in diesem Heft) zu tun. Anlaufstellen sind Hausabwarte, IT-Fachkräfte, Mütter und Väter, Hausärzte und Hautärztinnen. Wer sich lieber selbst helfen will, greift zur Ratgeberliteratur: Sie hat die einst tragende Rolle der Religion bei der Bewältigung von Alltags-P. weitgehend abgelöst.

Klassische Alltags-P. sind etwa das → Lärmproblem, das → Geldproblem oder das → Terminproblem. Auch der Alltag selber kann zum P. werden, wenn die beruhigende Vertrautheit des tägl. Trotts in die Langeweile kippt. Dafür interessieren sich Teile der filmischen und literarischen Avantgarde, die daraus künstlerische Fragestellungen generieren: Was passiert, wenn nichts passiert? Überhaupt sind Literatur, Kunst, Musik ein gutes Antidot gegen Alltags-P. – sie mildern diese mittels ästhet. Sublimierung, aber auch indem sie uns von uns selbst und vom Alltag ablenken. Sogar unpoet. Werke wie das Tagebuch von Thomas Mann (1875–1955) gewähren tiefe Einblicke in die Natur von Alltags-P.: Seine minutiös registrierten chronischen «Verdauungssorgen» stehen in Manns Notaten gleichberechtigt neben gewichtigen Kommentaren zum Weltgeschehen.

Über die Jahrhunderte fällt auf, dass viele Alltags-P. konstant bleiben (→ Beziehungsproblem, → Schlafproblem, → Orgasmusproblem), während andere mit den Moden kommen und gehen (→ Akkuproblem, → Problem-Bär). Eine der besten zeitgenössischen Seismografinnen für Alltags-P. ist die Berliner Schriftstellerin Anke Stelling («Schäfchen im Trockenen», 2018). Daniela Janser

Ausländerproblem Das Ausländer-P. ist der Versuch, die Ursache für eigene Probleme bei einer Gruppe von anderen, Fremden oder Dritten zu verorten. Diese Gruppe wird zu Sündenböcken für polit., wirtschaftl. oder kulturelle Veränderungen gestempelt. Ob im Betrieb, in der Schule, auf dem Fussballplatz oder selbst bei der Ordnung in der Waschküche: Der Ausländer als solcher, gerne im Singular verwendet, kann grundsätzl. an fast allem die Schuld tragen. So gesehen verweist das Ausländer-P. immer bloss auf andere, tatsächl. P. Insofern ist dem dt. Innenminister Horst Seehofer durchaus beizupflichten, wenn er von der Migration als der «Mutter aller Probleme» spricht, auch wenn er das ganz anders meinte.

Um das Ausländer-P. zu konstruieren, haben sich im Lauf der letzten beiden Jh. weltweit rechte Parteien herausgebildet, die mit herabwürdigenden Kampagnen die Stereotypisierung und Diskriminierung von vermeintlich Fremden vorantreiben (→ Rassismusproblem). Ein dabei verbreitetes Vorurteil ist die kulturelle Rückständigkeit von AusländerInnen, die fallweise auch an Kleidungsstücken festgemacht werden kann. Hist. wurde in der Schweiz die Rede von der sog. Überfremdung durch die Behauptung eines Ausländer-P. abgelöst, was aber nur eine semantische Verschiebung bedeutete. Wie in der Schweiz mit der SVP werden auf das Ausländer-P. spezialisierte Parteien häufig von Milliardären geleitet, die damit vom eigenen Reichtum auf Kosten anderer ablenken (→ Geldproblem, → Klassenproblem). Auch der Staat braucht das P., um sich in der Abgrenzung und mit der Ausschaffung von AusländerInnen einer ursprünglichen, sog. nationalen Identität zu versichern. Die für die Verwaltung des P.s zuständige Behörde publiziert monatl. detaillierte Statistiken, damit das P. keinesfalls aus der öffentl. Wahrnehmung verschwindet und beständig Massnahmen zu seiner Lösung diskutiert werden können. Dennoch lässt sich sagen, dass das Ausländer-P. dort am grössten zu sein scheint, wo noch nie ein Ausländer oder eine Ausländerin gesichtet wurde. Anna Jikhareva

Authentizitätsproblem Kulturelle Erzeugnisse oder Personen gelten als authentisch, wenn ihr unmittelbarer Schein mit ihrem eigentlichen Sein übereinstimmt. Es handelt sich hierbei um einen jener theoret. Begriffe, die weit über das Bildungsbürgertum hinaus an Popularität gewonnen haben.

Das Authentizitäts-P. ergibt sich aus der Möglichkeit, dass auch Wahrhaftigkeit ein performativer oder techn. Effekt sein kann, während «gespielte» oder «produzierte Echtheit» intuitiv wie ein Widerspruch klingt. Das P. drängt sich insbes. im Zusammenhang mit darstellenden Künsten auf, z. B. der Popmusik. Obwohl gerade Pop wesentlich von seinem performativen und techn. Charakter lebt, werden seine Produkte oftmals ohne Rücksicht auf deren ästhet. Form als unverfälschter Ausdruck seelischer Zustände konsumiert. Dieses Missverständnis beim Publikum mit Bildungsarbeit abzubauen, macht sich wiederum der Popdiskurs zur Aufgabe. So wird z. B. argumentiert, dass der Gesang von Folkmusik nicht per se eine stärkere Verbindung zum Seelenleben aufweise als digital modulierte, kaum noch als menschl. erkennbare Stimmen (→ Körper-Geist-Problem). David Hunziker

B

Problem-Bär Fast niemand konnte ihm widerstehen, als er Mitte der nuller Jahre in der Schweiz auftauchte: der Problem-Bär. Das Wort war einfach zu schön. Bald bürgerte es sich ein, wurde Metapher, DJ- und Übername.

Anders als der Wolf war der Bär in den Alpen nie ausgestorben. Restbestände überlebten im ital. Trentino, in Niederösterreich und Slowenien, wo der Kontakt zur Balkanpopulation nie abbrach. Aus Slowenien stammten auch ein Dutzend Tiere, die um die Jahrtausendwende nach Österreich und Italien umgesiedelt wurden – und prompt P. verursachten. «Sie waren z. T. hinter Hotels gefüttert worden und hatten die Scheu vor den Menschen verloren», sagt Reinhard Schnidrig vom Bundesamt für Umwelt. Berühmt für ihre Frechheit wurde die ins Trentino verfrachtete Bärin Jurka, die ihr Futter konsequent in der Nähe von Siedlungen suchte – und das leider auch ihren Jungen beibrachte, denn «Bären bilden enge Mutter-Kind-Einheiten» (Schnidrig). Der erste wilde Bär, der 2005 nach Jahrzehnten in der Schweiz auftauchte, war Jurkas Sohn JJ2, genannt Lumpaz (→ Problem-Kind). Er blieb nicht lange, doch schon ein Jahr später hatte die Schweiz ein «Konzept Bär» ausgearbeitet.

Der P.-Bär ist darin als Bär definiert, der sich in der Nähe von Siedlungen aufhält, «wo er z. B. in Hühner- und Kaninchenställe eindringt oder häufig an Miststöcken und Komposthaufen frisst. Es entstehen oft Situationen, die für den Menschen gefährlich werden könnten.» Gilt ein Bär einmal als P.-Bär, wird er wenn möglich eingefangen und bekommt einen Sender. Verändert er sein Verhalten nicht, versucht die Wildhut, ihn zu vergrämen, z. B. mit Gummischrot.

Leider helfe das oft nicht viel, sagt Schnidrig. «Bei vielen P.-Bären verstärkt sich das problematische Verhalten, bis sie irgendwann unprovoziert aggressiv gegen Menschen werden.» Dann wird der P.- offiziell zum Risikobären – «und ein Risikobär ist ein toter Bär. Schliesslich ist der Bär das einzige heimische Säugetier, das den Menschen wirklich gefährlich werden kann.» Erschossen wurden in der Schweiz bisher die Risikobären JJ3 – ein weiterer Jurka-Sohn – und M13.

Damit sich Bären nicht zu P.-Bären entwickeln, ist v. a. eines wichtig: Sie dürfen in Siedlungsnähe kein Futter finden – weder offen zugänglichen Kompost noch Abfallkübel, die sie öffnen können, schon gar nicht Fleischabfälle. Und Zäune um Bienenhäuser müssen gut unter Strom stehen. «Bären testen das», betont Schnidrig. Bettina Dyttrich

Beziehungsproblem Bestimmt führen auch Sie eine Beziehung – ziemlich sicher sogar mehrere: zu Ihrer Schwester, Ihrem Sohn, Ihrem Grossvater, zu Ihrer Nachbarin, Freundin, vielleicht auch zu Ihrer Katze, Ihrem Hamster oder Goldfisch, zu Ihrer Topfpflanze, einem Baum, Kleidungsstück, Ball, Buch oder Stofftier. Beziehungen sind vielfältig, es gibt einseitige und wechselseitige, doch was allen gleich ist: Man steht in einem Verhältnis zu jmd. oder etwas.

Eine Beziehung setzt sich aus einem Geflecht von Gefühlen wie Liebe, Zuneigung, Hoffnung, aber auch Wut, Enttäuschung oder Angst zusammen. Teil jeder Beziehung sind aber auch Probleme (→ Alltagsproblem). Passend zum herrschenden Zeitgeist jedoch werden diese gerne aus den Beziehungen outgesourct: Indem man von Beziehungs-P. spricht, wird suggeriert, dass die P. als ein Extra, quasi von aussen, über die Beziehung gestülpt seien.

Interessanterweise wird der Begriff hauptsächl. im Kontext mit Liebesbeziehungen genannt. Oder hat Ihnen schon mal jmd. von einem Beziehungs-P. mit seiner Katze erzählt? Während man selbstverständlich davon ausgeht, dass die Katze nicht jederzeit folgt – P. also inhärenter Teil dieser Beziehung sind –, ist das in einer PartnerInnenschaft oft nicht der Fall: Reibungen und Auseinandersetzungen, die zu jeder Beziehung gehören – ja sie oft erst wirklich ausmachen –, werden nicht als inhärenter Teil dieser Beziehung angesehen. Und so wird heute z. B. mit Pastellfilter auf Instagram wie einst in der «Bravo-Love-Story» die These vorgegaukelt, nur eine P.-lose sei eine echte, gute und anzustrebende Beziehung (→ Kommunikationsproblem). Und da P. keinen Platz darin haben, werden sie mit dieser verqueren Wortkombination expliziert. Dabei: Hat Ihnen schon mal jmd. von ihrem «Beziehungserfolg», seinem «Beziehungsbehagen» oder ihrer «Beziehungsvertrautheit» erzählt? Deswegen: Lasst uns das Wort «Beziehungs-P.» abschaffen. Und die P. als selbstverständlichen Teil einer jeder Beziehung sehen. Silvia Süess

C

Charakterproblem Das Charakter-P. setzt definierbare Charaktere sowie akzeptierte moral. Kategorien voraus. Während das engl. «character» auch Schrifttyp bedeutet, bezeichnet Charakter allg. eine vermeintliche Wesensart. Seit jeher definieren Menschen Charaktertypen. Aus der Antike stammt die Temperamentenlehre mit ihrer Unterteilung in Sanguiniker, Choleriker, Melancholiker, Phlegmatiker (men only). Astrolog. Gedankengebäude versch. Himmelsrichtungen ordnen die Menschen Sternen, Tieren, Bäumen o. Ä. und ihren Eigenschaften zu. Werden diese kombiniert und es resultiert bspw. ein im Jahr des Hahnes geborener Schütze, dessen Baum die Esche ist, dann darf die Analyse nicht erstaunen, dass der Proband mal melancholisch, mal cholerisch ist. Vollends pseudowissenschaftl. sind Lehren wie die Psychophysiognomie, was deren schädlichen ideolog. Einfluss nicht mindert. Das Charakter-P. wird näher bestimmt in negativen Etiketten wie Unzuverlässigkeit, Unehrlichkeit, Unpünktlichkeit, aber auch in eigens geschaffenen Begriffen wie Kleingeistigkeit, Rechthaberei oder Geiz (vgl. 7 Todsünden, → Imageproblem). Besteht ein Konsens bezügl. Problematik solcher Eigenschaften, können sie bekämpft werden. Dieser Konsens wird jedoch vom Kapitalismus hintertrieben («Geiz ist geil»). Jürg Fischer

D

Dreifaltigkeitsproblem Als Dreifaltigkeits- oder auch Trinitäts-P. wird in der christl. Theologie das P. der Wesenseinheit Gottes in Vater, Sohn und Hl. Geist behandelt. Die Dreifaltigkeit stellt eine Besonderheit des christl. Glaubensbekenntnisses im Vergleich zu anderen monotheist. Religionen dar und findet in der religiösen Praxis u. a. Ausdruck darin, dass ChristInnen «im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes» getauft werden. Historisch mobilisierte die Kirche erhebliche intellektuelle Energien zur Lösung des P.s, beginnend mit dem Konzil von Nicäa im Jahre 325, das v. a. durch die Auseinandersetzung um den die Göttlichkeit Jesu bestreitenden Arianismus geprägt war.

