Nr. 34/2021 vom 26.08.2021

128 Elektroden im Gehirn

Von Franziska MeisterMail an Autor:in

Droht künstliche Intelligenz (KI) diejenige des Menschen zu überholen, und was bedeutet das? So lautet die implizite Leitfrage in Jean-Stéphane Brons neuem Dokumentarfilm «The Brain», die er in fünf Kapiteln mit fünf ProtagonistInnen aus der Neuro- und KI-Forschung verfolgt. Leider findet der Regisseur von «Mais im Bundeshuus» in über hundert Minuten weder zu einer überzeugenden Dramaturgie noch zu einer inhaltlichen Tiefe – der Film wirkt weitgehend wie ein Potpourri, ein gesuchtes noch dazu.

Warum müssen wir dem Genfer Neurowissenschaftler Alexandre Pouget wiederholt beim Backen zusehen oder seinen Diskussionen bei Kerzenlicht am Familientisch folgen? Weshalb wird uns der Bewusstseinsforscher Christof Klein – einer der renommiertesten Neuroexperten weltweit, wie die Offstimme betont – vor allem über seine innige Beziehung zu seiner verstorbenen Hündin Ruby nähergebracht?

Keine Frage: Bron hat auch menschlich spannende Big Brains vor die Kamera geholt. Bloss gibt er ihnen kaum eine Chance, ihr Wissen zu vermitteln. Über Niels Birbaumer und seine bahnbrechenden Versuche, mit Menschen mit Locked-in-Syndrom in Kontakt zu treten, liesse sich allein ein Film drehen. So hat er etwa einem bewegungsunfähigen jungen Familienvater 128 Elektroden ins Gehirn pflanzen lassen, über die dieser mittels einer Computer-KI mit ihm kommunizieren kann – was klingt wie bei den Aliens aus Steven Spielbergs «Close Encounters of the Third Kind». Doch Bron befragt Birbaumer, den er gleich zu Beginn als Kommunisten und Kirchenliebhaber bezeichnet, lieber zu den Gefahren eines solch direkten Zugangs zum Gehirn. Und lässt ihn über Privatfirmen herziehen, die mittels Hirnstimulation das Verhalten von Menschen gezielt manipulieren und einen unbescholtenen Bürger quasi per Klick in einen Mörder verwandeln können.

Wenn Pouget zum Schluss von KI als einer «Büchse der Pandora» spricht, wird man den Verdacht nicht los, dass es Bron weniger um die faszinierenden Aspekte der Hirnforschung als um die Verteufelung von KI geht.

Ab 26. August 2021 im Kino.

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