Nr. 40/2021 vom 07.10.2021

Ein Billionenschatz im Boden

Nach der Machtübernahme stecken die Taliban in finanziellen Schwierigkeiten. Zwar ist Afghanistan reich an Rohstoffen – um diese zu fördern, fehlen allerdings Geld und Know-how. Nun sieht China seine Stunde gekommen.

Von Michael Krätke

Chinas politische Führung denkt langfristig und im Weltmassstab, die Kommunistische Partei verfolgt klare geostrategische Ziele. Im überstürzten Abzug der USA und ihrer Nato-Verbündeten aus Afghanistan sieht sie zudem eine klare Bestätigung ihrer grossen Erzählung vom Niedergang des Westens und dem Aufstieg des Ostens.

Weil Chinas wachsende Wirtschaft Ressourcen braucht, wird auch die Aussenpolitik vom Hunger danach bestimmt. Afghanistan wiederum hat reichlich Bodenschätze zu bieten: Eisen, Kupfer, Gold, Lithium, seltene Erden, Kohle und Öl. Ihr Wert wird insgesamt auf mehr als drei Billionen US-Dollar geschätzt. Die Taliban kontrollieren den Bergbau im Land zwar weitgehend; kaum ein Betrieb lief gut in den vergangenen zwanzig Jahren, der nicht den örtlichen Taliban-Milizen regelmässig Tribut zahlte. Um die Bodenschätze zu fördern, fehlen diesen allerdings die Technologie, das Wissen und das Geld.

Bereits seit 2011 besitzt die chinesische Regierung Konzessionen für Ölbohrungen in Afghanistan. Von grossem Interesse sind für sie zudem die Lagerstätten von Lithium, Kupfer und seltenen Erden, vermutlich die grössten der Welt. Allerdings befinden sich die meisten in unwegsamem Gelände und sind nur schwer erreichbar. Um dort erfolgreich Bergbau zu betreiben, wird China also Strassen und Eisenbahnen bauen müssen, zum Teil quer durch das Hochgebirge. Das will es aber nur tun, wenn die Taliban im Gegenzug die Sicherheit garantieren.

Noch mehr Drogenhandel

Die Taliban sind im Grunde ein Verbund von Milizen, die sich auf kriminelle Weise finanzieren – mittels Schutzgelderpressung, willkürlich erhobener Zölle und Tribute. Ihre wichtigste Geldquelle ist nach wie vor der Anbau von Schlafmohn, der an die Drogenmafia weiterverkauft wird. Afghanistan ist der weltweit grösste Exporteur von Schlafmohn und dem daraus gewonnenen Rohopium. Insgesamt haben die Taliban im vergangenen Jahr rund 1,6 Milliarden US-Dollar aus diversen dunklen Quellen eingestrichen, die afghanische Regierung konnte im gleichen Zeitraum etwa 5,6 Milliarden an Einnahmen verbuchen, überwiegend aus Hilfsgeldern des Westens.

Auch wenn Sprecher der Taliban es nun wiederholt verkünden – dass sie ihre Finger wirklich vom Opiumgeschäft lassen, ist mehr als unwahrscheinlich. Im Gegenteil: Sie werden den Drogenhandel vermutlich erheblich hochfahren, weil sie seit ihrer Machtübernahme Mitte August in grossen finanziellen Schwierigkeiten stecken. An die Devisenreserven der afghanischen Zentralbank, zum aktuellen Zeitpunkt 9,4 Milliarden US-Dollar, kommen sie nicht heran, denn die liegen im Ausland, allein 7 Milliarden bei der US-Zentralbank. Der Internationale Währungsfonds hat dem Taliban-Regime prompt den Zugang zum Anteil des Landes an den Sonderziehungsrechten – 340 Millionen US-Dollar – gesperrt und das Corona-Hilfsprogramm für das Land – 370 Millionen US-Dollar – ausgesetzt.

Die westlichen Hilfsgelder – sie machen gut 43 Prozent des Bruttoinlandsprodukts und mehr als 60 Prozent des Staatshaushalts aus – fallen also zum allergrössten Teil weg, auch wenn etwa Grossbritannien seine Zahlungen vorläufig noch nicht einstellen will. Mit den arabischen Ländern sind die Taliban teilweise verfeindet, auch wenn sie nach wie vor Millionenspenden aus den Golfstaaten erhalten. Entsprechend naheliegend ist der Verkauf der Bodenschätze an China: Förderkonzessionen bringen gutes Geld, und als Strassenbauer und Kreditgeber wäre Peking willkommen – zumal es den Wettlauf um die Bodenschätze dank der langjährigen Kontakte nach Pakistan und in andere muslimische Länder auch als Anführer internationaler Bergbaukonsortien für sich entscheiden kann.

Taliban unter Zugzwang

Bisher hat China mit Bergbauprojekten in Afghanistan allerdings keine guten Erfahrungen gemacht. So bot ein Konsortium unter Führung der China Metallurgical Group Corporation 2007 mehr als drei Milliarden US-Dollar, um rund um die weltgrösste Lagerstätte von Kupfer bei Mes Aynak in der Provinz Logar eine ganze Bergbauregion zu entwickeln – mit Bergwerk, Eisenbahn, Elektrizitätswerk und anderen Infrastruktureinrichtungen. Weil die Provinz zwischen den Taliban und der afghanischen Regierung umkämpft blieb, haben die Arbeiten bis heute nicht begonnen. Die China National Petroleum Corporation, eines der grössten chinesischen Staatsunternehmen, hat die Ölförderung in der Amudarja-Senke wieder aufgegeben, weil es nicht gelang, sichere Transportwege für das geförderte Öl zu schaffen.

Der Schlüssel für jegliche zukünftige Kooperation zwischen China und dem Taliban-Regime liegt auch in dessen Umgang mit dem islamistischen Terror. Den Zusicherungen der Taliban, Gruppen wie al-Kaida oder dem Islamischen Staat keine Heimstätte bieten zu wollen, misstraut China, das selbst böse Erfahrungen mit Dschihad-Rückkehrern aus Syrien und Afghanistan gemacht hat. In dieser Hinsicht stehen die Taliban unter Zugzwang: Die Volksrepublik kann Afghanistan auch links liegen lassen, wenn die Sache zu riskant wird und die Rohstoffrechnung nicht aufgeht.

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