Tierschutz : Grundrechte für Verwandte

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Die Schweiz stimmt über ein Tierversuchsverbot ab – und Basel-Stadt über Grundrechte für Primaten. Mit einer Anthropologin im Affenhaus und einem Neuroinformatiker im Tierversuchslabor der Frage auf der Spur, ob solche Rechte angemessen sind.

«Viel Verhaltensforschung von Primaten geschieht in Gefangenschaft», sagt die Forscherin Julia Kunz: Schimpanse im Affenhaus des Basler «Zolli».

Der junge Orang-Utan legt ein Stück Stoff um den künstlichen Ast und schwingt daran hin und her. Julia Kunz lacht. Die Anthropologin lacht viel im Affenhaus des Basler Zoos – obwohl sie Menschenaffen sonst in der Wildnis erlebt.

Für ihre Forschung beobachtete Kunz vor allem Orang-Utans auf Borneo und Sumatra. «Manche Orang-Utan-Kulturen nutzen Regenschirme», sagt sie. «Bis Jane Goodall 1960 Schimpansen beobachtete, glaubte man, der Mensch verwende als einzige Spezies Werkzeuge.» Heute ist bekannt, dass Schimpansen, Orang-Utans und gar Rabenvögel Werkzeuge nutzen. «Je mehr wir lernen, desto besser kann man die Tiere und ihren Lebensraum schützen.»

Kunz schätzt Zoos als Bildungsinstitutionen und betont deren Bedeutung für die Wissenschaft. «Viel Verhaltensforschung von Primaten geschieht in Gefangenschaft.» Wer die Tiere in ihrem Ökosystem verstehen will, müsse natürlich «ins Freiland», doch in Zoos können «Kapazitäten» erforscht werden: Verhaltensweisen, die die Primatenarten wild nicht zwingend zeigen, bei Schimpansen etwa die Fähigkeit zur Empathie. «Von sich aus teilen Schimpansen im Freiland nicht.» In Zoos erlebe man sie «grosszügiger». Der Mensch gelte als Primat mit «ausserordentlich ausgeprägtem prosozialem Verhalten». Manche seiner weiter entfernten Verwandten seien sozialer als viele Menschenaffen: Bei den Weissbüscheläffchen bewältigen Mütter, Väter und Geschwister die Aufzucht der Jungen gemeinsam.

Sind die 300 Primatenarten den Menschen so nah, dass sie mehr Rechte verdienen als andere Tiere? Mehr Rechte als Mehlwürmer – aber auch als Elefanten? Seit letztem Sommer koordiniert Kunz eine Gorillabeobachtungsstation im Kongo. In der Schweiz ist sie nur ein paar Wochen; lokale Politik verfolgt sie kaum. Doch dass Basel-Stadt Mitte Februar abstimmt, ob nichtmenschliche Primaten Grundrechte erhalten, interessiert Kunz.

Konkret stünden nach einer Annahme das «Recht auf Leben» und «das Recht auf körperliche und seelische Unversehrtheit» für «nichtmenschliche Primaten» in der Kantonsverfassung. Die Initiative der Organisation Sentience Politics birgt Sprengkraft, denn solche Rechte wären eine Weltneuheit. Wie beurteilt man, ob die Orang-Utans im Affenhaus seelisch unversehrt sind? Keine Gesellschaft musste sich dieser Frage bisher stellen.

Der «Zolli» ist dagegen

Das Bundesgericht hat entschieden, dass die Grundrechte nur für Tiere in Kantonsbesitz direkt gälten. Solche gibt es nicht; soweit bekannt leben in Basel-Stadt neun Kapuzineräffchen im Tierpark Lange Erlen und 122 nichtmenschliche Primaten im Zoo. Zur Umsetzung der Initiative könnte die kantonale Politik aber eine Ombudsperson einsetzen, die die Grundrechte dieser Tiere durchsetzt.

Julia Kunz, Anthropologin Foto: Eleni Kougionis

Da die Grünen und die SP die «Grundrechte für Primaten» unterstützen, hat die kantonale Initiative Chancen. Deshalb wird leidenschaftlich gestritten: Bürgerliche behaupten, es drohe Schaden für den Wirtschafts- und Forschungsstandort. Dabei führen die Pharmakonzerne Novartis und Roche in Basel-Stadt momentan gar keine Primatenversuche durch.

