Johannes Seluner : Beleidigt, verleumdet und endlich anständig bestattet

Nr.  38 –

Fast hundert Jahre nachdem seine Knochen exhumiert wurden, erhält der gehörlose Findling Johannes Seluner endlich eine letzte Ruhestätte im Toggenburg. An seinem Fall verdichten sich Gehörlosen- und Armendiskriminierung ebenso wie der Umgang mit dem «Fremden».

«Ein sonderbares Wesen»: Johannes Seluner blieb ein Fremder, dem Geschichten angedichtet wurden. Foto: Toggenburger Museum

Das wohl neuste Grab auf dem Friedhof trägt das Todesjahr 1898. Hier bei der Klosterkirche Neu St. Johann dürfen die Knochen eines Menschen endlich verrotten, dessen Leben von Mobbing und Diskriminierung geprägt war. Mitte des 19. Jahrhunderts fand ein Senn auf der Alp Selun einen jungen Mann. Vielleicht fünfzehn Jahre alt war er, stumm, wahrscheinlich auch komplett gehörlos. Weil man seine Gestik als die des Kreuzschlagens interpretierte, machte man den Findling später zum Katholiken. Weil man ihn auf dem Berg Selun gefunden und in Alt St. Johann benannt hatte, erhielt er den Namen Johannes Seluner.

Dieser Seluner verbrachte den grössten Teil seines Lebens im Armenhaus, Kinder sollen ihn geärgert und mit Steinen beworfen haben. Über seinen Tod berichteten Zeitungen aus aller Welt, bis Indiana und Baltimore. Doch Johannes Seluner, über dessen Herkunft bereits zu Lebzeiten spekuliert wurde, erlebte über den Tod hinaus Unrecht: 1926 liess der Anthropologe Otto Schlaginhaufen seine Gebeine ausgraben, um an der Universität Zürich rassistische Herkunftsstudien anzustellen. Danach blieben Seluners Überreste in einem Schrank der anthropologischen Sammlung versorgt.

«Halb Mensch, halb Tier»

«Das Absurde ist: Wenn er nicht exhumiert worden wäre, gäbe es heute sicher kein Grab mehr», sagt Andreas Bürgi auf dem Weg zum Friedhof. Bürgi ist der hinterbliebene Partner der verstorbenen WOZ-Autorin Rea Brändle (1953–2019), die ein Buch über Seluners Geschichte geschrieben hat. Das Sportgeschäft an der Strassenecke heisst «Wildmanndli» – ist die verwegene Figur auf dem Logo Johannes Seluner nachempfunden? Seinen Gebeinen wurde das Verrotten verwehrt; sein Andenken wurde mit Geschichten überlagert. Der echte Mensch verschwand lange hinter der mythischen Gestalt. Bürgi sagt: «Die Erinnerung hat überlebt, weil so viele Geschichten erzählt wurden. Sonst wäre vielleicht bloss ein wissenschaftlicher Bericht erschienen, der nur Fachleute interessiert hätte.»

Nachdem der Findling im September 1844 auf der Alp Selun aufgetaucht war, notierte man in den Gemeinderatsakten noch «taubstummer Mensch, fremder». Nach seinem Tod setzte man in der Pfarreichronik bei vielen Rubriken, etwa «Name der Mutter», ein Fragezeichen. Bei «Stand» hingegen wusste man, was schreiben: «Idiot».

Nach seinem Tod 1898 häuften sich die Texte über Seluner. Ob sie als Roman oder Chronik deklariert wurden, sagte selten etwas über den Grad der Fantastik aus. Johannes Seluner war «ein sonderbares Wesen, ganz nackt und am ganzen Körper mit langen Haaren bewachsen», das die Kleider, die man ihm gab, zerriss, behauptete ein Autor 1932 in der «Toggenburger Chronik». Wie man auf dem einzigen Foto sieht, war Seluner jedoch nicht übermässig behaart. Die Gemeinde, die jeden für Seluner ausgegebenen Kreuzer protokollierte, hat ihm erst vier Jahre nach dem Auffinden neue Hosen kaufen wollen. Während seine Knochen in einem Universitätsschrank lagerten, wurde in Erzählungen und Chroniken aus dem Menschen Johannes Seluner mal ein Ungeheuer, mal ein Zootier. Es ist verflixt: Mit jedem Erzählen dieser Geschichte erneuert man auch die Mythen, die Beleidigungen und Verleumdungen, die sich um ihn ranken.

Das 20. Jahrhundert hindurch wurde weiterspekuliert. Fast immer soll Seluner vor seinem Auffinden in der Karsthöhle Wildmannlisloch gelebt haben. Einmal ist er «halb Mensch, halb Tier» und ein andermal ein «überraschte[r] Adam», der bei seinem Auffinden am Euter einer Kuh genuckelt habe. Wenn er als «gereizter Muni» auftrat und die Kuh es «ruhig geschehen liess», bekam die Verleumdung eine sexuelle Konnotation. In einer Darstellung – im wissenschaftlichen Aufsatz einer Volkskundlerin aus den 1980er Jahren – hat Seluner gar seinen Vater «in einen unheimlichen Tod geführt».

Eugenikfantasien

Rea Brändle legte diese Quellen frei. Es ist auch ihr Verdienst, dass Seluner nun «ein schickliches Begräbnis» erhalten hat, wie es in der Medienmitteilung von Kirche und Gemeinde heisst. Das galt lange als unwahrscheinlich. «Gross wird das Verlangen nach einer Rückführung vermutlich nicht sein», schrieb sie noch 2016, in der erweiterten Neuauflage ihres Buchs «Johannes Seluner. Findling». Sie kannte die Seluner-Geschichten bereits aus ihrer Kindheit und stellte die Recherche an den Anfang ihrer Tätigkeit als freie Autorin.

Dafür besuchte Brändle die anthropologische Sammlung, wo sie neben Seluners Knochen auch die sterblichen Überreste von Indigenen aus Feuerland fand. Das wiederum führte sie in ihr transnationales Themenfeld: die Aufarbeitung rassistischer Völkerschauen. 2010 wurden die Überreste der FeuerländerInnen nach Chile überführt. Über eine Rückführung Seluners schrieb sie später: «Repatriieren, das heisst zurückführen, in die Heimat, ins Vaterland. Es ist dies ein seltsames Wort für jemanden wie Johannes Seluner, der zeitlebens als ein Fremder wahrgenommen wurde.»

Brändles Buch legt die Schichten der Erinnerungsverschandelung frei und zeigt auf, wie man sich auch an den Fall erinnern kann: als Mahnmal für Behindertendiskriminierung – noch 1870 besuchte in der Ostschweiz nur jedes vierte gehörlose Kind eine Schule; als Mahnmal für das Leben im Armenhaus – die Tage bestanden aus Zwangsarbeit, und wer nicht spurte, wurde in den Keller gesperrt; und schliesslich auch als Mahnmal für Eugenikfantasien von WissenschaftlerInnen.

Sinnbild der Sprachlosigkeit

«Fürchterlich banal war das Ergebnis seiner Studien», sagt Professor Christoph Zollikofer über die Seluner-Exhumierung des rassistischen Anthropologen Otto Schlaginhaufen. Man müsse sie im Kontext von dessen Ziel sehen, eine helvetische Rasse zu definieren. Er habe gehofft, bei Seluner, den er für minderwertig hielt, Hinweise auf eine Verwandtschaft mit Neandertalern zu finden. «Sein Befund war: Seluner ist Europäer. Die Ironie ist, dass wir heute wissen, dass wir alle zum Teil Neandertaler sind.»

Am Stammtisch im Restaurant Gemsli trägt einer von fünf Männern ein Hörgerät. Er ist an diesem Morgen selbstverständlich Teil der Toggenburger Gruppe, kann sich hindernisfrei verständigen. «Mit wem man nicht in Kommunikation treten kann, wer keine Sprache hat, der wird ausgenutzt», sagt zwei Tische weiter Andreas Bürgi: «Das Beispielhafte am Umgang mit Johannes Seluner bleibt für mich die Sprachlosigkeit.» Das Grab sei nun sowohl Ort der Ruhe als auch Ort der Erinnerung. Um das Grab ist Wiese. Wer davor steht, hat Blick auf den Selun, wo der Mann einst gefunden worden war. Die Ruhe ist gegeben. Ob man sich auch erinnert? Die Verkäuferin in der Bäckerei gegenüber vom Friedhof weiss nichts vom neuen Grab. Das Sportgeschäft Wildmanndli ist geschlossen, Mittagspause. Der Inhaber erzählt der WOZ hinterher am Telefon, der Laden heisse so, weil Johannes Seluner mysteriös wirke und niemand genau wisse, wer er eigentlich war.

Rea Brändle: «Johannes Seluner. Findling. Eine Recherche». Chronos Verlag. Zürich 2017. 184 Seiten. 32 Franken.