Nr. 13/2021 vom 01.04.2021

Heiliger Geist, hilf!

Die Credit Suisse läuft von einer Krise in die nächste. Vielleicht liegt es ja einfach daran, dass sie die Schwächste unter den Grossbanken ist.

Von Daniel SternMail an Autor:in

Ist es einfach Pech? Unvermögen? Oder Dummheit? Die Schweizer Grossbank Credit Suisse kommt nicht aus den Schlagzeilen heraus. Die Bank hat sich schon wieder mit einem dubiosen Finanzspekulanten vertan. Ihr droht ein Milliardenverlust.

Bill Hwang hat mit seinem Hedgefonds Archegos auf ausgewählte Aktien wie jene des US-Medienkonzerns Viacom CBS spekuliert. Grosse Investmentbanken vervielfachten seinen Milliardeneinsatz mit Krediten, kassierten dafür hohe Gebühren und behielten als Sicherheit die Aktien in ihrem Besitz. Damit umschiffte Hwang auch eine Bestimmung der Börsenaufsicht, nach der Grossaktionäre von börsenkotierten Firmen öffentlich bekannt sein müssen.

Hwang gelang es mit seiner Spekulation, den Aktienkurs in die Höhe zu treiben. Der Börsenwert von Viacom CBS verdreifachte sich in vier Monaten. Doch irgendwann war das Spiel aus: Denn der reale Wert der Firmen, auf die Hwang spekulierte, hat sich nicht im gleichen Mass erhöht. Die Kurse sackten wieder ab. Hwang sollte daraufhin den Banken mehr Sicherheiten liefern, was er nicht konnte. Resultat: Die Banken verkauften panikartig die Titel, was zu einem dramatischen Kurssturz führte. Wer zu spät kam, hatte den grössten Verlust.

Dass es ausgerechnet die CS traf, ist wohl mehr als nur Pech. Denn die Bank hat schon vor zwei Wochen gezeigt, dass sie offensichtlich Risiken nicht mehr richtig abschätzen kann. Mit vier Fonds lieh sie zehn Milliarden US-Dollar ihrer KundInnen an die Finanzfirma Greensill, die mit dem Geld nicht nur wie vorgegeben kurzfristige und sichere Kredite vergab, sondern auch dubiose Gestalten wie den US-Kohlebaron Jim Justice mit Hunderten Millionen versorgte. Greensill ging pleite, den Fonds fehlt nun das Geld (siehe WOZ Nr. 12/2021).

Das CS-Topmanagement steht jetzt vor einem Scherbenhaufen. Dabei sollte doch mit dem neuen CEO Thomas Gottstein alles besser werden, wie hiesige Medien glaubten. Noch vor zwei Wochen schwärmte dieser in einem Zwischenbericht von fünfzig Prozent Gewinnsteigerung bei der Investmentbanksparte. Den AktionärInnen versprach er Tage später eine im Vergleich zum Vorjahr höhere Dividende und dass nun jedes Jahr mindestens fünf Prozent mehr ausbezahlt würden. Nun zeigt sich, was hinter dieser Grossspurigkeit steht.

Es wäre aber falsch, nur auf die CS zu zeigen. Viele weitere Investmentbanken haben ebenfalls mit Bill Hwang geschäftet. Dabei gab es Alarmzeichen genug: 2012 musste Hwang in einem Vergleich mit der US-Börsenaufsicht SEC 44 Millionen US-Dollar zahlen, weil er mit Insiderwissen illegal Aktien von drei chinesischen Banken gehandelt, Kurse manipuliert und so gemäss der Aufsicht «illegale Profite» von über 16 Millionen US-Dollar erzielt hatte. In einem Video behauptete Hwang zudem, dass er sich im Zweifel auf die Hilfe von ganz oben verlassen könne: «Ich investierte nach dem Zeitplan von Gott, mit der Macht des Heiligen Geistes.»

Wenn einer Milliarden investiert und den Banken Dutzende Millionen Profit verspricht, dann fällt das rationale Denken bei den ManagerInnen offenbar aus. Gier macht sich breit. Und die gesetzlichen Schranken reichen weiterhin nicht aus, um das zu stoppen. Im Gegenteil: Die Geldflut der Nationalbanken (angeblich als Mittel zur Krisenbekämpfung) lädt die Banken geradezu ein, damit riskante Wetten einzugehen. Und niemand fragt nach dem gesellschaftlichen Nutzen.

Dass es die CS nun im Fall Archegos am stärksten getroffen hat, mag daran liegen, dass die Bank eh schon angeschlagen war. Das Topkader steht seit geraumer Zeit mit dem Rücken zur Wand. Der Aktienkurs dümpelt schon lange vor sich hin. Die CS zeigt auf, was Banken tun, wenn sie unter den Erwartungen ihrer AktionärInnen liegen und die ManagerInnen befürchten, in die zweite Liga abzusteigen: Sie erhöhen das Risiko. Denn schrumpfen und auf Gewinn und hohe Boni verzichten ist keine Option.

Als systemrelevante Grossbank kann man ja auch nicht untergehen – der Staat muss einen im Notfall retten. Diese Einstellung können nur schärfere Gesetze und strengere Regulierungsbehörden brechen.

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