Nr. 18/2021 vom 06.05.2021

Streit im Opel Astra

Von Alice Galizia

«Achtundvierzig Jahreszeiten ohne ihre Stimme»: Sara hat sich ein Leben ausserhalb von Bosnien aufgebaut und möchte, wenn es irgendwie geht, nie wieder in ihre alte Heimat zurück. Sie lebt mit ihrem Freund, einer Avocadopflanze und einer Plattensammlung in Dublin; nicht einmal für die Beerdigung ihres Vaters hat sie sich erweichen lassen, zurückzukehren. Da klingelt ihr Telefon: Es ist Lejla, ihre beste Kindheits- und Jugendfreundin – bevor es, vor zwölf Jahren, einen Bruch gab. «Armin ist in Wien», sagt Lejla, Sara müsse sie hinfahren, und diese lässt alles stehen und liegen, fliegt zurück nach Bosnien.

«Fang den Hasen» von Lana Bastasic ist Roadtrip und Coming-of-Age-Geschichte, verarbeitet Kriegsvergangenheit und die Unsicherheiten des Aufwachsens – sich ausgeschlossen fühlen, nicht genügen, im Schatten stehen. Bastasic springt von der Haupthandlung – Sara und Lejla, meistens streitend, in einem weissen Opel Astra – immer wieder zurück in die Kindheit und Jugend, die Sara von verschiedenen losen Enden her aufzurollen versucht. So fahren die beiden durch den Osten und vermessen das Feld zwischen sich. Wie viel Vertrauen ist noch da, wie viel Fremdheit hat sich eingeschlichen?

In Bosnien ist es immer dunkel: Es ist drei Uhr nachmittags, als Sara und Lejla die Stadt Mostar verlassen, da umschliesst sie plötzlich tiefste Nacht. Sara sieht nichts mehr, aber Lejla lacht nur – hast du wirklich so viel vergessen? Ein literarischer Trick, der nicht nur die Düsternis beschreibt, die sich um die gemeinsame, von Krieg und Misstrauen durchdrungene Vergangenheit legt, sondern auch Metapher ist für die unterschiedliche Einschätzung ihrer Freundschaft.

Es ist ein ständiges Ringen um Erinnerung: Was ist denn nun passiert, vor fünfzehn oder zwanzig Jahren, als sie ihr erstes gemeinsames Geburtstagsfest feierten, als sie beide in der gleichen Nacht ihr erstes Mal hatten? Als von einem Tag auf den anderen muslimische Kinder verschwanden und nicht mehr zurückkamen, als Hunde umgebracht wurden, als der Krieg ausbrach? Wie war das, als ihr gemeinsames Daheim eines Tages einfach auseinanderfiel? Ein Daheim, in dem sich die Identitäten verfestigten und sie auf einmal nicht mehr aus demselben Stoff gemacht schienen: Sara Serbin, Lejla Bosniakin. Letztere, die irgendwann, über Nacht, nicht mehr Lejla hiess, sondern Lela, damit man ihr den muslimischen Hintergrund nicht schon am Namen anhörte.

Dieses Buch, das stellenweise wie ein leichter Jugendroman daherkommt, ist eigentlich voller komplizierter Fragen: Man muss aufpassen, es nicht zu schnell zu lesen.

An den Literaturtagen tritt die Autorin am Freitag, 14. Mai 2021, um 19 Uhr und am Samstag, 15. Mai 2021, um 16 Uhr und um 19 Uhr auf.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch