Nr. 35/2021 vom 02.09.2021

Sehnsucht nach dem Kontrollverlust

Auf ihrem neuen Album «Your Humming» hat die Band Kush K die Kunst weiter verfeinert, gleichzeitig fokussiert und völlig verpeilt zu klingen. Dafür probt sie noch weniger als früher.

Von David Hunziker

Das Spiel von Kush K «baut stark auf Vertrauen und Intimität auf», erzählen Sängerin Catia Lanfranchi (oben links) und Schlagzeuger Paul Amereller (oben rechts). Foto: Noémi Ottilia Szabo

Ein erstes Mal, festgehalten für die Ewigkeit – so locker dahingesungen klingt dieser verwaschene Refrain; man würde es nicht ahnen, wenn man es nicht wüsste: dass es diese Gesangsmelodie vor diesem einen Moment nicht gegeben hat. Einen Songtext und eine Skizze für die ersten paar Takte brachte Sängerin und Songwriterin Catia Lanfranchi ihrer Band Kush K mit ins Studio; nur einen Take brauchte es dann, bis «Magpie» auf der Stelle Form annahm. Nun erscheint der verstrahlte Folksong auf «Your Humming», dem zweiten Album der Band.

Die feinen Dissonanzen im mehrstimmigen Gesang, die kleinen Abweichungen in den wiederholten Zeilen, man hört sie hier nicht als Fehler, sondern als kleine Kontrollverluste, die das Spiel der Band gar umso sicherer und leichter wirken lassen. Die Musik von Kush K strahlt eine Geschmeidigkeit aus, die jegliche Vorarbeit und Ahnung eines Absturzes unsichtbar macht. Man kann auch sagen: Sie ist ungemein elegant.

Viel reden

Catia Lanfranchi und der Schlagzeuger Paul Amereller sitzen in einer Zürcher Gartenbeiz, auf dem Tisch Espressi und Gläser mit Verveinetee. Die beiden reden über das, was ihnen beim Musikmachen so wichtig ist, sich aber nur schwer beschreiben lässt, ohne diffus zu klingen. «Unser Spiel baut stark auf Vertrauen und Intimität auf – nur wenn wir uns gegenseitig spüren, können wir wirken», sagt Lanfranchi. Ob die Band, die aus fünf studierten MusikerInnen besteht, sich in einem der magischen Momente wiederfindet, auf die sie zielt, oder eine gute Welle erwischt, hat vor allem mit emotionaler Verbundenheit zu tun, wie Amereller erklärt: «Wir haben gemerkt, dass wir vor einem Konzert drei, vier Stunden Zeit miteinander verbringen müssen, damit wir uns finden. Als Erstes sitzen wir einfach zusammen und reden darüber, wie es allen geht.»

Vielleicht hat es auch mit diesem starken Fokus auf ihren inneren Zusammenhalt zu tun, dass Kush K scheinbar mühelos auf wechselnde Bedingungen reagieren. Die beiden erzählen begeistert von einem Festival südlich von Genf, wo sie kürzlich spielten, von der Freude der wenigen ZuschauerInnen, die vor Regen und Sturm dicht an die Bühnenkante flohen, und vom ruppigen Gefühl beim Spielen, nachdem ein Stromausfall einen Grossteil der Bühnentechnik ausgeschaltet hatte. Vielleicht ist es diese Qualität, die sie auch die bisherige Pandemiezeit, die für viele MusikerInnen einen kreativen Tiefpunkt bedeutete, ganz gut überstehen liess. Lanfranchi spricht sanft und gelassen: «Wir haben gar nicht so viel geprobt in dieser Zeit, vor allem viel geredet und unsere Beziehungen intensiviert.»

Dabei hätte es durchaus Grund zum Hadern gegeben. Ihr erstes Album «Lotophagi» erschien letztes Jahr im April, keine günstige Zeit für eine Band, deren Songs sich in jedem Setting, in dem sie gespielt werden, ein bisschen verwandeln. Trotzdem fand «Lotophagi» ein begeistertes Publikum, wurde von Indiesuisse, dem Verband der unabhängigen Labels, als Album des Jahres ausgezeichnet, Stücke davon liefen auf Radio SRF 3. «Plötzlich landeten wir aus unserer Nische in dieser Popecke und wurden in Interviews erstaunt gefragt, wieso wir ein Album veröffentlichen, mit dem wir keine Tour promoten können», erzählt Lanfranchi. «Aber in solchen Businessmodellen sehe ich uns schon nicht so.»

