Neue Anfänge : Paläste für alle!

Nr.  4 –

Wer sich nur auf Herrschaft, Reichtum, Fortschritt und Hierarchien konzentriert, kann keine Geschichte der Menschheit schreiben. David Graeber rückt in seinem letzten Buch die Vergangenheit zurecht – und fordert uns auf, bessere Fragen zu stellen.

Die Stadt, wo der soziale Wohnungsbau in Amerika begann: Teotihuacán mit der Sonnenpyramide­ in der Nähe des heutigen Mexiko-Stadt. Foto: Bruno Monteny, Alamy

Das Buch ist grossartig. Lesen Sie es, wie das Hunderttausende weltweit bereits getan haben, seit «Anfänge. Eine neue Geschichte der Menschheit» im englischen Original erschienen ist. Unzählige Lesegruppen haben sich im Netz schon gebildet, die Verkaufszahlen sind beeindruckend. Was die Frage aufwirft: Wie schafft es eine Publikation, die sich mit neolithischen Siedlungsstrukturen, gesellschaftlichen Organisationsprinzipien der Wendat-Stammesgruppe, Schismogenese in Nordwestamerika und mitteleuropäischen Begräbnissen befasst, ein internationaler Bestseller zu werden?

Die Resonanz, auf die der Band stiess, geht einerseits auf die traurigen Umstände der Entstehung zurück: Vier Wochen nach Abgabe des Manuskripts ist einer der beiden Autoren, David Graeber, in Venedig unerwartet mit gerade mal 59 Jahrengestorben. Für viele Aktivist:innen und Intellektuelle weltweit war und ist er eine der wichtigsten antihegemonialen Stimmen der Gegenwart. Die Nachricht von seinem Tod löste eine Welle der Trauer aus – und steigerte die Neugier und das Interesse an seinem letzten Buch.

Falsch und langweilig

Andererseits und wichtiger: Graeber und sein Ko-Autor David Wengrow treten hier an, nichts weniger als den Gang der Menschheitsgeschichte zu ändern – und zwar nicht, indem sie Zukunft oder Gegenwart in den Blick nehmen. Vielmehr rücken sie den bereits vergangenen Teil der Geschichte zurecht. Dieser Kniff ist so einfach wie verblüffend. Die empirisch gesättigte Neuinterpretation der Geschichte soll bewusst machen, dass wir Menschen unsere Geschichte in den eigenen Händen halten. Ja, dass uns diese Fähigkeit erst zu Menschen macht, wie Graeber und Wengrow schreiben: «Wir Menschen sind Projekte kollektiver Selbsterschaffung. Wie wäre es, wenn wir auch der Menschheitsgeschichte mit dieser Prämisse begegnen würden? Wie wäre es, wenn wir die Menschen ab dem Beginn ihrer Geschichte als fantasievolle, intelligente, spielerische Wesen behandeln würden, die es verdienen, als solche verstanden zu werden?»

Dieser Zugang erzeugt einen Sog, weil die Notwendigkeit, der Geschichte einen anderen Verlauf zu geben, zwar seit mindestens dreissig Jahren offenkundig ist, die realen politischen Ambitionen und Optionen aber zunehmend trivial erscheinen. Die Offenheit und die schöpferische Kraft des Politischen werden zwar vielerorts beschworen – doch diese Begriffe verkommen angesichts des beschränkten Politikverständnisses im politischen Betrieb und – man muss es sagen – in der Politikwissenschaft zu Worthülsen. Vor diesem Hintergrund wirkt das Buch, an dem Graeber und Wengrow zehn Jahre lang gearbeitet haben, als Versprechen und Memento zugleich: Es öffnet (wieder) politische Denk- und Handlungsräume, die bislang gut versteckt und fest verschlossen schienen.

«Anfänge» ist ein inspirierendes, lebendiges Sammelsurium von Geschichten, Hinweisen, Überlegungen, die sich über 30 000 Jahre rund um den Globus ausbreiten. Es ist eine Mischung aus detaillierten Beschreibungen archäologischer Funde, Analysen von Begegnungen zwischen europäischen und «indianischen» Intellektuellen, einer Suche nach den Ursprüngen des Staates, aber auch vielen ungeklärten Fragen und Zweifeln. Das Buch ist eine Globalgeschichte mit losen Enden, mit der Absicht, zu zeigen, dass «das herkömmliche Narrativ der Menschheitsgeschichte nicht nur falsch, sondern völlig langweilig ist».

Das Argument der beiden Davids, kurz und knapp: Es gibt in der Geschichte der Menschheit keine zwangsläufige Verzahnung von Fortschritt, Herrschaft und Hierarchie. Die Menschen haben stets mit unterschiedlichen Formen sozialer Selbstorganisation experimentiert. Was die archäologische und anthropologische Evidenz offenlegt, ist eine Fülle an kreativen Antworten auf die Frage, wie man gemeinsam leben und sich organisieren soll. Und man fragt sich bei der Lektüre unweigerlich, wieso wir diese Episoden demokratischen Experimentierens der letzten 30 000 Jahre nicht aus der Schule kennen, sondern erst durch Graeber und Wengrow davon erfahren.

