Linke Medien in der Schweiz 2021 : Totgeglaubte und Neugeborene

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1. Die Gesellschaftslinken

Das Strassenmagazin «Surprise» mit Redaktionssitz in Basel kümmert sich um Fragen der sozialen Gerechtigkeit, sozialstaatliche Themen und die Positionen von Menschen, die von Armut betroffen oder anderweitig marginalisiert sind. Menschen mit unterschiedlichem Aufenthaltsstatus tun in der «Papierlosen Zeitung», die der Autonomen Schule Zürich angegliedert ist, ihre Erfahrungen, Meinungen und Anliegen kund. Das Zürcher Onlinemagazin «Das Lamm» hat sich Fragen rund um «Nachhaltigkeit» verschrieben, wobei es diese primär als Kapitalismuskritik im In- und Ausland versteht, während die ebenfalls in Zürich ansässige «Fabrikzeitung» zehnmal jährlich diverse Texte rund um einen Schwerpunkt innerhalb des linken Diskurses veröffentlicht. Das Ostschweizer Kulturmagazin «Saiten» gehört in der schnelllebigen Medienlandschaft fast schon zur Kategorie Überlebende, berichtet es doch bereits seit 1994 über Musik, Theater oder Film, aber auch über Sex, Politik und Feminismus; das Herzstück der Publikation bleibt der kulturelle Veranstaltungskalender. Das alternative Winterthurer Lokalradio «Stadtfilter» wiederum sendet nicht nur Musik, sondern auch unkonventionelle Unterhaltungssendungen, Politdiskussionen und Infos zu linken Mobilisierungen.

 2. Die Klandestinen

Sie berichten über Themen direkt aus dem Herzen der Bewegung, unternehmen langwierige, oftmals gefährliche Recherchen in der rechtsextremen Szene, die bei anderen unter den Tisch fallen, verfolgen Demos und rechtlich als illegal einzustufende Aktionen, während sie sich teilweise wenig um journalistische Standards wie Transparenz oder publizistische Klarnamen kümmern: klandestine Medien wie das Onlinemagazin «Ajour» aus Zürich, das «Megafon» der Reitschule Bern oder das neu gegründete Zürcher Radio Megahex wie auch das gedruckte Magazin «Voce Libertaria» aus der anarchistischen Bewegung in Bellinzona.

 3. Die Partei- oder Gewerkschaftsnahen

Die Zürcher Zeitung «P.S.» sucht seit Jahren die Abgrenzung zur SP, während der ebenfalls in Zürich ansässige «Vorwärts»  – ursprünglich das Organ der Sozialdemokratie, danach der Kommunistischen Partei und schliesslich der Partei der Arbeit – sich etwas erfolgreicher von der institutionellen Politik abgrenzen konnte und seither primär der radikalen Linken des Landes als Sprachrohr dient. Auch die «Rote Anneliese» aus dem Oberwallis hat eine SP-Vergangenheit, während die welsche «Gauchebdo» dem Parti suisse du travail nahesteht. Die ebenfalls welsche Zeitung «Pages de Gauche» versteht sich als Medium in sozialdemokratischer Tradition, betont aber trotz zahlreicher SP-naher RedaktorInnen ihre parteiliche Unabhängigkeit. Auf der Gewerkschaftsseite findet sich etwa «Di schwarzi Chatz», die Zeitung der freien ArbeiterInnenunion Bern, oder die Zeitung «Work» der Unia. Auch andere Gewerkschaften haben ihre wenn auch kleineren Medien wie etwa das «VPOD-Magazin», das «Syndicom Magazin» oder die «SEV-Zeitung».

4. Die Überlebenden

Die «Schaffhauser AZ», die letzte ArbeiterInnenzeitung der Schweiz, die WOZ, der halbjährlich erscheinende «Widerspruch», der welsche «Le Courrier», auch  bekannt als die einzige linke Tageszeitung der Schweiz, sowie «Neue Wege», die «Zeitschrift des religiösen Sozialismus»: Sie alle konnten sich trotz eines sich wandelnden Medienmarkts, einbrechender Werbe- einnahmen und entgegen der politischen Konjunktur im Land seit mehreren Jahrzehnten behaupten, auch wenn sich bei manchen die Ausrichtung etwas gewandelt hat. Das in Zürich vertriebene «A-Bulletin» erscheint seit 1978 und nimmt die Anzeigen, die den Grossteil der Publikation ausmachen und immer wieder abseitige Funde ermöglichen, auch nach über vierzig Jahren immer noch nur per Post an. Linke Radios scheinen derweil etwas schwerer totzukriegen zu sein als Zeitungen oder Magazine: Seit den späten achtziger und frühen neunziger Jahren und immer noch am Leben sind das Zürcher Radio Lora, das Berner Radio Rabe, Radio X aus Basel, das Schaffhauser Radio Rasa oder das Aarauer Radio Kanal K.

5. Die Uneindeutigen

Das Zürcher «Stadtmagazin» «Tsüri.ch» gehört wohl genauso zu den uneindeutig Linken wie das etwas finanzstärkere Basler Portal «Bajour». Linke Themen, oftmals rund um Aktivismus oder Identitätspolitik, finden sich in beiden Onlinemagazinen wieder, eine klassenkämpferische oder kapitalismuskritische Ausrichtung fehlt jedoch. Im Fall von «Tsüri.ch» erschwert der Sponsored Content die Einordnung zusätzlich. Die ebenfalls in Zürich ansässige «Republik» ist zwar gänzlich werbefrei und grenzt sich von Populismus und Konservatismus ab, verortet sich hingegen absichtlich nicht politisch und preist in erster Linie die aufgeklärte Demokratie und den unabhängigen Medienmarkt. Ebenfalls in diese Kategorie fällt überraschenderweise ein Medium aus dem Hause Ringier: So ist der «SonntagsBlick» gemäss «Weltwoche» als «linksradikal» einzustufen.