Nr. 19/2016 vom 12.05.2016

Als wär das Piano ein futuristisches Orchester

Das Klavier wird als Klangquelle neu erfunden. Zu den profilierten Tastentüftlern gehört der Zürcher Ephrem Lüchinger. Am Taktlos-Festival spielt er seine elektronisch verfremdeten Tracks erstmals live.

Von Christoph Wagner

Das Piano als Hyperinstrument: Tastentüftler Ephrem Lüchinger. Foto: Mischa Scherrer

Wer hätte gedacht, dass John Cage posthum im Pop Karriere machen würde? Der Urvater der Avantgarde (1912–1992) hatte Ende der dreissiger Jahre das «prepared piano» erfunden. Cage verfremdete die Töne des Klaviers, indem er Holzstücke oder Schrauben auf die Saiten legte oder dazwischenklemmte und so den Flügel zu einem riesigen Perkussionsensemble machte. Einfallsreiche TastenmusikerInnen greifen heute Cages Ideen wieder auf und erfinden das Piano als schier unerschöpfliche Klangquelle neu. Mit zusätzlicher Elektronik wird das «Grand Piano» zum Hyperinstrument entgrenzt, das so vielfältig, fremd und komplex klingt wie ein Orchester für futuristische Klänge.

In der Schweiz hat sich Ephrem Lüchinger als findiger Tastentüftler profiliert. Am Freitag, den 20. Mai, wird der Zürcher im Rahmen des Taktlos-Festivals in der Roten Fabrik zum ersten Mal seine elektronisch verfremdete Klaviermusik der Öffentlichkeit präsentieren.

Mit zwei Flügeln

Letztes Jahr erregte Lüchinger mit einem Dreifachalbum Aufsehen. Gelangweilt von seinem üblichen Job als Begleiter von PopmusikerInnen, setzte er sich drei Tage lang ans Klavier, improvisierte und experimentierte, um das Instrument für sich neu zu entdecken: «Ich habe beispielsweise ein paar Bälle reingeworfen, um zu hören: Wie klingt das?», sagt Lüchinger.

Danach schnitt er gelungene Passagen heraus und begann im Studio mit der digitalen Bastelarbeit. «So neugierig und unbedarft, wie ich mich ans Piano gesetzt hatte, wollte ich auch das Studio nutzen, als klangliche Wundertüte.» Lüchinger sezierte die Musik, isolierte einzelne Töne und setzte sie in anderem Kontext wieder zusammen. Aus verfremdeten Klängen wurden Loops, aus perkussiven Tönen Rhythmustracks. Lüchinger liess sich Zeit: Insgesamt fünf Jahre dauerte die Arbeit im Klanglabor. Manchmal feilte er Wochen an einer Sequenz.

Anders als bei der Studiotüftelei sind im Konzert Blitzentscheidungen gefragt. Das ist die Herausforderung, mit der sich Lüchinger bei seiner Premiere am Taktlos-Festival konfrontiert sieht, wobei ihm Mixer Florian Liechti zur Seite steht. Der Pianist wird mit zwei Flügeln agieren, die er im Vorfeld präpariert. «Are you prepared?» lautet denn auch die Frage ans Publikum, mit der sein Album überschrieben ist.

Ephrem Lüchinger reiht sich in eine Gruppe von TastenmusikerInnen ein, denen das Pianospiel in den letzten Jahren entscheidende Impulse verdankte. Ob Chilly Gonzales, Nils Frahm, Poppy Ackroyd oder die Grandbrothers – alle haben dem Klavier neue Dimensionen erschlossen. Einer der Pioniere ist Volker Bertelmann, der sich unter dem Künstlernamen Hauschka seit über einem Jahrzehnt mit dem Piano als innovativer Klangquelle befasst.

Wenn Hauschka zu Konzerten reist, hat er einen Koffer mit vielen Kleinobjekten dabei – seine Klangmanipulatoren: Von Kronkorken und Tischtennisbällen über spezielle Papiere und Plastikfolien bis zu Vibratoren und Murmeln reichen die Hilfsmittel. Nachdem er dann das Konzert mit einem Motiv begonnen hat, verfremdet, manipuliert und schichtet Hauschka Töne und Klänge, verzahnt sie miteinander, wobei er seine digitalen Effektgeräte wie ein E-Gitarrist mit den Füssen bedient. «Die Elektronik hilft, Räume oder Dichte zu schaffen», sagt er. «Das Klavier wird zur Soundquelle, kann aber auch wieder zu sich selbst zurückfinden.»

Schönheit trifft Schrägheit

Hauschka setzt ein hochkomplexes musikalisches Räderwerk in Gang, das dennoch in Reichweite groovender Popmusik bleibt. «Es geht mir um Schönheit, gepaart mit einer gewissen Schrägheit. Im Gegensatz zu radikalen Kompositionen soll die Musik zugänglich sein, also die richtige Balance zwischen emotional und abstrakt besitzen, ohne ins Romantische und Schwülstige abzugleiten», erklärt Hauschka.

Neben Hauschka wirkte der englische Elektroniker Aphex Twin als Impulsgeber. Auf seinem Album «drukqs» von 2001 sind neben einem asthmatischen Harmonium immer wieder skurrile Pianotöne zu hören – manchmal unschuldig-naiv, dann wieder bis zur Unkenntlichkeit verzerrt. Die Einspielung wurde für Ephrem Lüchinger zum Schlüsselerlebnis. Sie demonstrierte in eindrucksvoller Manier, dass ein vollkommen anderes Klavierspiel möglich ist. Diese Vision treibt Lüchinger seither an.

Ephrem Lüchinger: «Are you prepared?». Qilin Records.

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