Debatte statt Inquisition

So ist die Entstehung von Städten nicht, wie oft behauptet, an die Existenz von Bürokratien, konzentriertem Reichtum und politischer Machtausübung geknüpft. Städtische Gesellschaften sind nicht auf die offene Inszenierung von «Arroganz, Selbsterniedrigung und Grausamkeit» angewiesen, um sich zu versorgen und zu regieren. Graeber und Wengrow beschreiben das Beispiel der Megasiedlung Taljanky in der Ukraine, die vor rund 6000 Jahren entstanden ist. Mit 300 Hektaren war sie flächenmässig etwa viermal so gross wie die heutige Berner Altstadt. Hinweise auf Verwaltungseinrichtungen oder einen gebauten Zentrumskomplex gibt es nicht. Die Mitte der Siedlung, um die rund tausend Häuser angeordnet sind, ist leer. Zwischen den Wohnhäusern gibt es in regelmässigen Abständen leicht versetzte Gemeinschaftshäuser.

Die Lebensweise war durchaus komplex: Man bewirtschaftete Obstgärten, Wälder, hielt Vieh, jagte Wild, importierte Salz und andere Produkte. Es wurde auch Überschuss erwirtschaftet, der jedoch nicht von einer Elite abgeschöpft wurde. Herausragend an dieser Siedlung ist der spielerische Umgang mit den Regeln des Zusammenlebens, der sich etwa in der Formenvielfalt der Keramik zeigt, die jeder Haushalt herstellte: «Es ist, als hätte in jedem Haushalt ein Künstlerkollektiv seinen eigenen unverwechselbaren ästhetischen Stil gefunden.»

Für gegenwärtige politische Debatten elektrisierend ist das Kapitel über die indigenen Ursprünge des sozialen Wohnungsbaus und der Demokratie in Amerika. Die Stadt Teotihuacán entstand ungefähr 100 Jahre vor unserer Zeitrechnung und beherbergte in ihrer Blütezeit rund 100 000 Einwohner:innen. Unmittelbar nach ihrer Gründung wurden grosse Monumente errichtet, die das Zentrum der Stadt bildeten. Doch rund 400 Jahre später setzten die Menschen die Monumente in Brand und entweihten die Tempel. Auf den Bau neuer Monumente wurde daraufhin verzichtet. Dafür entstanden grosszügige Wohnbauten, ausgerichtet an einem orthogonalen Strassennetz. Paläste, wie viele Archäolog:innen meinten? Das schon, aber eben Paläste für fast alle der 100 000 Einwohner:innen der Stadt.

Ähnlich spannend liest sich das Beispiel der Stadt Tlaxcala, die eine entscheidende Rolle bei der spanischen Eroberung des Aztekenreichs spielte. Zuerst kämpfte Tlaxcala gegen Hernán Cortés’ Streitkräfte, bis sie sich nach einem abrupten Strategiewechsel mit der spanischen Armee verbündete. Interessant ist, wie dieser Entschluss gefasst wurde. Während weite Teile Europas von Königshäusern und der Inquisition beherrscht wurden, versammelte sich in Tlaxcala das Stadtparlament, um über die beste Vorgehensweise zu debattieren. Elaborierte Verfahren und rhetorisch versierte Mitglieder sorgten dafür, dass ein Konsens gefunden werden konnte. Stadtdemokratie in Praxis.

Freiheit zum Ungehorsam

Man könnte noch zahlreiche Beispiele anführen, doch die lesen sich spannender und besser im Buch selber. In ihrer Gesamtheit untermauern sie eindrücklich Graebers und Wengrows Argument, den Menschen wieder als genuin politisches Wesen in die Geschichte einzuführen, das immer wieder in der Lage war, Freiheiten zu erkämpfen und mit diesen virtuos umzugehen: «die Freiheit, seine eigene Gemeinschaft in dem Wissen zu verlassen, man sei in weit entfernten Ländern willkommen; die Freiheit, saisonal zwischen verschiedenen Sozialstrukturen zu wechseln; und die Freiheit, Autoritäten ohne böse Folgen nicht zu gehorchen». Unsere fernen Vorfahr:innen, so zeigen Graeber und Wengrow, haben diese Freiheiten alle genutzt, selbst wenn das heute für viele von uns undenkbar erscheint.

Das Buch fordert uns auch dazu auf, bessere Fragen zu stellen, um diese Freiheit zurückzugewinnen. «Die Menschheit hat ihre Geschichte vermutlich nicht in einem Zustand uranfänglicher Unschuld begonnen, aber sie begann sie offenbar mit einer bewussten Abneigung dagegen, herumkommandiert zu werden. Wenn dem so ist, können wir unsere Ausgangsfrage zumindest differenzierter stellen: Das wirkliche Rätsel ist nicht, wann erstmals Häuptlinge oder Chefs oder sogar Könige und Königinnen auf der Bildfläche erschienen, sondern ab wann es nicht mehr möglich war, sie einfach durch Gelächter zu vertreiben.»

Philippe Koch ist Professor für Stadtpolitik und urbane Prozesse an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Winterthur.

David Graeber und David Wengrow: Anfänge. Eine neue Geschichte der Menschheit. Aus dem Amerikanischen von Henning Dedekind, Helmut Dierlamm, Andreas Thomsen. Klett-Cotta. Stuttgart 2022. 672 Seiten. 43 Franken