Nr. 42/2021 vom 21.10.2021

Die Gastfreundschaft einer Demokratie

Von geretteten Menschenleben und korrupten Lagerleitern: Das Dorf Bonstetten erinnert sich an das Arbeitslager für internierte jüdische Geflüchtete in den Jahren 1943 bis 1945.

Von Eric Bergkraut

Pause beim Arbeitseinsatz: Das Foto von 1943 zeigt den Vater des Autors in der Schubkarre. Foto: Bergkraut und Demircan

«Wohlgeboren Herr Bundespräsident von Steiger, Bern, Bundeshaus …» schrieb Egon B., staatenlos gewordener Exösterreicher, und versuchte, den Bundesrat beim Familiensinn zu packen. «Zufällig begegnete ich heute auf dem Bahnhof von Winterthur anlässlich des Besuches bei meinen Eltern einem Herrn, der Ihnen, sehr geehrter Herr Bundespräsident, ausserordentlich ähnlich sah und so kam mir der Gedanke, mir den Mut zu nehmen, mich mit meiner Bitte direkt an Sie zu wenden (…) der Gastfreundschaft ihrer Demokratie haben wir das Leben zu verdanken.»

Der Mann, der dem Schweizer Bundespräsidenten schrieb, war mein Vater. Er wusste bereits, dass er als vorläufig Aufgenommener die Schweiz nach Kriegsende wieder verlassen musste. Es ging nicht mehr um Leben und Tod, er bat den Bundesrat bloss darum, seine kriegserschöpften Eltern später noch einmal besuchen zu dürfen. Das Gesuch wurde abgelehnt.

Doch das ist nicht der Grund, weshalb er in den folgenden Jahrzehnten scharf über den ehemaligen Vorsteher des Eidgenössischen Justizdepartements sprach: Von Steiger hatte eine harte Geflüchtetenpolitik betrieben, die für Zurückgewiesene häufig den Tod bedeutete, ein Los, das auch meinen Vater leicht hätte treffen können. (Mir selber bleibt aus der Summe familiärer Fluchtgeschichten eine Aversion gegen beamtete Uniformen- und Entscheidungsträger, die konkreten Situationen nicht immer angemessen, aber kaum überwindbar ist).

Den zitierten Brief kenne ich, weil das Lokalhistoriker:innenpaar Christine und Rolf Werner aus Bonstetten ihn mir geschickt hat. In dieser Zürcher Gemeinde war 1943 ein Arbeitslager für überwiegend jüdische Geflüchtete errichtet worden. Sie alle waren illegal in die Schweiz gelangt, den Nazibehörden aber nicht übergeben worden («Die Ausschaffung ist zurzeit nicht tunlich», war die Sprachregelung des Departements). Das Bonstetter Paar wurde durch Zufall darauf aufmerksam, dass in ihrer Gemeinde ein Arbeitslager bestanden hatte. Sie begannen zu forschen und Zeitzeug:innen zu suchen, sie gewannen die Gemeinde für das Unternehmen. Und sie schrieben ein Buch: «Zuflucht Schweiz im 2. Weltkrieg» (Eigenverlag, 2021). Die dörflichen Ereignisse als ein kleines, beinahe vergessenes Stück Schweizer Geschichte: Demnächst wird in Bonstetten feierlich eine Tafel montiert, die an das Lager erinnert.

Eine Rasierklinge für den Notfall

Das Lager war kein Akt der Schweizer Humanität, sondern basierte eher auf einem Win-win-Konzept. Lebensmittel waren knapp im isolierten Land. Nicht nur auf dem Zürcher Sechseläutenplatz wurde Landwirtschaft betrieben, auch das Wald- und Sumpfgebiet in Bonstetten war plötzlich attraktiv, jedoch fehlten passende Arbeitskräfte, da viele Schweizer Männer Aktivdienst an der Grenze leisteten: Hier die heimische Not und knappe Nahrung, dort die eben Geretteten mit dem Wunsch, sich nützlich zu machen – und auch sie brauchten zu essen. So entstand ein kleines Lager, gebaut für 150 Männer; sie schliefen verteilt auf drei Baracken. Bonstetten hatte damals 800 Einwohner:innen, es war ein Bauerndorf.

Mein Vater hatte sich im Dezember 1942 mit gefälschten Papieren durch Vichy-Frankreich bis an die Schweizer Grenze durchgeschlagen. Im wenigen Gepäck eine Rasierklinge, für alle Fälle. Aber er wurde aufgenommen, wie auch seine beiden Brüder. Nach dem deutschen Einmarsch ins südliche Frankreich standen in der Genfer Gegend für kurze Zeit die Chancen gut, nicht zurückgeschickt zu werden. Mein Vater war fremdenlegionserprobt, zuletzt hatte er in Limoges versteckt gelebt. Die Schweizer Lager jagten ihm keinen Schrecken ein. In vier oder fünf davon lebte er und lernte die Schweiz kennen; er war trainiert und engagiert, so bestellte man ihn zur Kirschenernte ins Fricktal (wo die Bauersleute meinten, zum Speckessen fühle er sich wohl zu fein) und zur Weinlese in die Waadt.

