Nr. 40/2014 vom 02.10.2014

Bischof und Pfarrer waren für das Frauenstimmrecht?

Wie es dazu kam, dass 1957 ausgerechnet in Unterbäch die Schweizer Frauen erstmals abstimmen durften. Warum selbst die «New York Times» KorrespondentInnen ins Oberwallis schickte. Und was für die Männer der Vorteil des Frauenstimmrechts ist.

Von Sibylle Dirren (Interview) und Andreas Bodmer (Foto)

Albin Zenhäusern: «Wir fragen immer die Frauen, die wissen alles.» – Edith Zenhäusern: «Mein Mann hat schon immer alles mir überlassen.»

WOZ: Frau Zenhäusern, Unterbäch nennt sich auch das «Rütli der Schweizer Frauen»: Am 3. März 1957 durften die Unterbächnerinnen zum ersten Mal zur Urne gehen. Wie kam es dazu, dass ausgerechnet ein kleines Walliser Bergdorf den Frauen das Stimmrecht erteilte?
Edith Zenhäusern: Entscheidend war das Engagement von Peter von Roten. Als Präfekt des Bezirks Raron sowie als National- und Kantonsrat setzte er sich für das Frauenstimmrecht ein. Seine Frau war die Frauenrechtlerin Iris von Roten, die zu dieser Zeit «Frauen im Laufgitter» schrieb. Peter von Roten konnte den Gemeindepräsidenten von Unterbäch überzeugen – kurz darauf beschloss der Gemeinderat, die Frauen ins Stimmregister aufzunehmen.

Gab es auch Widerstand?
Edith: Ja, Bern war dagegen. Der Bundesrat verlangte, dass Sitten den Urnengang verhindert. Albin Zenhäusern: Das hat uns erst recht angestachelt. Auch der Dorfpfarrer und der Bischof von Sitten gehörten zu unseren Förderern. Der Bischof war für das Frauenstimmrecht, weil es für ihn ein Postulat der Gerechtigkeit war.

Der Bischof und der Pfarrer engagierten sich für das Frauenstimmrecht?
Edith: Ja, der Dorfpfarrer war fortschrittlich. Er setzte sich auch dafür ein, dass die Frauen im Turnverein mitmachen konnten. Albin: Ein aufgeschlossener Pfarrer konnte damals viel bewirken. Da er gebildet war und schon etwas von der Welt gesehen hatte, bewunderten ihn die Leute und fragten ihn um Rat.

Wie haben Sie den Abstimmungstag erlebt?
Edith: Der Skiklub war an diesem Tag zum Essen im Restaurant, in dem ich arbeitete. Nachdem ich das Abendessen serviert hatte, sagte ich: «Oh, jetzt ist es schon bald acht Uhr, und das Stimmlokal schliesst gleich.» Die Gäste sagten mir, ich solle mich um Gottes Willen beeilen, sie würden sich das Dessert schon selber holen. Ich war eine der Letzten, die ihren Stimmzettel in die Urne warf …

Wie fühlten Sie sich dabei?
Edith: Ich war stolz, zu den ersten Frauen zu gehören. Damals waren ja sogar die Zürcher und viele andere noch gegen das Frauenstimmrecht. Es gab aber auch Frauen im Dorf, die sich nicht dafür interessierten. Sie fanden, Abstimmen sei Männersache. Andere hatten Hemmungen oder blieben aus Angst vor ihren Männern zu Hause. Viele ihrer Männer waren dagegen. Nur 33 von 84 Frauen gingen an die Urne.

Das Dorf war also gespalten?
Edith: Ja, es gab damals zwei Parteien im Dorf: die christlichsozialen Gelben und die christdemokratischen Schwarzen. Waren die einen für etwas, waren die anderen dagegen. Die Gegner versuchten, uns Frauen vom Urnengang abzuhalten, sie trommelten jedes Mal, wenn eine Frau ins Stimmlokal ging. Manche berichten auch von Steinen, die aufs Lokal geworfen wurden. Ich habe das nicht mehr erlebt – wohl weil ich so spät dran war.

Worüber wurde abgestimmt?
Edith: Es ging um die Frage, ob auch Frauen Zivildienst leisten sollen. Die Vorlage wurde abgelehnt, aber die Stimmen der Unterbächnerinnen waren nicht entscheidend. Bund und Kanton erklärten sie für ungültig.

Und trotzdem war die Abstimmung sehr wichtig für Unterbäch?
Albin: Ja, es kamen viele Journalisten nach Unterbäch, sogar die «New York Times» und «Washington Post» berichteten. Dadurch wurde unser Dorf bekannt, und der Tourismus konnte stark davon profitieren.

Wie hat sich die Rolle der Frau denn seither verändert?
Edith: Als ich jung war, konnte ich mir Frauen in der Politik noch nicht vorstellen. Es dauerte zwar noch viele Jahre, bis die erste in Unterbäch in den Gemeinderat gewählt wurde. Aber inzwischen ist es selbstverständlich. Wir hatten auch schon eine Gemeindepräsidentin. Zudem gab es schon früh eine Posthalterin, eine Bankleiterin, auch der Lebensmittelladen wurde von einer Frau geführt. Die Frauen hier im Wallis waren schon immer sehr selbstständig.

Inwiefern?
Edith: Die Männer waren ja jeweils ein halbes Jahr weg, um in Hotels irgendwo in der Schweiz zu arbeiten. So haben die Frauen im Alltag immer alles selber entschieden. Die meisten besassen kein Telefon, sie konnten also nicht einfach den Mann anrufen. So mussten sie die Kinder allein erziehen und waren auch noch für die Landwirtschaft zuständig. In dieser Hinsicht waren die Frauen hier sehr selbstständig. Manche sagten, darum sollten wir auch das Frauenstimmrecht haben.

Albin: Wollen Sie wissen, was der Vorteil vom Frauenstimmrecht war? Seither fragen wir immer die Frauen, sie wissen alles. Edith: Also bei meinem Mann war das schon so. Er hat schon immer alles mir überlassen. Seit dreissig Jahren: «Mach du nur die Rechnungen und alles.» Albin: So musste ich mich um nichts kümmern, Edith hatte das Haushaltsdepartement übernommen. Das ist ihr bis heute geblieben.

Edith Zenhäusern-Cina (83) kam in den vierziger Jahren als Kellnerin nach Unterbäch, wo sie 
Albin Zenhäusern (93) kennenlernte, der in einem landwirtschaftlichen Familienbetrieb aufwuchs und seit seiner Geburt im Dorf lebt. Im nächsten Jahr feiern die beiden ihren sechzigsten Hochzeitstag. Das Haushaltsdepartement übernahm Edith, lange bevor sie ihre politischen Rechte ausüben durfte.

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