Inhaltlich besteht das Dreifaltigkeits-P. mithin in der widersprüchlich anmutenden Frage, wie die Einheit Gottes in der Dreiheit von Vater, Sohn und Hl. Geist zu denken sei: Wenn es nur einen Gott gibt, wie kann er zugleich dreifach sein (→ Identitätsproblem)? Im Zentrum des Dreifaltigkeits-P.s steht also die Verhältnisbestimmung von Vater, Sohn und Hl. Geist zueinander und zu Gott (→ Beziehungsproblem). In der Spätantike wurde dies mit der Formulierung von «einem göttl. Wesen in drei Hypostasierungen» zu lösen versucht. In der jüngeren Debatte hat u. a. Hans Küng – dem allerdings 1979 die kirchl. Lehrbefugnis entzogen wurde – die Dreifaltigkeit auf eine zeitgemässere Formel gebracht: Gott sei demnach als Vater der «Gott über uns», als Sohn der «Gott mit und neben uns» (da ja Jesus als Gottes Sohn dessen Menschwerdung darstellt) und als Hl. Geist der «Gott in uns». Zugleich hängt mit dem Dreifaltigkeits-P. eng das aktuelle P. der sog. Trinitätsvergessenheit zusammen, dass nämlich trotz jahrhundertelanger theolog. Diskussionen die Trinität im religiösen Selbstverständnis der Gläubigen keine Rolle spielt. Die Hauptproblematik beim Dreifaltigkeits-P. liegt folglich darin, dass es für die meisten kein P. darstellt. Stattdessen haben Probleme wie das → Alkoholproblem oder das → Lärmproblem in der Lebensrealität vieler Menschen, ob gläubig oder nicht, überhandgenommen. Daniel Hackbarth

Dreikörperproblem Drei Himmelskörper, die sich gegenseitig anziehen, verhalten sich unberechenbar: Ihre Bahnen lassen sich nicht exakt voraussagen. In der Himmelsmechanik spricht man deshalb vom Dreikörperproblem. Der chines. Autor Liu Cixin liess sich für seinen Science-Fiction-Roman «Die drei Sonnen» (2008) vom Dreikörper-P. inspirieren.

Darin kommt der Planet Trisolaris vor, der wegen seiner drei Sonnen eine chaotische Umlaufbahn hat. Das Klima schwankt zwischen Backofenhitze und Tiefkühltruhenkälte, manchmal innert weniger Stunden. Die intelligenten BewohnerInnen des Planeten haben sich angepasst, indem sie ihren Körpern alle Flüssigkeit entziehen können; so überleben sie chaotische Phasen quasi gefriergetrocknet. Zermürbt von den ungastlichen Bedingungen, beschliessen sie, die Erde zu erobern – eine Erde, von der Liu aus der Perspektive der chines. Gegenwartsgeschichte erzählt, von der Kulturrevolution bis zur nahen Zukunft (→ Zukunftsproblem). Das macht den Roman auch für LeserInnen interessant, die keinen Bezug zu mathemat. Herausforderungen wie dem Dreikörper-P. haben. «Die drei Sonnen» ist Teil der Trisolaris-Trilogie. Bettina Dyttrich

E

Egoproblem Das Ego-P. basiert auf einer gestörten Empfindung des Ich bzw. von dessen Verhältnis zur Umwelt. Personen, die unter dem Ego-P. leiden, versuchen, ähnlich der Funktion von Stützrädern beim Fahrrad, ihr labiles Ich durch raumgreifendes Verhalten zu stabilisieren: Dadurch, dass sie andere verdrängen, werden sie sich ihrer eigenen Existenz bewusst. Besonders betroffen sind Mitglieder hegemonialer Gruppen, deren Vormachtstellung infrage gestellt wird, z. B. Männer (→ Geschlechterproblem). David Hunziker

Erektionsproblem Als Erektions-P. gilt die Nichtaufrichtung des männl. Glieds, wenn dessen Träger (und evtl. weitere an einer sexuellen Kooperation Interessierte) eine derart. Aufrichtigkeit anstreben. Man(n) spricht aber auch von einem Erektions-P., wenn sich das Glied in Momenten aufrichtet, da dies nicht im Sinn des Trägers (und evtl. weiterer Personen) ist (→ Terminproblem). Eine verbreitete Erscheinung davon ist die sog. Morgenlatte. Wirtschaftlich relevant ist v. a. ersteres Erektions-P.: Mit dem Errichtungsmittel Viagra (Sanskrit: «Tiger») hat der Pharmakonzern Pfizer seit Markteinführung 1998 rund 25 Mrd. US-Dollar erwirtschaftet. Zu volkswirtschaftl. und soz. Nebenwirkungen gibt es keine Angaben. Adrian Riklin

Existenzproblem Beim Existenz-P. geht es um Leben und Tod. Doch im Kapitalismus ist auch die Sache mit Leben und Tod komplizierter. Wer im marktwirtschaftl. Gemeinwesen von Existenz-P. spricht, meint v. a. wirtschaftl. Probleme (u. a. → Geldprobleme): Zerstörte oder schlecht laufende Geschäfte werden zumeist höher gewichtet als zerstörte oder schlecht laufende Leben. Ein biblischer Beitrag zum Existenz-P. ist das Buch Hiob. Es lässt die Schlussfolgerung zu, dass die Existenz-P. von uns Menschen für den alttestamentarischen Gott letztlich unbedeutend sind. Im Neuen Testament kämpft Gott dann mit eigenen Existenz- und → Identitätsproblemen (→ Dreifaltigkeitsproblem) – womöglich eine tröstlichere Perspektive. Im Globalen Norden hatten viele als Kind eine erste Begegnung mit Existenz-P., als sie angehalten wurden, beim Essen nicht heikel zu tun, schliesslich gebe es Menschen, die verhungerten. Doch schon in jungen Jahren fiel es schwer, die eigenen → Luxusprobleme angesichts der Existenz-P. der anderen hintanzustellen. Daniela Janser

F

Problem-Film Streng genommen ist nahezu jeder Spielfilm ein P.-Film, denn ohne P. kein Konflikt, und ohne Konflikt kein Drama (aber auch keine Komödie). Von eigentlichen P.-Filmen spricht man jedoch bei Filmen, die auf mehr oder weniger realist. Weise soz. P. thematisieren, etwa Randständigkeit aller Art. Zu typischen Themen und Motiven des P.-Films zählen demnach etwa → Geld- und → Alkohol-, nicht aber → Termin- und ähnliche → Luxusprobleme.

«Kein Kinogenre ist deutscher als der P.-Film», befand einst der dt. Filmkritiker Claudius Seidl. 1952 und 1953 wurde der beste P.-Film sogar in einer eigenen Kategorie beim Dt. Filmpreis gewürdigt. Geläufig war der Begriff jedoch schon im Nationalsozialismus. Im Mai 1939 sprachen sich im offiziellen Organ der Reichsfilmkammer weite Kreise der Branche gar ausdrücklich für mehr P.-Filme aus: Das Kino sollte die soz. Realität widerspiegeln und sich vermehrt mit alltägl. Konflikten befassen. Auch Propagandaminister Joseph Goebbels (1897–1945) (→ Charakterproblem) zeigte sich aufgeschlossen: «Gut gespielter, interessanter P.-Film», notierte er 1937 in sein Tagebuch – begrifflich indes nicht sehr stringent, da es sich um ein gutbürgerliches Ehedrama handelte. P.-Filme im engeren Sinn fielen im Dritten Reich dann doch meist der Zensur zum Opfer.

In der Nachkriegszeit stand der Begriff v. a. in der westdt. Filmkritik hoch im Kurs, als z. B. milieuspezifische Filme wie «Die Halbstarken» (1956) als P.-Filme bezeichnet wurden. Zunächst wertneutral, wurde die Bezeichnung zunehmend auch abschätzig verwendet, wenn die dargestellten P. auf angeblich reisserisch-skandalisierende und kolportagehafte Weise ausgeschlachtet wurden, wie das z. B. «Mädchen hinter Gittern» (1965) vorgeworfen wurde.

Heute gilt der Begriff als veraltet, was jedoch nicht heisst, dass keine P.-Filme mehr gedreht würden. Als exemplarischer P.-Film neueren Datums darf der Schweizer Erfolgsfilm «Platzspitzbaby» (2020) gelten. Das Schicksal einer drogenabhängigen Mutter wird darin zusätzl. dadurch problematisiert, dass ihr Drogen-P. ihre Beziehung zu ihrer minderjährigen Tochter (→ Problem-Kind) stark beeinträchtigt. Florian Keller

Frauenproblem Ein Frauen-P. ist eine Frage von «sein» oder «haben». Ersteres bezeichnet ein P., das vorwiegend Frauen betrifft, wie z. B. «Back Boobs», Kinderlosigkeit, Orangenhaut, Singledasein etc. (Auch Männer können davon betroffen sein, für sie stellt dies in der allg. Wahrnehmung allerdings kein P. dar.) Etwas weniger Beachtung erfahren Frauen-P. wie Altersarmut, Endometriose, Lohndiskriminierung oder Unvereinbarkeit von Erwerbs- und Familienarbeit (→ Gerechtigkeitsproblem; → Geschlechterproblem).

Ein Frauen-P. «haben» können z. B. Körperschaften, in denen sehr wenige bis gar keine Frauen vertreten sind oder ein Mitspracherecht haben. Geläufig ist etwa der Satz: «(…) hat ein Frauen-P.». Mögliche Lückenfüller sind: «AfD», «Bundesgericht», «IT-Branche», «Schweiz (bis 1971)», «Vatikan», «Verwaltungsrat der TX-Group», «Wikipedia». (Es gibt Bemühungen, dieses Phänomen zukünftig als Männer-P. zu bezeichnen.) Ein Frauen-P. haben können aber auch (meist männl.) Personen, die Frauen herabwürdigen, ihnen die Fähigkeit, selbst zu denken, absprechen, sie als untergeordnet betrachten. Mögliche Lückenfüller: Heidi Klum, Alexander Lukaschenko, Ueli Maurer, Eva Herman, irgendein Schlagersänger/Literaturkritiker/Rapper. Jay-Z hingegen, der ebenfalls rappende Ehemann von Beyoncé, hat zwar 99 P., aber kein Frauen-P. Noëmi Landolt

