Nr. 26/2021 vom 01.07.2021

Mord und Totschlag in L.

Michelle Steinbeck ist aus der Übung

Von Michelle Steinbeck

Hurra, wer ist da? Die Normalität! Bedeutet für AutorInnen: zurück in die Öffentlichkeit. Den verstaubten Koffer aus dem Keller holen und bereits beim Packen merken, wie du aus der Übung bist. Darauf folgt die Reise in vollen Zügen durch die Schweiz: Prügeleien von überforderten VelotürlerInnen, angeheiterten Wandergruppen und pubertierenden Schulklassen. Noch etwas, was du im Homeoffice vergessen hast: Lärmkillerkopfhörer. Du weichst den fliegenden Speichen, Wanderstöcken und stinkenden Teenieturnschuhen aus, hältst dich entschlossen an deinem besten Freund, dem Fels in der Brandung, deinem Macbook fest: Natürlich hast du einen Berg Arbeit dabei, den du vor dem Ankommen beim echten Berg noch abbauen musst.

Am Terminal zum Bus nach Leukerbad ist schliesslich endgültig Sense mit der alten Normalität. Hier hebt das nervöse Summen an, das den Grundton eines jeden Festivals angibt: Jetzt wird wieder genetworkt, gesmalltalkt, gecheckt und gerüchtelt – in Real Time. Akrobaten, Direktorinnen und Tigerbändigerinnen des Literaturzirkus drängen sich aneinander im Postauto, das sich am Abgrund entlang in schwindelerregende Höhen schraubt. Die nächsten Tage werden sie im kleinen Dorf, eingeklemmt zwischen schwarzen Felswänden, das durch James Baldwin weltweite Berühmtheit erlangte, verbringen.

Nun schlendert eine auserwählte AutorInnenschaft mit Magenproblemen vom obligaten Raclette durch die Gassen und versucht, sich die Anspannung nicht anmerken zu lassen. «Scheisse, war das nicht der wichtige Kulturjournalist? Ich habe ihn nicht rechtzeitig erkannt und gegrüsst; nun wird er bestimmt mein nächstes Buch verreissen. – Was ich wieder Blödsinn verzapft habe auf der Bühne; eigentlich müsste ich mich jetzt schämen, aber das Essen fängt gleich an. – Warum hat niemand gelacht bei meiner Geschichte, liegt es wirklich nur am Patriarchat?» Veranstaltende suchen ihr neues Programm, wohnungslose AutorInnen eine Residency für nach dem Sommer.

Vor den Chalets sitzen derweil die männlichen Einheimischen und beweisen ihre Hochkultur – den Walliser Humor auf Kosten gestresster Städterinnen, die vor dem Auftritt schnell noch ihren Text ausdrucken müssen: «Du hast da etwas verloren.» – «Oh, danke, was, wo?» – «Deine Geschwindigkeit. H-h-h.» Oder auch der altbewährte Klassiker: «Lächeln kostet nichts.»

Die heimische Jugend hingegen ist in Topform. Im Schulhausroman, der auf dem Dorfplatz verlesen wird, heisst es: «In den letzten hundert Jahren ist hier nichts passiert.» Also killen sie fiktiv den Schulhausabwart, der die fünf Freunde nie hat Fussball spielen lassen, weshalb sie sich vornehmlich mit Muskeltraining, Kettenrauchen, Vapen, Snusen, Wodka und Drogen beschäftigen müssen.

Leider keine Fiktion ist der Femizid, der vor zwei Wochen in Leukerbad verübt wurde. Wohl liegt es am Gespräch über dieses traurige Ereignis und den Fakt, dass hierzulande alle vierzehn Tage eine Frau ermordet wird, dass sich danach nur weibliche Stimmen aus dem Publikum melden. «Ich bin nun siebzig», meint eine Zuschauerin, «und ich werde die Gleichstellung der Geschlechter nicht mehr erleben. Was ich zum Geburtstag gekriegt habe, ist die Erhöhung des Rentenalters, unter der Flagge der Gleichstellung. Deshalb machen Sie, kämpfen Sie weiter.»

Michelle Steinbeck ist Autorin ausser Atem. Nach diesem Festival gönnt sie sich einen kurzen Lockdown.

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