Nr. 35/2021 vom 02.09.2021

Weder Krieg noch Frieden

Der Konflikt zwischen der Ukraine und prorussischen Separatisten ist aus dem Fokus des Westens verschwunden. Doch seit dem Frühling eskaliert die Gewalt an der Frontlinie in der Region Donbass erneut. Eine Reportage aus der Grauzone zwischen Waffenstille und Waffenlärm.

Von Andrea Jeska (Text) und Stanislav Krupar (Fotos)

Manchmal ist der Krieg so leise wie das Sirren der Schwarzkäfer, die von den Seitenwänden des Schützengrabens rücklings zu Boden stürzen. Mit aller Kraft strampeln sie, um mit Schwung wieder auf die Füsse zu kommen und zu fliehen, bevor ein schwerer Soldatenstiefel sie zertritt.

Doch lange währt die Stille nicht. Erst ist es eine Drohne, die wie ein weiteres Insekt über den Graben sirrt. Lauernd und langsam, als könne sie durch die Maschen des mit Blättern bestückten Tarnnetzes sehen. Dann das Rattern von Artilleriebeschuss. Schliesslich ein Knall. Eine Mörsergranate, deren Ton alle anderen Töne in sich einsaugt. Und dann: dröhnende Lautlosigkeit.

«Na endlich», witzelt Ruslan Sulimenko. «Ich dachte schon, die seien nach Hause gegangen.» Dann macht er eine auffordernde Kopfbewegung in Richtung eines seiner Soldaten. «Geh mal nachsehen.» Der Soldat kriecht in die Maschinengewehrstellung, eine wabenförmige Erhöhung aus Sandsäcken und Brettern, und schaut durch das Zielfernrohr. «Ich seh nichts.»

Umstrittene Territorien (Grosse Ansicht der Karte) Quelle: Taz, Karte: WOZ

Ruslan Sulimenko, 45 Jahre alt, ist Major der 72. Brigade der ukrainischen Armee. Ein mit Orden ausgezeichneter Soldat, ein alter Hase des Krieges zwischen der Ukraine und den prorussischen Separatisten. Das Zeichen seiner Einheit: ein schwarzer Totenkopf, wie ein Relief sitzt er auf dem Ärmel der Uniformjacke. «Aber mit Nazis hat das nichts zu tun», sagt Sulimenko in vorauseilender Sorge, man könne es missverstehen. Falsche Geschichten und verdrehte Narrative sind Teil dieses Krieges, der wie jeder Propaganda braucht, um Feindbilder zu schaffen und das eigene Tun reinzuwaschen. Und Embleme, Zeichen und Rhetorik aus der Mottenkiste des Faschismus gab und gibt es in der Ostukraine zuhauf.

Die Rückkehr der Mörsergranaten

Was ist das für ein Beschuss, kurz vor der Mittagsstunde, so plötzlich aus grünen Büschen? Wer feuert eine Mörsergranate mitten auf ein Feld, dass Rasenziegel nach allen Seiten fliegen und Kaninchen aus ihren Bauten fliehen? Und warum? «Reine Provokation», sagt Sulimenko – als sei es ganz natürlich, sich mit einer Mörsergranate bemerkbar zu machen. Die «andere Seite», wie er die Stellungen der Separatisten nennt, habe aufgerüstet. «Es sind neue Waffen im Spiel. Hochmoderne Aufklärungsdrohnen.» Artilleriefeuer, das sei die ganzen Jahre hindurch der Klang dieses Krieges gewesen, «das hört man schon gar nicht mehr». Neu sei, dass wieder Mörsergranaten eingesetzt würden. Die allerdings träfen nicht mehr wie in der Hochzeit des Krieges die Dörfer, sondern seien meist auf freies Land gerichtet.

