Nr. 21/2021 vom 27.05.2021

Aus dem Trauma soll eine Touristenattraktion werden

In der Nacht auf den 1. Juni 1921 verwüstete ein rassistischer Mob ein Schwarzes Viertel in Tulsa, Oklahoma. Mindestens 300 Menschen starben. Das prägt die Stadt bis heute. AktivistInnen wie Chief Egunwale Amusan engagieren sich dafür, dass es nicht nur beim Erinnern bleibt.

Von Lukas Hermsmeier (Text) und Gabie Castaneda (Fotos), Tulsa

Chief Egunwale Amusan steht auf einem Parkplatz im Norden von Tulsa und zieht mit dem rechten Zeigefinger Linien durch die Luft. «Von da hinten», sagt er, deutet auf einen Turm mehrere Kilometer entfernt und dreht sich einmal um die eigene Achse, «bis dorthin», jetzt zeigt er Richtung Archer Street, «gehörte damals alles zu Greenwood.» 36 Blocks umfasste das Viertel, erklärt Amusan, rund 11 000 AfroamerikanerInnen lebten hier. 31 Restaurants, zwölf Kirchen, fünf Hotels, über hundert Geschäfte. Er nennt diese Zahlen direkt zu Beginn seiner Tour, weil er will, dass man ein Gefühl für die Dimensionen bekommt, eine Ahnung der Ausmasse. Der für das historische Greenwood gängige Begriff «Black Wall Street» sei aus diesem Grund auch irreführend. «Die Leute stellen sich eine Strasse vor», sagt Amusan, «dabei war es eine ganze, grosse Community.»

Der 54 Jahre alte Amusan führt mehrere Male pro Woche durch Greenwood, das heute nur noch ein paar Blocks umfasst. Das Interesse sei in den vergangenen Jahren zum Glück enorm gewachsen, sagt er. Aber Erinnerung alleine genügt nicht. Anders als so viele andere Stadttouren überall auf der Welt ist diese nicht auf Versöhnung aus. Überstanden ist nicht der Eindruck, den Amusan schaffen will, es wäre schlichtweg falsch. Ihm geht es um Kontinuitäten der Gewalt, er verbindet Verbrechen der Vergangenheit mit heutigen rassistischen Strukturen und politisch organisierter Verwahrlosung. Amusan stellt die Idee des heilenden Fortschritts infrage, die viele in Tulsa als offizielle Erzählung durchsetzen wollen, deshalb ist er ein gefragter und zugleich störender Mann.


Anfang des 20. Jahrhunderts hatte die Stadt Tulsa, die im Nordosten von Oklahoma liegt, eine einzigartige Stellung in den Vereinigten Staaten inne. Grund dafür war das prosperierende Schwarze Geschäftsviertel Greenwood. Die EinwohnerInnen waren zwar alles andere als abgeschottet vom Rassismus der damaligen Jim-Crow-Gesetze – mit denen vor allem in den Südstaaten die Segregation aufrechterhalten wurde –, aber sie waren durch die vergleichsweise hohe Vermögenskonzentration auch verhältnismässig autark. Greenwood symbolisierte die Hoffnung darauf, dass Schwarze Menschen in Amerika frei leben können. In diesem Kontext entstand der Begriff «Black Wall Street», geprägt durch den Pädagogen Booker T. Washington, der «Black Capitalism» propagierte: Er appellierte an das Schwarze Amerika, die Frage nach politischer Gleichberechtigung hintanzustellen und sich dafür auf die Entwicklung eigener Unternehmen zu konzentrieren. Solche Ideen wurden jedoch schon zu seinen Lebzeiten als illusorisch, von SozialistInnen wie W. E. B. Du Bois auch als kontraproduktiv kritisiert: Auch ein Schwarzer Kapitalismus verhindert ökonomische Ausbeutung nicht.

Der Morgen danach: In nur einer Nacht wurde das prosperierende Schwarze Viertel Greenwood in der Ölstadt Tulsa verwüstet. Foto: Library of Congress

In der Nacht zum 1. Juni 1921 erfolgte ein Bruch in der Geschichte von Greenwood. Aufgehetzt durch einen Zeitungsbericht, in dem von einem angeblichen Übergriff eines Schwarzen Teenagers auf eine weisse Jugendliche die Rede war, zog ein Mob von mehreren Tausend Weissen in das Viertel, um dort die Häuser und Geschäfte zu plündern und niederzubrennen. Mindestens 300 Menschen starben in dieser Nacht, mehr als 1200 Gebäude wurden komplett zerstört. Von Greenwood war am nächsten Morgen kaum noch etwas übrig. Das Tulsa Race Massacre ist bis heute einer der tödlichsten rassistischen Gewaltausbrüche in den USA seit dem Ende der Sklaverei.

Wer sich in diesen Tagen durch Tulsa bewegt, stösst früher oder später auf Hinweise auf das Massaker, das sich nun zum 100. Mal jährt. An Fassaden hängen Poster, die auf die zahlreichen Veranstaltungen zum Centennial aufmerksam machen. Dort, wo vor hundert Jahren die Schwarzen Geschäfte standen, sind Erinnerungstafeln in den Gehweg eingelassen. An der Grenze zwischen dem heutigen Greenwood und Downtown ist in den vergangenen Monaten ein neues Museum und Kulturzentrum mit dem Namen «Greenwood Rising» in die Höhe gewachsen. In den Buchhandlungen stapeln sich Bücher, die sich der Ereignisse annehmen. Die lokalen Zeitungen bringen grosse Berichte; Fernsehcrews aus Europa, Australien und Afrika sind angereist. Die Leute in Tulsa sprechen über 1921, auch wenn sie ganz Verschiedenes sagen.

Bemerkenswert ist diese Aufmerksamkeit vor allem deshalb, weil das Massaker in der amerikanischen Öffentlichkeit die längste Zeit ein Nicht-Thema war. Die Opfer wurden im Stich gelassen, ihre Nachfahren ignoriert. Für die TäterInnen ging das Leben einfach weiter, die Zeitungen berichteten kaum, zur Rechenschaft wurde nie jemand gezogen. Auch in der Schule wurde über das Pogrom nicht unterrichtet, eine Aufklärung aktiv verhindert. Es war fast so, als wäre es nie passiert. Ausser für die, die zeitlebens mit den Folgen kämpften; die immer noch kämpfen.

Das Massaker wird heute nicht mehr verschwiegen, aber die Vergangenheit ist längst nicht geklärt. In Tulsa werden ideologische Konflikte ausgetragen, die ganz Amerika betreffen. Von rechts versuchen RepublikanerInnen, eine Auseinandersetzung mit der rassistischen Geschichte des Landes zu unterdrücken, das Whitewashing wird immer brachialer. Kräfte der Mitte sind um eine gewisse Erinnerungskultur bemüht, wehren sich aber gegen eine Politik der materiellen Konsequenzen. Und von links werden die Rufe nach Reparationszahlungen, ökonomischer Gerechtigkeit und einem Abbau des repressiven Strafsystems, das überproportional AfroamerikanerInnen trifft, lauter. In Tulsa verdichten sich Fragen, die auch anderswo von grossem Gewicht sind, allen voran die Frage, was das Erbe eines solchen Verbrechens für die Gegenwart bedeutet: Wenn kein schuldiger Mensch mehr lebt, aber alle Lebenden auf unterschiedliche Weise betroffen sind, wie sieht dann politische Verantwortung jenseits von Gesten aus?


