Nr. 32/2009 vom 06.08.2009

Geschichtenerzähler aus dem Labor

Warum die Schreckensmeldungen nicht unbedingt viel mit wissenschaftlichen Fakten zu tun haben. Und warum man am Impfschutz festhält, obwohl es nur wenige Belege für dessen Wirksamkeit gibt.

Von Roland Fischer

Kommt sie morgen, oder kommt sie erst im Spätherbst? Wird sie verheerend, oder zieht sie fast unbemerkt an uns vorbei? Kann man sich wappnen, oder ist man ihr schutzlos ausgeliefert? Wäre die Schweinegrippe eine Terrororganisation, man könnte ihr nur gratulieren: Das Spiel mit der Angst beherrscht sie perfekt. Was die Grippe allerdings von einer Untergrundorganisation unterscheidet: Wir glauben zu wissen, mit wem wir es zu tun haben, es gibt haufenweise ExpertInnen, die den Gegner haarklein analysiert haben. Das Virus mag gerissen sein, doch die Wissenschaft ist cleverer.

Schön wärs. Ein kleiner Seitenblick: Seit gut zwanzig Jahren versprechen uns Gesundheitsexperten einen HIV-Impfstoff. Doch von einer wirksamen Impfung sind wir so weit entfernt wie eh und je. Nach dem letzten grossen Rückschlag gab einer der beteiligten Forscher ein bemerkenswertes Statement ab: «Wir müssen der Möglichkeit ins Auge sehen, dass wir niemals einen Impfstoff gegen HIV finden.» Die Virologie ist ein faszinierendes Forschungsgebiet – was auch daran liegt, dass sie zum grossen Teil noch wissenschaftliches Neuland ist. Man darf von HIV nicht auf die Grippe schliessen (die beiden Exemplare aus dem Erregerzoo sind so verschieden wie Ameisen und Pandabären), doch eines gilt für alle Viren: Ihr Verhalten gibt den ForscherInnen immer wieder gehörige Rätsel auf.

Moderne Mythen

Das bringt die Wissenschaft in eine schwierige Position. Von ihr werden auch bei dünner Faktenlage klare Ansagen erwartet. Besonders den Gesundheitsbehörden würde ein Achselzucken derzeit schlecht anstehen. Wir leben in einer Expertokratie, und da haben Wissenslücken, zumal in Krisenzeiten, keinen Platz. Wo man nun, etwas salopp gesagt, Unwissen (oder zumindest Unklarheit) als Wissen verkauft, da entstehen Mythen. Das ist auch bei der Schweinegrippe so – wobei natürlich viele verschiedene Akteure (Forscherinnen, Behörden, Medien, Laien) involviert sind. Ein kritischer Blick auf diese modernen Mythen lohnt allemal – und muss nicht zwingend zur Verunsicherung beitragen. Zunächst die Büchse der Pandora, aktuelle Fassung:

Durch rasches und entschlossenes Handeln kann ein neues Virus unter Kontrolle gebracht werden, sodass es sich nicht um die ganze Welt verbreitet.

Tatsächlich ist die Eindämmung so gut wie unmöglich, wenn das Virus so ansteckend ist wie der Schweinegrippeerreger. «Man hatte vielleicht ganz am Anfang eine kleine Chance, aber die war rasch verpasst», sagt Lars Hangartner, Grippespezialist vom Institut für Medizinische Virologie an der Uni Zürich. Will man die Virenhatz nicht in Hollywoodmanier betreiben und alle Verdachtsfälle ohne jede Rücksicht auf persönliche Freiheiten in Quarantänespitäler wegsperren, so wird sich das Virus rasch so weit verbreiten, dass jede Massnahme mindestens einen Schritt zu spät kommt. Was auch daran liege, dass Erkrankte schon Viren ausscheiden, bevor die typischen Grippesymptome einsetzten, ergänzt Hangartner. Die Mär von der Eindämmung hat sich dennoch über Monate gehalten, obwohl den offiziellen Stellen schon lange vorher klar sein musste, dass das Virus ausser Kontrolle war (tatsächlich hätten sie eigentlich eingestehen müssen, dass sie es gar nie unter Kontrolle hatten).

Aber am Ziel der kompletten Eindämmung war unbedingt festzuhalten, denn, zweiter Mythos (die apokalyptischen Reiter):

Es ist nur eine Frage der Zeit, bis wieder einmal ein «Killervirus» die Welt heimsucht.