Mindestens fünfzig Tote, darunter ZivilistInnen (die Opfer auf der Seite der Separatisten aus Mangel an Informationen nicht mitgezählt): Das war die Bilanz Ende Mai, seit die Gewalt zwischen der Ukraine und den selbsternannten Volksrepubliken Donezk und Luhansk im Frühjahr neu eskalierte. Eine unspektakuläre Zahl in der weltweiten Tagesbilanz der Kriegstoten – doch sie zeigt, dass dieser Konflikt, der im internationalen Sprachgebrauch als «eingefroren» bezeichnet wird, längst aufgetaut ist. Seit 2014 ist der Osten der Ukraine, die Region Donbass, durchzogen von einer 460 Kilometer langen Frontlinie – der Begriff Kontaktlinie, den die westliche Politik dafür bevorzugt, klingt ein wenig nach Partnerschaftsvermittlung.

«Ajin tachat ajin», Auge für Auge, Wunde für Wunde: Der Rechtssatz aus der Thora besagt, es müsse eine angemessene Entschädigung für begangenes Unrecht geleistet werden. So wollte man die Blutrache zugunsten einer Verhältnismässigkeit abschaffen. Die Auslegung des Satzes als Aufforderung zur Vergeltung kam erst mit dem Christentum. Frage an Sulimenko: Was passiert, wenn die eine Seite schiesst? Schiesst die andere dann zurück? Artilleriefeuer um Artilleriefeuer, Granate um Granate, Provokation um Provokation? Antwort: Die Angreifer seien die anderen. Auf seiner Seite, so Sulimenko, verteidige man sich. Aber sagen das nicht auch die anderen? Doch was soll ein Soldat wie Sulimenko darauf antworten … Das Wesen und die Wege des Krieges zu erklären, die Vernetzungen aus Ursache und Wirkung, Wahrheit und Wahrnehmung, ist nicht seine Aufgabe.

Schwarz ist die Erde in der Ostukraine, grün und gelb wächst es auf den Feldern. Weiss ist der Dampf, der aus den Schornsteinen der Koksfabriken steigt. Die Landschaft und ihre Verschandelung durch die Fabriken der Kohleindustrie ist auf beiden Seiten der Frontlinie gleich – und gleich sind auch die Menschen, die dort leben. Zumindest dachten sie das lange. Vor dem Krieg wohnten sie Tür an Tür, standen nebeneinander an den Koksöfen, fuhren gemeinsam hinab in die Minen, sassen Schreibtisch an Schreibtisch in den Büros, säten und ernteten Acker an Acker. Welcher Gedanke stand am Anfang dieses Krieges, welches Wort machte sie zu Feinden – und welche Erlösung soll es geben, wenn die Toten gezählt sind?

Ab 2017, nach den ersten blutigen Jahren, war dieser Konflikt zumeist ein Stellungskrieg mit sehr häufigen Verletzungen des Waffenstillstands, aber vergleichsweise wenigen Toten. Wenn es Tote unter den ZivilistInnen gab, dann weil ein Bauer, der seine Felder nicht unbestellt lassen konnte, nur weil er an der Front wohnte, von einem Scharfschützen getroffen wurde. Oder wenn sonst jemand einfach zur falschen Zeit am falschen Ort war.

Doch im März 2021 verlegte Russland Truppen und schweres militärisches Gerät, unter anderem Panzer, an diese Linie, angeblich zu Truppenübungen. Wie viele Mann genau, darüber gehen die Zahlen auseinander. Während die Nato und die USA von 80 000 ausgingen, behauptete die ukrainische Regierung, es seien bis zu 110 000 Soldaten. Seither wird auch in Europa wieder debattiert, ob die Ukraine mehr Unterstützung braucht.

Vielen bleibt nur die Flucht

Sulimenko und seine Männer wurden schon zu Beginn der neuen militärischen Krise im April direkt an der Frontlinie stationiert, unweit der Industriestadt Awdijiwka. In dieser verdiente sich Sulimenko Lorbeeren im Stellungskampf gegen die Separatisten. Bereits 2014, 2016 und 2017 wurde die Stadt angegriffen, Wohnhäuser, das Krankenhaus und eine Schule gerieten unter Beschuss. Mörsergranaten trafen auch die Koksfabrik (einst die grösste der Ukraine) am Rand der Stadt, und nur knapp entging das Gebiet einer Umweltkatastrophe. Weil nach Angaben des Flüchtlingskommissariats der Vereinten Nationen allein bei diesen Angriffen 55 ZivilistInnen getötet wurden und Awdijiwka voller Flüchtlinge aus Donezk war, wurde es 2017 zum medialen Sinnbild der Gewalt. Mit den Bildern der zerschossenen Häuser und der ohne Strom und Heizung frierenden Menschen kam der Krieg in die westlichen Wohnzimmer – und immer näher.

Nahe sind auch die Stellungen der SeparatistInnen, dort, wo Sulimenko im Graben hockt. Nur einen guten Kilometer entfernt. Im Rücken der Stellung liegt ein Dorf mit etwa 2000 Menschen. Es ist bereits mehrfach unter Beschuss geraten. Mindestens die Hälfte der BewohnerInnen sind geflohen, haben die Fenster ihrer Häuser mit Brettern verbarrikadiert, das Vieh zurück- und die schwarzerdigen Felder hinter sich gelassen. Jene, die geblieben sind, darunter auch Familien mit Kindern, leben in Resignation und mit der Gefahr, in ihren Gemüsegärten oder auf den Feldern von Scharfschützen erschossen zu werden oder auf eine Mine zu treten. Zuletzt geschah das im Frühsommer dieses Jahres, als ein Mann ein Grab pflegen wollte und dabei von einer Mine zerrissen wurde, von der die DorfbewohnerInnen glauben, sie sei von einer der Drohnen abgeworfen worden.

Selenskis uneingelöste Versprechen

Im April lenkte die russische Regierung ein, kündigte an, Truppen wieder abzuziehen. Doch internationale BeobachterInnen sagen, nur einige Tausend Mann seien gegangen. Auch Sulimenko glaubt nicht an diesen Rückzug: «Ich bin überzeugt, es wird neue Gewalt geben, wie immer man die nennen will. Krieg, halber Krieg.» Das mag sachlicher militärischer Expertise entspringen oder propagandistisch sein. Es liegt im Interesse der Regierung, die Eskalation zu dramatisieren und eine Kriegsgefahr zu beschwören. Präsident Wolodimir Selenski will einen baldigen Nato-Beitritt, das Militärbündnis jedoch lehnt dies bislang unter anderem wegen der hohen Korruption in der Ukraine ab. Innenpolitisch steht Selenski gut zwei Jahre nach seiner Wahl unter Druck. Sein Versprechen, den Konflikt in der Ostukraine zu beenden, hat er nicht halten können. Und das liegt nicht allein an Russland – viele der einstigen Vereinbarungen zur Beendigung des Konflikts hat Selenski mit Rücksicht auf die Nationalisten nicht umgesetzt.

«Das einzige Ziel des Krieges ist der Frieden»: So lautet ein Zitat des chinesischen Militärstrategen Sunzi, der auch Philosoph war und ein bis heute wegweisendes Buch über die Kriegskunst schrieb, mit dem er Mao Zedong oder den preussischen Heeresführer Carl Philipp Gottlieb von Clausewitz gleichermassen beeindruckte. Sunzi setzte auf List und Täuschung, langwierige Schlachten fand er unsinnig. Auch plädierte er dafür, zu fliehen, sollte der Gegner sich als überlegen erweisen. Nun ist Major Sulimenko kein Philosoph, sondern eher ein Mann, der sich dort, wo er steht, einen sicheren Stand zu verschaffen sucht – und tut, was getan werden muss. Von Sunzi hat er nie gehört, und ob man heute noch List anwenden und einen schnellen Feldzug unternehmen kann, bezweifelt er. Doch ob Frieden noch das Ziel dieses Krieges sei und ob das stete Wechselspiel zwischen Waffenruhe und Waffenlärm, dieses Nichts-Halbes-und-nichts-Ganzes, noch einer Strategie folge? Das weiss auch er nicht so recht. Auf die Frage, wohin ein Stellungskrieg wie dieser führen könne, rein militärisch gesehen, schiebt er mit der Stiefelspitze Erde zusammen: «In einem so langen Krieg gehen Gewissheiten verloren.»

Der Schützengraben, in dem Sulimenko seit bald fünf Monaten hockt, ist nur einer in einem Netz aus Gräben, die sich wie die Arme eines Flussdeltas entlang der Frontlinie ziehen. Gräben, die nicht mehr sind als tiefe Furchen mit rieselnder Erde. Am Ende ein Unterstand aus Balken und Brettern, darin ein Schreibtisch, eine elektrische Herdplatte, Jacken, Pullover, Munition – und Fotos von Kindern und lächelnden Ehefrauen. Mehr Privates hat keinen Platz hier. Über sein ziviles Leben möchte Sulimenko nicht sprechen. Derweil schwankt bei jeder Explosion eine nackte Glühbirne hin und her und flackert unheilvoll wie eine Kerze zur Geisterstunde. Weitere Meter in die Tiefe gegraben gibt es einen Schlafraum für drei Soldaten, höhlenartig, lichtlos und stickig. So sehen die Unterstände in Ausstellungen über den Zweiten Weltkrieg aus.

Als der Donbass-Krieg begann, war man in der Ukraine schlecht vorbereitet. Fast die gesamte militärische Ausrüstung stammte noch aus Zeiten, als das Land Teil der Sowjetunion war. Von den 140 000 Soldaten waren nicht einmal fünf Prozent einsatzfähig. Viele sympathisierten mit den Separatisten und wollten lieber eine Annäherung an Russland als an den Westen. In Scharen sollen sie desertiert oder zur anderen Seite übergelaufen sein. Die militärische Führungsebene wiederum war durchsetzt mit Informanten, die jeden Beschluss brav nach Moskau meldeten, die Kommandoebene in der Strategieplanung auf dem Stand des Kalten Krieges stehen geblieben. Auch an Ausrüstung mangelte es, selbst Stiefel, warme Jacken und Gewehre mussten durch Spenden aus der Bevölkerung aufgetrieben werden. Durch die Dörfer und Städte nahe der Frontlinie, so erzählen es die BewohnerInnen, sollen die Soldaten so hungrig gen Osten gezogen sein, dass sie um Lebensmittel baten.

Kein Mangel bestand zunächst an Freiwilligen, wohl auch wegen der hohen Arbeitslosigkeit und der niedrigen Löhne. Je nachdem, wo man stationiert ist – direkt vis-à-vis der Feindesstellungen oder in zweiter und dritter Linie –, lässt sich das Fünffache eines durchschnittlichen ukrainischen Monatslohns verdienen. Also zogen auch Männer für die Ukraine in den Krieg, die eigentlich mit der anderen Seite sympathisieren.

Inzwischen ist die ukrainische Armee modernisiert, auch dank internationaler Lieferungen: Schnellfeuerwaffen, Panzerabwehrsysteme und Flammenwerfer aus den USA und Israel, Maschinengewehre als Geschenk aus Litauen, dazu Milliarden an internationaler finanzieller Hilfe zur Stärkung des Zivilsektors und der medizinischen Versorgung. Russlandtreue Offiziere wurden ausgetauscht, die verbleibenden wurden von Nato-Ausbildern trainiert.

Sulimenko ist kein Nationalist, eher der Typ pflichttreuer Soldat, der froh ist, in sieben Jahren keinen seiner Männer verloren zu haben – selbst im Gefecht um Awdijiwka nicht. Doch auch an ihm zeigt sich, dass dieser Stellungskrieg vor allem eins ist: langsame Zermürbung. Seine Antworten sind häufig von jener resignativen Müdigkeit, der man im Osten der Ukraine überall begegnet: bei den BewohnerInnen der Dörfer und Städte an der Frontlinie, die seit vielen Jahren unter Beschuss stehen, bei den Jugendlichen, die – auch aufgrund der Pandemie – kaum noch Bewegungsfreiheit und wenig Zukunftsaussichten haben, bei den ausgeschiedenen Zeitsoldaten und ehemaligen Freischärlern, die sich durch den anhaltenden Konflikt um ihren Verdienst fürs Vaterland betrogen fühlen. Denn der Krieg endet nicht an der Front, er zieht weite Kreise bis tief ins Land hinein. Dass er kein Ende findet, am Alltag und der Zukunft nagt, lässt das Leben versteinern. Die Folgen machen sich als Drogen- und Alkoholmissbrauch, Depressionen, Armut, häusliche und sexuelle Gewalt, Selbstmorde bemerkbar.

Auf der Suche nach Normalität und einer Nische der Geborgenheit haben sich Sulimenko und einige seiner Männer in einem verlassenen Haus ein privates Quartier eingerichtet. Davor blühen Fliederbäume, liegt eine Katze in der Sonne, im hinteren Garten haben sie Kartoffeln, Bohnen und Kräuter gepflanzt, eine Bank und einen Grill aufgestellt – ganz so, als sei dies ein sommerliches Datscha-Idyll. Gerade haben sie ein Schwein gekauft und geschlachtet, den Speck abgehängt; das Rührei dazu liefern die eigenen Hühner. Doch Grill und Bank stehen im Schutz dichter Büsche, hinter denen der Garten in einen Schützengraben übergeht. Wehe dem, der sich aus der Geborgenheit des Grabens und der Büsche bewegt: Er steht in direkter Schusslinie eines weissen Hauses, auf dessen Dach man mit einem Feldstecher den Lauf von Gewehren sehen kann. Doch hier im Quartier: das Chaos einer Männerwirtschaft, mit Gastmahl für BesucherInnen. «Fast ein Paradies», sagt Sulimenko.

Der letzte Veteran

Wie verloren sich die Bevölkerung fühlt, zeigte sich in Awdijiwka am 8. Mai – dem Tag, an dem man traditionell den Sieg in einem anderen Krieg feiert: dem über die Deutschen vor über 75 Jahren. Jedes Jahr dasselbe: Unter der Monumentalplastik eines MIG-Kampfjets stehen Soldaten stramm, Frauen in roten Kleidern singen patriotische Lieder, in denen viel von der Schönheit der Ukraine und dem Schmerz des Todes die Rede ist. Dieses Jahr ehrten sie damit den letzten noch lebenden Weltkriegsveteranen der Stadt. Zittrig nahm der 96-Jährige die Lobesreden auf ihn entgegen. Die singenden Frauen in den roten Kleidern schenkten ihm rote Tulpensträusse, die Stadtverwaltung einen Staubsauger. Als der Veteran eine Dankesrede halten will, versagt das Mikrofon, und kurz bevor der Alte Nerven und Kraft verliert, hängt man ihm noch schnell einen Orden um.

Am Rande des Geschehens stand ein Mann mit nur einem Bein. Der 55-jährige Witali Jermolowitsch, ein Afghanistanveteran, hatte das andere bei Kandahar verloren, drei Monate vor dem Abzug der sowjetischen Truppen. Als die Veranstaltung zu Ende war, humpelte er hastig, als wolle er Begegnungen mit anderen vermeiden, auf Krücken zu seinem Auto zurück. Eine Frau eilte ihm hinterher, drückte ihm Tulpen in die Hand und sagte mit patriotisch gerührter Stimme: «Ich danke dir, Witali.» – «Hm», antwortete dieser, dann humpelte er eilig weiter.

Sein in die Jahre gekommener Moskwitsch* war ein Geschenk der Regierung für seine Verdienste, das einzige eingelöste von vielen Versprechen. «Sie haben gesagt, sie sorgen für mich, doch das ist nicht geschehen. Ich musste alleine lernen weiterzuleben.» Dann erzählte er, wie er nach dem Krieg nur Gelegenheitsjobs fand und seine Söhne sich seiner schämten. «Soldaten sind für die Politiker nur Fleisch. Sie gehen als gesunde Männer in den Kampf und kommen als Krüppel zurück.» Natürlich konnte man Jermolowitsch nicht nach Sunzi fragen – aber doch danach, ob er glaubt, dass dieser zähe Lavafluss der Gewalt irgendwann erkalten und zur Ruhe kommen wird? «Nicht mit meiner Generation. Da muss die nächste kommen und neue Lösungen finden.»

Und Ruslan Sulimenko? Der Major steht nach wie vor in seinem Schützengraben, aus dem es keinen Meter nach vorne gibt. Nur weiterhin Gefechte – und Stillstand.

* Korrigendum vom 6. September 2021: In der Printversion sowie in der alten Onlineversion hiess es, Kriegsveteran Witali Jermolowitsch habe als Dank für seinen Einsatz in Afghanistan einen Lada erhalten. Ein aufmerksamer Leser hat uns darauf hingewiesen, dass Jermolowitsch auf dem Foto neben einem Moskwitsch (vermutlich einem Modell 21403 mit Handsteuerung für Kriegsversehrte) steht.

Die Rolle des Westens

Geld, Sanktionen gegen Russland, aber keine Waffen

Der Donbass-Konflikt hat seinen Ursprung in der Weigerung der damaligen ukrainischen Regierung im Herbst 2013, ein Assoziierungsabkommen mit der EU zu verabschieden. Darauf kam es in Kiew zu Protesten. Die DemonstrantInnen forderten die Amtsenthebung des Präsidenten Wiktor Janukowitsch sowie Neuwahlen. Am 8. Dezember demonstrierten Hunderttausende auf dem Maidan-Platz. Im Februar 2014 ging die Polizei mit Waffengewalt gegen die DemonstrantInnen vor, über hundert Menschen wurden getötet. In dieser Zeit begannen die russische Annexion der Krim und die Kämpfe in der Ostukraine.

Seit der neuerlichen Eskalation im März 2021 beschäftigt sich auch die europäische Politik wieder mit der Frage, ob die Ukraine mehr militärische Unterstützung erhalten soll. Doch der Vorschlag des deutschen Grünen-Politikers Robert Habeck, der nach einem Besuch im Donbass forderte, Deutschland solle Defensivwaffen an die Ukraine liefern, scheiterte. «Nein», sagte Aussenminister Heiko Maas (SPD), «keine Waffen.» Schliesslich unterstütze man die Ukraine mit anderen Mitteln: Geld, Sanktionen gegen Russland – und aufmunternden Worten.

Als die ukrainische Regierung im Juli ein neues Gesetz zum Schutz der Minderheiten des Landes erliess, reagierte der russische Präsident Putin auf der Website des Kreml mit einem Manifest, in dem er die historische Existenz der Ukraine infrage stellte: «Der Staat Ukraine ist eine künstliche Schöpfung, ein Zufall der Geschichte, der Russland dankbar sein sollte, dass es ihn existieren lässt.» Im ukrainischen Teil des Donbass wurden seine Worte als eindeutige Annexionsdrohung verstanden.

Am 24. August feierte die Ukraine den 30. Jahrestag ihrer Unabhängigkeit. Präsident Selenski nutzte dies mit einer monströsen Parade für eine Demonstration der Stärke – als Warnsignal gegenüber Russland ebenso wie als Unterstützungsantrag an die EU. Zugleich würdigte er die militärische Kooperation mit der Türkei, den USA, Grossbritannien und weiteren Mitgliedern der Nato. Just einen Tag zuvor fand in Kiew der «Krim-Gipfel» statt – unter anderem mit PolitikerInnen aus achtzehn europäischen Ländern. Bei einem Treffen mit der deutschen Kanzlerin Merkel ging es dabei auch um die Ostukraine. Merkel sprach sich für weitere Verhandlungen im «Normandie-Format», der im Juni 2014 beschlossenen deutsch-französisch-russisch-ukrainischen Kontaktgruppe, aus.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch