Nr. 34/2021 vom 26.08.2021

Mehr Schutz und ein direkter Draht

Als erster Deutschschweizer Kanton will Basel-Stadt die Definition von Geschlecht ausweiten. Ebenfalls in Basel startet ein Beratungsprojekt für trans und nonbinäre Menschen.

Von Adrian RiklinMail an Autor:in (Text) und Florian Bachmann (Foto)

Die Diskriminierung, die trans Menschen erleben, wirkt sich zum Teil massiv auf deren Psyche aus: Transgender-Pride-Fahne.

Ist von Gleichstellung die Rede, wird die Diskussion vielerorts noch immer auf die Begriffe «Frau» und «Mann» beschränkt. Dass viele Menschen sich weder dem einen noch dem anderen zuordnen, wird ebenso vergessen wie die Tatsache, dass sich manch eine Person keineswegs mit dem Geschlecht identifiziert, das ihr bei der Geburt zugeordnet wurde.

So niederschwellig wie möglich

Hierzulande hinkt dabei vor allem die Deutschschweiz den Entwicklungen hinterher. Basel-Stadt ist der erste Deutschschweizer Kanton, dessen Regierung dem Parlament nun einen Entwurf für ein neues Gleichstellungsgesetz vorlegt, das auch Forderungen von trans und nonbinären Menschen Rechnung tragen will. Sollte die Vorlage durchkommen, würde die Definition von Geschlecht im Gesetz ab 2022 ausgeweitet. Die Binarität Mann/Frau soll aufgelöst werden – berücksichtigt würden zudem die individuelle Geschlechtsidentität (das Geschlecht, dem sich eine Person zugehörig fühlt) und der Geschlechtsausdruck (wie sich eine Person zum Beispiel kleidet und welche Anrede sie für sich wählt).

Von Bedeutung wäre das auch rechtlich. Zeigen lässt sich das an einem Fall aus Basel aus dem Jahr 2019, als eine trans Frau sich wehrte, nachdem sie im E-Mail-System ihres Arbeitgebers als Mann aufgeführt worden war – obwohl vereinbart war, dass sie bei der Arbeit als Frau auftreten würde. Daraufhin wurde ihr gekündigt. Zwar bekam sie von der Schlichtungsstelle recht, und das Unternehmen musste ihr eine Entschädigung zahlen. Mit dem im neuen Gesetz enthaltenen Diskriminierungsparagrafen jedoch wäre es womöglich gar nicht erst zur Kündigung gekommen.

Auch in der psychologischen Beratung von trans und nonbinären Menschen möchte Basel-Stadt vorangehen. So soll in der Verwaltung ein Fachbereich für LGBTIQ-Personen geschaffen und dabei eng mit zivilgesellschaftlichen Organisationen in diesem Bereich zusammengearbeitet werden. Just dieser Tage hat zudem die Aidshilfe beider Basel (AHbB) eine Beratungsstelle eröffnet, die sich speziell an trans und nonbinäre Personen richtet – ein Pilotprojekt, das mit Spendengeldern und Beiträgen des Stadtkantons finanziert werden soll. Für trans Menschen war die Gesundheitsversorgung in der Region Basel bislang auf medizinische Zentren beschränkt. Was fehlte, war ein leicht zugängliches und umfassendes Angebot, das sich an alle trans Menschen richtet – unabhängig davon, ob eine medizinische Transition angestrebt wird. Auch nonbinäre Menschen, die sich weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht zugehörig fühlen oder sich ausserhalb dieser Zweigeschlechterordnung bewegen, mussten für eine Beratung bis vor kurzem noch nach Zürich fahren. Was dazu führt, dass die dortige Beratungsstelle permanent überlastet ist.

Erfahrung aus erster Hand

Als Grund dafür, dass die neue Beratungsstelle in Basel der Aidshilfe angegliedert ist, nennt Magdalena Urrejola Balçak, die Leiterin der AHbB, den «guten Draht zur Community» – seit längerem schon arbeiten bei der AHbB Personen aus der trans Gemeinschaft und sind auch im Vorstand vertreten. Wie bei fast allen Angeboten der Aidshilfe orientiert man sich auch hier am Peer-Ansatz: Erste Ansprechperson und zuständig für den Aufbau der Stelle ist mit Marc Inderbinen ein Psychologe, der sich selbst als trans identifiziert und so einen entsprechend sensibilisierten Blick mitbringt – insbesondere auch für Fragen rund um Diskriminierung. Allein der Wortlaut des bisherigen Gleichstellungsgesetzes sei an sich schon diskriminierend, sagt Inderbinen. Umso mehr hofft er, dass das neue Gesetz angenommen wird. Die psychischen Folgen der Diskriminierung, die trans Menschen erlebten, könnten massiv sein, sagt Inderbinen: «Die Suizidrate sowie allgemein der Anteil an psychischen Problemen in dieser Gruppe ist überdurchschnittlich hoch.» Umso wichtiger sei die Niederschwelligkeit des Angebots: «Hauptziel unseres Projekts ist es, die psychische Gesundheit von trans Menschen zu verbessern.»

Trans und nonbinäre Menschen können sich bei der AHbB kostenlos per Mail oder persönlich beraten lassen – auf Wunsch auch anonym. Weitere Informationen auf www.ahbb.ch.

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