Nr. 39/2021 vom 30.09.2021

Kokser mit Mistgabel

Die neue SRF-Serie «Neumatt» wirkt wie aus dem Plotgenerator von Satiriker Karpi. Dabei war der eigentlich als Kritik gedacht, nicht als Handlungsanweisung.

Von Daniela JanserMail an Autor:in

«Ein aufopfernder Krankenpfleger und ein einsamer Dorfpfarrer retten mit Hilfe des Internets den Bauernhof. Eine rasante Komödie für Jung und Alt.» – «Ein idealistischer Sozialarbeiter und der ganze Frauenchor retten die alte Mühle. Dank Youtube erfährt die ganze Welt davon.» – «Ein schwuler Consultant will den Bauernhof seines tragisch verstorbenen Vaters mit Hochleistungskühen retten. Dabei entdeckt er den Bauern in sich.»

Vor neun Jahren hat der Autor und Komiker Patrick Karpiczenko, genannt Karpi, einen Plotgenerator für den Schweizer Film programmiert: eine Website, die per Mausklick schlichte Plots ausspuckt, die zwar frei erfunden sind, aber eine frappante Ähnlichkeit mit den SRF-Eigenproduktionen aufwiesen, mit denen damals die tatortfreien Sonntagabende abgefüllt wurden. Die Idee war so witzig wie bestechend – und man wähnte sich bereits für immer von derlei Filmen erlöst. Denn: Wer würde sich noch trauen, uns eine weitere solche Geschichte vorzusetzen? Doch weit gefehlt. Von den eingangs zitierten Plots sind nur die ersten beiden aus Karpis Generator, der dritte umreisst die neuste SRF-Serie.

Swissness aus der Retorte

Der Achtteiler heisst «Neumatt» und ist eine absehbare und weitgehend ironiefreie Retortenfiktion aus der Swissnessfabrik. «Michi steht am Abgrund und reisst noch einen Menschen mit sich hinunter. Grossmutter Trudi fällt beim Apfelpflücken von der Leiter», heissts etwa zu Folge 6 in nervtötender Kindersprache auf der Website des Schweizer Fernsehens. Verantwortlich für «Neumatt» ist aber kein Netflix-Algorithmus, sondern ein fünfköpfiges Autor:innenteam um Headwriter Marianne Wendt. Dabei ist die Ursprungsidee nicht mal schlecht: den erschreckend vielen Selbstmorden unter Schweizer Bauern ein Gesicht zu geben. Bloss wird der tote «Neumatt»-Bauer gleich ein weiteres Mal begraben: unter einem Haufen leibhaftiger Klischees.

Bauer als Kuhflüsterer

Der Städter kokst, und das bedeutet in der SRF-Serie automatisch: Er hat ein Koksproblem. Sein Bauernbruder ist ein veritabler Kuhflüsterer, fliegt aber auch im dritten Anlauf durch die Landwirtprüfung. Die Mutter will endlich mal raus – und ihr Liebhaber darf ihr dazu den Schweizer Sehnsuchtssatz par excellence ins Ohr flöten: «I drü Schtund wäremer am Meer.» Die Geschichte kommt nicht vom Fleck und schon gar nicht ans Meer; am Ende siegt die Verbundenheit mit der Scholle.

Und wenn sie nicht sterben, werden sie auch in der bereits angekündigten zweiten Staffel die Mistgabel zücken, «I mah nümm» klagen und schwermütig zwischen Primetower und Agglodorf herumirren. Karpi, bitte übernehmen Sie.

Den Plotgenerator gibts auf https://schweizer.film, die Serie «Neumatt» in der SRF-Mediathek oder via Play Suisse.

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