Nr. 18/2018 vom 03.05.2018

Für die Forschung sterben

Tierversuche verbieten – für dieses Anliegen sammelt eine Gruppe von TierschützerInnen seit vergangenem Herbst Unterschriften. Anders als früher kommt Kritik an Tierversuchen heute auch aus Wissenschaftskreisen selbst. Denn in der Forschung liegt einiges im Argen.

Von Cathrin Caprez

Labormäuse: Noch immer sterben viele Tiere in Experimenten, die keine gesicherten wissenschaftlichen Resultate ­liefern. Foto: Matt Meadows, Getty

In der Schweiz dienen jedes Jahr rund 630 000 Mäuse, Ratten, Hasen, Vögel und Fische als Versuchskaninchen: An ihnen werden Medikamente und Pestizide, Nahrungsmittelzusätze und Haushaltschemikalien getestet. Und sie sollen der Forschung zu neuen Erkenntnissen verhelfen, beispielsweise darüber, wie Krebs entsteht, wie unser Gehirn und unsere Gene funktionieren. Sie sollen helfen, so schwere Krankheiten wie Schizophrenie zu verstehen. Alles alte Versprechen, die die Wissenschaft seit Jahrzehnten nicht einzulösen vermag, findet Renato Werndli. Er ist Mitbegründer der IG Tierversuchsverbots-Initiative CH. Die Gruppe sammelt seit vergangenem Herbst Unterschriften für ein komplettes Verbot von Tierversuchen. «Wir halten Tierversuche für eine völlig veraltete Methode. Wir wollen für die Schweiz eine moderne Forschung ohne Tierleid.»

Doch die Initiative geht noch weiter. Damit die Tierversuche nicht einfach ins Ausland verlagert werden, sehen die InitiantInnen ein Importverbot für sämtliche Produkte vor, die mithilfe von Tierversuchen entwickelt wurden. Wegen dieses weitreichenden Zusatzes unterstützen die grossen Schweizer Tierschutzorganisationen die aktuelle Initiative nicht. Julika Fitzi, Leiterin der Fachstelle Tierversuche und Gentechnologie beim Schweizer Tierschutz, erklärt: «Das vorgesehene Importverbot würde den Handel der Schweiz mit anderen Ländern viel zu sehr einschränken – und Tierversuche würden deshalb nicht abnehmen, sondern einfach vermehrt jenseits der Grenze stattfinden. Das bringt uns in Bezug auf das Tierwohl dann auch nicht weiter.» Fitzi hofft aber, dass die Initiative der Diskussion um Sinn und Unsinn von Tierversuchen neuen Schwung verleiht. Denn: «Wir haben den Tierversuch als solchen nie genug hinterfragt. Er steht in der Wissenschaft als Standardmethode zur Verfügung – und ist so für viele Fragestellungen zu einer bequemen Methode geworden.»

Ethische Bedenken? Einmischung!

Während Jahrhunderten mussten die NaturwissenschaftlerInnen der Öffentlichkeit kaum Rechenschaft darüber ablegen, welche Experimente sie mit den Tieren in ihren Labors durchführten. Es galt vor allem der Erkenntnisgewinn. Zu diesem Zweck wurden Hasen, Schafe, Ratten und Mäuse bei lebendigem Leib aufgeschnitten, mit giftigen Stoffen gefüttert, beträufelt, eingeschmiert und ihre körperlichen Reaktionen beobachtet – nicht selten bis zum sogenannten «Endpunkt», dem qualvollen Tod. Ethische Einwände gegen die teils brutalen Methoden? Diese betrachteten die NaturwissenschaftlerInnen lange Zeit als «Einmischung» in ihre Forschung. Viele dieser Methoden seien heute nicht mehr denkbar, sagt Hanno Würbel, Professor für Tierschutz an der Universität Bern. «Doch ein Grossteil des Wissens über die biologischen Mechanismen bei uns Menschen beruht auf Tierversuchen. Denn bei Tieren können wir in einem Masse Untersuchungen und Eingriffe durchführen, wie es beim Menschen nicht möglich wäre.» Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurden Forderungen nach mehr Transparenz laut – doch erst 1978 erhielt die Schweiz ein nationales Tierschutzgesetz. In der Folge nahm die Anzahl Versuchstiere deutlich ab: von knapp zwei Millionen Anfang der achtziger Jahre auf rund 500 000 Tiere im Jahr 2000.

