Nr. 04/2021 vom 28.01.2021

Manaus, schon wieder

War im Sommer noch von einer vermeintlichen «Herdenimmunität» die Rede, wird die Amazonasstadt derzeit von einer heftigen zweiten Coronawelle heimgesucht. Die Gründe sind unklar, die Politik dürfte einer davon sein.

Von Philipp Lichterbeck, Rio de Janeiro

Bis zu tausend Franken für fünf Liter: Eine Firma verkauft verzweifelten Angehörigen am 15. Januar in Manaus Sauerstoff. Foto: Bruno Kelly, Reuters

Alexandre Nunes trägt seinen dunkelblauen Arztkittel und wirkt müde, als er in einem Krankenhaus in Manaus per Video mit der WOZ spricht. «Wir sind erschöpft, es herrscht Chaos, das System steht vor dem Kollaps», sagt der 34-jährige Mediziner.

Seit Beginn der Coronapandemie ist Nunes im Einsatz auf der Intensivstation des Hospitals Delphina Aziz. «Es fehlt an allem», sagt er, «Equipment, Medikamenten, Personal und in erster Linie an Sauerstoff, damit wir die schweren Covid-19-Fälle beatmen können. Wir brauchen dreimal mehr Sauerstoff, als wir vorrätig haben.» Die Unterversorgung führe dazu, dass viele Covid-19-PatientInnen erstickten. «Diese zweite Welle ist viel intensiver und härter als die erste», sagt Nunes. Er und seine KollegInnen täten ihr Möglichstes, aber es sei extrem schwierig.

Rückkehr der Katastrophe

Seit rund zwei Wochen erlebt Manaus, die abgelegene Millionenstadt mitten im Dschungel, dramatische Zustände. Im Bundesstaat Amazonas im Nordwesten Brasiliens begann sich die sogenannte zweite Coronawelle um Weihnachten herum aufzubauen, und am 14. Januar brach sie über der Hauptstadt Manaus dann zusammen. Die Spitäler meldeten, dass der medizinische Sauerstoff ausgegangen war. Fortan versuchten die ÄrztInnen auf den Intensivstationen, ihre Covid-19-PatientInnen mit Handpumpen und mit Atemluft statt klinischem Sauerstoff am Leben zu erhalten. Verzweifelte Angehörige machten sich auf die Suche nach Glaszylindern, um sie mit Sauerstoff füllen zu lassen. Sie zahlten nicht selten überrissene Preise; teilweise wurden für einen gefüllten Fünfliterzylinder umgerechnet tausend Franken verlangt. Viele Familien standen vor der Wahl, sich zu verschulden – oder ihre Liebsten ersticken zu lassen.

Auf den Intensivstationen sahen manche ÄrztInnen keine andere Möglichkeit mehr, als ihren PatientInnen wie in einem Feldlazarett Morphin zu spritzen, um ihnen das Sterben zu erleichtern. Wegen der fehlenden Krankenhausplätze mussten zahlreiche Familien ihre kranken Angehörigen zu Hause pflegen – und miterleben, dass das Virus stärker ist.

Die dramatische Situation wird von den jüngsten Daten unterstrichen. Seit Jahresanfang stieg die Zahl der Covid-19-Toten in Manaus um neunzig Prozent. Allein vergangenen Freitag wurden 115 Verstorbene registriert. Manaus erlebt damit eine Wiederkehr der schlimmen Zustände, die bereits zu Beginn der Pandemie herrschten: Im Frühjahr 2020 war es eine der am heftigsten getroffenen Städte der Welt. Bilder von Massengräbern, die von Baggern zugeschüttet wurden, gingen um den Globus.

Derzeit ist noch unklar, was der Grund für die Heftigkeit der zweiten Welle ist – zumal im Sommer noch gemutmasst wurde, die Stadt könnte faktisch eine «Herdenimmunität» erreicht haben. Liegt es an der neuen, aggressiveren Variante des Virus, die in Manaus identifiziert wurde und wegen der nun viele EU-Länder ihre Grenzen für Reisende aus Brasilien schliessen? Hat es damit zu tun, dass die Menschen nach der ersten Welle sorglos wurden, weder physische Distanz wahrten noch Masken trugen und wieder Partys feierten? So erklärt es etwa Mike Ryan, operativer Direktor der Weltgesundheitsorganisation. Oder ist der generell schlechte Zustand des öffentlichen Gesundheitssystems im Bundesstaat verantwortlich, das vom Anstieg überwältigt wurde? Auch der Arzt Alexandre Nunes hat darauf keine Antwort. «Es ist noch zu früh dafür», sagt er.

Klar ist jedoch, dass sich die Tragödie hätte verhindern lassen. Denn Brasiliens Regierung war schon Ende Dezember 2020 darüber informiert, was sich in Manaus anbahnte. Das Gesundheitsministerium hatte eine interne Warnung herausgegeben, weil es einen signifikanten Anstieg der Coronafälle in der Stadt festgestellt hatte.

Genau zehn Tage bevor die Lage dann am 14. Januar kippte, kam man im brasilianischen Gesundheitsministerium zum Schluss: «Es existiert die akute Möglichkeit eines Zusammenbruchs des Gesundheitssystems.» Der Bericht, der die Unterschrift von Gesundheitsminister Eduardo Pazuello trägt, prophezeite, dass Equipment, Personal und Behandlungsplätze fehlen würden. Die Genauigkeit, mit der die Regierungsbehörde vorhersagte, was passieren würde, ist verblüffend. Umso skandalöser ist, dass sie nichts tat, um die Katastrophe zu verhindern. Brasiliens Oberster Gerichtshof hat deswegen nun Ermittlungen gegen Gesundheitsminister Pazuello eingeleitet.

BeobachterInnen sagen allerdings, dass Pazuello als Sündenbock herhalten muss, um von der Verantwortung von Präsident Jair Bolsonaro abzulenken. Dieser leugnet die Gefahr von Covid-19 seit Beginn der Pandemie. Er trug so gut wie nie eine Maske, ging unter Leute, traf sich mit AnhängerInnen, machte sich über das Virus lustig. Anstatt Verantwortung zu übernehmen, torpedierte er die Massnahmen von Brasiliens GouverneurInnen, die versuchten, die Pandemie einzudämmen. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch wirft Bolsonaro daher «Sabotage» des Kampfs gegen die Pandemie vor. Die Universität von São Paulo kommt in einer Untersuchung zum Schluss, dass es die «Strategie» der Regierung gewesen sei, dem Virus freien Lauf zu lassen.

Folgen weitere Städte?

Die Zustände in Manaus haben zuletzt die Rufe nach einer Absetzung Bolsonaros verstärkt. In verschiedenen Städten organisierte die Opposition bereits Autokorsos. Allerdings ist die Linke gespalten und voller Illusionen über ihren tatsächlichen Rückhalt in der Bevölkerung, und im Kongress gibt es ohnehin keine Mehrheit für ein Impeachmentverfahren. Jedoch ist zu beobachten, dass die Zustimmung für Bolsonaro in der Bevölkerung bröckelt. In jüngsten Umfragen gaben nur noch zwischen einem Viertel und einem Drittel der BrasilianerInnen an, seine Präsidentschaft für «gut» zu halten.

Vor knapp zwei Wochen ist endlich auch in Brasilien eine Impfkampagne angelaufen. Es werden der chinesische Impfstoff Coronavac und die Oxford-Impfung der Firma Astra-Zeneca gespritzt. Für viele dürfte die Impfung aber zu spät kommen: Die Regierung des Bundesstaats Amazonas prognostiziert für Manaus in den kommenden Wochen aufgrund des Mangels an Sauerstoff eine weitere Verschlimmerung der Versorgungslage.

Die Befürchtung ist nun gross, dass die zweite Welle weitere brasilianische Städte ebenso hart treffen könnte wie Manaus. Manche VirologInnen sagen genau das voraus. In Rio de Janeiro etwa sind bereits neunzig Prozent der Plätze auf den Intensivstationen belegt. Einen Lockdown schliesst Bürgermeister Eduardo Paes bislang dennoch aus – stattdessen dürfen die Diskotheken wieder öffnen.

Rund 220 000 Menschen sind in Brasilien bislang an Covid-19 gestorben. Das ist nach den USA die zweithöchste Todeszahl weltweit. Allerdings muss auch gesagt werden, dass die Mortalitätsrate, also die Zahl der Toten pro Millionen BewohnerInnen, in Brasilien bislang niedriger ist als in Ländern wie Frankreich, Spanien – oder der Schweiz.

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