G

Geldproblem Kein Geld zu haben, ist in den meisten Gesellschaften ein P. Es liegt unterschiedl. → Alltags- und → Existenzproblemen zugrunde (z. B. widerwillig geleistete Arbeit, Albträume, Fuselkonsum → Alkoholproblem). Der Umgang mit Geld beruht aber auch auf einem → Verständnisproblem. Ist Geld der Gegenwert eines materiellen Schatzes, eines Versprechens oder nur abstrakter Ausdruck aller Zukunftserwartungen? Je eleganter eine Geldtheorie ist, desto brutaler scheint sie sich praktisch auszuwirken. Laut Karl Marx (1818–1883) ist Geld «verkleideter Wert» und der wahre Wert eines Produkts sei immer auf die dafür aufgebrachte Arbeitszeit zurückzuführen. Woraus sowjet. Geldpolitiker folgerten: Geld ist ein Gutschein, der geleistete Arbeit vergütet. Diese Gutscheine erhalten aber nur dann einen realen Gegenwert, wenn Produkte in genügender Menge und Vielfalt zur Verfügung stehen. Das war selten der Fall. Während der chines. Kulturrevolution wurde die vollständige Abschaffung des Geldes erwogen. Der Staat hätte den BürgerInnen Waren direkt ins Haus geliefert. Oder eben nicht. Die kommunist. Planung und Koordination der Produktion funktionierte nicht wie geplant, wobei sich die Frage stellt, ob das ein → Organisationsproblem war oder eine grundsätzl. Überschätzung der menschl.-polit. Erkenntnis- und Koordinationsfähigkeit. Eine zweite elegante Theorie ist der Monetarismus, wonach eine Wirtschaft durch die richtige Steuerung der Geldmenge optimal in Schwung gehalten wird. In einer radikalen Auslegung haben Zentralbanken einzig die Aufgabe, dafür zu sorgen, dass sich die Geldmenge stets im richtigen Verhältnis zum Wachstum der Realwirtschaft befindet. Andere staatl. Eingriffe (wie z. B. Konjunktur- und Fiskalpolitik, Arbeits- und Gewerkschaftsrechte) würden die ideale Geldmengensteuerung nur stören. So gilt es mancher Regierung fast schon als heilige Pflicht, Elend, Hunger und Verödung als Zwischenschwankung auf dem Weg zum geldpolit. Gleichgewicht in Kauf zu nehmen. Annette Hug

Gerechtigkeitsproblem Die Gerechtigkeit stammt aus der Sprachwurzel des Rechten, Geraden. Die handfeste Beurteilung von Werkzeugen, Wänden, Wegen ist dann zum Recht als gesellschaftl. Instanz gefroren. Gerechtigkeit steht ein wenig ungelenk daneben.Dabei sagte der Philosoph Ernst Bloch (1885–1977): «Was rechtens sei? – darum kommt man nicht herum.» Gerechtigkeit wird zum Problem, wenn sie fehlt. Wenn die Macht sie mit Füssen tritt. Doch kann das Gerechtigkeits-P. von versch. Standpunkten her aufgeworfen werden. «Siehe, ich bin gerecht», sagt der Prophet. Bis er Macht gewinnt. Der Gerechte kann sich auch verrennen, wenn Gerechtigkeit an sich zum Ziel wird, wo sie doch nur Mittel für einen gerechteren Zustand sein sollte – H. v. Kleists (1777–1811) «Michael Kohlhaas» (1810) ist das klass. Bsp. (→ Gewaltproblem). Auf der andern Seite steht die soz. Empörung. Bertolt Brecht (1898–1956) spricht von der Gerechtigkeit als Brot des Volks, das allerdings vom Volk selbst gebacken werden müsse. Heute werden zuerst einmal Geschlechter- und Verteilungsgerechtigkeit (→ Geldproblem) gefordert. Zu Recht. Stefan Howald

Geschlechterproblem Die weibl. Hälfte der Weltbevölkerung wird gegenüber der männl. Hälfte benachteiligt. Diese jahrtausendealte Ungleichheit, Geschlechter-P. genannt, scheint willkürlich und ist doch systematisch. Sie manifestiert sich u. a. in erlittener Gewalt und Unterdrückung, in der Ausbeutung von gratis geleisteter (Care-)Arbeit, in schlechterer Bezahlung der Frauen für die gleiche Lohnarbeit, in der Verweigerung grundlegender Menschenrechte (→ Klassenproblem, → Rassismusproblem). Daniela Janser

Gewaltproblem Im Gewalt-P. manifestiert sich ein grosses Paradox: Gewalt treibt zwar alles an, gleichzeitig ist sie maximal verpönt. Deshalb muss, wer keinen handfesten Skandal (neudt.: Shitstorm) verursachen will, in der Öffentlichkeit Gewalt immer und ohne Umschweife verurteilen. Gleichzeitig wären der Gang der Weltgeschichte, die News von heute, Kunst und Literatur, der Kapitalismus (→ Existenzproblem) ohne Gewalt – als Motiv, Antrieb und Resultat – kaum wiederzuerkennen.

Bertolt Brecht (1898–1956) prägte für das Gewalt-P. den Merksatz: «Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?» Seine Einsicht hat sich nicht durchgesetzt. Bis heute wird Gewalt, je nachdem, wer sie ausübt, sehr unterschiedl. sanktioniert. Oder um mit den Worten der Strassenkämpferin (oder des Bankräubers) im Clinch gegen die strukturelle Systemgewalt zu sprechen: Wer kaputt macht, was sie oder ihn kaputt macht, landet in der Regel im Gefängnis und somit unweigerlich im Gewaltmonopol des Staates. Daniela Janser

Gewichtsproblem Das Gewichts-P. kann erwartbar und unerwartet auftreten. Erwartbar ist es z. B. nach christl. Feiertagen in saturierten Industriestaaten, sobald sich der genussfrohe Mensch auf seine Badezimmerwaage wagt (→ Luxusproblem). Auch im muslim. Kulturkreis kann es dazu kommen, wenn die Fastentage im Ramadan durch allzu üppige Nächte kompensiert wurden. Unabhängig von der Glaubensrichtung weisen manche Körper anschliessend eine → Problemzone auf. Auf ein unerwartetes Gewichts-P. trifft man zuweilen in Verkaufsgesprächen bei der Frage: «Darfs ein bisschen mehr sein?» Karin Hoffsten

H

Hitzeproblem Beim Hitze-P. handelt es sich um ein empirisch belegtes P., das immer häufiger und länger auftritt und trotzdem noch immer kaum als solches erkannt wird. Ein Grund dafür liegt darin, dass «heiss» als Attribut vorwiegend positiv gewertet wird, was sich in populären Zeilen wie z. B. «When you’re hot you’re hot, when you’re not, you’re not» spiegelt. Das positive Image setzt sich dabei aus positiv konnotierten Assoziationen wie z. B. Süden, Sommer, Softeis und Sex on the beach zusammen (→ Quallenproblem). Mitunter reicht die Faszination für subtrop. Höchsttemperaturen von der Sehnsucht nach einer fortschreitenden Mediterranisierung Mittel- und Nordeuropas bis hin zu einer positiven Verklärung der sog. Klimaerhitzung, die zu bremsen ungleich mehr Menschen bereit wären, wenn es kälter statt wärmer würde (sog. Klimaerkältung).

Als problematisch hat sich der Umgang mit einer häufiger auftretenden Hitze v. a. in zuvor gemässigten Klimazonen erwiesen. Hitzeerfahrene BewohnerInnen trad. heisser Zonen vermeiden unnötige Hitze, indem sie lange Kleider tragen und den Schatten suchen. BewohnerInnen Mittel- und Nordeuropas hingegen stürzen sich gern bei jeder Gelegenheit so leicht wie nur möglich bekleidet an die pralle Sonne, unter der sie sich vorzugsweise sogleich einer ungestümen körperl. Aktivität hingeben. Nach neusten Erkenntnissen liegt der Kipppunkt, bei dem Hitze zu einem grösseren P. wird, derzeit bei ca. 36 Grad Celsius oder 48 Lebensjahren. Von da an ist in den meisten Fällen ein steiler Abfall der Hitzebegeisterung und ‑verträglichkeit bei zunehmender Lähmung von Körper und Geist bis hin zum Hitzekollaps zu beobachten (→ Wortfindungsproblem). Der verbreitete Versuch wiederum, das Hitze-P. mit Klimageräten zu Knallerpreisen zu bekämpfen, die man bis vor kurzem eben noch lautstark verpönt hat, führt zu einer weiteren Verschärfung des → Klimaproblems und somit auch des Hitze-P. Stephan Pörtner

I

Identitätsproblem Die alte philosoph. Frage «Wer bin ich?», d. h. die Frage nach dem je eigenen Selbstbewusstsein, wird oft missverstanden als die Frage «Mit wem bin ich identisch?». So gesehen ist das Identitäts-P. ein → Scheinproblem, d. h. ein P., das nur aufgrund von falschen Voraussetzungen zustande kommt.

Was hat eine Identität (Dieselbigkeit)? In erster Linie Zahlen: 7 ist dieselbe Zahl wie 7. Und annäherungsweise Dinge: Der Morgenstern ist identisch mit dem Abendstern. Ein Ding ist etwas, dem bestimmte unveränderliche Eigenschaften (askriptive Merkmale) zugeschrieben werden können.

Menschen dagegen haben wenige dieser Merkmale; selbst Hautfarbe und Geschlecht lassen sich verändern. Insofern haben sie keine Identität, sondern ein irgendwie geartetes Selbstbewusstsein. Bestenfalls anerkennen sie sich darin als gegenseitig sich anerkennend (G. W. F. Hegel [1770–1831]). In Bezug auf welche Merkmale sie das tun, welche Eigenschaften ihnen wichtig sind, welche sie ausblenden, verniedlichen, bekämpfen – all das bleibt nicht nur ihnen überlassen, sondern ist ein dynamisch-wechselseitiger Prozess.

Staatl. Institutionen hingegen verwalten der Einfachheit halber Menschen als Dinge mit askriptiven Merkmalen: Geburtsort, Geschlecht, Nationalität usw. Die Frage nach der Identität bei Menschen ist also eine gefährliche Komplexitätsreduktion auf die Frage «Was bin ich aus Sicht der Verwaltung?» oder kurz «Wie verwalte ich mich?» (→ Verwaltungsproblem) – und nicht «Wie verhalte ich mich?» Wenn solcherart mit «Identität» Selbstbewusstsein gewonnen werden soll, steht dies auf tönernen Füssen: Jede Inkongruenz von sich selber und von aussen zugeschriebenen Eigenschaften führt zu einer Krise. Die deprimierendsten Resultate solcher Verwaltungsdenke sind das geplante DNA-Gesetz und sog. Identitäre: Sie behandeln den Menschen als Ding, das eine Identität hat, sprich identifizierende und diskriminierende Merkmale (→ Rassismusproblem, → Geschlechterproblem, → Klassenproblem). Peter Rupli

Imageproblem Eines der rätselhaftesten P. überhaupt ist das Image-P. Es kann Tiere (→ Problem-Bär), Menschen (→ Problem-Jugend), Firmen oder ganze Länder befallen. Oft entpuppt es sich als simples → Kommunikationsproblem, das rasch behoben werden kann. Gegen ein richtiges Image-P. aber ist kaum ein Kraut gewachsen. Mit der Philosophie des Image-P. (der sog. Abbildtheorie) hatte sich der österr. Philosoph Ludwig Wittgenstein (1889–1951) so lange beschäftigt, bis er selbst ein Image-P. hatte. Er hatte das Image mit dem Problem verwechselt. Erich Keller

Ironieproblem Dass LeserInnen keine Ironie verstehen, gilt zuweilen beim Boulevardblatt wie bei der linksaufklärerischen Wochenschrift als ausgemacht. Ironie legt eine Distanz zwischen die Sachen und das Sprechen über sie; problematisch scheint es zuerst einmal, diese Distanz zu erkennen (→ Verständnisproblem). Das Haupt-P. deiner Ironie ist vor allem ihr Unernst, heisst es dann. Diesen Vorwurf nehmen IronikerInnen notwendig auf sich. Elegant und ein wenig melancholisch spielen sie damit. Die eigene Person erachten sie als nicht gar so wichtig, und auch die Weltzustände nicht. Scharf ist die Ironie vom Zynismus zu trennen, der sich die unbarmherzige Kritik als Feldzeichen ans Revers heftet und die Kluft zum verbindlichen Engagement unüberbrückbar aufreisst. IronikerInnen wissen dagegen, dass es mit verfeinerter Kritik nicht getan ist, dass man sich mit ihr aber besser wappnen kann, um die Welt zu verändern, die Veränderung braucht (→ Gerechtigkeitsproblem). Das Ironie-P. ist so eines ihrer VerächterInnen. Stefan Howald

J

Problem-Jugend Die Jugend tritt im ausgehenden 18. Jh. auf den Plan. Als Erstes erscheint sie ausschliesslich in der männl. Gestalt eines bürgerl. Jünglings, der sich dank Bildung zur eigenständigen Persönlichkeit entwickeln soll (→ Geschlechterproblem). Nach dem Verbot der Kinderarbeit infolge der Industrialisierung wird auch anderen Schichten und Geschlechtern eine gewisse Jugend zugesprochen. Bis heute ist unklar, wann diese beginnt und wann genau sie endet. Doch wird die neu entdeckte Lebensphase durch Ausweitung der Bildung (Schulpflicht, Berufslehre, Maturität) rasch gestaltet und kontrolliert. Darauf reagiert die Jugend mit Selbstorganisation: Jugendbewegungen entstehen, von den Wandervögeln über die ArbeiterInnenjugend zu den Mods oder sog. Halbstarken, ein Begriff, der junge Männer aus dem Proletariat abwertet (→ Klassenproblem).