Amusan nimmt Räume ein, sogar draussen. Das fein gestreifte Poloshirt liegt eng auf seinem mächtigen Oberkörper, dazu sein weisser Kinnbart, Sonnenbrille. Sie nennen ihn in Tulsa einfach nur Chief, passend zu seiner imposanten Statur, wobei der Titel darauf zurückgeht, dass Amusan Präsident der African Ancestral Society ist, einer Non-Profit-Organisation, die sich für die Interessen der Schwarzen Community von Tulsa einsetzt. Amusan war mal Ingenieur, heute hat er verschiedene Jobs und Rollen. Stadtführer, Aktivist, Vater von fünf Kindern. Ausserdem sitzt er in der offiziellen Aufsichtskommission der Stadt, die die Erforschung der Massengräber von 1921 begleitet. Direkt nach dem Massaker war von rund 12 Todesopfern die Rede, dann von 36, irgendwann hiess es 100, heute 300. Auch HistorikerInnen betonen, dass noch immer nicht klar ist, wie viele Menschen starben. Es gibt diverse Zeitzeugenberichte, nach denen Leichen in Massen verscharrt und in den Arkansas River geworfen wurden. «Die ganze Stadt ist ein Friedhof», sagt Amusan.

Wir gehen die North Greenwood Avenue hoch, einst das Herz des Geschäftsviertels. Das berühmte Dreamland Theatre stand hier, das Royal Hotel, der Oquawka Cigar Store, die Liste ist lang. Viele Gebäude wurden nach 1921 wieder aufgebaut, die allermeisten davon allerdings im Laufe des 20. Jahrhunderts auch wieder abgerissen; unter anderem zugunsten eines Highways, der nun Tulsa durchschneidet. Amusan zeigt auf ein paar Kiefern nicht weit von der Vernon African Methodist Episcopal Church. «Dort hat meine Grosstante Mary Beard gelebt.» Sie war zum Zeitpunkt des Massakers 24 Jahre alt, erzählt er, und führte einen Wäscheservice von ihrer Wohnung aus. Mary überlebte, wie auch Amusans Grossvater Raymond, damals ein Kleinkind. «Ich kann mir gar nicht vorstellen, welche Traumata diese Kinder erlebt haben», sagt Amusan.

Obwohl seine Familie direkt betroffen war und obwohl er in dieser Stadt aufgewachsen ist, erfuhr Amusan erst als junger Erwachsener von dem Massaker. Ihm geht es damit wie so vielen Schwarzen BewohnerInnen Tulsas. «Das Schweigen war ein Überlebensmechanismus», sagt Amusan. Wer seinen Job behalten und weiteren Terror verhindern wollte, blieb still. Für die Weissen war das Verstummen bequem und gewollt. Wenn Ende Mai offizielle Gedenkveranstaltungen stattfinden, wird Amusan fernbleiben. Statt die ökonomischen Bedingungen der Schwarzen Bevölkerung zu verbessern, habe sich Tulsa auf symbolische Bauten und ein «angenehmes Narrativ» des Fortschritts konzentriert, sagt Amusan. Er wirft der Stadt vor, «Trauma zum Tourismus» zu machen.


In Tulsa verdichtet sich amerikanische Geschichte. Es geht um Land und Ressourcen, um Kontrolle und um die Ideologie der weissen Vorherrschaft, Themen, die sich noch nie voneinander trennen liessen. Bis Ende des 19. Jahrhunderts war die Region, die heute Oklahoma ist, Teil des indigenen Territoriums. Creek und Cherokee lebten hier, die in den 1830ern über den «Pfad der Tränen» aus dem Südosten der USA vertrieben worden waren. Als die weissen SiedlerInnen Öl entdeckten, verdrängten sie die Native Americans erneut. Um die Jahrhundertwende, Tulsa war gerade frisch gegründet, zählte der Ort 1400 EinwohnerInnen, 1921 waren es bereits knapp 100 000. Tulsa boomte und damit auch die Schwarze Bevölkerung, die in Greenwood aus befreiten SklavInnen und Zugezogenen bestand. Der Grossteil des Eigentums lag zwar bei der weissen Unternehmerschaft, wie Historiker Scott Ellsworth in «Death in a Promised Land» schreibt. Trotzdem wurde das Viertel zur Verheissung. «Little Africa», «Magic City». Das weisse Tulsa jedoch nahm das Schwarze Streben nach Autonomie als Bedrohung wahr.