Alle paar Jahrzehnte soll es angeblich wieder so weit sein. Das Killervirus wird aus dem tierischen «Virenreservoir» kommen und uns nur so dahinraffen, weil unser Immunsystem auf eine solche neue Grippe nicht vorbereitet ist. Einem Statistiker müssten sich die Haare sträuben: Hier ist die Datenlage wahrlich dünn. Weder kann man genau sagen, wie regelmässig es zu solchen Sprüngen von Tier auf Mensch kommt (alle zwanzig, fünfzig, hundert Jahre? Häufiger oder weniger häufig als früher?), noch weiss man mit Sicherheit, ob ein neues Virus zwingend brandgefährlich ist und das Potenzial zum Pandemieerreger hat. Tendenziell dürfte er gefährlicher sein, doch gerade das Schweinegrippevirus führte die ExpertInnen ja diesbezüglich ziemlich an der Nase herum. Von «äusserst bedrohlich» bis «harmloser als eine gewöhnliche Grippe» war so ziemlich alles zu hören. Im Moment sieht es so aus, als sei die Schweinegrippe tatsächlich eine Spur gefährlicher als die saisonale Grippe. Aber noch ist H1N1 weit davon entfernt, ein «Killervirus» zu sein.

Doch was nicht ist, kann ja noch werden – dritter Mythos (böse Mächte lauern überall):

Das Virus kann jederzeit mutieren, und dann wird es plötzlich doch noch brandgefährlich.

Hier trägt die dünne Faktenlage endgültig nicht mehr. Dieser obligate Warnhinweis, der auf der «Packungsbeilage» jeder Expertise vorkommt, gründet einzig und allein auf der Spanischen Grippe. 1918 ging eine neue, eng mit dem derzeitigen Erreger verwandte Grippe in verschiedenen Wellen um die Welt. Am Anfang noch vergleichsweise harmlos, hat sie in einer zweiten Welle schätzungsweise zwanzig Millionen Menschen das Leben gekostet. Allerdings ist nicht klar, ob der Grund dafür überhaupt eine Mutation des Virus war. Manche Experten halten es für viel wahrscheinlicher, dass sich der Zustand der Bevölkerung, vor allem der Truppen, gegen Kriegsende so stark verschlechtert hatte, dass auch eine normale saisonale Grippe verheerende Folgen gehabt hätte.

Dieses Argument ist den Fachleuten wohlbekannt. Wenn man nachhakt und Wissenschaftler um eine Einschätzung zum lauernden Potenzial der Schweinegrippe bittet, halten sie sich unisono zurück: Man könne den Fall zwar nie ausschliessen, aber es gebe keinen Hinweis, dass sich Viren eher hin zu grösserer Gefährlichkeit entwickelten. Wie die «Süddeutsche Zeitung» dazu kommt, zu vermelden, «die meisten Influenza-Experten glauben jedoch, dass H1N1 mit der Zeit gefährlicher wird», ist den angefragten Forschern deshalb schleierhaft. Trotzdem fehlt das potenzielle Katastrophenszenario derzeit in keinem Interview. Lieber einmal zu viel warnen als zu wenig – oder wie ging die Geschichte mit dem Hirtenjungen und dem Wolf noch mal?

Kurz, es gibt viel mehr offene Fragen als klare Antworten. Lars Hangartner von der Uni Zürich spricht bei Vohersagen in Sachen Grippe gar von «Kaffeesatzleserei». Andere Experten betonen lieber die Anstrengungen, die Wissenslücken zu schliessen. Daniel Koch, Leiter der Schweinegrippe-Task-Force beim Bundesamt für Gesundheit (BAG), verweist auf die fieberhaften Bemühungen der Forscher, Daten zusammenzutragen – am erhellendsten seien die momentanen Zustände in Südamerika und Neuseeland, wo die Grippesaison in vollem Gang ist und das Virus tatsächlich für bisweilen chaotische Zustände sorgt. Das BAG passe die Strategie laufend den neuesten Erkenntnissen an.

Was uns zur Frage bringt, was zu tun sei. Andere Fragestellung, gleiches Dilemma. Man stützt sich bei den Verhaltensempfehlungen natürlich gern auf wissenschaftliche Daten. Bloss – das hatten wir schon: Die Faktenlage ist dünn. Beispiel Schutzmasken. Da gibt es Fachleute, die den Einsatz unbedingt empfehlen, um sich selbst zu schützen, andere, die vor allem den Schutz anderer betonen, wenn man selbst bereits Träger des Virus ist, und es gibt ExpertInnen, die die Wirksamkeit der Masken überhaupt in Zweifel ziehen. Aussagekräftige Studien gibt es kaum. Tamiflu dürfte gut wirken, allerdings sind schon Resistenzen aufgetreten – die Wandlungsfähigkeit ist eine der Stärken von Viren.