Die Assoziation des Jugendalters mit problemat. Verhalten – Alkohol, Drogen, Gewalt, Extremismus, Orientierungslosigkeit etc. – hat eine sehr lange Tradition.

Die P.-Jugend wird von Erwachsenen häufig als Vorbotin eines gesellschaftl. Niedergangs gedeutet, weil das Jugendalter auf künftige Erwachsenengenerationen verweist. Die Jugendlichen wiederum setzen sich mit Musik, Kleidung und anderen Codes von der Erwachsenenwelt ab. Den Bewegungen um 1968 gelingt es, eine fundamentale Gesellschaftskritik zu entwickeln. Für die Schweiz prägend sind die Jugendunruhen von 1980, in versch. Städten entstehen kulturelle Freiräume. Seither wurden die Jugendkulturen zunehmend kommerzialisiert. Die Sehnsucht nach der Jugend wird zum Geschäftsmodell (Schönheitsoperationen, Berufsjugendliche). Wenig verwunderlich wird die Jugend in der Schweiz jährlich von einer Grossbank vermessen. Gemäss dem Jugendbarometer der Credit Suisse sind die grössten Sorgen der Jugend im Jahr 2020 Altersvorsorge, Coronapandemie und Klimaerwärmung. An den Klimaprotesten demonstrieren zwar so viele Junge wie seit langem nicht (→ Klimaproblem), die Grossbank aber hält fest: «Trotz dem klaren Wunsch nach Veränderung ist die Bevölkerungskohorte der Jugendlichen von einer Totalopposition gegen alles Etablierte weit entfernt.» Bei all diesen Analysen sollte das Geheimnis der Jugend nicht vergessen werden. Oder wie der Punkmusiker Schorsch Kamerun singt: «Die Jugend ist die schönste Zeit des Lebens.» Kaspar Surber

K

Problem-Kind Das P.-Kind wäre häufig gar keines, stammte es nicht aus einer P.-Familie, die sich ihrerseits aus P.-Kindern entwickelt hat. Kommt das P.-Kind in die Schule, wird es nicht selten zum P.-Schüler. Wird der P.-Schüler aus einer Klasse entfernt, stellt manche Lehrperson staunend fest, dass sofort ein anderer Schüler, eine andere Schülerin an seine Stelle tritt. Bleibt das P.-Kind in der Klasse, kann diese zur P.-Klasse werden, und die Lehrperson tut gut daran, entweder eine neue Klasse zu übernehmen oder den Beruf zu wechseln (→ Klassenproblem). Unter dem Einfluss einfühlsamer Pädagogik kann sich das P.-Kind zum Normalkind oder – Achtung! – zu einem sog. Normkind entwickeln. Halten sich die Eltern an die Werke von Remo Largo (1943–2020), können sie unter Umständen vermeiden, dass ihr Kind überhaupt zum P.-Kind wird. Halten sie sich an Alain Guggenbühl, kann es passieren, dass ihr Kind trotz bester Absichten klischiertes Geschlechterverhalten entwickelt. Karin Hoffsten

Klassenproblem Fast jedes P. ist auch ein Klassen-P. Neben dem → Geschlechterproblem und dem → Rassismusproblem ist das Klassen-P. (auch Schichtproblem) das grundlegendste P. von allen. Vielleicht wird es deshalb selten direkt adressiert (→ Gewaltproblem). Das Klassen-P. prägt alle menschl. Beziehungen und Konflikte. Ein winziger Teil der Weltbevölkerung besitzt 60 Prozent des globalen Reichtums (Oxfam-Studie 2021). Auch in vermeintl. egalitären Gesellschaften sind sog. Arbeiterkinder in Teppichetagen, Redaktionen und Universitäten massiv untervertreten. Der Globale Süden stellt heute den grössten Anteil der weltweiten ArbeiterInnenklasse. Für Karl Marx (1818–1883) bestand die Klassengesellschaft aus Herrschenden und Ausgebeuteten: Letztere arbeiten v. a. für den Wohlstand der Ersteren. Pierre Bourdieu (1930–2002), bell hooks u. v. a. haben diese Analyse weiterentwickelt. Auf Schweizerdt. wird das P. im Wort «Büezer» verniedlicht. Das Hickhack darüber, ob dem Klassen-P. ein Primat über andere → Identitätsprobleme einzuräumen sei, ist ein innerlinkes → Scheinproblem: Befreiung kann immer nur die Befreiung aller bedeuten. Daniela Janser

Klimaproblem Es gibt kein Klima-P. Die anthropogene Klimaerhitzung verursacht gravierende Probleme und wird noch mehr verursachen. Aber sie ist selber keins.

Ein Problem ist prinzipiell lösbar, die selbstverschuldete Erderhitzung bestenfalls begrenzbar. Wie das geht, weiss man längst: Die Menschheit muss aufhören, Treibhausgase zu produzieren. Aber die Erwärmung bleibt (→ Hitzeproblem). Zusammen mit anderen Umweltkrisen markiert die Klimakrise ein neues Zeitalter: das Anthropozän. Ein Zeitalter ist nicht heil- und lösbar. Damit müssen wir leben. Also: kein «Problem» (→ No Problem), sorry. Marcel Hänggi

Körper-Geist-Problem Dieses P. (auch Leib-Seele-P.) entspringt der menschl. Fähigkeit, sich als selbstbewusstes Wesen aus zwei konträren Perspektiven wahrzunehmen: als denkendes, handelndes Bewusstsein oder als materiellen Gegenstand (→ Akkusativproblem). Aus diesem unauflösbaren Graben wiederum entsteht vermutlich die Sehnsucht nach ekstatischen Zuständen (mystisch, sexuell oder durch Drogen ausgelöst), die oft als Erfahrung von «eins mit der Welt sein» beschrieben werden (→ Identitätsproblem, → Orgasmusproblem). In der westl. Philosophie wurde das P. als solches erstmals von René Descartes (1596–1650) benannt. Bis heute dient es als Quelle philosoph. P., die von manchen als besonders tiefsinnig empfunden werden, z. B. «Können Tiere denken?». Interesse daran zeigen auch die Religion, die eine unsterbl. Seele vom sterbl. Körper abgrenzt, um ihre Jenseitsvorstellung zu stützen, oder der sarkastische Materialismus, der transzendente Erfahrungen wissenschaftl. zu entzaubern trachtet. Eine anthropolog. Konstante ist das P. hingegen nicht, in nichtwestl. Philosophien sucht man es vergeblich. David Hunziker

Kommunikationsproblem Als Kommunikations-P. wird ein Missstand bezeichnet, von dem man glaubt, er lasse sich durch die Optimierung kommunikativer Techniken beseitigen. Die Behauptung, dass ein solches P. vorliege, entspricht oft einer trügerischen Entwarnung: Das P. liege nicht in der Welt dort draussen, sondern im Sprechen über diese. Dieser Irrtum besteht im Glauben, zwischenmenschl. P. (→ Beziehungsproblem) liessen sich in reine Kommunikations-P. umwandeln und also wegdiskutieren. Wer diesem Irrglauben anhängt, kann z. B. Sally Rooneys Roman «Gespräche mit Freunden» (2017) lesen; er handelt von vier sehr reflektierten jungen Menschen, die ständig über ihre komplexen Beziehungen reden, sich aber doch immer im Kreis drehen. David Hunziker

L

Lärmproblem Laut dem dt. Schriftsteller Kurt Tucholsky (1890–1935) ist Lärm «das Geräusch der anderen». Dementsprechend wird die gleiche akust. Realität von verschied. HörerInnen jeweils sehr unterschiedl. bewertet. Je nach Quelle wird gemeinhin zw. Verkehrs-, Flug-, Gewerbe-, Industrie-, Bau-, Nachbarschafts-, Freizeit- und religiösem Lärm (z. B. Glockengeläut) unterschieden.

Noch bis Mitte des 18. Jh. war Lärm (von ital. «all’arme», «zu den Waffen!») v. a. ein militär. Begriff, wofür Begriffe wie «Lärmplatz» (wo Menschen unter Waffen traten), «Lärmbläser» und «Lärmschläger» (Trompeter bzw. Tambouren) zeugen. Im 21. Jh. hat sich das Lärm-P. u. a. in ehem. ArbeiterInnenquartiere verlagert, die sich im Zuge der Gentrifizierung in sog. Ausgehviertel verwandeln (→ Problem-Viertel). Die moderne Soziologie sieht sich dabei mit dem scheinbaren Paradox konfrontiert, dass gut verdienende LärmallergikerInnen ausgerechnet in besonders nachts überaus lärmintensiver Umgebung wohnen möchten (→ Luxusproblem, → Schlafproblem). Neuste Erkenntnisse weisen jedoch darauf hin, dass subtilere Formen von akust. Umweltverschmutzung unterschätzt werden. So ist immer häufiger von sog. Lärmsensiblen zu hören, die unter Schallereignissen leiden, die Menschen ohne ausserkörperl. Hilfsmittel erzeugen (von Stöhnen, Räuspern, Rülpsen, Gähnen, Knurren, Schnalzen, Zischen, Fauchen, Görpsen, Furzen, Niesen, Kichern und Schnarchen bis hin zu grundlosem Pfeifen, Trällern, Krächzen, Kreischen, Jauchzen oder Brüllen), was speziell am Arbeitsplatz zu erheblichen Konzentrationsproblemen führt. Eine bemerkenswerte Rolle scheinen vorzugsweise mit Zeitungs- oder Verpackungspapier erzeugte Schallereignisse wie Rascheln oder Knistern zu spielen: Hierbei hat sich herausgestellt, dass deren Störwirkung in manchen Ohren bei abnehmender Lautstärke gar noch zunimmt. In der öffentl. Debatte jedoch scheinen solche Belästigungen weitgehend tabuisiert. Ins Zentrum des Diskurses haben sich in den letzten Jahren vielmehr sog. Laubbläser gedrängt, deren spätherbstl. Orchestralität derart populär geworden ist, dass bald auch div. Komponisten Neuer Musik nicht mehr auf sie verzichten können. Inwieweit es sich bei nicht notwendigem Lärm (Laubbläser, Autos, Kirchenglocken) um Formen einer gewissen Ausdrucks-, Bewegungs- oder künstlerischen Freiheit handelt, ist jurist. ungeklärt. Adrian Riklin

Lieblingsproblem Als Lieblings-P. können jene P. bezeichnet werden, die trotz einfachster Lösbarkeit gerne beibehalten und liebevoll gepflegt werden, da sie selbst bei jahrzehntelanger Nichtgelöstheit immer wieder kurzweilige Unterhaltung und abendfüllendes Gesprächsmaterial liefern (→ Luxusproblem, → Beziehungsproblem). Die ungewollte, meist durch einen lächerlichen Zufall herbeigeführte Zerstörung solcher P. kann zu einer chron. Dekryption (dauerhaften Enträtselung) und Enttäuschung führen. Adrian Riklin

Luxusproblem Man kann ein Luxus-P. ernst nehmen, muss aber nicht. Luxus-P. sind etwa: Mein Maserati hat einen Kratzer; die Migros führt mein Lieblingsjoghurt nicht mehr; Hilfe, ich habe ein graues Haar entdeckt. Die Bewirtschaftung von Luxus-P. ist ein beliebtes Geschäftsmodell im Spätkapitalismus – u. a. in Form von Beratungskolumnen. Nicht selten wird behauptet, auch ein Luxus-P. könne zur unerträglichen Last anwachsen. Dagegen empfehlen wir ein Gespräch mit jemandem mit einem → Existenzproblem. Daniela Janser

M

Millenniumproblem Die offizielle Mathematik war über viele Jh. eine männl. Angelegenheit: Frauen wurden bis ins 20. Jh. weitgehend vom wissenschaftl. Betrieb ausgeschlossen (→ Geschlechterproblem). So musste sich die geniale Sophie Germain (1776–1831) z. B. auf Umwegen Vorlesungsunterlagen beschaffen und Lösungen von mathemat. Aufgaben unter männl. Pseudonym einsenden. Posthum bekannt wurde sie durch Arbeiten am sog. Satz von Fermat, der in voller Allgemeinheit erst Ende des 20. Jh. bewiesen wurde. Germain jedoch bewies schon 200 Jahre früher, dass ein Spezialfall dieser Vermutung für eine Reihe von Primzahlen zutrifft (sog. Sophie-Germain-Primzahlen). Das ist auch der Grund, weshalb hier zuerst Germain gewürdigt wird.

