Nr. 17/2021 vom 29.04.2021

Frau Lee an Frau Bloch

Annette Hug geht einer Quelle nach

Von Annette Hug

Die Zeitung berichtet am 21. Januar 1944, dass in 84 Stahlwerken Nordwestamerikas «die Arbeiter wegen Lohnkonflikten in Ausstand getreten sind». «General Eisenhower ist in London eingetroffen und hat das Kommando an der Westfront übernommen.» In den ersten Wochen des Jahres sind auch ausführliche Berichte aus Haushaltungs- und Schwesternschulen zu lesen, Kochrezepte und die detaillierte Darstellung einer Klage vor Bundesgericht: Eine Schweizerin ist durch die Heirat mit einem Deutschen, den Deutschland nicht als Deutschen anerkennt, staatenlos geworden und nimmt das nicht hin. Für diesen Artikel zeichnet Iris Meyer, die später Iris von Roten heissen wird. Am 4. Februar 1944 hat sie die Redaktion des «Schweizer Frauenblatts» übernommen. Die Zeitung erscheint wöchentlich und ist «Organ für Fraueninteressen und Frauenaufgaben».

Iris Meyer wird rund ein Jahr auf dieser Stelle bleiben. Von ihrer Vorgängerin, Emmi Bloch, übernimmt sie eine «Mitarbeiterin in Peking», die später auch im Quellenverzeichnis von «Frauen im Laufgitter» auftaucht. Rätselhaft an diesem Hauptwerk Iris von Rotens ist der Zusammenhang zwischen Quellenverzeichnis und Inhalt des Buches. Von Roten macht nämlich kaum Verweise. Wir wissen nicht, was sie von Katherine Mayos Buch «Mother India» hielt – eine Argumentation gegen die Unabhängigkeit Indiens aus der Sicht einer weissen Amerikanerin, die 1930 von Frauenunterdrückung in Indien berichtet. Ganz anders Olga Lee. Im «Schweizer Frauenblatt» porträtiert sie am 21. Januar 1944 eine chinesische Intellektuelle, «Kuai Schu-p’ing», die in Oxford studiert und sich dort über die unterschiedliche Behandlung von weiblichen und männlichen StudentInnen entsetzt hatte.

Olga Lee stammte aus der Schweiz und war in Peking mit einem chinesischen Akademiker verheiratet. Sie wird als eine von ganz wenigen AusländerInnen über den Krieg und die Revolution hinaus in China wohnhaft bleiben. In ihrem Artikel für das «Schweizer Frauenblatt» von 1944 nennt sie Kuai Schu-p’ing «eine der hervorragendsten Chinesinnen in Peking». Lange stand die Historikerin der Englisch-Abteilung der Peking-Universität vor und wurde dann «Leiterin der ersten chinesischen progressiven Primarschule». Auch als Kommentatorin des Konfuzius war sie tätig und übersetzte Gedichte. «Wie in den Augen der meisten Chinesen ist Liebe auch ihrer Ansicht nach eine Art sentimentale Krankheit, die bald vergehen wird», schreibt Olga Lee. Sie bewundert die Schaffens- und Willenskraft einer Frau, die sich gegen eine Heirat entschieden hat. Der Artikel endet in der Feststellung, dass der Krieg jede Veröffentlichung verhindere. «Wenn aber wieder einmal Frieden auf der Erde herrscht, wird Kuai Schu-p’ing der Welt das Resultat ihrer Forscherarbeit schenken, und die Welt wird es ihr danken.»

Was aus Frau Kuai geworden ist, konnte ich bisher nicht herausfinden. Aber etwas anderes ist mir aufgegangen: Es hat mit der Schweiz zu tun, dass Iris von Roten im Inhalt ihrer Streitschrift «Frauen im Laufgitter» kaum auf die internationalen Autorinnen eingeht, die sie gelesen hat. Es ist der verdammte Zwang, sich 1958 noch am Frauenstimmrecht abarbeiten zu müssen, an den engen helvetischen Gegebenheiten, den Fräuleinberufen und Sparaktiönchen.

Annette Hug ist Autorin, sie empfiehlt die Ausstellung «Iris von Roten – Frauen im Laufgitter» im Strauhof in Zürich, die noch bis zum 30. Mai zu sehen ist.

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