Rutschen und fliessen

Bei «Your Humming» nun haben Kush K sich in eine andere Richtung orientiert, das Album erst kurz vorab angekündigt und kaum beworben. Ein paar Konzerte spielen sie noch zusammen in den nächsten Wochen, dann wenden sich die fünf MusikerInnen erst mal wieder anderen Projekten zu. Für das Album haben sie ihren Ansatz noch einmal intensiviert: ohne die Songs vorher zu proben, direkt ins Studio, um vieles beim Improvisieren entstehen zu lassen. Und sie liessen die Instrumente auch mal stundenlang liegen, wenn jemand nicht in der richtigen Stimmung war. Auch diesem Album hört man die Situation an, in der es entstanden ist: eine Sehnsucht nach dem unkontrollierbaren Ereignis und nach dem rohen Ausdruck, den überladene Produktionen oft zu ersticken drohen.

Der Wirkung ihrer psychedelischen Popsongs ist das nur dienlich. Es ist faszinierend, wie diese Band es schafft, gleichzeitig fokussiert und völlig verpeilt zu klingen. Einerseits orientieren sich Kush K an vertrauten Harmonien und Formen, drastische Wendungen oder überbordende Alleingänge sucht man in ihren Songs vergeblich. Doch wenn man genau hinhört, wie in dieser Musik doch immer alles rutscht und fliesst, ist plötzlich die Hölle los.

«Soften» zum Beispiel beginnt in folkiger Schlichtheit, über einem perkussiven Groove zeichnen Gitarre und Bass klare rhythmische Figuren, und Lanfranchis Stimme klingt hier vergleichsweise zart. Die Band macht nun gar nicht viel, aber die Wirkung dreht komplett: Eine schlingernde Viola, ein singendes Mellotron erklingen, und eine Ahnung von orchestraler Wucht fliesst durch den sich ausdehnenden Raum. «Nothing to Prove» ist, wie viele Songs von Kush K, so langsam gespielt, dass es fast nicht mehr angenehm ist. Aber Orientierung ist hier sowieso schwierig, von Beginn an wabert ein voluminöser Bass bedrohlich auf und ab, die Gitarren hallen und gleiten. Die kleine Fanfare aus dem Synthesizer klingt, als wolle sie den Refrain stützen, doch die schlingernden Gesangsstimmen halten den Rausch auf Kurs: Wenn man irgendwo hinhört, scheinen die Konturen zu schmelzen.

Fein ist öde

Vieles davon spielt sich nur schon innerhalb der dunkel schimmernden Stimme von Catia Lanfranchi ab. Sie kann nach Wendungen und Worten suchen und gleichzeitig den Ton angeben, mit ihrem intensiven Timbre den Raum einnehmen und gleichzeitig geisterhaft entrückt klingen. Es hat eine Weile gedauert, bis diese Stimme den musikalischen Raum gefunden hat, den sie bei Kush K nun geniesst. Lanfranchi wuchs in Bremgarten im Aargau auf, da gab es nur das «Kuzeb», wo sie Punkkonzerte besuchte, und den Ex Libris, wo sie alles aufsog, was ein bisschen rauer klang: Nena, Joan Jett. Auch die Jazzschule war für sie nicht immer ein Ort der Freiheit. «Während des Studiums wurde ich zwei Jahre darauf getrimmt, eine feine, schöne Sängerin zu sein, doch das hat mich angeödet. Da reichte es, mal schräg zu singen oder zu schreien, um ein Punk zu sein.»

Wenn Lanfranchi und Paul Amereller von ihren Sessions erzählen, klingt das wie das Gegenteil davon, irgendetwas auf irgendetwas zu trimmen. «Ich habe in anderen Bands schon auch gute Erfahrung damit gemacht, Stücke durch unzählige Repetitionen zu verinnerlichen», sagt Amereller. «Doch das mit dem Proben habe ich gesehen – je älter ich werde, desto mehr versuche ich, das hinter mir zu lassen.»

Live: Zürich: M4Music Club Shows, 11.9.2021; Bern: ISC Club, 15.9.2021; Luzern: Neubad, 16.9.2021

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