Science-Fiction : Blutstaben aus der Zukunft

Nr.  3 –

Keine Lust auf Houellebecq? Endlich gibt es auch Alain Damasio auf Deutsch zu lesen. In seinem neusten linksradikalen Bestseller sucht er nach utopischen Auswegen aus dem Überwachungskapitalismus.

In Alain Damasios Roman geht es auch um die vielfältigen Formen des Widerstands in den Nischen der Zukunft. Im Bild die «Zone à défendre» bei Nantes, 2017. Foto: Ursula Häne

Paris ist jetzt Privatbesitz: Die ganze Stadt gehört neuerdings LVMH, kurz für Moët Hennessy Louis Vuitton, dem weltweiten Branchenführer für Luxusgüter. Auch die Stadt mit dem bedeutendsten Filmfestival der Welt hat einen standesgemässen Eigentümer gefunden: Cannes gehört jetzt dem Medienkonzern Warner, der sich für viel Geld auch sämtliche Namensrechte an der Stadt sicherte. Der Telekomanbieter Orange ist da billiger weggekommen, denn die Stadt, die er aufgekauft hat, hiess vorher schon so: Orange.

Willkommen im Jahr 2040, in der voll privatisierten Zukunft von Alain Damasios fantastischem Roman «Die Flüchtigen». In Frankreich ist Damasio ein Phänomen. Schon dreimal wurde der 52-Jährige mit dem Grand Prix de l’Imaginaire ausgezeichnet, dem ältesten und wichtigsten Preis für fantastische Literatur in Frankreich. Dabei hat Damasio, der auch als Soundkünstler und Entwickler von Videospielen tätig ist, seit 1999 erst ein paar wenige Bücher veröffentlicht, neben etlichen Kurzgeschichten. Seine drei Romane haben sich insgesamt weit über eine halbe Million mal verkauft, nur schon «La Horde du Contrevent» (2004) ist mit 300 000 verkauften Exemplaren ein absoluter Bestseller. «Die Horde des Windes» gibts zwar schon auf Deutsch, aber erst als Comic. Von Damasio selber gabs bis vor kurzem nichts in deutscher Übersetzung.

Jetzt aber: «Die Flüchtigen». Die Aussichten auf dem deutschsprachigen Buchmarkt: schwierig. Nicht nur, weil man sich hier, wo schon ein smartes Gedankenspiel wie Hervé Le Telliers «Die Anomalie» als experimentelle Literatur gefeiert wird, mit Fantastik notorisch schwertut. «Die Flüchtigen» ist zudem ein vielstimmiges Ungetüm: ausufernd, total abgefahren und verspielt bis in die Typografie, leider auch öfter mal auf seinen über 800 Seiten sehr geschwätzig. Und irgendwo mittendrin dieser zärtliche Satz eines trauernden Vaters: «Wenn es die Schwerkraft in all ihren Bedeutungen nicht gäbe, müssten wir unsere Kinder mit Schnüren an die Erde binden, um sie nicht jeden Abend im Himmel suchen zu müssen.»

Tishka heisst die geliebte Tochter, die eines Tages einfach aus der Welt der Erwachsenen verschwunden ist, wie vom Kinderzimmer verschluckt. Mutter Sahar verdrängt ihre Trauer, Vater Lorca dagegen ist besessen von der Idee, dass Tishka nicht etwa tot oder verschollen ist: Was, wenn sie sich förmlich verflüchtigt hat, um sich jedem menschlichen Zugriff zu entziehen? Was, wenn sie zu den «Flüchtigen» übergelaufen ist?

Urbanist im Widerstand

Diese unsichtbare neue Lebensform ist anfangs nur ein Gerücht. Das Militär erforscht sie im Geheimen, aber so richtig ernst genommen wird die dafür zuständige Sondereinheit nicht. Trotzdem lässt sich Lorca in der Armee zum Flüchtigenjäger ausbilden, in der Hoffnung, dabei seine Tochter zu finden. Für Mutter Sahar ist das Gerede von den Flüchtigen nur eine Legende, an der man sich festklammern kann. Wunderbar freie Wesen, die angeblich jenseits unserer begrenzten Wahrnehmung existieren? Eine praktische ideologische Fantasie, meint Sahar: Der unmögliche Wunsch, dem digitalen Tracking zu entgehen, werde so einfach auf diese sagenhaften Flüchtigen projiziert.

Und der Überwachungskapitalismus ist in diesem Roman tatsächlich absolut geworden. Oft liest sich das wie ein gar nicht so futuristisches Wimmelbild: Der ganze städtische Raum wird hier von einer Umgebungsintelligenz bespielt, die alle unsere Bedürfnisse antizipiert – überall Interfaces, die auf Schritt und Tritt personalisierte Kaufangebote bereithalten. Oder wie eine Figur einmal kommentiert: «Unsere Städte sind empfindsame Gefängnisse.» Und ganz unten in der sozialen Ordnung ist ein neues Lumpenproletariat entstanden, das nicht zufällig ans heutige Influencerwesen erinnert: Die «Verbettler» heissen so, weil sie nicht mal mehr um Almosen für sich selbst betteln, sondern einen Kauf für die Marke oder Plattform abbetteln, in deren Dienst sie stehen.

