Nr. 44/2021 vom 04.11.2021

Der Ausweg in die entertainte Einsamkeit

Von Sibylle Berg (Text) und Julius Thesing (Illustration)

Da springt Reed Hastings. Na ja, springen. Wie ein «mathematisch denkender Softwareingenieur» (O-Ton Reed) halt so springt. Innerlich, stückweit. Reed – wie ihn Freunde nennen – hatte just mit seinen eigenen Händen, und dem Schwung seines Expartners Randolph – «Lass mal was wie Amazon machen» – ein Vermögen von circa 5,7 Milliarden Dollar erarbeitet. Aber im Moment zieht die Sache noch einmal richtig an.

Reed Hastings’ Unternehmen Netflix hat laut Bloomberg einen Gewinn von 900 Millionen Dollar mit dem seriegewordenen Fazit der Pandemie –

«überleben und Kohle machen» –

eingenommen. Das südkoreanische «Squid Game» ist mit 130 Millionen Zuschauer:innen die erfolgreichste Torture-Porn-Serie aller Netflix-Zeiten.

Wie «The Walking Dead» eventuell den Hass gegen Verlierer:innen des Kapitalismus legitimiert hat, ist es nun der Hass auf jede:n, der oder die man nicht selber ist, der Hastings und seinen Aktionär:innen einen Kursanstieg von sieben Prozent beschert. Das mit 278,1 Milliarden Dollar bewertete Unternehmen hat einen Grossteil seiner Steuerzahlungen mit Abschreibungen und Offshorekonten geregelt und zieht es vor, seinen Beitrag an die Infrastruktur philanthropisch zu leisten. In den USA ist Netflix für mehr als ein Drittel des Internetverkehrs verantwortlich. 2020 erzeugte das Unternehmen rund 1,1 Millionen Tonnen Kohlendioxid.

Schwamm drüber.

Und Schluss mit dem kleinbürgerlichen Genörgel.

Man hat doch die Wahl.

Zum Beispiel – Menschen mit einem Einkommen über einer Milliarde generell für das zu halten, was sie sind: Kapitalist:innen, die sich auf der Suche nach Mehrwert die Welt aneignen. Oder einer differenzierteren Einteilung in «böse Kapitalist:innen», die sich die Erde einverleiben, und gute, die dabei ein paar Esswaren von ihrem Tisch an die Menge abgeben.

Hastings’ Unternehmen, wir erinnern uns, CO2, ist Teil des Green Power Partnership der amerikanischen Umweltschutzbehörde.

Prost.

Netflix hat ein altes System des Missbrauchs, der Korruption, der Waschung von Vatikangeldern und der CIA-finanzierten Meinungsbilderfilme durch etwas Neues ersetzt.

Diverse, junge, frische Filme für neue Menschen. Weg von der Gottgleichheit der männlichen Hollywoodmogule, weisser Filmförderungen und Programmleitungen – hin zu einer besseren Entertainingwelt.

Ablenkung und Datenbanken für alle Nutzer:innen des Dienstes. Sie wissen schon: die Algorithmen mit den Sehempfehlungen, denen eine Aufschlüsselung all Ihrer Konsumverläufe zugrunde liegt.

2020 konnte Netflix 36,5 Millionen neue Abonnent:innen gewinnen und hatte Ende Jahr über 200 Millionen zahlende Kund:innen, fällt mir dabei unzusammenhängend ein. Welch ein Geschenk, in der Zeit der Isolation, für jene, die im Homeoffice sein durften oder im Hausschulbetrieb oder eben einfach nur zu Hause, dass es Netflix gab, mit all dem wunderbaren Zeug, wie grossartig, dass in aller Regel nicht so gesellige Kapitalisten und Programmiererinnen dem Menschen den Ausweg in die entertainte Einsamkeit gezeigt haben. Zoomen, Gamen, Shoppen, Arbeiten, Fernsehen und Onanieren – alles ohne Kontakt zur realen Aussenwelt. Denn wo soll die sein, die sogenannte Realität? In Grenzkontrollen und Kriegen, in brennenden Wäldern oder gefluteten Häusern mit automatischen Hunden.

Da ist nichts, was mit der Attraktivität eines guten Onlineangebots mithalten kann.

Bei aller Freude an Technologien, mit allen wundervollen Möglichkeiten, sich von der Banalität des Lebens abzulenken, die sie uns schenken, ist von der kurzen naiven Hoffnung, dass unser aller Zukunft ein selbstbestimmter Hort des Friedens und der grünen Freizeitparks ist, in dem diverse Menschen Hand in Hand schlendern, nichts eingetreten. Es werden alte Systeme von Kapitalist:innen durch neue Systeme ausgetauscht, die Massen haben die Freiheit, zu wählen, ob sie Userinnen oder Verbraucher sein wollen, die ihre Lebenszeit und Lebenserhaltungssysteme für und mit Kapitalist:innen vernichten, die ihr Geld in Oasen bei der Paarung beobachten. Hastings finanzierte ein Retreat für Lehrpersonen, entrichtete 120 Millionen Dollar an Ausbildungsstätten für vornehmlich Schwarze Studierende, gab 200 Millionen an einen Ausbildungsfonds – er könnte das Geld natürlich auch einfach behalten – oder die Staaten, denen er Steuern schuldet, entscheiden lassen, was sie damit tun.

Aber – das wäre eine Utopie, die über die simple Fantasie von «Squid Games» hinausgeht.

Sibylle Berg lebte in Ostdeutschland, Rumänien und Tel Aviv und wohnt seit langem in der Schweiz. Sie brach wie alle Start-up-Entwickler:innen ihr Studium (Ozeanografie) ab und entwickelte keine Plattform, sondern schreibt Bücher und Theaterstücke.

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