Nr. 35/2021 vom 02.09.2021

«Wir wissen nicht, was kommt»

Die Stadtbevölkerung von Kabul ist nach der Machtübernahme der Taliban in grosser Sorge. Den sanften Tönen der Islamisten will niemand glauben, viele überlegen sich zu fliehen.

Von Emran Feroz

Die neuen Herren geben den Tarif durch: Strassenszene in Kabul am Mittwoch letzter Woche. Foto: Marcus Yam, Getty

Am Montag war der Nachthimmel über Kabul hell erleuchtet. Die EinwohnerInnen der afghanischen Hauptstadt wurden von Gewehrsalven und von Feuerwerkskörpern aufgeweckt. Der Grund: Kurz zuvor hatten die letzten US-SoldatInnen Afghanistan verlassen und die militant-islamistischen Taliban waren in Feierlaune. «Unsere Nation ist endlich wieder frei», kommentierte Mohammad Jalal, ein Talibansprecher, das Geschehen auf Twitter. Zeitgleich marschierten Kämpfer der Badri 313, einer Talibaneliteeinheit, in triumphaler Manier in den Flughafen von Kabul ein.

Währenddessen befand sich Ahmad Jawad in seiner Wohnung im Kabuler Stadtteil Makroyan, einer Betonsiedlung, die einst von den Sowjets errichtet wurde. Die Jubelschüsse der Taliban konnte der Dreissigjährige von seinem Fenster aus beobachten. Dass es mit der Eroberung Kabuls und dem Abzug der Nato-Truppen dann doch so schnell gegangen ist, erscheint ihm weiterhin etwas surreal. «Irgendwie war es wie beim letzten Mal. Da waren sie auch plötzlich über Nacht da», berichtet er am Telefon. Als die Taliban das letzte Mal an die Macht kamen, war Jawad fünf Jahre alt. Auch damals war die Situation unübersichtlich und chaotisch. Die politischen Führer der Mudschaheddin-Regierung, die sich nach dem Sturz des letzten kommunistischen Regimes in Kabul bekriegten, flüchteten. Viele Milizen ergaben sich den neuen Machthabern kampflos.

Beklemmende Begegnungen

Jawad und seine Familie verweilten in den letzten Tagen in ihrer Wohnung, während viele Menschen zum Kabuler Flughafen strömten, um evakuiert zu werden. Mit den neuen Machthabern hat er bereits Bekanntschaft geschlossen. Vor einigen Tagen wurde er von rund zwanzig Talibankämpfern aufgehalten, nachdem er das Haus verlassen hatte. Die meisten von ihnen waren junge Männer Anfang zwanzig, doch es befanden sich auch Minderjährige unter ihnen. «Was hast du denn da an?», fragte einer von ihnen und zeigte auf Jawads T-Shirt und seine Jogginghose. Ihm gefiel offenbar seine Kleidung nicht. «Ich fühlte mich unsicher und hatte kurz Angst, dass ich verprügelt werde», sagt Jawad. Doch dann intervenierten drei, vier weitere Kämpfer und rügten ihren Kumpanen. «Du Idiot, wir machen sowas nicht hier!», sagte einer von ihnen. Kurz darauf sassen sie allesamt mit Jawad in einem nahe gelegenen Restaurant und tranken Softdrinks: ein für ihn beklemmender Kennenlernversuch.

Szenen wie diese haben sich in Kabul in den letzten Tagen womöglich mehrmals abgespielt. Überall befinden sich nun jene Männer, die man in der Hauptstadt lange verteufelte und für Monster hielt. Die meisten jungen Leute in Kabul interagieren zum allerersten Mal in ihrem Leben mit den Taliban. Viele von ihnen haben die Hauptstadt noch nie verlassen und waren nie in jenen ländlichen Regionen, wo die Extremisten schon seit langem agieren und zum Alltag gehören. Auch Jawad wird seine jüngste Erfahrung mit den Taliban nicht so schnell vergessen. «Ich denke, dass viele von denen noch nie in einer Grossstadt waren. Sie werden noch Probleme machen», sagt er.

Schulen sind geschlossen

Seit ihrer Machtübernahme geben die Taliban regelmässig Pressekonferenzen in Kabul. Talibansprecher Sabihullah Mudschahed, den JournalistInnen meist nur von Anrufen oder Whatsapp-Nachrichten kannten, enthüllte kurz nach der Einnahme Kabuls zum ersten Mal sein Gesicht und gab sich versöhnlich. Er versprach eine Generalamnestie für die örtlichen MitarbeiterInnen der Nato-Truppen oder für einstige Regierungsoffizielle, Polizisten und Soldaten. Hinzu kamen seine Beteuerungen in Sachen Frauenrechte. Die Taliban, so Mudschahed, würden Bildung und Berufsausübung der afghanischen Frauen im «islamischen Kontext» unterstützen und fördern.

Nicht jeder will dem Glauben schenken. «Meine Schule hat immer noch nicht geöffnet. Ich weiss weiterhin nicht, ob ich meine Arbeit wie früher aufnehmen darf», erzählt Liza Sadat, eine Lehrerin aus der nördlich gelegenen Stadt Mazar-e Sharif. Als die Kämpfe in der vergangenen Woche zunahmen, flüchtete Sadat mitsamt ihrer Familie nach Kabul. Doch dann fielen die beiden Städte fast zeitgleich an die Taliban. «Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie sich an diese Versprechen halten. Ich habe Angst um meine Zukunft und um jene meiner Kinder», sagt Sadat. Aufgrund der Kämpfe zwischen den Taliban und den afghanischen Sicherheitskräften, die es nun nicht mehr gibt, wurden die Schulen in mehreren Regionen des Landes geschlossen. Die Taliban behaupteten, dass diese Schliessung lediglich mit der Sicherheitslage zu tun habe und dass alle Bildungsinstitutionen bald wieder öffnen würden, doch bis jetzt sind die meisten von ihnen weiterhin zu.

Auch die Amnestieversprechen der Taliban werden von vielen AfghanInnen nicht ernst genommen. Zahlreiche Regierungsoffizielle sollen sich weiterhin in Haft befinden. Ihre Familien befürchten Hinrichtungen. Andere, etwa ehemalige Soldaten der afghanischen Armee, verstecken sich weiterhin. «Ich traue mich kaum aus dem Haus. Sobald jemand an der Tür klopft, bekomme ich Herzrasen. Früher oder später werden mich die Taliban holen», erzählt Farhad Mohammadi, der seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen will.

Mohammadi diente jener Armee, die einst von den USA und ihren Verbündeten aufgebaut wurde, als Oberst. Doch nun interessiert sich niemand für ihn. Sein Ansuchen auf ein US-Visum wurde abgelehnt. Er ist gezwungen, mit seiner Familie in Kabul auszuharren. «Ich bin nicht der Einzige, dem es so geht. Viele meiner Kameraden befinden sich in einer ähnlichen Situation. Man hat uns einfach im Stich gelassen», sagt er. In anderen Regionen Afghanistans, die seit längerem von den Taliban kontrolliert werden, soll es bereits zu Tötungen, Hinrichtungen und Massakern gekommen sein.

Gehen oder bleiben

Zeitgleich versuchen viele Menschen weiterhin, das Land zu verlassen. Viele Journalisten, Kulturschaffende und ehemalige Politiker sind bereits in die Nachbarländer geflüchtet oder haben in den letzten Tagen die Ausreise über den Flughafen Kabul geschafft. Die Fluchtbewegung hat nicht nur mit den Taliban zu tun, sondern mit der allgemeinen Sicherheitslage im Land, die sich in den letzten Monaten zunehmend verschlechterte und nun kippen könnte. Die Einnahme Kabuls durch die Taliban stellte für viele lediglich den Tiefpunkt der jüngsten Entwicklungen dar. «Ich überlege bereits, ob ich mit meiner Familie nach Pakistan fliehen soll. Auch mit Verwandten in Deutschland stehe ich in Kontakt», erzählt Sher Gul, der sein Brot als Taxifahrer verdient. In den letzten Tagen habe er fast kein Geld einnehmen können, da die Strassen leer seien. «Viele bleiben daheim. Sie haben Angst. Wir wissen nicht, was kommt», sagt er.

Wie die meisten anderen AfghanInnen will auch er nicht, dass seine Kinder mit einem neuen Krieg aufwachsen. Nachdem die kommunistische Diktatur vor rund dreissig Jahren gestürzt worden war, begann in Kabul ein blutiger Bürgerkrieg zwischen den verschiedenen Mudschaheddin-Fraktionen, die zuvor die Hauptstadt eingenommen hatten. Viele Menschen sind von der damaligen Zeit weiterhin traumatisiert. «Ich will nicht, dass in dieser Stadt wieder Raketen fliegen wie damals. Wir wollen nicht, dass hier wieder gekämpft wird. Das ist unsere grosse Angst», so Sher Gul.

Auch die wirtschaftliche Situation im Land stagniert seit Jahren. Afghanistan ist weiterhin von internationalen Hilfsgeldern abhängig. Dies wissen auch die Taliban, weshalb eine Isolation wie in den neunziger Jahren nicht in ihrem Interesse sein dürfte. «Die Menschen werden langsam hungrig. Sie haben kein Geld mehr. Die Banken waren tagelang geschlossen und Löhne wurden nicht ausbezahlt», erzählt Samir Ahmadi, Mitte zwanzig, der für eine staatliche Fabrik arbeitet. Auch er wurde seit Wochen für seine Arbeit nicht entlohnt. «Nicht jeder kann das Land verlassen. Wir bleiben hier, doch die Taliban müssen die wirtschaftliche Situation schnell regeln. Ansonsten wird sich die Bevölkerung in Massen gegen sie stellen.»

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