Was Damasio dabei auszeichnet: So konsequent er seine dystopische Vision ausmalt, noch viel leidenschaftlicher ist er bei der Sache, wo es um die vielfältigen Formen des Widerstands geht. «Der Boden kann warten» heisst ein Kapitel, in dem eine Gruppe von Aktivist:innen einen Polizeihubschrauber vom Himmel holt, als wärs ein linksautonomer Actionfilm – dazu feiert der Autor wie ein Urbanist aus der Zukunft eine ganze Galerie von widerständigen Wohnformen im Jahr 2040. Die Städte, so lässt er eine Aktivistin dozieren, seien seit jeher viel zu sehr vom Boden aus gedacht, von der Strasse her: «Das Auto hat unsere Städte erschaffen.» Dagegen hätten sich nun eben Bewegungen wie die «Firmamentler» gebildet, die die Dächer der schicken Wohnkomplexe besetzen, und andere, die in Kokons an Fassaden leben.

Keine Frage, Damasio ist Sympathisant – und tendiert als Erzähler manchmal zum aktivistischen Referat. Und wenn seine Figuren in den verschiedenen Bewegungen unterwegs sind, die sich in den Nischen seiner Big-Data-Zukunft eingenistet haben, hat man unweigerlich die selbstverwaltete Zone von Notre-Dame-des-Landes vor Augen, die seit 2007 in der Nähe von Nantes besteht. Im Sammelband «Éloge des mauvaises herbes» (Lobrede aufs Unkraut) hat sich Damasio schon für die dortige Besetzung starkgemacht, neben Leuten wie Virginie Despentes und David Graeber.

Das Kind als Fabelwesen

Doch die utopischste Form von Widerstand in seinem Roman verkörpern eben die Flüchtigen. Sie zeigen sich nie, aber hinterlassen kryptische Zeichen, die zu ausgiebigsten Deutungsversuchen führen. Wie diese Wesen aussehen? Schwer zu sagen, denn einfangen lassen sie sich nicht. Und wenn doch mal eins erspäht wird, erstarrt es augenblicklich zu einer keramischen Plastik. Man mache sich keine Illusionen: Ist die Existenz der Flüchtigen erst mal erwiesen, wird die Politik sie als neues Feindbild zur Jagd freigeben.

Doch zuvor gelingt es den Eltern tatsächlich, ihre flüchtige Tochter zurückzuholen. Sie ertasten dann ein pelziges, vielleicht geflügeltes Fabelwesen, das sich laufend zu verwandeln scheint, aber immer noch nach Kind riecht – nur ansehen dürfen sie ihre Tishka nicht, weil ein Blick sie eben töten würde. Das Orpheusmotiv wird hier mit einer posthumanistischen Version der Legende von Kaspar Hauser kurzgeschlossen, frei von jeglichem Naturkitsch. Denn die neue Tishka kann jetzt zwar eine Unmenge von Tiergeräuschen perfekt imitieren, aber genauso gut beherrscht sie auch eine riesige Palette von Klingeltönen, Werbejingles und Geräuschen von Lieferdrohnen.

Auch die Silben wuchern ganz zauberhaft, wenn Tishka redet. «Wir verwolfen uns eigentlich», erklärt sie einmal das Wesen der Flüchtigen, sprachlich noch relativ geordnet. Die Worte dieses hybriden Kinds schiessen wild ins Kraut. Das Gegenteil von dunkel? «Fell.» Von Leben? «Entsterben.» Auch sonst verlangt das der Übersetzerin Milena Adam alles ab. Wenn Tishka von «la sangue» redet, also das französische Wort für «Sprache» mit dem Wort für «Blut» transfusioniert, findet sie auf Deutsch dafür die «Blutstaben». Und «les fifs», wie die «furtifs», die Flüchtigen, umgangssprachlich genannt werden, heissen bei ihr Flüchse, wie eine geschmeidige Wortkreuzung aus Flucht und Füchsen.

Biopunk statt Cyberpunk

Hybride Lebensformen, sprachlicher Spieltrieb, irrwitzige Action: Bei allem, was in diesem Buch steckt, ist es doch etwas schade, dass es nicht straffer lektoriert wurde. Denn was Alain Damasio hier entwirft, geht weit über eine landläufige Kritik am Überwachungskapitalismus hinaus. Dieser Roman sucht einen Ausweg aus dem Anthropozentrismus, ein utopisches Gegengift zu unserer «akuten Hominitis». Wie es einmal über die hybride Tishka heisst, als diese zur Galionsfigur für eine neue Bewegung wird: «Sie ist die Luke, durch die wir das Ende des Anthropozäns erkennen können.»

Gegen die Verheissungen des Transhumanismus, der die Menschen in der Verschmelzung mit der Technik für die Zukunft rüsten will, bringt Damasio soziale Bewegungen und neue Verbindungen in Stellung: eine Hybridisierung mit dem Tierischen und dem Pflanzlichen. Oder wie er in einem Interview sagte: Cyberpunk sei eine Sackgasse, die Zukunft gehöre dem Zoopunk oder dem Biopunk.

Alain Damasio: Die Flüchtigen. Roman. Aus dem Französischen von Milena Adam. Matthes & Seitz. Berlin 2021. 838 Seiten. 40 Franken