Nr. 23/2021 vom 10.06.2021

Vor Gästen wird gewarnt

Kisten voll mit blankem Hass: Die nun in Buchform zugänglichen Karteikarten eines Unterengadiner Grandhotels sind ein Lehrstück in Antisemitismus.

Von Daniela JanserMail an AutorIn

Für Nazis höchstens leichten Spott, üble Beschimpfungen für Juden: Karteikarte des Waldhotels in Vulpera. Foto: Aus dem besprochenen Band

Warum betreibt ein nobles Grandhotel ein Fichensystem über seine Gäste? Die unschuldige Vermutung dürfte lauten: Damit man sich an die BesucherInnen, ihre Vorlieben und Abneigungen, möglichst gut erinnert, wenn sie alle Jahre wiederkommen – um, ungeachtet von Personalwechseln, ein zuvorkommender Gastgeber zu sein. Der einzigartige Einblick, den die im Bildband «Keine Ostergrüsse mehr!» abgedruckten geheimen Karteikarten des Waldhotels von Vulpera erlauben, macht nun klar, dass man mit dieser Vermutung weit daneben liegt. Concierge, Rezeptionsmitarbeitende und womöglich auch Direktoren des Luxushotels im Unterengadin, das seit 1900 über viele Jahrzehnte Betuchte aus der halben Welt beherbergt hat, notierten vor allem Ressentiments, Kritik und Warnungen auf ihren Karteikarten. Warnungen vor den Gästen, versteht sich: «grosser Nörgler», «hat einen Vogel», «spinnt auf Hochtouren», «schwatzt den ganzen Tag nur dummes Zeug», «Hochstapler!», «scheint eine Spionin zu sein», «übertriebene Frau in jeder Hinsicht» steht da in Schreibmaschinenschrift, oft auch von Hand dazugeschrieben. Wer sich speziell daneben benimmt, erhält den Vermerk «Kein Ostergruss».

Homogener Mikrokosmos

Nebst Angaben zu Adressen, Beruf, Aufenthaltsdauer, Rabatten und auch ein paar Nettigkeiten («Glanzgast!», «sehr nette Leute») werden Gäste vornehmlich in die Pfanne gehauen. Sie können es den GastgeberInnen kaum recht machen: Die einen konsumieren zu viel («Das Personal nennt sie ‹Martini›»), andere zu wenig. Manche gelten als geizig («sehr billig»), ein anderer wiederum sei ein «grosser Protz». Viele Einträge lassen schmunzeln, man kann Verständnis aufbringen für den Ärger über schwierige Zeitgenossinnen und Zechpreller, liest die Notizen als Frustventil, vielleicht sogar als versteckten Klassenkampf.

Doch hört es mit dem Spott auf die Reichen und ihre Macken nicht auf. Der unverstellte Einblick in die Karteikarten gewährt auch einen unverstellten Einblick in den blanken Antisemitismus der Kommentierenden, der sich im geschützten Raum dieser Karteikästen ungehindert Bahn bricht. Als 2011 einzelne dieser Karten in einer kleinen Ausstellung in Vulpera zu sehen waren, realisierte man offenbar erst nach der Intervention eines Besuchers, dass dieser säuberlich registrierte antisemitische Hass nicht einfach unkommentiert ins Allerlei der Gästebeschimpfung einsortiert werden kann. Danach blieben die Karten unter Verschluss.

Das Waldhaus Vulpera brannte 1989 ab und wurde nicht wiederaufgebaut. Da zumindest die älteren Karteikarten an einem anderen Ort aufbewahrt lagen, blieben sie vom Feuer verschont. Der letzte Hoteldirektor, Rolf Zollinger, hat sie nun dem bekannten und beharrlichen Südtiroler Fotografen Lois Hechenblaikner («Ischgl») und dem Zürcher Verlag Patrick Frey freundlicherweise zur Publikation überlassen.

Keine Konsequenzen

Die im Band «Keine Ostergrüsse mehr!» öffentlich gemachte Kartensammlung beginnt 1921 und reicht bis in die 1950er Jahre. In ihr offenbart die oft gefeierte, faszinierende kleine Welt eines alpinen Grandhotels unvermittelt ihre hässliche Fratze. Der Antisemitismus erweist sich im weitgehend homogenen Mikrokosmos der begüterten, urbanen Grandhotelgäste als grobe Axt. Mit ihr wird diese von feinen Unterschieden durchzogene feine Gesellschaft plötzlich sehr unfein und willkürlich in zwei Gruppen gespalten: in jüdische und nichtjüdische Menschen.

Als Urform jeglichen Rassismus manifestiert sich hier der Antisemitismus in seiner nackten Form: als reines Ressentiment und als Verschwörungserzählung, die nichts mit den verunglimpften Menschen zu tun hat und deshalb direkt auf die antisemitischen HetzerInnen selbst zurückfallen müsste. Doch das Gegenteil war der Fall: Mitarbeitende hatten im zweifellos streng hierarchisch geführten Grandhotel offensichtlich keinerlei Konsequenzen zu befürchten, wenn sie Gäste als «Stinkjuden» abstempelten. Zusätzlich verstörend wird es, wenn man auf die Jahreszahlen schaut: Die nationalsozialistische Verfolgung und Judenvernichtung hinterliessen auf diesen Karteikarten nur indirekt Spuren, brachten weder Schock noch Besinnung. Die antisemitischen Beschimpfungen blieben sich über die zwanziger, dreissiger, vierziger, fünfziger Jahre erstaunlich gleich; mal sind sie explizit, mal codiert. Nazis, die im Waldhotel abstiegen, wurden dagegen meist leicht spöttisch bis achtungsvoll beschrieben, etwa als «ganz grosse Pers. des III Reichs».

Der Textteil des sorgfältig gestalteten Buchs wirkt etwas hastig zusammengestellt; neben einem guten Aufsatz der Kulturwissenschaftlerin Bettina Spoerri findet sich da auch wortwörtlich bei Wikipedia Abgeschriebenes. Wer sich weiter einlesen will, greift zu «Hast du meine Alpen gesehen?», eine reichhaltige Publikation des Jüdischen Museums Hohenems über die «jüdische Beziehungsgeschichte» mit den Alpen. Auch dort stösst man auf eine Karteikarte, diesmal aus dem St. Moritzer Luxushotel Palace, mit dem Eintrag «Bons clients mais juifs». Die Aufarbeitung der dunklen Seiten des strahlenden Schweizer Alpentourismus hat wohl erst begonnen.

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