Nr. 20/2021 vom 20.05.2021

Kapitalismus im Ethiktest

Wie spiegeln eigentlich Videospiele die sozialen Verwerfungen des Neoliberalismus? Zwei neue Games geben Antwort darauf – auf sehr unterschiedliche Weise.

Von Daniel HackbarthMail an AutorIn

Kitscherfüllte Empathie für den obdachlosen Helden kompensiert fehlendes Klassenbewusstsein: Szene aus «Hobo – Tough Life». Still: Perun Creative

«Der Winter naht.» Dieser Satz ist häufig zu hören, und er klingt nicht minder unheilvoll als beim Fantasyepos «Game of Thrones», das ihn zum weltweit bekannten Werbeclaim machte. Doch anders als in der Fernsehserie prophezeien die Worte in «Hobo – Tough Life» keine Zombieinvasion: Der Schrecken, von dem das Videospiel erzählt, ist profaner. In dem von einem tschechischen Studio entwickelten Game schlüpft man in die Rolle eines Clochards in einer fiktiven osteuropäischen Metropole. Tag für Tag gilt es, irgendwie das heranzuschaffen, was es zum Überleben braucht: Essen, Trinken, Klamotten. Wohl wissend, dass spätestens wenn der erste Schnee fällt, es ungemütlich werden wird auf den Strassen der Stadt.

Am Rand der Gesellschaft

Ein Game, in dem man einen Obdachlosen spielt? Klingt zynisch, ist aber erst einmal auch nicht geschmackloser als die zahllosen kommerziell erfolgreichen Shootergames, bei denen man als Soldat anonyme Feinde reihenweise niedermäht. Videospiele sind häufig Ermächtigungsfantasien: Am Gamepad mutiert man zum Ritter, Revolverhelden, Fussballstar oder eben Elitekämpfer mit Ausbildung am Scharfschützengewehr. Selbst ein fülliger Gas- und Wasserinstallateur mit Schnauz wird hier zum «Super Mario». Umso reizvoller sind Versuche, mit altbekannten Konventionen zu brechen und die Spielerin in Szenarien zu versetzen, in denen sie sich mit dem Geschehen irgendwie arrangieren muss, anstatt ihm einfach ihren Willen zu diktieren.

Gut gelang dies vor ein paar Jahren «This War of Mine», das von einem Bürgerkrieg erzählte – nur eben nicht aus der Perspektive von Militärs, sondern von ZivilistInnen, die um ihr Leben bangen. In ähnlicher Weise vermag auch «Hobo – Tough Life» ein Gefühl nagender Prekarität zu vermitteln. Die Geschichte beginnt auf einer Brache neben einem Industriegebiet, wo der Spieler eines Morgens verkatert erwacht, ohne zu wissen, wie er an diesen Ort gelangt ist. Ein paar Meter weiter trifft man einen Kerl, der sich aus Sperrmüll einen Verschlag gebaut hat: Er gibt Tipps, wie man Container nach Brauchbarem durchsuchen kann, und erteilt kleine Aufträge, um für die ersten Streifzüge durch die Stadt ein bisschen Orientierung zu bieten.

Eine grosse Hilfe ist das allerdings nicht. Kontinuierlich leidet die Gesundheit des Protagonisten, weil er zu wenig oder zu schlecht isst, weil es regnet und er friert oder weil die Moral im Keller ist angesichts von Perspektivlosigkeit und sozialer Isolation: Das Spiel ist verdammt schwer und eher Stresstest denn spassiger Zeitvertreib für den Feierabend. So tigert man rastlos durch die Stadt, um Geld aufzutreiben. Das lässt sich bewerkstelligen, indem man Altmetall oder Pfandflaschen sammelt, Gelegenheitsjobs ergattert oder auch einfach PassantInnen abfängt und ihnen etwas Kleingeld abquatscht.

Gefährlich sind aber nicht nur Hunger und Kälte, sondern auch Schlägertypen, die an manchen Ecken lauern. Ebenso gilt es, PolizistInnen eher zu meiden. So lernt man bald, den urbanen Raum neu zu sehen: Geschäfte, Bars und Restaurants sind nur noch von marginalem Interesse – das, was man benötigt, findet sich in unbewachten Hinterhöfen. Auch der Bahnhof ist nicht länger ein Ort, an dem man zu Reisen aufbricht, sondern primär Gelegenheit, potenziell spendenwilligen PendlerInnen zu begegnen.

