Nr. 14/2021 vom 08.04.2021

Auf Message getrimmt

Goran Vulovic hat als Milchmaa nach acht Jahren wieder ein Rapalbum veröffentlicht. Auf «-muat» rappt er darüber, wie ihn die Medien damals zum «Vorzeigejugo» machten – und richtet klare Botschaften an die Balkandiaspora.

Von David Hunziker (Text) und Florian Bachmann (Foto)

«Luag mol Junior, besser als as Unicorn, a Jugo wo an d Uni goht»: Rapper Milchmaa in Zürich.

Die ehemalige Talksendung von Kurt Aeschbacher im Schweizer Fernsehen war nicht unbedingt der ideale Ort, um über eine hybride Identität zu diskutieren. «Ein Tick anders» hiess die Ausgabe im Herbst 2013, in der Goran Vulovic den Vorzeigeausländer spielen durfte. Was es denn brauche, um in der Schweiz integriert zu sein, fragte Aeschbacher in seinem einfühlsamen Tonfall. «Erfolg» – Vulovic probierte es mit Sarkasmus, doch der Gastgeber lächelte nur freundlich und wünschte ihm diesen zum Abschied.

Das war kurz nachdem Goran Vulovic unter seinem Künstlernamen Milchmaa ein Rapalbum mit dem ikonischen Titel «-ic» veröffentlich hatte. In seinen bündnerdeutschen Texten suchte der Secondo auch die Konfrontation mit der Mehrheitsgesellschaft, aber diese interessierte sich vor allem für seine Aufsteigerbiografie: mit der neunzehnjährigen Mutter aus dem damaligen Jugoslawien ins Arbeiterquartier von Chur, von der Realschule an die Uni Zürich und als Lehrer an die Kanti – gute Geschichte, dieser «rappende Gymilehrer» («Migros Magazin»).

«Natürlich habe ich das auch gesucht, meine Biografie habe ich nicht versteckt», sagt Vulovic beim Spaziergang durch das Zürcher Quartier, in dem er heute als Lehrer arbeitet. Unterwegs kommen ihm mehrere seiner SchülerInnen entgegen, er grüsst sie herzlich. Als er damals gemerkt habe, dass die «seriösen Medien» sich nur für seine Biografie, nicht aber für Rap interessierten, habe er die Interviews sofort gestoppt. «Das war mir zu einseitig. Ich kenne viele, die eine ähnliche Biografie haben wie ich, aber über die schreibt niemand ein Porträt. Ich war plötzlich exponiert und wurde als Musterbeispiel behandelt. Aber wer will schon, dass seine Biografie verallgemeinert wird.»

Falsche Zielgruppe

Nun, acht Jahre nach «-ic», hat der 36-Jährige, mittlerweile verheiratet und Vater zweier Kinder, überraschend ein weiteres Album als Milchmaa veröffentlicht: «-muat». Im Track «Exponat» steckt Vulovic sich selber in die Rolle eines Zootiers, das man seinen Kindern für Geld vorführt: «Luag mol Junior, besser als as Unicorn, a Jugo wo an d Uni goht, ohni sini Uniform, ohni sini Munition». Ziemlich giftig, diese Abrechnung mit der eigenen Darstellung in der Öffentlichkeit, aber der Tonfall ist auch wunderbar selbstironisch. Dann eine nachträgliche Marketinganalyse zur Sendung von Aeschbacher: falsche Zielgruppe! Und wieso hat Milchmaa damals im Sommer keine Alben verkauft, «trotz riesiger Diaspora»? «Alli mini Fans stönd denn no in Chiasso a».

Während eine hedonistische Gleichgültigkeit in gewissen Rapgenres zur vorherrschenden Attitüde wurde, bleiben die Raps von Goran Vulovic auf Message getrimmt. Die Haltung dahinter muss man nie lange suchen. In «Subito» findet er markige Bilder für die Schweizer Willkommenskultur: «Solang mi reduziarsch uf dr Status vum Ikaufta, werd i nit für d Schwiz ins Stadion ilaufa». Poetischer, aber ebenso politisch zugespitzt, rappt er im klassenkämpferischen «Amuat»: «Das über em See sind kei Nebelschwada, sondern verloreni Seela us dr Chefetaga».

Milchmaa ist der Rapperliebling der Schweizer Rapszene: Er gehörte nie zu den Bekanntesten, wurde aber wegen seiner komplexen Reime und dringlichen Texte innerhalb der aktiven Szene stets geachtet. Doch den Ruf als versierter Värslischmied musste er sich zuerst verdienen. Als Vulovic Anfang der nuller Jahre in Chur in die Hip-Hop-Szene einstieg, hiess Rap vor allem: Battle-Rap – jeder Text eine Kampfansage zur Selbstbehauptung. «Zuerst haben die mich ausgelacht. Also musste ich wieder heim und weiterüben.»

Keine Kifferlieder

Zu dieser Zeit war das Bündnerland ein Hotspot der Schweizer Rapszene. Gimma, Breitbild und Sektion Kuchikäschtli wurden bald in der ganzen Deutschschweiz bekannt. Der Rap aus dem Osten war verspielt, selbstironisch, manchmal ein bisschen abgründig und politisch stabil links. In Chur habe es damals jedes zweite Wochenende richtig gute Rapkonzerte gegeben, sogar internationale, erzählt Goran Vulovic. Lebendig sei die Szene gewesen, aber auch sehr mittelständisch. «Eine Ausnahme war Gimma, der offen über seine kaputte Jugend rappte.»

Vulovic begann, in Zürich deutsche Literatur und osteuropäische Geschichte zu studieren und über seine Familiengeschichte, seine Identität und die Balkandiaspora in der Schweiz nachzudenken. Auf seiner ersten EP, «Balkan Trouble» (2004), flossen diese Themen erstmals ausführlich in seine Texte ein, die er über Beats mit Samples aus rasantem Balkanfolk rappte.

«Ich hatte schon das Gefühl, dass das neu war: dass jemand von aussen ein gesellschaftspolitisches Thema in die Rapszene trägt.» Umgekehrt habe ihm die Selbstbezüglichkeit der hiesigen Szene manchmal Mühe gemacht, zum Beispiel, wenn es um Drogen geht. «Klar, ich wurde so erzogen, dass Drogen generell schlecht sind. Aber abgesehen davon haben diese Kifferlieder, die damals cool waren, doch auch überhaupt keine Relevanz.»

«Verstehe ich voll»

Etwas machen, was Gewicht hat, das sei immer sein Ziel gewesen. Dieses Gefühl habe er vor allem dann gehabt, wenn er es geschafft habe, für eine marginalisierte oder zum Schweigen gebrachte Gruppe zu sprechen. «Als ich den Song ‹Exponat› den Secondos in meiner Klasse gezeigt habe, sagten sie: ‹Das verstehe ich voll, das habe ich auch erlebt!› Das hat mich sehr gefreut.» Doch was ihre Beziehung zu Rap angehe, seien diese Kids schon in einer ganz anderen Bubble. «Ich will mich bei denen auch nicht anbiedern – ich bin schliesslich ein fast vierzigjähriger, bärtiger, adipöser Familienvater und muss denen keine Likes auf Social Media abzwacken.»

Einer Zielgruppe ist sich Vulovic hingegen sicher, auf dem neuen Album «-muat» finden sich zahlreiche, mehr oder weniger explizite Verweise darauf: eine typische, auf dem ganzen Balkan verbreitete Wolldecke sowie das jugoslawische Kriegsdenkmal auf dem Albumcover. Dazu der auf Serbokroatisch gesungene Refrain des Songs «Balkan-Nathan», der dazu aufruft, Grenzen zum Verschwinden zu bringen. Für die Balkandiaspora in der Schweiz hat Vulovic sogar eine klare Botschaft: «Distanziert euch endlich von der Generation eurer Eltern!»

In «Balkan-Nathan» heisst es: «Dia Fuassstapfa xehn zwor us wia Goldbara, doch folgsch ihna, trittsch in dr glichi Scheiss wia dini Vorfahra». Direkte Abgrenzung zwischen verschiedenen Gruppen aus dem Balkan erlebe er in seinem Umfeld zwar kaum mehr, sagt Vulovic. Dafür aber das Festhalten an rückwärtsgewandten Vorstellungen, die im Kern nationalistisch seien. «Ich kenne Leute in meinem Alter und mit einer ähnlichen Story, wenn die für Ferien in den Balkan fahren, dann sagen sie, sie gehen nach Hause – es ist ein semantisches Detail, aber ich finde das total verblendet.»

Was den Balkan angehe, habe schon seine Mutter nie ernsthaft erwogen, zurückzukehren. Aber irgendwie kann Goran Vulovic solche Fantasien auch verstehen. «Wenn ich ehrlich bin, würde ich am liebsten zurück nach Chur ziehen.» Er muss laut lachen. «Aber meine dreijährige Tochter hat bei uns in der Siedlung schon Freunde gefunden. Und wahrscheinlich würde ich sowieso nur meine Vorstellung davon zerstören, wie schön es dort ist.»

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