Nr. 26/2021 vom 01.07.2021

Das kommende Ende der Silly Mass

Von Dinu GautierMail an Autor:in

Sie, Michael Schmid, sind Fraktionspräsident der Stadtzürcher FDP und als solcher nicht zu beneiden. Einerseits müssen Sie mit viel Politmarketing so tun, als sei Ihre Partei eine urbane und innovative Kraft, die in eine CO2-neutrale Zukunft strebt, während Sie andererseits realiter stramm im letzten Jahrhundert patrouillieren und bei jedem Parkplatz, der aufgehoben werden soll, ein Rückzugsgefecht anzetteln. Und wenn es dann der Jugend der Stadt im Jahre 2021 einmal reicht und sie sich zu Tausenden auf ihren Velos als Critical Mass jenen Raum nimmt, den ihr eine Stadt der Gegenwart auch im Alltag gewähren würde, ist es freilich vorbei mit «Mehr Freiheit, weniger Staat»: Der NZZ diktierten Sie, dass die Critical Mass eine Bewilligung beantragen müsse. Geschehe dies nicht, so müsse die Polizei die Teilnehmer kontrollieren, verzeigen und wegweisen.

Great minds, Herr Schmid, think alike. So erlauben Sie sicher, dass wir Ihre Idee etwas weiterentwickeln: Jeden Morgen versammeln sich Tausende MotorindividualistInnen in ihren rollenden Einfamilienhäusern zu langen Protestkolonnen gegen die Zukunft. Das Phänomen – nennen wir es Silly Mass – sorgt regelmässig für einen «Verkehrskollaps» (NZZ). Die von Ihnen vorgeschlagene Bewilligungspflicht hätte hier schnell abschreckende Wirkung.

Ernsthaftere Ideen zur Verkehrspolitik der Zukunft werden nun im Zürcher Gemeinderat debattiert: Der Verkehrsrichtplan soll der Verkehrspolitik der nächsten zwanzig Jahre einen Rahmen geben. Sogenannte Parkplätze werden nicht mehr sakrosankt sein, auch das an der Urne hochkant angenommene Veloschnellroutennetz wird darin verankert. Und glaubt man rot-grünen VerkehrspolitikerInnen, so bewegt sich inzwischen sogar die Verwaltung: Ein Kipppunkt könnte erreicht sein, wie ihn Amsterdam in den Siebzigern erlebt hat – oder Bern in den Neunzigern.

Gegen den Richtplan werden Sie, Herr Schmid, das Referendum ergreifen, viel Geld in den Abstimmungskampf stecken – und doch verlieren. Dabei wüssten Sie als urbaner Freisinniger es doch besser: Fortschritt kann man nicht aufhalten!

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