Der lauteste Gegner ist der Zoo, den in Basel alle liebevoll Zolli nennen. Sprecherin Corinne Moser schreibt der WOZ, der Zolli wisse «aus verlässlicher Quelle», dass eine qualifizierte Person das Ombudsamt «kaum» übernehmen würde. Diskussionen über das Mensch-Tier-Verhältnis seien «legitim», doch «Grundrechte tragen nichts zum Schutz und Wohlergehen eines Tieres bei». Im Gegenteil könnten sie bewirken, dass «sich der Mensch in Zukunft noch mehr von der Natur entfremdet». Denn die Initiative bedeute mittelfristig das Ende des Affenhauses und schade zudem der Arterhaltung. Zu den Zuchtprogrammen gehören Tiertransporte. «Nun könnte es sein, dass plötzlich irgendjemand, der sich an solchen Transporten stört, reklamiert», schreibt Moser. Der Zolli befürchtet offenbar eine Klagewelle von Leuten, die die Grundrechte der Tiere verletzt sehen.

Anders als der Zolli halten sich Roche und Novartis im Abstimmungskampf eher zurück. Mit den beiden Pharmakonzernen steht der Zoo Basel gut: Vergangenes Jahr stifteten Roche-Erben zwanzig Millionen Franken, und vor zehn Jahren hat sich die Familienstiftung einer Novartis-Vorgängerfirma das Affenhaus 25 Millionen Franken kosten lassen.

Valerio Mante, Neuroinformatiker

Die Initiant:innen fordern kein Haltungsverbot. Als Sentience Politics die Initiative vor sechs Jahren lancierte, entfiel ein Grossteil der Primatenversuche in der Schweiz auf die Basler Pharma. Es ist nicht wegen des Zolli, dass die Stimmberechtigten ausgerechnet in Basel-Stadt weltweit erstmals über Grundrechte für nichtmenschliche Primaten abstimmen. 1335 leicht bis schwer belastende Primatenversuche fanden zwischen 2010 und 2018 in der Schweiz statt, viele davon in Basel-Stadt.

Novartis beendete die Primatenversuche am Rheinknie 2016 und hat diese an «externe Partnerfirmen in verschiedenen Ländern» ausgelagert. Ob für immer, ist offen: In «naher Zukunft» seien in Basel keine geplant, teilt eine Sprecherin mit. Zwei Jahre nach Novartis stoppte Roche die Primatenversuche «aufgrund des Neubaus», der nicht für «die sehr platzintensive Haltung» geeignet sei, wie es auf Anfrage heisst. Die Affenversuche von Roche finden weiterhin konzernintern, aber im Ausland statt. Wo, will die Roche-Sprecherin nicht offenlegen. Es sei aber «wichtig zu erwähnen», dass 97 Prozent der Versuchstiere Nager seien. «Die restlichen 3 Prozent decken alle anderen Spezies wie unter anderem Fische oder nichtmenschliche Primaten ab.»

Implantierte Chips

Seit dreissig Jahren fordert die Bundesverfassung, der Würde aller Kreaturen «Rechnung zu tragen». Das Tierschutzgesetz schützt die Tierwürde. Doch dieser Schutz wird ausgehebelt, wenn menschliche Interessen jene von Tieren überwiegen – zum Beispiel, wenn Menschen Tiere essen wollen oder bei Tierversuchen. Hätten Menschenaffen Grundrechte, wären solche sogenannte «Güterabwägungen» nicht mehr zulässig. Belastende Primatenversuche gäbe es nie wieder in Basel-Stadt.

Die Abwägung zwischen den Interessen von Tieren und der Gesellschaft steht am Anfang von Professor Valerio Mantes Versuchen. Mante erforscht an Universität und ETH Zürich die Funktionsweise des präfrontalen Kortex, jenes Teils des Gehirns direkt hinter der Stirn. Weil Mäuse nicht über diese Gehirnregion verfügen, gebe es keine Alternative zu Primaten. Dereinst sollen die Erkenntnisse helfen, die neurologischen Vorgänge hinter Krankheiten wie Depressionen und Schizophrenie zu verstehen. Ausser Mante führt in der Schweiz derzeit einzig die Universität Fribourg belastende Primatenversuche durch.

