Nr. 41/2021 vom 14.10.2021

Selbst die Geister tragen Jeans

Korakrit Arunanondchais raumfüllendes «Gemälde» und seine Videoinstallationen erzählen von materiellen und spirituellen Transformationen, von postkolonialer Unterdrückung und subversiven Geistern. Ein überbordender Trip.

Von Irène Unholz

Wirken die Flammen zerstörerisch oder schöpferisch? Korakrit Arunanondchais Werk «If we burn, you burn with us» (2021). FOTO: LORENZO PUSTERLA, COURTESY BANGKOK CITYCITY GALLERY

Man wähnt sich in einem Raum irgendwo zwischen Tempel und Clublounge: Roter Teppichboden, aus Seitenkammern links und rechts dröhnen sich überlagernde Beats, psychedelisch wirkende Stoffe bedecken die Wände. Ein Feuervogel, der sich mittig auf dem Stoff abzeichnet, betont die Symmetrie. Repräsentiertes und Medium fallen hier zusammen, denn Feuer ist es auch, mit dem diese für Korakrit Arunanondchai typischen Denimstoffe bearbeitet wurden: einerseits durch das Verbrennen des Materials, andererseits durch Aufnahmen dieses Vorgangs, die er dann auf die bearbeiteten Stoffe druckt. Die Phasen des Transformationsprozesses überlagern sich in diesem Werk, das der Künstler als «Gemälde» bezeichnet. Ob die Flammen zerstörerisch oder schöpferisch wirken? Ob der Vogel verbrennt oder das Feuer entfacht?

Uneindeutige Momente wie dieser ziehen sich durch Arunanondchais erste Einzelausstellung in der Schweiz, die unter dem Titel «Songs for dying / Songs for living» im Zürcher Migros Museum für Gegenwartskunst zu sehen ist. Der Künstler bezieht sich damit auf Simone Weils Begriff «décréation», der beschreibt, wie Geschaffenes in Ungeschaffenes überführt wird: Zerfallsprozesse bedeuten nicht einfach nur Zerstörung; durch Verschwinden des einen entsteht auch ein anderes Neues. Eine Auflösung des Selbst ist demnach gar die Voraussetzung für spirituelle Erfahrungen.

Die sakrale Aufmachung der Ausstellung impliziert ein anachronistisches Heilsversprechen. Allerdings sind Spiritualität, Esoterik und Schamanismus seit einigen Jahren Trendthemen auf internationalen Ausstellungen. Die Erzählung dazu geht meist so: Kapitalismus, westliche Hegemonie und herrschende Strukturen der Wissensgenerierung haben zu den Krisen der Gegenwart geführt und sind zugleich ausserstande, diese zu bewältigen. Also müssen Alternativen her.

Das Unsagbare singen

Und so schweben bei Arunanondchai geisterhafte Gestalten und Schamaninnen über die Leinwände. In den Videoinstallationen «Songs for dying» und «Songs for living» verflicht der Künstler eigenes Videomaterial mit kollaborativ inszenierten und fremden Aufnahmen, wodurch besonders in den Szenen mit rituellen Handlungen Fakt und Fiktion nicht immer zu unterscheiden sind. Der Glaube an Geister sei in Thailand eine Realität, die er als solche anerkenne, sagte der Künstler im Magazin «Art Review».

«Songs for dying» handelt in erster Linie vom Sterben seines Grossvaters, den er bereits in früheren Videos zeigte. Der intime Moment, in dem er ihm ein letztes Mal die Hand hält und ihm seine Lieblingslieder vorsingt, führt, projiziert auf Grossleinwand, die Brutalität technischer Vermittlung vor. Er steht aber für die Unbefangenheit, mit der Arunanondchai Persönliches, Politisches und Historisches zusammenführt – Überlagerungen, die sich in seinen Videos nicht hierarchisch zueinander verhalten. Die eigene Verlusterfahrung verknüpft er wortwörtlich mit Universellem, wenn wir plötzlich durch den Kosmos schweben, ebenso wie mit den kollektiven Traumata ehemals kolonisierter Länder.

So greift er im selben Video das Jeju-Massaker von 1948 in Südkorea oder die prodemokratischen Proteste seit 2014 in Thailand auf. Zensur und Verbote erfordern neue Ausdrucksformen. Nach einem Aufstand gegen die koreanische Teilung auf der Insel Jeju, bei dessen Niederschlagung durch die Regierung über 30 000 Zivilist:innen getötet wurden, war es jahrzehntelang untersagt, dieses Ereignis öffentlich zu thematisieren. Darum trauern Hinterbliebene in schamanischen Ritualen.

Die gegen die Militärdiktatur und Macht des Königshauses in Thailand Protestierenden wiederum greifen neben animistischen Traditionen auch Zeichen aus der Popkultur auf. Die Kamera fliegt über eine Masse von Menschen, die drei ausgestreckte Finger emporhalten – ein aus dem US-amerikanischen Science-Fiction-Film «The Hunger Games» übernommenes Widerstandssymbol. Dazu läuft der Musicalsong «A Million Dreams» – gesungen auf Thai.

Die Geste der Protestierenden taucht auch in «Songs for living» auf, dieses Mal bei einem Ritual rund um ein Feuer. In einer Szene fahren geisterhafte Gestalten mit schwarzen Flügeln durch die Strassen und beliefern den zu Hause vor dem Fernseher sitzenden Künstler mit der eher merkwürdigen Bestellung eines verzehrfertigen Organs. Dieser filmische Gegenpart zu «Songs for dying» entstand in Kollaboration mit dem Künstler Alex Gvojic in New York, als die Stadt gerade wieder aus dem Lockdown erwachte.

Rhythmisch wechseln sich die mal unter Wasser, mal mit Drohnen gefilmten Schauplätze, unterlegt mit einer eindringlichen Soundkulisse, ab. In einer bedächtigeren Sequenz lodert der eingangs angetroffene Vogel. Eine Meeresschildkröte, die in «Songs for dying» starb, schwimmt in «Songs for living» über die Bildfläche. Indem sich manche Elemente durch verschiedene Arbeiten ziehen, changieren Bedeutungen und verschwimmen Grenzen.

Was macht der Plüschhase da?

Das zu Beginn gesehene «Gemälde» erstreckt sich dabei bis in die Videoinstallationen. Einzelne gefilmte Objekte befinden sich in den Räumen. Das führt auch mal zu Absurditäten, etwa wenn dem imposanten «Gemälde» gegenüber ein kleiner Plüschhase sitzt, der Arunanondchais verstorbenem Grossvater gehörte. Verknüpfungen wie diese erschliesst man sich selbst – oder eben auch nicht. Genauso können die mythologischen, popkulturellen und philosophischen Zitate je nach kulturellen Bezugspunkten unterschiedlich übersetzt und verstanden werden. Wenn überhaupt.

Bei der Entschlüsselung der fragmentierten Handlungsstränge hilft die darüber gelegte allmächtige Erzählstimme wenig. Das heisst nicht, dass gar nichts zu verstehen ist – nur vollzieht sich das Verstehen eher über atmosphärische Eindrücke als über logische Schlussfolgerungen. Einer linearen Erzählung von einem einzigen Standpunkt aus widersetzt sich dieses Vorgehen.

Bisweilen ist zweifelhaft, wie ernst die Weisheiten in den englischen Untertiteln gemeint sein können – manche würden auch als Kalendersprüche taugen. Ob da eine westliche Abwehrhaltung gegenüber vermeintlich Unvernünftigem im Weg steht? Wo genau Ost und West liegen und was wozu gehört, weiss man nach den beiden Videos jedenfalls noch weniger als zuvor.

Da ist noch ein anderer Mythos, mit dem sich Arunanondchai auskennt: der des weissen Künstlers. In Bangkok geboren, fand seine künstlerische Sozialisation in New York statt, woraufhin er die Figur des «Denim Painter» erfand. Diese ironische Antwort auf die Verklärung malerischer Prozesse problematisiert auch Zuschreibungen an ihn, die ihn zum globalisierten Phänomen stilisieren. Dennoch bedient er dieselben Mechanismen: Die Denimstoffe sind mittlerweile zu seinem Markenzeichen geworden. Selbst die Geister tragen Jeans.

Die spirituelle Thematik der Ausstellung wirft zudem die Frage auf, inwieweit Arunanondchai Erwartungshaltungen zu erfüllen oder vielmehr zu unterminieren versucht. Und er scheint mit dieser Ambivalenz zu spielen: Für Spiritualität interessiert er sich vermehrt, wie er bei einem Künstlergespräch im Migros Museum sagte, seitdem er in den USA auf die New-Age-Bewegung stiess – und weniger wegen der Meditationsübungen im Kindergarten.

Und warum sollten ausgerechnet Mythen die Lösung sein? Unvoreingenommenheit gegenüber Unsagbarem und Unerklärlichem eröffnet statt eindeutiger Antworten Raum für vielstimmige Erzählungen. Deren produktive Kraft entsteht genau dadurch, dass sie nie ganz zu Ende gedacht werden können.

Korakrit Arunanondchai, «Songs for dying / Songs for living» in: Zürich, Migros Museum, bis 9. Januar 2022. www.migrosmuseum.ch

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