Bleibt also der Impfstoff. Aber auch da wieder viele Fragen. Kommt er noch rechtzeitig, sollen sich alle impfen? Die Verantwortlichen betonen, die Impfung wäre auch noch wirksam, wenn die erste Welle schon vorüber ist, doch nicht alle Virologen sind da gleich optimistisch. Manche Länder (wie die Schweiz) haben genug Impfstoff für die ganze Bevölkerung geordert, in anderen (wie Deutschland) konzentriert sich der Impfplan vor allem auf Risikogruppen (Schwangere, Kleinkinder, medizinisches Personal).

Wie wirksam ist der Impfstoff?

Und es gibt ExpertInnen, die hinter die Wirksamkeit von Grippeimpfungen prinzipiell ein grosses Fragezeichen setzen. Tom Jefferson ist kein Virologe, als Medizinstatistiker kennt er sich aber bestens mit Studien aus. Er hat für die britische Cochrane Foundation, eine Stiftung, die Überblicksartikel zu verschiedenen Bereichen medizinischer Forschung herausgibt, die vorliegenden Studien zu Grippeimpfungen gesichtet und hält, was er gefunden hat, für «nicht sehr beeindruckend». Zudem biete sie gerade bei Kleinkindern und älteren Menschen, denen die Impfung besonders empfohlen wird, am wenigsten Schutz.

Interessanter noch als diese Zweifel ist ein anderer Befund, den Jefferson aus den Grippestudien zutage gefördert hat: Die mit Abstand wirksamste Schutzmassnahme ist simples Händewaschen mit Seife. Warum versteifen sich dann die Gesundheitsbehörden weltweit, allen voran die Weltgesundheitsorganisation (WHO), auf die möglichst rasche Bereitstellung des Impfstoffs? Jefferson gibt sich sibyllinisch: Es müsse einen besonderen Grund dafür geben, dass die WHO nicht alle zur Verfügung stehenden Massnahmen gleich gewichte – der Plan zur Grippebekämpfung basiere offenbar nicht streng auf Evidenz. Anders gesagt: Mit Händewaschen lässt sich kaum Geld verdienen. Das gilt nicht nur für die Industrie, sondern auch für die Forschung: Auch da gehe es, sagt Jefferson, um viel Geld, um Karrieren, um ganze Institutionen. Und übrigens, fügt Jefferson noch an: Im Mai (also zum Zeitpunkt, als sich allmählich zeigte, dass das Virus viel harmloser ist als befürchtet) habe die WHO stillschweigend ihre Pandemiedefinition geändert. Bis dahin wurde eine Grippe erst zur Pandemie «geadelt», wenn sie eine «enorme Zahl von Toten» verursacht. Dann hat die WHO diese Bedingung fallen gelassen, die weite Verbreitung des Virus mit entsprechend vielen Kranken reicht seither.

Auch ohne gleich seltsame Verstrickungen und Verbandelungen zu wittern, kann man verstehen, dass manch einem Experten ein wenig Unsicherheit in der Bevölkerung durchaus zupass kommt. «Schon komisch», sagte der Virologe Stephan Becker unlängst in der «Zeit», «normalerweise muss man die Menschen zu den Impfungen tragen, und jetzt will plötzlich jeder der Erste sein.» Die Zurückhaltung bei der Grippeimpfung war mit ein Grund dafür, dass es schwierig war, deren Wirksamkeit abschliessend zu beurteilen. Da bietet die Schweinegrippe nun eine womöglich einmalige Chance zu einem gross angelegten «Experiment». Der Infektiologe Pietro Vernazza zum Beispiel hofft, dass sich neunzig Prozent der Schweizer Bevölkerung der Impfung unterziehen werden – angesichts der verbreiteten Verunsicherung keine ganz illusorische Zahl. Und das ganz ohne behördlichen Zwang. Es zeigt sich: Angst kann nicht nur politisch instrumentalisiert werden. Sie hilft mitunter auch der Wissenschaft. Und verkaufsfördernd wirkt sie in gewissen Branchen allemal.

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