Insidertipps aus dem Darknet

Wenn aber Games andere Welten erschliessen können und im Idealfall auch deren Widersprüche aufzeigen, so gelingt das «Hobo – Tough Life» nur zur Hälfte. Offen bleibt, warum die Spielfigur überhaupt in die Situation geraten ist, eine Existenz am Rande der Gesellschaft zu fristen. Beiläufig ist zwar zu erfahren, dass beileibe nicht alle nach dem Fall des Eisernen Vorhangs von den Segnungen der Marktwirtschaft profitiert haben. Viel politischer wird es aber nicht, obwohl doch gerade Obdachlosigkeit eine offensichtliche Zuspitzung sozialer Gegensätze darstellt. Und gerade das städtische Szenario hätte ja in seinem Facettenreichtum von der trostlosen Vorstadtsiedlung bis zur geschniegelten Luxusshoppingmeile ausreichend Material geboten, den Gegensatz zwischen Arm und Reich zu illustrieren. Stattdessen wird mit schlichten Mitteln – rührseliger Musik etwa – versucht, Empathie für den Protagonisten zu wecken: Kitsch kompensiert fehlendes Klassenbewusstsein.

Dies lässt sich dem ebenfalls kürzlich veröffentlichen Game «The Invisible Hand» gewiss nicht vorwerfen. Hier agiert die Spielerin nicht in der Rolle eines sozial Deklassierten, sondern hortet als Investmentbankerin Reichtümer. Die Handlung setzt im September 2023 ein, kurz nach einem neuerlichen Börsencrash, der für die Branche aber alles in allem glimpflich verlief: Wenn es hart auf hart kommt, macht ja der Staat gerne mal öffentliche Mittel locker. Dennoch rollten ein paar Köpfe, sodass sich nun der Spielerin die Chance bietet, sich in dem Metier zu versuchen.

Zunächst aber ist da das Vorstellungsgespräch bei der Personalchefin. Teil des Interviews ist ein von der Finanzaufsichtsbehörde vorgeschriebener Eignungstest, bei der das Rechtsbewusstsein der Kandidatin geprüft wird: Wie würde sie etwa reagieren, wenn ein Kunde sie mit einem Investment in ein Offshore-Unternehmen beauftragt, das Geschäfte mit dem organisierten Verbrechen macht? Glücklicherweise hat man aber den Fragebogen bereits für die Spielerin ausgefüllt – denn bei der Finanzaufsicht schätze man glänzend absolvierte Ethiktests von BerufseinsteigerInnen, wie die Personalerin informiert. Dem zu widersprechen, verbietet sich von selbst, da man mit dem in der Firma gelebten Wertekanon dank eines Werbevideos («Ein kleiner Tipp: Sei kein Loser!») schon vertraut ist.

Fortan gilt es also, Profite zu erwirtschaften. Das geht entweder, indem man die Indizes verfolgt und wild drauflosspekuliert oder – viel effizienter – im Darknet nach Insidertipps Ausschau hält. Noch bequemer ist es, die Kurse einfach selbst zu manipulieren, indem man Lobbyisten einsetzt, die gegen politische Regulierungen in Branchen trommeln, in die man investiert hat.

Wozu Gewerkschaften?

Hilfreich ist auch, die Nachrichten zu verfolgen. Irgendwo in Asien bricht gerade ein Krieg aus? Dann mal rasch ein paar Rüstungskonzerne ins Portfolio holen! Zugleich wird die Spielerin regelmässig Zeugin, wie weniger clevere KollegInnen kurzerhand gefeuert werden – etwa weil sie mit fragwürdigen Deals (an sich kein Problem) das öffentliche Interesse auf die eigene Firma gelenkt haben (bloss nicht!). Vielleicht hat aber auch die Chefetage Wind davon bekommen, dass sie eine Gewerkschaft gründen wollten, was natürlich der Firmenphilosophie widerspricht.

Auch beim Design der Gespräche unter KollegInnen, die sich etwa um frustrierende Erlebnisse auf Datingplattformen oder irrationale Konsumwünsche drehen, legen die EntwicklerInnen eine sympathische Distanz zum Zeitgeist an den Tag. Das Indiestudio Power Struggle Games hat schon vor zwei Jahren ein kleines Abenteuerspiel über eine kommunistische Hexe veröffentlicht, die den BewohnerInnen einer futuristischen Grossstadt mittels Magie bei der Entwicklung kollektiver Widerstandspraktiken hilft – inspiriert von der marxistischen Feministin Silvia Federici.

Ganz so abgedreht ist «The Invisible Hand» zwar nicht, aber auch nicht besonders subtil. Dafür ist das Spiel sehr witzig. Während also «Hobo – Tough Life» dem Elend, das der freie Markt mit sich bringt, ein Gesicht zu geben versucht, beleuchtet das satirische Brokergame ein Milieu, das genau jenes Leid hervorbringt. Die Sozialkritik mag hier nicht gerade in fotorealistischer Grafik daherkommen. Deshalb ist sie aber nicht weniger ätzend.

«Hobo – Tough Life». Perun Creative. Für PC; eine Konsolenversion ist in Arbeit. 25 Franken.

«The Invisible Hand». Power Struggle Games. Für PC. 14 Franken.

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