Nr. 17/2021 vom 29.04.2021

Wohnen, das den Geist befreit

In einem neuen Buch dokumentiert Diana Bärmann als teilnehmende Beobachterin die Geschichte des Labitzke-Areals in Zürich.

Von Franziska MeisterMail an AutorIn

Abschied vom Labitzke-Areal: Aktion zur Schlüsselabgabe im August 2014. Foto: Diana Bärmann

Ein Vierteljahrhundert: So lange trieb das urbane Labor für alternative Formen des Zusammenlebens auf dem Labitzke-Areal in Zürich seine wilden Blüten. Ein bunt gemischter Haufen experimentierte auf dem ehemaligen Industrieareal mit neuen Wohn- und Arbeitsformen und einer subkulturellen Clubkultur. Jenseits kapitalistischer Verwertungslogiken – und doch als Teil davon. Immerhin zahlte man dem Immobilienkönig Fredy Schönholzer aus dem Rotlichtmilieu, der das Areal 1990 gekauft hatte, überhöhte Mieten für die Zwischennutzung von zerfallenden Fabrikbauten. Bloss: «Wer hätte mir ohne Geld», so Willy Bühlmann, der 1996 mit dem Areal der schwulen Technoszene eine Heimat schuf, «500 Quadratmeter einfach vermietet für einen illegalen Club?»

Bühlmann ist einer unter vielen ehemaligen BewohnerInnen, die in «Labitzke Farben. Archäologische Untersuchung einer Stadtutopie» zu Wort kommen. Das liebevoll gestaltete Buch von Diana Bärmann, zu dem auch ein komplexer Faltplan gehört, dokumentiert die Geschichte des Areals und seiner Zwischennutzung aus der Perspektive teilnehmender Beobachtung: Auch die Autorin lebte ab 2009 in einer der WGs auf dem Gelände. In Interviews und Gesprächen, mit Fotos und gezeichneten Objekten, die symbolhaft für das Labitzke stehen, lässt sie das «einzigartige Kultur- und Wohnexperiment» nochmals auferstehen. Ohne nostalgische Verklärung, dafür mit einigen durchaus kritischen Fragen, die auch grundsätzliche Probleme der Stadtentwicklung ins Visier nehmen.

An der Peripherie

Keine Frage, das Labitzke war vor allem eine Zweckgemeinschaft von Gruppen, die im Zuge der Neoliberalisierung, die Zürichs Innenstadt in einen Konsumtempel verwandelte und die Mietpreise explodieren liess, an die Peripherie verdrängt wurden. Hier fanden sich Wohn- und Ateliergemeinschaften in enger Nachbarschaft mit Musikclubs und Tanzlokalen, migrantischen Vereinen aus dem Balkan – darunter einer mit Moschee – und dem Sex- und Autogewerbe wieder. Das funktionierte lange Zeit ohne grössere Konflikte. Die Männer aus dem albanischen Verein Perparimi teilten sich die Toiletten mit Schwulen aus dem Areal, «immer ein bisschen Kampf» scheint es vor allem wegen des Lärms aus dem Club gegeben zu haben.

Als über die Jahre immer mehr Clubs auf das Gelände zogen, wurde es einigen doch zu viel. Gewerbetreibende beklagten sich über Sachbeschädigungen und Clubbesucher, die überall hin urinierten und sich vor den Eingängen erbrachen. Und die Wohngemeinschaften kamen nicht länger mit dem Lärm zurande. Die Fabritzke Wohnkultur, die ab 1999 das Hallenwohnen auf 265 Quadratmetern erprobte, zog schliesslich in einen andern Gebäudeteil und wandelte ihre Halle in eine Ateliergemeinschaft um.

Das Hallenwohnen stellte die Idee der privaten vier Wände, in die man sich zurückzog, auf den Kopf: Der Raum sollte kollektiv nutzbar, multifunktional und flexibel veränderbar sein. Wohnen, schlafen, arbeiten, Konzerte veranstalten – alles sollte darin möglich sein. Möbel suchte man zusammen oder bastelte sie sich selber, die Halle war offen für alle, die hereinkommen wollten. «Wir haben das immer auch als politischen Raum aufgefasst, der Platz schafft für Diskussionen, Veranstaltungen, Feste», sagt ein Mitbegründer. Ehemalige Bewohnerinnen erzählen von einem «menschlich sehr spannenden Experiment», bei dem man viel über Toleranz gelernt habe. Und über eine offene Architektur, die einen mit ihren hohen Räumen auch im Geist befreite.

Die Utopie muss inklusiver werden

Nach aussen politisierten sich die Labitzke-BewohnerInnen mit ihren alternativen Vorstellungen des Zusammenlebens unter dem Motto «Recht auf Stadt» erst, als der Immobilienriese Mobimo ihr Areal 2011 übernahm und alle Mietverträge per Ende 2013 auflöste. «Hätten sie nicht viel früher aktiv werden müssen, um politisch auf ihre bedrohte Situation aufmerksam zu machen oder um das Areal selber zu kaufen?», fragt die Stadtgeografin Anne Vogelpohl in ihrem Beitrag im Buch rhetorisch. Schliesslich wussten sie um die Mechanismen der Gentrifizierung – und wurden doch Opfer ihres eigenen Erfolgs, der ebendiese Mechanismen befeuerte und Zürich Altstetten zum neuen Hotspot für Clubkultur und alternative Wohnkulturen machte.

Und während das Hallenwohnen in einigermassen domestizierter und teurer Form im Projekt Zollstrasse die Gentrifizierung des Langstrassenquartiers weiter vorantreibt, macht Bärmann darauf aufmerksam, wie vor allem die MigrantInnenvereine nach dem Abbruch des Labitzke-Areals im August 2014 weiter aus der Stadt gedrängt wurden und dadurch ihr Netzwerk verloren. Auch der Sozialanthropologe Rohit Jain kritisiert, dass aus dem utopischen Moment des solidarischen Zusammenlebens keine dauerhafteren Verbindungen entstanden zwischen linken alternativen Gesellschaftsentwürfen und Gruppen, die aus der Perspektive von Sans-Papiers, MigrantInnen und People of Color ebenso für ein Recht auf Stadt kämpfen.

Diana Bärmanns «archäologische Untersuchung» rund um das Labitze-Experiment kann auch als Anleitung gelesen werden: Sie zeigt, worauf es besonders zu achten gilt, damit eine intersektionale Bewegung für das Recht auf Stadt entstehen kann, die niemanden ausschliesst.

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