Nr. 23/2021 vom 10.06.2021

Nun erst recht!

Auf den 14. Juni wird erneut zum feministischen Streik aufgerufen. Was ist vom euphorischen Aufbruch geblieben?

Von Sarah Schmalz

Wer dabei war, wird sich noch lange an das unvergleichliche Gefühl der Ermächtigung erinnern: Allein in Zürich gingen am 14. Juni 2019 100 000 Menschen auf die Strasse. Es war ein riesiger, bunter Protestzug mit einer gemeinsamen Botschaft: Es reicht.

Als offensichtlichsten Fortschritt hat das Frauenjahr 2019 eine klare Steigerung des Frauenanteils in den Parlamenten gebracht: Bei den National- und Ständeratswahlen wurden im Oktober so viele Frauen wie noch nie gewählt, ihr Anteil stieg von gut 30 auf 42 Prozent. Auf nationaler Ebene liegt die Schweiz bei der Frauenpartizipation nun auf Rang 17 von 191 Ländern. Das Berner Stadtparlament ist seit den Wahlen im November 2020 zu siebzig Prozent in Frauenhand, bei den Neuenburger Kantonsratswahlen gingen 2021 58 von 100 Sitzen an Frauen.

Politische Partizipation ist eines der wichtigsten Ziele der feministischen Bewegungen. Dass sie alleine jedoch nicht die Gleichstellungswende bringt, zeigt sich derzeit an der AHV-Reform. Diese droht trotz gestiegenem Frauenanteil zur reinen Abbauvorlage zu verkommen: die Rentenaltererhöhung für Frauen ist praktisch beschlossen, Kompensationszahlungen werden von der bürgerlichen Mehrheit bekämpft.

Wer die feministische Bewegung als Bewegung begreift, die für ein gutes Leben für alle kämpft – unabhängig von Geschlecht, Herkunft, Ethnie –, wird verstehen, dass sich ihr Kampf immer auch gegen kapitalistische Ausbeutungssysteme richtet. Dem Profitstreben und den traditionellen Machtgefügen stellt sie die Utopie von gesellschaftlicher Verantwortung und Inklusion gegenüber. Der Widerstand gegen den gleichstellungspolitischen Kampf ist denn auch dort am grössten, wo das Geld und die Macht sitzen. Dass sich auch bürgerliche Frauen in den Dienst des Spätkapitalismus stellen, verwundert nicht: Frauen solidarisieren sich nicht zwangsläufig über ihre Diskriminierungserfahrung; weiblich zu sein, macht eine noch nicht zur Feministin.

Die Coronakrise hat die Ungleichheit der Geschlechter akzentuiert. Eine Studie des Eidgenössischen Gleichstellungsbüros zeigt, dass die Frauen die Hauptleidtragenden des Lockdowns waren – insbesondere jene, die mit minderjährigen Kindern leben. Sie waren aufgrund der zusätzlichen Betreuungspflichten deutlich stärker belastet als die Männer. Überhaupt hat Corona die Frage, wie diese Gesellschaft Betreuungsarbeit organisieren und entlöhnen soll, noch einmal mehr in den Fokus gerückt: Nicht nur zu Hause, auch in den Spitälern leisteten in der Krise mehrheitlich Frauen die (schlecht bezahlte) Care-Arbeit. Auch Gewalt gegen Frauen hat in der Krise zugenommen; davon berichten Frauenhäuser und Notrufzentralen.

Die Frauen, die zum erneuten Streik aufrufen, sind wütend, weil sich viel zu wenig getan hat. Nicht, dass der Streik 2019 nichts bewirkt hätte: Der Widerstand hat sich seither in den Städten und Dörfern festgesetzt. Aus dem Streik gingen Kollektive wie Care Work Unite oder das Gastra-Kollektiv hervor, die den Kampf in die Arbeitswelt und die Politik tragen. Vernetzungsräume sind entstanden, wie das Feministische Streikhaus in Zürich, wo selbstorganisierte feministische, queere und antirassistische Gruppen einen Raum finden. Die Bewegung ist vielfältiger geworden und deutlicher in ihrer Antwort auf die Frage, wessen Anliegen in der feministischen Bewegung Platz haben: alle. Der intersektionale Feminismus hat verstanden, dass man seine Rechte nicht einfordern kann, ohne die eigenen Privilegien zu reflektieren.

Als Schlagwort war «Solidarität» zu Beginn der Coronakrise in aller Munde. Doch davon ist wenig übrig geblieben: Das bürgerlich dominierte Parlament hat seine verstaubten Austeritätsrezepte wieder hervorgeholt. Zeit, dass sich die feministische Bewegung wieder lautstark zeigt.

Veranstaltungshinweise zum Frauenstreik finden Sie in der Politour-Rubrik.

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