Das Bonstetten-Foto, dass er uns hinterlassen hat, zeigt meinen Vater in der Pause im Schubkarren liegend, fast als Clown. Eine Männergruppe feiert das Überleben. Er erzählte uns Vergnügliches: Wie er eines Samstags mit fünf, sechs anderen Geflüchteten nach Zürich in ein Nachmittagsdancing ging, ein Kamerad offerierte den Eintritt, überraschend wurde er trotz löchriger Hose eingelassen. Aber er blieb nur zweieinhalb Monate in Bonstetten. Nach einem Konflikt mit dem stellvertretenden Lagerleiter, der sich übergriffig verhalten hatte, wogegen er sich gewehrt hatte, wurde er ins Lager Aesch verlegt. Arno Stern, der spätere Pädagoge und Erfinder der «Malorte», verbrachte zwei Jahre in Bonstetten. Er sagt heute, das Arbeitslager sei im Gesamtbild seiner Jugend ein «Stück Heimat».

Edelsteine zum Hochzeitstag

Von Jean Kuisel, Lagerleiter von Bonstetten, heisst es, er sei für die Geflüchteten eingestanden, wenn sich im Dorf Unverständnis über die Präsenz von so vielen Fremden gezeigt habe. Kuisel bezog aber auch, in aller Selbstverständlichkeit, «unentgeltlich zwei Zentner Kartoffeln» aus der Pflanzung. Und liess von Internierten geschlagenes Holz per Lastwagen zu sich nach Hause in die Ostschweiz transportieren. Zum Hochzeitstag liess er sich von einem vermögenden Insassen – solche gab es – zwei Edelsteine schenken. Die Sache kam ans Licht, und Kuisel wurde fristlos entlassen, wie auch der technische Leiter. Das erinnert an Hauptmann L. aus einem anderen Lager, der – gemäss meinem Vater, der in der Küche gearbeitet hatte – systematisch Kartoffeln für seine Schweinezucht abzweigte. Auch er wurde entlassen und später zu Gefängnis verurteilt.

Die Berichte aus den Lagern zeigen eine Korruptionsquote, die überraschen kann. Zumal für ein Land, das sich gerne als Hort der Redlichkeit präsentiert. Und doch handelt es sich um Verfehlungen, die im Rahmen eines Rechtsstaats verfolgt wurden. Die Internierten waren dem Schlimmsten entkommen. Sie hatten zu essen, entwickelten ein Sozialleben. In Bonstetten wurde eine Zeitung geschrieben, Gedichte entstanden, die Internierten waren kulturell aktiv – nicht nur Arno Stern. Es erwuchsen Freundschaften mit jungen Menschen aus dem Dorf.

Widersprüche der Vergangenheit

Kurz bevor mein Vater die Schweiz verlassen musste, hörte er im Zürcher Kongresshaus Bertolt Brechts berühmtes «Gedicht an die Nachgeborenen». Es herrschte Friedenseuphorie. Am Ende des Gedichts heisst es: «Wenn es so weit sein wird, dass der Mensch dem Menschen ein Helfer ist, gedenkt unsrer mit Nachsicht». Brechts Vision kann man aus heutiger Sicht naiv finden: eine unerfüllbare, vielleicht sogar gefährliche Erlösungshoffnung wie auch die Formel der «Gastfreundschaft einer Demokratie».

Aber wer möchte nicht in einem Staat leben, der sowohl demokratisch wie auch gastfreundlich ist? Und Letzteres nicht bloss, wenn sich damit Geld verdienen lässt. Wenn eine Gesellschaft gar keine Visionen pflegt, die man «humanistisch» nennen möchte, was bleibt, wenn nicht der Zynismus? Es ist nicht nötig, eine Zeitung aufzuschlagen, um zu verstehen, wie viele Menschen heute auf unsere Gastfreundschaft angewiesen wären.

Zurzeit wird in der Schweiz über die Errichtung einer nationalen Stätte des Gedenkens für die Jahre des Zweiten Weltkriegs diskutiert. Dabei muss dringend an jene Menschen erinnert werden, die die Schweiz nicht aufgenommen hat, obwohl es möglich gewesen wäre. Aber es muss auch an jene erinnert werden, die die Schweiz gerettet hat. Und an jene, die das ermöglicht haben. Meine Grosseltern sprachen von den «vornehmen Menschen», die sie in «ihren Schweizer Jahren» getroffen hatten. Sie erzählten von einem solidarischen Land, auf das es Grund gibt, stolz zu sein. Und wenn das die Schweiz der Zukunft wäre?

Die beste Investition in die Zukunft sei es, die Vergangenheit luzide und in ihren Widersprüchen zu zeigen. Das geschieht in Bonstetten. Am 29. Oktober 2021 um 14.30 Uhr wird die Erinnerungstafel eingeweiht. Der Musikverein spielt auf. Und gastfreundlich gibt es für alle etwas. Serviert werden nicht Cüpli und Canapé, sondern Kartoffelsuppe und Brot, in Erinnerung an das Essen von damals. Ein Dorf lebt seine Geschichte.

Eric Bergkraut, geboren in St. Maur bei Paris, ist Regisseur und Buchautor. 2019 erschien im Limmat-Verlag «Paradies möcht ich nicht. Roman einer Familie». Sein bekanntester Film ist «Letter to Anna» über die 2006 ermordete russische Journalistin Anna Politkovskaja, deren Ex-Chef Dimitri Muratov am 12. Dezember in Oslo mit dem Friedensnobelpreis 2021 ausgezeichnet wird.

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