Als Millennium-P. gelten heute die sieben im Jahr 2000 vom Clay Mathematics Institute in Cambridge (MA) aufgelisteten ungelösten P. der Mathematik, für deren Lösung es ein Preisgeld von je einer Million US-Dollar ausgeschrieben hat. Bis zum heutigen Tag konnte erst die sog. Poincaré-Vermutung gelöst werden. Die Hypothese, die der franz. Mathematiker Henri Poincaré (1854–1912) 1904 formulierte, besagt, dass ein geometr. Objekt, solange es kein Loch hat, zu einer Kugel deformiert werden kann – selbst wenn es sich um eine dreidimensionale Oberfläche im vierdimensionalen Raum handelt.

Den def. Beweis lieferte 2002 der russ. Mathematiker Grigori Perelman. Dafür wurde ihm 2006 die Fields-Medaille verliehen, deren Bedeutung für die Mathematik dem Nobelpreis gleichkommt. Doch er lehnte Medaille und Preisgeld wegen der in seinen Augen ungerechten Entscheidungen der mathemat. Gesellschaft ab und lebt seither zurückgezogen am Rand von St. Petersburg. Masha Gessen zeichnete seine Geschichte im Buch «Der Beweis des Jahrhunderts. Die faszinierende Geschichte des Mathematikers Grigori Perelman» (2009) nach.

Und Sophie Germain? 1815 wurde ihr für ihre Arbeiten zu den Schwingungen elastischer Platten von der franz. Akademie ein Preis zuerkannt. Enttäuscht über die fehlende Anerkennung durch einige Mathematiker erschien sie jedoch nicht zur Verleihung. 200 Jahre später prägen immer mehr Frauen die internat. Mathematik: so etwa die ukrain. Zahlentheoretikerin Maryna Viazovska , Professorin an der École polytechnique fédérale in Lausanne, mit einer bahnbrechenden Arbeit zur sog. Theorie dichtester Kugelpackungen. Adrian Riklin

N

No Problem Die weltweit gebräuchliche Formulierung «No Problem» als Antwort auf Danksagungen beinhaltet die Nachricht, dass soeben erbrachte gute Wünsche oder Hilfeleistungen ohne P. absolviert worden seien (auch wenn allfällig damit verbundene P. gar nie thematisiert wurden). Die damit einhergehende Antiquarisierung von «gern geschehen» markiert einen gesellschaftl. Wandel: Jmd. im 21. Jh. Gutes zu wünschen oder behilflich zu sein, wird im Allg. als (mehr oder weniger lästige) Pflichterfüllung und weniger als gern erbrachte Geste empfunden. Adrian Riklin

O

Organisationsproblem Das Organisations-P. gilt als eines der hartnäckigsten. Beim Staat tritt es ebenso auf wie in der Privatwirtschaft, unabhängig von hierarch. Gegebenheiten, d. h. auch in der Selbstverwaltung (→ Verwaltungsproblem). Es entsteht aus dem Unvermögen, eine Aufgabe unter adäquatem Einsatz vorhandener Mittel innert nützl. Frist zu bewältigen. Zwischen Unter- und Überorganisation herrscht Ungleichzeitigkeit.

Eine Rechtfertigung für das P. liefert die Physik mit Verweis auf die brownsche Molekularbewegung und den 2. Hauptsatz der Thermodynamik, womit auch die Verbrämung von Unordnung zu «kreativem Chaos» moral. zulässig ist. Das P. ist volkswirtschaftl. relevant, da es eine Vielzahl von P.-Lösungsanbietern hervorgebracht hat. Die humansten unter ihnen halten den Ball flach und bewirken Linderung, die schlausten schaffen durch Organigramme u. ä. immer wieder neue P. Im Privatbereich und im Kopf zeigt das P. sich im fortwährenden vergebl. Bemühen, eine Ordnung zu schaffen oder aufrechtzuerhalten («Gnuusch im Fadechörbli»). Jürg Fischer

Orgasmusproblem Von Wesen und Häufung her ist dieses P. nur schwer zu fassen. Denn ebenso gesichert wie seine Existenz ist die Tatsache, dass es dort, wo es auftritt, nur sehr ungern eingestanden wird, halten es doch viele Betroffene für ihr persönliches Versagen. Folglich begegnet man dem P. seltener im offenen Gespräch als in Beratungsrubriken. Doch mit einem Rat wie z. B. «Sie tragen zu oft High Heels. Falsche Schuhe lassen den Beckenboden verkrampfen. Tipp: Massieren Sie vor dem Sex die Füsse» kann nicht jede Frau etwas anfangen. Überhaupt kursieren über die Geschlechterverteilung von Orgasmus-P. grundlegende Irrtümer. Der Volksmund schreibt sie vor allem Cis-Frauen zu, doch Männer können ebenso betroffen sein (nicht zu verwechseln mit dem → Erektionsproblem); zur Verteilung in der LGBTQ-Community ist die Studienlage noch dünn. Dass es Frauen nicht nur rein anatom. eher möglich ist, ein Orgasmus-P. zu verschleiern, bewies Meg Ryan mit einem sehenswerten Fake-Orgasmus im Film «When Harry Met Sally» (1989). Karin Hoffsten

Orientierungsproblem Dieses P. verschärft die Frage «Wer bin ich?» (→ Identitätsproblem) um die Dimension «Wo bin ich?». Während Seeleute dank Sternbildern und anderen Navigationssystemen ihren Standort jederzeit bestimmen können, fällt sog. Landratten dies deutlich schwerer. Parteien, Konfessionen, Medien und Google Maps versprechen zwar Orientierung, folgt man ihnen aber unkritisch, landet man schnell im falschen Film. Orientierungs-P. verschärfen sich häufig infolge Älterwerdens. Wo war ich stehen geblieben? Jürg Fischer

P

Parkierproblem Eine Anleitung: Rechts ranfahren, bis die sog. B-Säule auf Höhe des linken Rücklichts des rechts stehenden Autos ist, das Steuerrad rechts eingeschlagen rückwärts fahren, bis sich der innere Griff der rechten Tür auf einer Linie mit dem genannten linken Rücklicht befindet, dann links drehen, bis der mittlere Punkt des linken Scheibenwischers des Tesla, den Sie auf keinen Fall touchieren sollten (→ Randproblem), weil der Besitzer ein unkulantes Materialistenschwein ist, in dessen rechtem Auge steckt. Jetzt Gaspedal durchdrücken und irgendwo weit weg ein neues Leben beginnen, unter dem Pflaster der Sandstrand. Noëmi Landolt

Platzproblem Das Platz-P. gehört zu den wenigen P., die überall vorkommen. Auch dort, wo es scheinbar unendlich viel Platz gibt, z. B. in der Natur (→ Unendlichkeitsproblem). Gem. Aristoteles (4. Jh. v. u. Z.) drängt Natur immer dorthin, wo sie noch nicht ist (sog. Horror Vacui). Ähnliches ist bekannt von der Kunst: Auch sie hat Angst davor, nicht überall zu sein. Menschen sind unterschiedl. stark vom Platz-P. betroffen, wobei dieses meist als → Alltagsproblem gilt. Mitunter werden auch Formen des privaten Zusammenlebens als Platz-P. begriffen («Zweierkiste», → Beziehungsproblem). Oft scheint das P. als solches unlösbar, weshalb es gelegentlich in der Kat. der sog. Universal-P. diskutiert wird: Neuer Platz werde immer auf Kosten von bereits bestehendem gewonnen. Utopische Entwürfe hingegen beschreiben das P. als lösbar, z. B. in «bolo’bolo» (1983) des unter dem Pseudonym P. M. bekannten schweiz. Autors Hans Widmer. Dort passt Privatbesitz in eine Blechkiste (sog. Taku) von 50 × 50 × 100 cm. Erich Keller

Privatproblem Ein Privat-P. geht mich nichts an: Das mag zutreffen, wenn einer, vielleicht auch eine, gerade mal nicht kann (→ Orgasmusproblem, → Erektionsproblem). Oft aber dient die Benennung der Abwehr: Dieses P. ist zu klein geraten, aufs eigene Gärtchen (den eigenen Balkon) beschränkt (→ Luxusproblem). Dass das Private zugleich politisch ist, hat allerdings die Frauenbewegung durchgesetzt. Das Privat-P. stellt also uns andere auf die Probe: Sollen wir uns von den P.-Beladenen taktvoll ab- oder uns ihnen hilfreich zuwenden? Stefan Howald

Problem an sich Ausgehend vom griech. Ursprungsbegriff «problema» (Vorgeworfenes, -gelegtes, Klippe, Hindernis) lässt sich ein P. als Aufgabe definieren, deren angestrebte Lösung, Überwindung oder Umgehung mit Schwierigkeiten verbunden ist. P. können somit in allen Lebensbereichen auftreten, was den Philosophen Karl Popper (1902–1994) zum schwerwiegenden Buchtitel hinriss: «Alles Leben ist P.-Lösen» (→ Alltagsproblem). Stehen mehrere P. in einem kausalen Zusammenhang, kann von einer Problematik gesprochen werden. Wird das P. als solches problematisiert, ergibt sich daraus ein P.-Lösungs-P.

Abgesehen von grösseren → Existenzproblemen empfiehlt sich, der Frage nachzugehen, was wann, warum und von wem überhaupt zum P. erklärt wird. So hat sich im spätkapitalist. Zeitalter die Herstellung neuer P. als Geschäftsmodell etabliert, um eine umso grössere Anzahl neuer Lösungen verkaufen zu können – quasi als Fortsetzung der kapitalist. Tradition, neue Bedürfnisse für neue Produkte zu kreieren (→ Luxusproblem). Dabei fragt sich, ob Egon Friedell (1878–1938) nicht etwas anderes meinte, als er schrieb: «Kultur ist Reichtum an P. und ein Zeitalter um so aufgeklärter, je mehr Rätsel es entdeckt hat.»

Im kaliforn. Silicon Valley jedenfalls hat Friedells These eine neue Bedeutung erhalten. In «To Save Everything, Click Here» (2013) zeigt der belarus. Medienwissenschaftler und Technologiekritiker Evgeny Morozov, wie Techkonzerne möglichst vieles in P. verwandeln möchten. Die dahinterliegende Logik nennt Morozov «Solutionismus». Darunter versteht er eine Denkweise, deren Fokus darin besteht, vorauseilend nach (techn.) Lösungen zu suchen, bevor überhaupt ein entsprechendes P. vorliegt (→ Scheinproblem, → No Problem). Am sog. Shotspotter-System, das mit statist. Überwachungsdaten und Algorithmen Verbrechen vorhersagen und verhindern soll (→ Gewaltproblem), legt Morozov dar, wie sich das, was dabei als Lösung verkauft wird, zuweilen als noch grösseres P. herausstellt: Ohne dass in den betroffenen Regionen (→ Problem-Viertel) die Kriminalitätsrate tatsächl. spürbar gesunken wäre, wurde hierfür ein horrender Kontrollapparat installiert. Ein hist. besonders schlimmes Bsp. dafür, wie zerstörerisch als «Lösung» etikettierte Massnahmen sein können, ist die sog. «Endlösung», mit der das nat.-sozialist. Regime die jüd. Bevölkerung ausrotten wollte (→ Rassismusproblem, → Ausländerproblem).