In Ellsworths wegweisendem Buch – das 1982 erschien, als von Aufarbeitung kaum jemand etwas wissen wollte – wird auch der historische Kontext deutlich. Oklahoma war vor hundert Jahren Brutstätte des wiederaufgestellten Ku-Klux-Klans, Lynchmorde gehörten fast zum Alltag. Als Reaktion darauf – und auf die rassistisch motivierte Gewaltwelle des «Red Summer» von 1919 – bildete sich unter anderem die Schwarze kommunistische Organisation African Blood Brotherhood, die in Tulsa eine Ortsgruppe hatte. All das ist von Bedeutung, um das Massaker als das zu verstehen, was es war: ein extremes Verbrechen und eine Fortsetzung von Gewalt, gegen die sich die Schwarzen EinwohnerInnen wehrten. Widerstand, auf den viele immer noch stolz sind.

Es ist bis heute nicht klar, was genau zwischen Dick Rowland und Sarah Page vorgefallen war. Der 19-jährige Schuhputzer befand sich am Morgen des 30. Mai 1921 im Drexel Building an der Main Street, wo die 17-Jährige als Liftführerin arbeitete, so viel steht fest. Es soll einen Schrei gegeben haben, wirkliche Anzeichen für einen Angriff fanden sich nie, trotzdem wurde der junge Afroamerikaner festgenommen. Wie so oft in dieser Zeit reichten Gerüchte, um den rassistischen Hass zu aktivieren. Die Schlagzeile der «Tulsa Tribune» lautete am nächsten Tag: «To Lynch Negro Tonight».

Amusans Tour, erst zu Fuss, dann mit dem Auto, dauert knapp drei Stunden. Oft ist seine Cousine Kristi dabei, heute ist er alleine. Es geht zum Gerichtsgebäude, wo sich nach Rowlands Verhaftung Tausende Weisse und Hunderte Schwarze gegenüberstanden. Zur Brady Mansion, wo der Gründer von Tulsa lebte, Tate Brady, Ku-Klux-Klan-Mitglied, der an dem Massaker beteiligt war. Zum Standpipe Hill, einem Hügel in Greenwood, wo sich die BewohnerInnen bis zum Schluss eine Schlacht mit dem Mob lieferten. Zur Convention Hall, wo die Schwarze Bevölkerung in den Tagen nach dem Massaker eingesperrt wurde; ein «unheimlicher Ort», wie Amusan sagt. Er trägt laminierte Archivfotos bei sich, die die Zerstörung festhalten und das Trauma andeuten.

Man sieht zertrümmerte Gebäude wie in einem Krieg. Zelte, in denen die Überlebenden monatelang untergebracht waren. Eine weisse Frau, die einem Schwarzen Kind, das überlebt hat, den Hintern versohlt. In Zeitungsberichten von damals hiess es, dass Greenwood sogar von einem Privatflugzeug mit Dynamit zerbombt worden sei. Von der Polizei wurde all das nicht nur geduldet, die Beamten nahmen aktiv teil, gaben Waffen aus. Diese Mittäterschaft war einer der vielen Gründe für die systematische Verschleierung.

Der Historiker Ellsworth spricht von einer «Segregation der Erinnerung». Während den Opfern die Schuld gegeben wurde, inszenierte sich das weisse Tulsa als gütige Wiederaufbaueinheit. Beides ist falsch, die Stadtverwaltung erschwerte sogar viele Bemühungen zur Instandsetzung. Dass Greenwood nach 1921 überhaupt wieder zu Leben kam, ist auf die unglaubliche Widerstandsfähigkeit der Schwarzen Bevölkerung zurückzuführen. Die Menschen in der Community unterstützten sich, bildeten Netzwerke der gegenseitigen Hilfe. Auf der anderen Seite der Stadt sah man weisse Frauen in gestohlenen Kleidern spazieren. Viele weisse BewohnerInnen Tulsas zogen aus dem Massaker die Konsequenz, dass es mehr Gesetzesvollzug und mehr Segregation brauche. Eine Parallele zum heutigen Amerika, wo jedem Protest gegen Polizeigewalt Rufe nach noch mehr Polizei entgegenschallen.


Tulsa ist auch heute eine segregierte Stadt. Die meisten Schwarzen leben im darbenden Norden, mehr als ein Drittel von ihnen in Armut, viele arbeitslos, oft von der Polizei schikaniert. Schwarze Familien verfügen über ein durchschnittliches Vermögen von 8000 Dollar, verglichen mit 145 000 Dollar bei weissen Familien. Während im Norden die Infrastruktur zerfällt und es keinen einzigen Supermarkt im Umkreis von Kilometern gibt, haben südliche Teile der Stadt einen ökonomischen Aufschwung erlebt. Neue Parks am Wasser wurden kreiert, die Villen dort sind beeindruckend, oft altes Ölkapital. In Tulsa wird deutlich, was die Geografin Ruth Wilson Gilmore meinte, als sie Rassismus als «Risiko eines verfrühten Todes» beschrieb: Die Menschen im Schwarzen, armen Norden leben im Schnitt elf Jahre weniger lang als die im Süden der Stadt.

Man versteht die gesellschaftlichen und ökonomischen Verhältnisse in den USA der Gegenwart nicht ohne die rassistische Geschichte des Landes. Doch alleine, um zu erreichen, dass sich breite Kreise mit dieser Geschichte beschäftigen, brauchte es in Tulsa Jahrzehnte. Ein Meilenstein war dabei eine vom Bundesstaat Oklahoma einberufene Kommission, die von 1997 bis 2001 die Details des Massakers erforschte. Resultat war ein knapp 200 Seiten langer Report, in dem Reparationen für die Opfer empfohlen wurden. Eine Gruppe von Überlebenden, zu denen auch Chief Amusans Grossvater zählte, schloss sich ein paar Jahre später zusammen, um entsprechende Entschädigungen vor Gericht durchzusetzen. Die Klage scheiterte jedoch vor dem Supreme Court wegen Verjährung. Ein vollständiges Schuldeingeständnis der staatlichen Behörden fehlt bis heute, eine Kompensation steht immer noch aus. Stattdessen schenkte man den Überlebenden vor zwanzig Jahren Medaillen aus falschem Gold.

Die Stadtregierung betont, wie viel sich in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten verbessert habe. Mehr als 30 Millionen Dollar hat die Tulsa Race Massacre Centennial Commission durch Spenden eingenommen, ein Grossteil davon ist in das Museum «Greenwood Rising» geflossen. Bürgermeister G. T. Bynum von den RepublikanerInnen und Projektmanager Phil Armstrong erhoffen sich von dem neuen Kulturangebot mehr Tourismus, von dem auch die Armen profitieren sollen. Doch genau das bezweifeln viele BewohnerInnen, die darauf hinweisen, dass schon bei der Vergabe der Aufträge fast nur weisse Firmen profitiert haben.

Die linken Gegenkräfte werden in Tulsa immer lauter. Da wäre zum Beispiel Deon Osborne, Redaktor der «Black Wall Street Times», der in den vergangenen Monaten eine Sonderausgabe zum 100. Jahrestag auf die Beine gestellt hat, in der die Stadtregierung scharf kritisiert wird. «Sie schlachten unsere Trauer aus», sagt Osborne, der früher als Jugendarbeiter tätig war. Von Versöhnung könne keine Rede sein, «sie überpinseln nur». Ähnlich sieht es Mana Tahaie, eine Community-Organizerin, die sich für eine radikale Reform der Polizei einsetzt und sagt, dass «Schwarzer Kapitalismus» dem Grossteil der Schwarzen Bevölkerung nicht helfen werde. Eine führende Rolle in der lokalen Black-Lives-Matter-Bewegung hat Tiffany Crutcher übernommen, deren Bruder Terence 2016 von einer weissen Polizistin erschossen wurde. Sie alle und viele mehr erwarten von der Regierung eine grundlegend andere Politik. Weniger Polizei, weniger Schikanen, dafür mehr Investitionen in soziale Projekte, «eine kooperative Ökonomie» und «holistische Politik», wie Amusan sagt. Genau für diese Zwecke wurde auch die Initiative «Justice for Greenwood» gegründet.

Hoffnung macht nun ein neuer Prozess vor dem Bezirksgericht in Tulsa County. Klage hat der bekannte Anwalt Damario Solomon-Simmons eingereicht, im Auftrag der letzten drei Überlebenden des Massakers und einiger Nachfahren. Ziel ist Schadenersatz, auf individueller wie struktureller Ebene. Um eine erneute Klageabweisung wegen Verjährung zu vermeiden, möchte Solomon-Simmons nachweisen, dass die Folgen des Massakers bis heute als «Störung der öffentlichen Ordnung» (public nuisance) nachwirken. Hoffnung schöpft der Jurist aus der Tatsache, dass der Bundesstaat Oklahoma vor ein paar Jahren den gleichen Straftatbestand erfolgreich ins Feld führte, um ebenfalls weit zurückliegende Verbrechen nachzuweisen. Verurteilt wurde 2019 der Pharmakonzern Johnson & Johnson, der für seine Beteiligung an der Opioidkrise 465 Millionen Dollar Strafe zahlen musste.

Sollte die neue Klage in Tulsa erfolgreich sein, wäre das nicht nur ein historischer Gewinn für die Opfer. Es könnte auch einen Präzedenzfall für die Debatte um Reparationszahlungen für die Sklaverei schaffen. Seit Jahrzehnten bemühen sich Aktivistinnen, Akademiker und PolitikerInnen um eine Prüfung und Entschädigung. Bereits 1989 brachte der Kongressabgeordnete John Conyers einen Gesetzesentwurf zur Einrichtung einer Reparationskommission ein. Doch auch hier hat sich bislang wenig bewegt.


Dass über das Tulsa Race Massacre heute zumindest gelehrt und daran erinnert wird, liegt an der unermüdlichen Arbeit von Leuten wie Chief Amusan, HistorikerInnen wie Scott Ellsworth und kurioserweise auch an der HBO-Show «Watchmen». Gleich die erste Folge bringt die ZuschauerInnen in die Szenen des Massakers, man sieht eine Schwarze Familie vor dem Mob flüchten, nur das Kind überlebt. Als die Sendung 2019 zum ersten Mal im Fernsehen lief, stellten viele AmerikanerInnen fest, dass es dieses Ereignis tatsächlich gegeben hatte. Die Google-Suchanfragen nach «Tulsa 1921» schnellten in die Höhe.

Welche Geschichte erzählt wird, wessen Perspektiven Platz bekommen, das ist immer eine Frage von Machtverhältnissen. In den USA kann man derzeit beides beobachten: einerseits eine tiefere Auseinandersetzung mit dem Rassismus, Ausdruck eines progressiven Wandels, andererseits ein Bestreben nach Reinwaschung, vor allem seit Trump. Der republikanische Gouverneur von Oklahoma, Kevin Stitt, unterzeichnete gerade erst Anfang Mai ein neues Gesetz, das die Schulen, Colleges und Universitäten stark in ihrer Auseinandersetzung mit Rassismus einschränkt. StudentInnen sollen von «Unbehagen, Schuldgefühlen, Ängsten oder psychischer Belastung» verschont bleiben, heisst es darin, jede Art von Critical Race Theory ist deshalb ab sofort verbannt. In der Praxis bedeutet dieses Gesetz, dass LehrerInnen bestraft werden können, wenn sie über Rassismus als strukturelles Problem unterrichten. Es ist nicht auszuschliessen, dass auch zum Massaker von Tulsa demnächst anders unterrichtet werden muss.

Auf der Website der «New York Times» kann man sich durch eine mit Fotos und weiterführenden Informationen versehene virtuelle Darstellung von Greenwood vor dem Massaker bewegen: nytimes.com.

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