1987 wurde zudem die Stiftung Forschung 3R gegründet. Mit Geld vom Bund und vom Branchenverband Interpharma finanzierte sie die Forschung zu Alternativen für Tierversuche. Das Kürzel 3R steht dabei für «replace, reduce, refine» – das Prinzip, Tierversuche wo möglich zu ersetzen, die Anzahl Tiere zu reduzieren und die Experimente so zu verbessern, dass es den Tieren dabei möglichst gut geht. Bis 2017 unterstützte die Stiftung fast 150 Projekte mit mehr als zwanzig Millionen Franken – und dennoch ist die Zahl an Versuchstieren in der Schweiz seit der Jahrtausendwende etwa gleich hoch geblieben. Allzu zögerlich gelangten die Ideen für neue Ansätze in die Labors, so Julika Fitzi vom Schweizer Tierschutz: «Viele Forschende sind noch zu wenig innovativ. Oft bleiben sie einfach bei den Methoden, die sie kennen.»

Tierwohl kein wissenschaftlicher Wert

Auch der Tierwohlforscher Hanno Würbel stellt fest: «Es ist zum Teil frustrierend, wie wenig ernst WissenschaftlerInnen den Tierschutz und das Wohlergehen der Versuchstiere nehmen.» Das liegt zum Teil an den Forschenden selber, aber auch daran, wie der Wissenschaftsbetrieb funktioniert. Forschende erhalten vor allem dann Fördergelder, wenn ihre Arbeiten in renommierten Fachzeitschriften erscheinen – und nicht dafür, dass sie besonders sorgfältig mit ihren Versuchstieren umgehen. Darum glaubt Hanno Würbel: «Erst wenn das Wohlergehen der Tiere zu einem wichtigen Kriterium in der Wissenschaft wird, wird sich das auf die Arbeit der Forschenden auswirken.» Und genau das könnte passieren. Denn inzwischen gibt es immer mehr Hinweise darauf, dass Tierversuche zu schlüssigeren Resultaten führen, wenn es den Versuchstieren gut geht. Gestresste, verängstigte Versuchstiere verhalten sich nicht mehr so, wie sie es normalerweise tun. Das kann Resultate aus Tierversuchen verfälschen. Wenn aber beispielsweise Mäuse in grösseren Käfigen mit Spiel- und Versteckmöglichkeiten gehalten werden, dann erkranken sie weniger und verhalten sich natürlicher – und so liessen sich mit ihnen auch fundiertere Studien durchführen.

Doch Hanno Würbel kritisiert nicht allein die mangelhafte Tierhaltung. Seine Gruppe untersuchte auch die Qualität von Tierversuchsstudien – und kam zu ernüchternden Schlüssen: Ausgerechnet bei diesen ethisch heiklen Studien war die Qualität oft schlecht. Grundlegende wissenschaftliche Standards wurden ungenügend befolgt. Und kaum eine Studie war so angelegt worden, dass überhaupt ein statistisch gesichertes Resultat dabei herauskommen konnte. In anderen Worten: Viele Versuchstiere starben in Experimenten, die nicht einmal ein gesichertes wissenschaftliches Resultat lieferten.

Und dann ist da noch der vielleicht grösste Schwachpunkt bei Tierversuchen: «Die Ergebnisse aus Tierversuchen lassen sich schlecht auf den Menschen übertragen und führen nur ganz selten zu konkreten klinischen Anwendungen wie beispielsweise einem neuen Medikament», kritisiert Renato Werndli. Tatsächlich wird durchschnittlich nur gerade einer von zehn Wirkstoffen, der erfolgreich an Tieren getestet wurde, zu einem Medikament für den Menschen. Für Julika Fitzi zeigt dies ganz klar: «Tiere sind sehr oft das falsche Mittel und der falsche Filter, um die Gefahren von Stoffen und Medikamenten bei uns Menschen abzuschätzen.» Renato Werndli hält die Medikamententests an Tieren gar für einen unnötigen Umweg in der Entwicklung von Medikamenten: «Statt durch Tierversuche sollten Medikamente nach sorgfältiger Vorprüfung direkt an kranken Menschen getestet werden – natürlich sehr vorsichtig und angefangen bei sehr kleinen Dosen.» Werndli ist sich sicher, dass es genügend Freiwillige für solche Tests gäbe, «denn sie könnten ja von dieser Behandlung profitieren».

Zeit noch nicht reif

Das wiederum wirft ganz andere ethische Fragen auf: Wer hätte sich wohl ein Organ transplantieren lassen, wären diese Eingriffe nicht zuvor an Tieren ausprobiert worden? Und wer würde wohl freiwillig sein Gehirn zur Verfügung stellen, damit Krankheiten wie Parkinson oder Schizophrenie besser erforscht werden können? Gerade für die Forschung am komplexen menschlichen Gehirn und dem Nervensystem ist man bis heute auf Tierversuche an Affen angewiesen – und so schnell wird es dafür auch keine brauchbaren Alternativmethoden geben. Darum kommt ein komplettes Verbot von Tierversuchen auch für Julika Fitzi vom Tierschutz Schweiz zu früh: «Wir können die Tierversuche nicht von heute auf morgen abschaffen. Es braucht dafür viel mehr Ersatzmethoden und ein Umdenken von Forschung und Wirtschaft.»

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