Günther Anders (1902–1992) hat die Verkehrung von P. und Lösung schon vor 40 Jahren in «Die Antiquiertheit des Menschen» beschrieben: Wären wir ehrlich, gab er zu bedenken, würden wir nicht mehr beten: «Unser tägliches Brot gib uns heute», sondern: «Unseren täglichen Hunger gib uns heute» (damit die Brotfabrikation tägl. gesichert bleibe). Gleiches liesse sich über die Fabrikation von P. sagen. Es ziemt sich also, in Aussicht gestellten Lösungen mit einer gewissen Skepsis zu begegnen – und sich frühzeitig zu fragen, ob sie sich am Ende nicht als das noch grössere P. erweisen könnten.

Nicht zu unterschätzen in der P.-Fabrikation ist die Rolle der Sprache. Das lässt sich u. a. am Begriff «Sexualität» aufzeigen. Indem der sog. Geschlechtsverkehr ab dem frühen 19. Jh. eine offizielle Bezeichnung erhielt, konnte er in der Folge ausgiebig verbalisiert und problematisiert werden. Und je mehr Sex sich im industriellen Zeitalter als Freizeitbeschäftigung etablierte, desto eher wurden bis dahin nebensächl. Störungen zu P. erhoben, die ganze Industriezweige auf den Plan riefen (→ Erektionsproblem, → Orgasmusproblem).

Was unter die Räder der Problematisierungsmaschine kommt, wird nicht zuletzt im zwischenmenschl. Bereich sogleich in zu behandelnde P. und kostspielige Lösungsversprechen umgemünzt (→ Beziehungsproblem, → Privatproblem). So liegt ein in Wohlstandsgesellschaften verbreitetes Haupt-P. darin, sich auf käufl. Lösungsangebote zu verlassen – und nicht-vorgespurte Wege zu übersehen. Der Dichter Robert Walser (1878–1956) notierte dazu den klugen Hinweis, dass sich sog. Umwege nicht selten als Abkürzung herausstellen. Im Buddhismus wiederum wird das P. zu überwinden versucht, indem der Weg (das zu Überwindende) zum Ziel gemacht (und das P. somit quasi der Lösung gleichgesetzt) wird. Doch auch unter solchen Prämissen ist das menschl. Wesen nicht für ein P.-loses Dasein geschaffen. Dafür sind die fundamentalen Unlösbarkeiten und die Kluft zwischen der Sinnwidrigkeit der Welt und der Sehnsucht nach einem Sinn zu gross (Albert Camus [1913–1960] hat diese «Absurdität» 1942 in «Der Mythos von Sisyphos» beschrieben). Treffender wäre: Leben ist immer auch der Versuch, mit P. umzugehen – und somit auch Scheitern. So verlockend Solutionismus oder der «Sprung ins Religiöse» (Camus) auch sein mögen: Eine gewisse Rätselhaftigkeit bleibt. Leben ist mehr als eine Denksportaufgabe. Adrian Riklin

Q

Oben: Bauplan einer typ. Schirm- oder Scheibenqualle (Scyphozoa), nach versch. Autoren. Unten: Lebenszyklus der Ohrenqualle Aurelia aurita (Scyphozoa), nach Bayer und Owre (1968). Illustration: Alina Günter

Quallenproblem Manchen gilt das Quallen-P. ja als → Problem an sich. Lebewesen, die zu 99 Prozent aus Wasser bestehen und weder Hirn (→ Verständnisproblem) noch Rückgrat (→ Charakterproblem) besitzen, invadieren weltweit die maritimen Ökosysteme und drohen diese in Monokulturen zu verwandeln. Auf ihrem Eroberungskurs verspritzen sie aus den mit Nesselkapseln übersäten Tentakeln, die bis zu zwanzig Meter lang werden können, Gift, das – wie im Fall der Würfelqualle – auch für Menschen tödlich sein kann.

Medienberichten zufolge verursacht das Quallen-P. beträchtl. wirtschaftl. Ausfälle für die Tourismusbranche. Ein zunehmendes → Existenzproblem bedeutet es auch für die Fischerei. Im Lurefjord (Norwegen) finden sich seit den 1970er Jahren nur noch Quallen in den Netzen. Und in Japan lassen bis zu 200 kg schwere Exemplare ganze Kutter kentern (→ Gewichtsproblem). Auch als «Medusen» bezeichnet (ob der Namensvater ein → Frauenproblem hatte, ist unbekannt), haben Quallen 670 Mio. Jahre der Evolution überdauert und gedeihen, wo kein anderes Tier überleben kann. «Superzellen» sorgen dafür, dass beschädigte Körperteile nachwachsen.

Ähnlichkeiten mit Science-Fiction-Filmen wie «Men in Black» (1997), die das vermeintliche → Ausländerproblem mit Humor subvertieren, sind rein zufällig – und schärfen doch den Blick für das → Ironieproblem hinter dem Quallen-P. Beim menschengemachten → Klimaproblem könnten die Tiere nämlich durchaus zur Lösung beitragen. Tote Quallen sinken auf den Meeresgrund und lagern dort das an der Oberfläche aufgenommene CO2 ab. Gemäss dem europ. Forschungsprojekt «GoJelly» taugen Quallenkadaver auch als landwirtschaftl. Dünger oder zur Filtration von Mikroplastik. In Japan und China haben frittierte oder marinierte Quallen ihren festen Platz auf dem Speiseplan. Zumindest als Drohkulisse liessen sich Quallen auch von der Anti-AKW-Bewegung einsetzen, vermögen sie doch nachweisl. das Kühlwassersystem von AKWs lahmzulegen. Das Quallen-P., frei nach Christian Morgenstern: «Hoffen wir es! Sagen wir es laut: dass ihm unsre Sympathie gehört, selbst an dieser Stätte, wo es – ‹stört›!» Franziska Meister

Quantenproblem Beim Quanten-P. (eigentlich Quantentheorie-P.) ist strittig, ob es gelöst ist. Unstrittig ist, dass Experimente ab 1900 zum Zusammenbruch der damaligen makrophysikal. Semantik führten. Das Licht galt damals als elektromagnetische Welle. In Experimenten zeigte es sich aber auch als Strahl von Lichtquanten bzw. Photonen, die unteilbar und zählbar sind und Elektronen aus Metallen schlagen, deren Energie abhängig von der Lichtfrequenz ist – und nicht von der Wellenamplitude.

Die Quantentheorie entstand als Lösung dieser «Doppelnatur» des Lichts, sich je nach Experiment sowohl wie ein Teilchen als auch wie eine Welle zu verhalten, obwohl es beides zugleich nicht sein kann. Quanten haben auch nicht gleichzeitig einen genau bestimmbaren Ort und Impuls – erst die Beobachtung bestimmt je eine ihrer Eigenschaften. Sie sind also quasi verschmierte Mischwesen in einer Superposition (→ Unendlichkeitsproblem). Manchmal, z. B. wenn sie eine gemeinsame Herkunft haben, sind sie zudem so verschränkt, dass sie über Distanz ihr Verhalten abstimmen, d. h. die gleichen bzw. komplementären Eigenschaften zeigen. Mit dieser «spukhaften Fernwirkung» (Albert Einstein [1879–1955]) stellt sich die Frage: Sind Quanten überhaupt real – oder bloss ein mathemat. Modell? Peter Rupli

Quellenproblem Die Quelle ist ein Ort, an dem etwas zutage tritt und geschöpft werden kann, bspw. Flüssigkeit, Geld oder Information. Von einem Quellen-P. wird gesprochen, wenn die Qualität oder die Quantität des Zutagetretenden nicht den Erwartungen entspricht, etwa beim → Alkoholproblem, wenn das Zutagetreten nicht rechtzeitig erfolgt (→ Terminproblem) oder ganz ausbleibt (→ Geldproblem, → Erektionsproblem). Die Geschichtswissenschaft löst oder lindert das Quellen-P. von der Antike (Herodot, 5. Jh. v. u. Z.) bis heute durch Vorurteile und erzählerische Ausschmückung, wobei v. a. mit gezielter Faktenhuberei, mit wissenschaftl. Instrumenten wie Fussnote und Jargon ein Anschein von Quellensicherheit erweckt werden kann. In der Landwirtschaft ist das Ritual der Wünschelrutengängerei bekannt, bei dem speziell talentierte BäuerInnen einen gebogenen Zweig oder Draht über Grundstücke tragen, in denen sie Quellen vermuten. Schlägt die Rute plötzlich aus, holt der Bauer die Schaufel, und das P. ist gelöst. Versuche, dieses Verfahren auf Wissenschaft und Finanzpolitik zu übertragen, sind bislang wenig erfolgreich. Im Journalismus erlaubt eine modifiz. Anwendung des Rituals, aus einer feuchten Stelle im Gras jederzeit eine sprudelnde Nachrichtenquelle zu machen. Stefan Keller

R

Randproblem Das Rand-P. verdankt seine Existenz einem zentristischen Standpunkt. Der eigene Horizont bildet den Rand der Wahrnehmung und der möglichen Empirie. Ideengeschichtlich ist es ein Relikt aus der Zeit, als die Erde noch eine Scheibe war. Was sich am Rand abspielt, ist per definitionem marginal, allfällige P. der Marginalisierten sind Rand-P.

Objektiv gesehen entstehen Rand-P. oft beim Lösen anderer P. Ihre Manifestation ist der Kollateralschaden; billigend wird das P. in Kauf genommen. Das Rand-P. rangiert in der P.-Hierarchie ganz unten, direkt zwischen → Scheinproblem und → Luxusproblem. Anders als diesen jedoch ist es ihm verwehrt, ins Zentrum zu rücken, sonst ist es keines mehr. Seine Lösung obliegt einzig den Betroffenen. Jürg Fischer

Rassismusproblem Um das Rassismus-P. zu veranschaulichen, hilft ein Blick auf die moderne Schweizer Migrationspolitik. Ihren Anfang nahm diese 1970 mit der «Initiative gegen die Überfremdung». James Schwarzenbach (1911–1994), der schwerreiche Industriellensohn und Nationalrat einer rechtsextremen Kleinpartei, wollte den «Ausländerbestand» im Land auf 10 Prozent begrenzen (→ Ausländerproblem). Er scheiterte knapp. Seither aber ist das P. omnipräsent: in den letzten Jahrzehnten vor allem durch Abstimmungen der SVP, die selbst ein Rassismus-P. hat, weil ihre Politik den Hass auf sog. Fremde schürt und ihnen die Zugehörigkeit abspricht. Während die sog. MigrantInnen bei solchen Abstimmungen ins Visier genommen werden, dürfen viele von ihnen selbst nicht mitbestimmen. Ebenso macht sich das P. in der Schule bemerkbar, bei der Jobsuche oder während Polizeikontrollen (→ Klassenproblem). Solange die Diskriminierung in diesen Bereichen bleibt, kann das strukturelle Rassismus-P. nicht überwunden werden. Anna Jikhareva

S

Scheinproblem Das Schein-P. kämpft mit seiner Wahrnehmung. Ganz durchsichtig tritt es zuweilen auf, als Gedankenschwaden, und dass es sich verflüchtige und das Wesentliche sichtbar mache, wünscht sich das kindliche oder magische Denken: aus den Augen, aus dem Sinn. Tatsächl. kann man sich fragen, ob die Wahl zwischen dünnen (Nr. 3) und ganz dünnen (Nr. 1) Spaghetti ein Schein- oder doch eher ein → Luxusproblem, gar ein First-World-Problem sei.

Um mehr und dickere Spaghetti geht es, wenn ein Finanzminister angeödet erklärt, grosszügigere finanz. Unterstützungen gegen eine Pandemie würden, was nur er sehe, als Riesen-P auf das Land zurückfallen, dessen Wohlstand nur er bewahren könne. Angesichts von Tiefstzinsen, tiefer Staatsverschuldung und nachweisbaren Erfolgen der geforderten Massnahmen könnte man des Finanzministers Riesen- als Schein-P. bezeichnen; obwohl diese Beschreibung des durchsichtigen polit. Manövers dem Anlass nicht ganz gerecht zu werden scheint, was jedoch nicht stimmt (→ Ironieproblem). Stefan Howald

Schlafproblem Ein Schlaf-P. hat meist körperl. (Schmerzen, Schwangerschaft), psych. (→ Beziehungsproblem, → Geldproblem) oder äussere Ursachen (→ Hitzeproblem, → Lärmproblem, → Problem-Kind). Fast 50 Prozent der Bevölkerung leiden einmal an Schlaf-P. Es handelt sich also weder um ein → Klassenproblem noch um ein → Luxusproblem. Gängige Hausmittel wie ein warmes Bad, Sex oder Staubwischen sind meist wenig effektiv. Keinesfalls sollte man sich jedoch während des Einschlafens gedanklich mit dem Schlaf-P. auseinandersetzen. Ein- und Durchschlaf-P. werden im Fachjargon als Insomnia bezeichnet. Diese hat uns immerhin einen der grössten Dance-Hits der Popgeschichte beschert. Wer will schon schlafen, wenn man noch tanzen kann? Noëmi Landolt

T

Terminproblem Davon ist die Rede, wenn ein Auftrag nicht oder nur mit erheblicher Mühe zum vereinbarten Zeitpunkt erledigt werden kann. Die klass. Literatur greift das Thema in Friedrich Schillers (1759–1805) Ballade «Die Bürgschaft» (1798) auf, in der ein Mann dem Tyrannen D. für seinen Freund mit dem Leben bürgt und wegen der Termin-P. des Freundes um ein Haar erwürgt wird. Das Gedicht ist in der Versicherungswissenschaft relevant, da es eine Kaskade von Ereignissen aufzeigt, die unerwartet zum Termin-P. führen können, im konkreten Fall Überschwemmung, Raubüberfall und Trockenheit. Die wirksamste Strategie gegen dieses P. ist nach moderner Forschung die Prokrastination oder noch effizienter die disziplinierte Passivität. Während Prokrastination den Fleiss ins Sinnlose ablenkt (Abwasch, Fensterputzen, Social-Media-Debatten), vernichtet ihn die Passivität ganz; wobei, nach einem Satz Walter Benjamins (1892–1940), schliesslich der Traumvogel der Langeweile das Ei der Erfahrung ausbrütet, und dieses weiss: Früher oder später verschwindet jedes Termin-P. von selbst. Stefan Keller

U

Unendlichkeitsproblem Das Unendlichkeits-P. beginnt schon bei der Vorstellung – oder können Sie sich das Unendliche vorstellen? Eben: Es ist zu gross, und was Sie sich vorstellen, ist ein Gestell und somit begrenzt. Also gibt es nur Endliches? Aber nein, denn wenn Sie das Ende sehen, sind Sie im Geiste darüber hinaus. Schon Zenon der Ältere (geboren um 490 v. u. Z.) zerbrach sich darüber den Kopf. Beim Gehen durch ein Stadion überlegte er sich: Nichts hindert mich, bis in die Mitte, weiter bis zur nächsten Hälfte und wieder zur Hälfte usw. zu gehen – und doch komme ich zu keinem Ende. Die Hälften nehmen kein Ende, und auch ans andere Ende gelange ich nicht! Natürlich werden die für diese laufende Halbierung erforderlichen Schritte bald zu klein – aber nur in der Realität, nicht im Geiste.

Seit jeher begegnet uns dieses P. auch als Frage nach der letzten aller Ursachen – und im Gewand religiöser Begriffe: ewiges Leben, Transzendenz und Gott als das unendlich vollkommene Wesen, worüber Grösseres nicht gedacht werden kann (→ Dreifaltigkeitsproblem). Damit zeichnet sich ab: Unendlichkeit lässt sich nur als (zerfallende, sich auflösende) Paradoxie denken. Ist Gott so mächtig, dass er einen Stein erschaffen kann, den er nicht mehr stemmen kann? Eben. Oder nehmen wir den mathemat. endlichen Ausdruck der Erzeugungsregel der unendlichen Reihe, deren zu summierende Glieder sich fortlaufend halbieren, derweil deren Summe aber in einer endlichen Zahl endet. Es ist offensichtlich paradox: Eine endliche Regel erzeugt eine Unendlichkeit, die endlich endet. Anders gesagt: Die unendliche Teilbarkeit eines endlichen Kontinuums in unendlich sich minimierende diskrete Grössen kongruiert in einer endlichen Grösse – der kontinuierlichen Strecke (→ Quantenproblem).

Wie aber lösen sich Paradoxien? Indem sie den Geist auf eine höhere Stufe treiben und zu einer Selbstkorrektur seiner vorausgesetzten Begriffe zwingen. Wie genau? – Das ist ein weites Feld. Peter Rupli

V

Verständnisproblem Als Bsp. für dieses P. dient der Bericht eines Automobilisten, der sich in Paris verirrte. Das P. äusserte sich zunächst semiotisch in der Frage, inwieweit der mitgeführte Stadtplan aus dem 20. Jh. der zeitgenössischen Lage entspreche (→ Orientierungsproblem). Des Weiteren sah sich der Protagonist auf mehreren Ebenen mit dem P. konfrontiert. So etwa waren die Strassenschilder «unverständlich schwach beleuchtet» (→ Parkierproblem). Erhellend dagegen war die nachträgliche Erkenntnis, dass Verständnis-P. schon vor der tatsächl. zwischenmenschlichen Begegnung wirken können. So fragte sich der Protagonist noch vor dem Wortwechsel mit einer Pariserin: «Wie sagt man auf Französisch: Ich hab mich verirrt?» (→ Wortfindungsproblem). Von derlei komplexen Missverständnissen profitiert die Theaterliteratur, insbes. das Theater des Absurden. In «Glückliche Tage» (1961) lässt Samuel Beckett (1906–1989) eine Frau von glücklichen Zeiten schwärmen, doch ihr Mann antwortet nicht. Fazit: Zum Verständnis gehört die Resonanz. Stephan Roppel

Verwaltungsproblem Verwaltungen sind öffentl. Einrichtungen zur Bewältigung von Problemen. Dabei produzieren sie oft genug selbst welche. In solchen Fällen spricht man von Verwaltungs-P. Überschreiten diese in der öffentl. Wahrnehmung ein gewisses Mass, wird von Bürokratie (wörtl. Übersetzung: Herrschaft der Verwaltung) gesprochen. Populäre literar. Darstellungen dazu lieferte Franz Kafka (1883–1924): Im Romanfragment «Das Schloss» findet der Protagonist nicht in die Verwaltung hinein, im ebenfalls nur fragmentarischen «Process» nicht mehr hinaus (am Ende wird er erstochen «wie ein Hund»).

Von der Unentrinnbarkeit der Bürokratie hat der Soziologe Max Weber (1864–1920) gesprochen. In «Wirtschaft und Gesellschaft» zeigt Weber, wie erstarrte und gnadenlose Formen von Verwaltungs-P. langfristig zum Untergang der Kultur führen, die sie hervorgebracht haben (z. B. Byzanz). Bekannt sind auch die Beiträge des Soziologen Niklas Luhmann (1927–1998) zur internen Organisation von Verwaltungen (→ Organisationsproblem). Für Luhmann sind sie «Betriebe zur Herstellung verbindlicher Entscheidungen» und damit Orte stetigen Problembewusstseins (in: «Spontane Ordnungsbildung»). Anders als in Familien oder Freundeskreisen müsse in der Verwaltung kein Konsens in allen möglichen Fragen erzielt werden. Vielmehr sei genau geregelt, welchen Auffassungen zwingend zugestimmt werden müsse. Dadurch entstünden immer wieder → Kommunikationsprobleme. Da in Verwaltungen die Beziehungen der MitarbeiterInnen untereinander aber nicht durch Intimität geregelt würden, sondern das «Gesetz des Wiedersehens» herrsche, sei besondere Vorsicht geboten. Untersucht hat Luhmann auch eine in der Öffentlichkeit kaum bekannte Spielart des Verwaltungs-P.: den internen Regimewechsel (in: «Der neue Chef»). Hier bestehe die Schwierigkeit u. a. darin, die neue Führung von unten «anzulernen», um sie erfolgreich in bestehende Gruppenstrukturen einführen zu können. Diese «Kunst der Führung von Vorgesetzten» nennt Luhmann «Unterwachung» (im Ggs. zu «Überwachung»). Erich Keller

Problem-Viertel Als P.-Viertel definierte der Deutsche Städtetag Wohngebiete, «in denen Faktoren, die die Lebensbedingungen und insbesondere die Entwicklungschancen von Kindern und Jugendlichen negativ bestimmen, gehäuft auftreten». Dieser paternalistische Blick ignoriert das beträchtliche Potenzial urbaner Randbezirke (→ Imageproblem). In Wirklichkeit handelt es sich um dynamische «Ankunftsstädte» mit hoher soz. Mobilität.

Es ist die Suche nach dem wirtschaftl. und soz. Aufstieg, die immer mehr Menschen aus armen ländlichen Regionen in Städte treibt (→ Existenzproblem). Beobachten lässt sich dieser Prozess seit der Neuzeit z. B. in Paris und später in kleinerem Massstab auch im Dorf Aussersihl (dem heutigen Kreis 4 in der Stadt Zürich), das fremdenfeindliche Kräfte wegen hier angekommener ArbeiterInnen aus dem europ. Süden gerne als Negativbeispiel heranziehen (→ Rassismusproblem, Klassenproblem). Inzwischen zeigt sich hier wie dort: P.-Viertel sind Räume des Übergangs, die sich im Lauf der Jahrzehnte in die Stadt integrieren – und sich nicht selten zu «Trendvierteln» entwickeln.

Ein Bsp. dieses globalen Phänomens ist der Grossraum Manila. Die 800 000 EinwohnerInnen zählende Stadt Antipolo ist Teil dieser philipp. Megacity mit rund 23 Millionen Menschen. Die 56-jährige Maria E., Mutter von sieben Kindern, kam auf der Suche nach einem chancenreicheren Leben als junge Frau aus dem agrar. Süden Luzons hierher. Heute lebt sie in einem gemauerten Häuschen in einer informellen Siedlung am zerfransten Rand von Antipolo. Es gibt fliessend Wasser, aber keine Kanalisation, gekocht wird draussen über offenem Feuer. Vor der Coronakrise war E. eine gut ausgelastete Kostümschneiderin, im kleinen Wohnzimmer standen Nähmaschinen. Als die Nachfrage wegen Corona zusammenbrach, orientierte sie sich blitzschnell um und eröffnete einen Take-away. Durchstreift man das Viertel, spürt man diese Dynamik überall: Womöglich ereignet sich an Orten wie diesem der nächste Wirtschafts- und Kulturboom – oder eine gewalttätige soziale Explosion. Andreas Fagetti

W

Wortfindungsproblem Entfallene Wörter können Traurigkeit und Selbsthass auslösen. Wenn ständig Wörter fehlen, ist → Kommunikationsproblem ein viel zu milder Ausdruck für das, was resultiert, denn ohne Wörter ist die Einsamkeit bodenlos. Allerdings sagte die dt. Schriftstellerin Brigitte Kronauer (1940–2019) am 12. September 2010, die Aufgabe der Literatur sei der Versuch, «unser Leben und wie wir uns per Sprache darüber verständigen, vor den überall und jederzeit waltenden Klischees, vor den schrecklichen Vereinfachern, vor den Reduzierungen und dem Verschleiss der Wörter zu retten. (…) Das jedoch ist etwas, was einem nicht in den Schoss fällt, nur Kindern und Irren, da sie keine Wahl haben.» Wenn ihnen geläufige Wörter fehlen, sprechen auch Demenzkranke in ungewohnten Sätzen: Trouvaillen im Aufbäumen gegen das Sterben im Hirn. Als Sprachgarten kann man sich die ideale Demenzstation vorstellen: ein teuer ausgestattetes Verwöhnhotel, wo auch BesucherInnen gerne Stunden verbringen – für den seltenen, aber berückenden Moment einer Worterfindung. Annette Hug