Maskenpflicht herrscht beim Zürcher Makakengehege nicht erst seit der Pandemie. Dass Menschen die Tiere anstecken, muss unter allen Umständen verhindert werden. Die Tiere sind zu wertvoll und werden immer wertvoller: In vier Jahren haben jene Tiere, die bei den täglichen «Trainings» mitmachen, gelernt, dass es Futter gibt, wenn sie auf den «Versuchsstuhl» steigen. Dass es Sirup gibt, wenn sie in die Maske blicken, die ihren Blick erfasst. «Hey good, Allan!», sagt die Tiertrainerin im Video. Alle «Trainings» werden dokumentiert.

Der Alphaaffe machte noch bei keinem «Training» mit. Mante betont, dass kein Tier zum Mitmachen gezwungen werde. Könnte er bei den Versuchen also die Grundrechte der Tiere wahren? «Nein», sagt Mante. Einige Versuchsetappen stehen noch aus. «Es sind chirurgische Eingriffe geplant, bei denen den Tieren Chips implantiert werden, die ihre Gehirnströme messen.» Dieselben Chips seien in den USA bereits Menschen implantiert worden. Doch es ist klar: «Beim Menschen darf man das nur, wenn daraus ein direkter Nutzen für den Patienten entsteht.» Die Makaken haben keinen Nutzen – und trotzdem werden sie operiert.

Extrem und konsequent

«Jede Coronaimpfung ist an Primaten getestet worden. Bei vielen Medikamenten ist das vor dem Test am Menschen gesetzlich vorgeschrieben», sagt Mante. Er fände es gut, die Basler Pharma hätte ihre Versuchsanlagen in der Schweiz behalten. Hier habe man die finanziellen Mittel, Versuche so sachte wie möglich zu vollziehen. Die Basler Initiative findet Mante «realitätsfremd, fast scheinheilig». Sie blende negative Folgen aus – anders als die schweizweite Initiative für ein Tier- und Menschenversuchsverbot, die am selben Sonntag an die Urne kommt. Gegenüber dieser empfindet Mante Respekt: «Sie ist extrem, aber wenigstens konsequent: Dort werden die Versuche nicht nur in der Schweiz verboten, sondern auch der Import von an Tieren getesteten Medikamenten.» Die Befürworter:innen seien bereit, mit den Folgen zu leben.

Dass man Primaten schützen wolle, verstehe er. «Sie sind uns objektiv näher als andere Tiere. Aber die Differenzen innerhalb der Primaten sind gross.» Wäre Mante denn für Grundrechte für Menschenaffen? Er seufzt: «Die Entscheidung, wo man die Grenze zieht, finde ich schwierig.» Die biomedizinische Forschung könne momentan ohne Menschenaffen auskommen, aber nicht ohne Makaken. Die Forschung werde sich ändern. Als Neuroinformatiker ist er überzeugt, dass es möglich sein wird, komplette Gehirne zu simulieren. «Aber wir sind noch nicht so weit – und auch nicht in fünf oder zehn Jahren.»

Die Stimmberechtigten in Basel entscheiden als Erste, ob sie Primaten Grundrechte zusprechen. Es scheint wichtig, sich zu vergegenwärtigen, wie Menschen in der Schweiz von Primatenversuchen im Ausland profitieren. Aber wenn das Argument gewänne, dass man lokal nicht die Welt ändert, gäbe es auch keinen Klimanotstand.

Am Abstimmungssonntag ist Julia Kunz längst wieder im Kongo. Sie hofft, dass eine Annahme auch in über 5000 Kilometer Entfernung Auswirkungen hätte: «Im Lokalen geht es um Primaten in Gefangenschaft. Davon losgelöst beinhaltet das Recht auf Leben aber das Recht auf einen Lebensraum.» Die Grundrechtsabstimmung könne helfen, Wälder und Habitate zu schützen.