Nr. 40/2021 vom 07.10.2021

Maskeraden im Zwischenraum

Von Christoph Wagner

Ist es eine Prozession oder gar eine Demonstration? Im Booklet zum Album «Herd» der Pianistin Vera Kappeler und des Schlagzeugers Peter Conradin Zumthor finden sich Fotos, die aus den letzten Tagen des Dorfs Zervreila oberhalb von Vals stammen. 1955 wurde es geräumt, um dem gleichnamigen Stausee Platz zu machen. Zu sehen sind die Bewohner:innen beim Auszug aus dem Dorf, der wie ein stummer Protest anmutet. Über den kargen Bildern hängt die Trauer über den Verlust der Heimat, und diese durchweht auch die Musik des Albums.

Die Wehmut findet in kleinen Melodien Ausdruck, etwa in einem Trauermarsch, einem Walzer oder einem Stück im schleppenden Dreivierteltakt, in dem die alpenländische Ländlertradition durchscheint. Solche Miniaturen könnten einer alten Spieldose abgelauscht sein und werden allein durch das Schlagzeug in die Gegenwart geholt. Als Kontrast wirken Stücke, bei denen es handfester zur Sache geht, die bedrohlich-maschinenhaft voranschreiten oder deren Töne kaskadenhaft niederprasseln. Das Vexierspiel mit klanglichen Täuschungen und Maskeraden gibt zusätzlich Rätsel auf: Was ist es, was ich höre? Klavier oder Klangschalen, Toy Piano oder Metallstäbe?

Kappeler und Zumthor, die in Haldenstein bei Chur zu Hause sind, kommen ursprünglich vom zeitgenössischen Jazz, doch sie arbeiten seit Jahren an einem Gegenentwurf: Ihnen schwebt eine Musik vor, die nicht aus dem Augenblick heraus frei erfunden wird, sondern aufs Präziseste geplant ist und trotzdem Freiräume lässt. Ausserdem gilt das Gesetz der Knappheit: Jeder Titel ist aufs Notwendigste reduziert. Ihre Kompositionen verweigern sich der Einordnung, sind weder Jazz noch avantgardistische Konzertmusik noch imaginäre Folklore. Sie besetzen einen eigenen Raum dazwischen.

In dieser Welt der kleinen Formen und rätselhaften Klänge leuchtet etwas aus der Kindheit auf, das der Philosoph Ernst Bloch, selbst ein grosser Musikkenner und versierter Pianist, mit «Heimat» umschrieben hat: das, «worin noch niemand war».

Nächstes Konzert: Fr, 15.10.2021, Bern, BeJazz. Weitere Daten siehe www.kappelerzumthor.ch.

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