X

Xanthippeproblem Das Xanthippe-P. kann in der Gegenwart als inexistent betrachtet werden. Seine Ursprünge finden sich im deutschsprach. Bildungsbürgertum, dessen ExponentInnen eine streitbare Frau bis zum Ende des 20. Jh. gerne als Xanthippe bezeichneten (→ Beziehungsproblem, → Geschlechterproblem).  So glaubten sie, eine Frau, der es – aus ihrer Sicht – an weibl. Eigenschaften wie Demut und Bescheidenheit mangelte, disqualifizieren und gleichzeitig – auf die Anekdoten um die Gattin des Philosophen Sokrates (5. Jh. v. u. Z) anspielend – die eigene klassische Bildung hervorkehren zu können. Ob Xanthippe dem Bild des zänkischen Weibes überhaupt entsprach, ist hist. ungeklärt. Die Bedauernswerte dürfte sich häufig in verständlicher Erregung befunden haben, da ihr Gatte nicht nur tägl. diskutierend auf dem Athener Markt sass, sondern auch bis zu 24 Stunden in Gedanken versunken an einer Strassenecke verharren konnte (→ Körper-Geist-Problem). Für eine zänkische Frau sind in der Moderne «Hexe» oder «Räf» (mundartl. Schweiz) im Gebrauch. Karin Hoffsten

Y

Ypsilonproblem Das sog. Ypsilon-P. ist eine verkehrstechn. Fehlplanung für die schweiz. Stadt Zürich. Als exemplarischer Ausdruck versteinerten (betonifizierten) Denkens stellt es ein P. dar, das aus der Zeit, aber noch nicht aus allen Planungsgrundlagen gefallen ist, obwohl es sich mit einem Federstrich beseitigen liesse.

Im Zeichen «Y» verbinden sich drei Arme; diese trennen aber gleichzeitig drei Segmente voneinander ab, womit das Schriftzeichen ein Dilemma der Verkehrspolitik erfasst, das insbes. für Autobahnen gilt: Strassen, die verbinden sollen, trennen. Man schrieb die 50er Jahre des 20. Jh. und wollte das primäre P. lösen, dass Menschen in die Stadt und durch sie hindurch wollen. Und wenn moderne Menschen irgendwo hinwollen (dachten die Planer), wollen sie das vorzugsweise eingekapselt in eigenem Blech, mit eigenen vier Rädern und eigenem Motor. Das Y entstand als sekundäres P. beim Versuch, das primäre zu lösen (→ Problem an sich). Dass jeder Strassenausbau die Verkehrsnachfrage erhöht, wusste man schon damals; doch man ignorierte es oder nahm es billigend in Kauf. Man war schliesslich für den Fortschritt.

Gebaut wurde das Y in Teilen. Heute präsentiert es sich in Form dreier Arme, die sich nicht treffen und die Automassen stattdessen von Norden durch den Milchbucktunnel an die Limmat, von Süden auf Betonstelzen über die Sihl ins Sihlhölzli und von Westen zum Hardturm erbrechen. Ein Tunnelschacht unter dem Hauptbhf. liegt brach.

Manche erkannten den Unsinn früh. 1974 lehnte der Kt. Zürich eine Anti-Y-Volksinitiative ab. Die StädterInnen hätten sie angenommen: Überfahren lassen wollte man sich schon damals lieber nicht. Eine zweite Initiative scheiterte 1977. 1981 empfahl die sog. Kommission Biel, das Y aufzugeben. Trotzdem blieb das Zeichen in den Jahresberichten des Bundesamts für Strassen (Astra) bis 2019 untot. Erst im Jahresbericht 2020 fehlt der Begriff «Ypsilon». Stattdessen ist auf einem Kärtchen ein «Stadttunnel» verzeichnet. Dieser findet sich im kant. Richtplan schon länger und soll von der Allmend Brunau bis Dübendorf führen (9 km) und mit anderen erstaunlichen Ideen aus selbigem Richtplan verbunden werden: Seetunnel (falls der Stadttunnel nicht kommen sollte), Adlisberg-, Wehrenbach-, Seebeckentunnel. Aus dem dreiarmigen Y würde ein mehrarmiges unterirdisches chines. Schriftzeichen. Dem jüngsten Vorschlag eines FDP-Gemeinderats, den Nordstummel des Y als Autobahnbrücke mitten über die beliebte Lettenbadi an der Limmat zu verlängern, kommt vor allem das Verdienst zu, die Unlösbarkeit des P. einmal mehr zu illustrieren.

Derweil löst die Stadt lebensnähere P. und plant einen Velotunnel im brachliegenden Y-Tunnelschacht unter dem Hauptbahnhof. Dafür hat sie für 20 Jahre die Bewilligung unter der Bedingung, dereinst die Rückbaukosten der Veloinfrastruktur zu übernehmen. So hat der Stadttunnel vorerst keinen Platz – dass in den 2040er Jahren noch jemand einen Velo- durch einen Autotunnel wird ersetzen wollen, glaubt schon heute niemand mehr.

Gegen die Alternative Seetunnel wiederum spricht u. a., dass dessen Portale in Quartieren zu liegen kämen, in denen besonders viele WählerInnen jener Partei wohnen, die diesen Tunnel gern hätte. Auch diese Leute haben den Verkehr anderer lieber nicht vor der eigenen Haustür (→ Problem-Zone). So kommt die Logik «Strassen gegen Verkehr» ans Ende ihrer Tage. Zürich hat 2020 den Rosengartentunnel abgelehnt, einen unbeholfenen Versuch, das Quartier Wipkingen von den Verkehrsmassen zu entlasten, die das unvollständige Y auskotzt. Am grössten war die Ablehnung im betroffenen Quartier (→ Problem-Viertel). Der Bieler Westast ist tot, Luzern will die Spange Süd nicht, am Genfersee stossen neue Autobahnzubringer auf heftigen Widerstand. Es sieht aus, als verstünden immer mehr Leute, dass die Verautobahnisierung der Schweiz P. nicht gelöst, sondern vielmehr befördert hat.

Der reifste Lösungsvorschlag bezieht sich nicht spezifisch auf Zürich, passt aber überall. Er steht im Anfang 2020 vorgestellten «Klima-Aktionsplan» (→ Klimaproblem) der Klimastreikbewegung und besticht durch Eleganz: Es seien die Verkehrsflächen für den motorisierten Individualverkehr zu halbieren. Marcel Hänggi

Z

Zahnproblem Das Zahn-P. ist ein gesundheitliches und ökonomisches P., das in allen hist. Epochen auftaucht und mediz. bekämpft werden kann. Es ist sowohl bei angelsächsischen SchriftstellerInnen wie Patricia Highsmith (1921–1995) oder Thomas Pynchon belegt als auch bei einheimischen Wildtieren wie dem Igel, der zur Zahnhygiene gerne die Panzer erbeuteter Käfer zerkaut. Für den griech. Philosophen Aristoteles (4. Jh. v. u. Z.) galten Zähne als Unterscheidungsmerkmal zwischen Mann und Frau, wobei er den Frauen weniger Zähne und damit implizit auch weniger Zahn-P. zuschrieb. Eine genaue Nachzählung hat dieses Männerproblem (→ Frauenproblem) widerlegt.

1. Stufe: Initialkaries; 2. Stufe: Dentinkaries; 3. Stufe: Tiefer Zahnkaries (Caries profunda); 4. Stufe: Karies im Zahnmark mit Abszess in der Zahnwurzel Illustration: Alina Günter

Treten Zahn-P. bei Menschen auf, etwa als Fäulnis oder Zahnabbrüche, wird zunächst oft wie beim → Terminproblem die Prokrastination versucht. Sie führt jedoch selten zu befriedigenden Ergebnissen, sondern wg. unästhetischen Aussehens verbunden mit Gerüchen sogar zu → Beziehungs- und weiteren → Alltagsproblemen, die noch gravierender sein können als von einer Arztrechnung ausgelöste → Existenzprobleme. Dass ein Zahnarzttermin auch Überraschungen zeitigen kann, belegt Michel Mettlers Roman «Die Spange» (2006). Er berichtet, wie im Mund eines noch jungen Musikers eine prähist. Siedlung freigelegt wird. Stefan Keller

Problem-Zone Die P.-Zone begegnet uns hauptsächl. auf zwei Ebenen: am menschl. Körper, insbesondere dem weibl., und weltweit in Regionen und Ländern, wenn die dortigen Regierungen mit der Befriedung Mühe haben. Ein Blick ins Internet zeigt allerdings, dass die P.-Zone grundsätzl. keinerlei Grenzen kennt. Sie kann im Familienleben, am Arbeitsplatz, am Kuheuter, am Autoreifen, im Schulzimmer, im ehelichen Schlafgemach und im schwierigen Gespräch (→ Kommunikationsproblem) auftreten. Zur P.-Zone am Frauenkörper kann jede beliebige Stelle werden, häufig sind Fettunterpolsterungen die Ursache (→ Gewichtsproblem, → Frauenproblem).

Auffällig ist, dass die P.-Zone nur äusserst selten von Aussenstehenden wahrgenommen wird. In manchen Fällen löst sie gar eine spezielle Zuneigung aus, was von der jeweiligen Trägerin jedoch meist heftig abgestritten wird. Die P.-Zone am Männerkörper findet sich bevorzugt in der Bartregion, manchmal auch in tiefer liegenden Bereichen (→ Erektionsproblem). Karin Hoffsten

Zukunftsproblem Mit Zukunfts-P. kann gemeint sein: 1. ein noch unbekanntes, erst in der Zukunft entstehendes P., oder 2. die Wahrnehmung der Zukunft als P. selbst. In beiden Fällen liegt das P. in der Gegenwart, was besonders im 1. Fall interessant ist, da antizipierte P. bereits wirken, obschon sie noch gar nicht vorhanden sind (→ Erektionsproblem).

Prinzipiell gehen Vergangenheit und Gegenwart ineinander über: Sagt man «jetzt», verschwindet das Wort schon langsam in der Vergangenheit. Das Zukünftige aber tritt immer nur als vage Ahnung auf. Dies hat den Philosophen Friedrich Nietzsche (1844–1900) derart verärgert, dass er lebensverneinende Geschichtsversessenheit für einen allg. Mangel an Zukunft verantwortlich machte und für eine lebensbejahende Geschichtsvergessenheit plädierte (in: «Vom Nutzen und Nachtheil der Historie für das Leben», 1874).

Gegenwärtig pflegen insbes. Futurologen, Trendforscherinnen und Marktanalysten einen berufsbedingt eher heiteren Blick auf kommende Zeiten (der Lehrstuhl für Zukunftsforschung an der Technischen Hochschule im dt. Aachen musste nach drei Betriebsjahren dennoch bereits wieder aufgehoben werden). Obwohl das allg. P.-Bewusstsein für das Zukunfts-P. in seinen beiden Varianten durchaus vorhanden ist, wird es oft von der schieren Menge an anderen P. überschattet (vgl. das vorl. Heft). Erich Keller

Mitarbeit: Andreas Fagetti, Erich Keller, Stephan Roppel, Stefan Keller, Marcel Hänggi, Peter Rupli, Kaspar Surber, Annette Hug, Noëmi ­Landolt, Daniel Hackbarth, Jürg Fischer, Bettina Dyttrich, Anna Jikhareva, Daniela Janser, Florian Keller, David Hunziker, Stefan Howald, Karin Hoffsten, Silvia Süess, Dominic Schmid, Adrian Riklin, Franziska Meister, Stephan Pörtner

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-Leser:innen.

Unterstützen Sie den ProWOZ

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch