Nr. 24/2021 vom 17.06.2021

Durch den Tunnel in die Steppe

Bettina Dyttrich schwärmt trotzdem vom Wallis

Von Bettina Dyttrich

Es gibt Kantone, die haben ein Ferienimage: Graubünden, Tessin. Und es gibt Kantone, über die man herzieht: Aargau, Thurgau, Wallis. Bei den beiden «Gauen» liegt das offenbar daran, dass sie einmal Untertanengebiete waren. Beim Wallis ist der Fall komplizierter. Es ist ja auch ein Ferienkanton, aber seine BewohnerInnen benehmen sich immer wieder zu erratisch für Ferien: Sepp Blatter, Christian Constantin, anonyme Wolfshasser(Innen?), die anders Gesinnten Schrotpatronen in den Briefkasten legen. Mit den vielen Pestiziden aus dem Rebbau könnte man auch ein paar Verbrechen begehen – schon gut, ich weiss, vor zwanzig Jahren sah es noch viel schlimmer aus.

Aber das wird keine Hasskolumne. Im Gegenteil. Ich bekomme nicht genug von diesem Kanton. Nur schon die Anreise fasziniert mich jedes Mal: Man fährt in einer feuchtgrünen Voralpenlandschaft in den Tunnel und kommt in der armenischen Steppe wieder heraus. An Südhängen, die nach Hitze, Staub und Sadebaum riechen. Die Schriftstellerin S. Corinna Bille hat diese Landschaft, die etwas Hartes, Bipolares hat, in der man gleichzeitig schwitzt und friert, und die Leute mit ihrem Hang zum Saufen immer wieder beschrieben. Seit ihren langen Wanderungen hat man im Wallis viel kaputtgemacht, aber es ist eben immer noch viel da. Und jene WalliserInnen, die sich Machtfilz und Machotum verweigern, gehören zu den wachsten, eigenständigsten und lustigsten Leuten, die ich kenne.

Für die Naturwissenschaften ist das obere Rhonetal mit seinen extremen Höhenunterschieden, Niederschlags- und Temperaturkontrasten ein sehr dankbares Gebiet. Ein spannendes, schön gestaltetes Buch bringt Wandernden jetzt verschiedene Forschungsprojekte der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) im Oberwallis näher. Es geht um den Pfynwald, Trockenheit und Bewässerung, Murgänge und Lawinen, Biodiversität und natürlich den Aletschgletscher (zeigen Sie ihn Ihren Enkel- und Göttikindern, bevor es zu spät ist!).

Ich wähle die Wanderung oberhalb von Leuk, wo im Hitzesommer 2003 der Wald gebrannt hat. Das sah anfangs brutal aus, aber in den Jahren danach wucherten auf dem verbrannten Boden ganze Teppiche aus Blüten. Für die Forschung ein Glücksfall: Die WSL untersucht hier, welche Arten zurückkehren, welche neu vorkommen. Baumskelette stehen und liegen herum, manche mit verkohlter Rinde, andere nur noch bleiches Holz. Dazwischen wächst ein heller Wald aus jungen Birken und Espen. Den ganzen Tag treffe ich Pflanzen und Tiere, die im Buch vorgestellt werden: Federgras, Perückenstrauch, die Schnarrschrecke, die beim Aufspringen leuchtend rote Flügel ausbreitet, das kuriose Insekt mit dem schönen Namen Schmetterlingshaft und den Dingel, eine auch ziemlich seltsame parasitische Orchidee. Dieser Kanton ist eine dauernde Überforderung für meine Wahrnehmung. Aber hier bin ich gerne überfordert.

Bettina Dyttrich ist WOZ-Redaktorin. Das Buch «Wandern, wo andere forschen» von Christine Huovinen und Thomas Wohlgemuth ist im Haupt-Verlag erschienen.

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