Nr. 14/2021 vom 08.04.2021

Immerhin nicht in Venezuela

Aufgezeichnet von Philipp Lichterbeck

«Ich hoffe, dass diese Pandemie bald vorbei ist. Sie bedroht die Existenz meiner Familie, weil wir fast keine Handwerksprodukte mehr auf der Strasse verkaufen. Wir arbeiten mit Bambus, stellen Wandschmuck und Vasen her, die in Brasilien sehr beliebt sind. Bevor wir nach Manaus kamen, lebten wir in der venezolanischen Stadt Puerto La Cruz, dort war ich Maler, und meine Frau nähte.

Früher ging es uns gut in Venezuela. Aber unter Präsident Nicolás Maduro wurde es unerträglich. Sein Regime zerstört unser Land. 2018 flüchtete ich mit meiner Familie nach Brasilien, weil wir hungerten und die politische Repression zunahm. Mit einem Monatsgehalt konnte man nicht einmal mehr eine Mahlzeit pro Tag bezahlen. Als ich dann an einer Demonstration teilnahm, wurde ich festgenommen und übel verprügelt. Man trug mich als Delinquent ins Kriminalregister ein, und ich werde nun als ‹Feind des Vaterlands› geführt.

Wir gingen nach Manaus, weil hier schon viele Venezolaner leben. Ich hätte ja nie gedacht, dass ich einmal zum Flüchtling werde. Ich glaubte immer: Wenn ich mal ins Ausland gehe, dann als Tourist. Ich lebe nun mit meiner Familie – meiner Frau, fünf Kindern und sieben Enkeln – in zwei Hütten. Sie stehen auf einer Fläche, die von armen Brasilianern und Flüchtlingen aus Venezuela besetzt wurde. Sie heisst Ocupação Tapajós. 500 Familien gibt es hier. Jede hat ihre eigene Behausung errichtet, aus Holz, Zement und Plastikverkleidungen. Der Strom wird von der Hauptleitung abgezweigt, ein Wasserrohr wurde angezapft. Das ist illegal, aber was soll man machen?

Die Coronasituation in Manaus war von Anfang an schwierig. Zeitweise gab es keinen Platz mehr in den Krankenhäusern. Ich habe gehört, dass viele Menschen gestorben sind. Aber davon haben wir wenig mitbekommen, meine Familie ist bisher vom Virus verschont geblieben. Ohnehin gab es in unserer Siedlung nur zwei Coronafälle. Vielleicht, weil die Menschen hier viel Zeit im Freien verbringen und abgehärtet sind.

Am Anfang ging es uns in Manaus nicht schlecht. Die Migrantenpastoral von der katholischen Kirche bot einen Kurs an, in dem wir unsere handwerklichen Fähigkeiten erweitern konnten. Wir haben auch Materialien wie Lack und Nägel bekommen. Wir fertigten kleine Vasen aus Bambus. In die Vasen steckten wir Pflanzen, die wir selbst anbauten. Wir verkauften die Stücke auf der Strasse und errichteten sogar einen kleinen Stand. Die Brasilianer mochten unsere Produkte, und wir verdienten an guten Tagen rund 100 Franken. Wir konnten wieder mehrmals am Tag essen. Als wir aus Venezuela gekommen waren, waren wir abgemagert gewesen, ich hatte wie ein Achtzigjähriger ausgesehen.

Aber dann kam die Pandemie, und wir durften nicht mehr auf die Strasse. Es waren immer weniger Menschen in Manaus unterwegs, und viele hatten Angst, aus dem Auto zu steigen oder die Fenster herunterzukurbeln. Wir verdienten nichts mehr. Es ging uns wie den meisten Menschen aus dem informellen Sektor. Glücklicherweise erhielten wir eine Hilfszahlung von der Regierung. Ausserdem bringt uns die Migrantenpastoral bis heute Lebensmittelpakete.

Wie es nun weitergeht? Ich hoffe, dass die Pandemie bald vorbei ist und alle Menschen geimpft sind, damit wir wieder arbeiten können. Zurzeit haben wir nicht mal Geld, um den Pritschenwagen zu bezahlen, der den Bambus transportiert. Nur leider wird die Pandemie zurzeit wieder schlimmer in Brasilien, und es kann noch eine Weile dauern, bis wir wieder auf eigenen Füssen stehen. Zum Glück ist meine Familie vereint und hält zusammen. Wir sind glücklich, dass wir nicht mehr in Venezuela sind.»

Der Venezolaner Richard Lemus (54) ist Maler und Kunsthandwerker. Er flüchtete vor Hunger und Unterdrückung nach Brasilien und lebt in einer Armensiedlung in Manaus.

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